Erinnern und Gedenken digital

Digitaler Jugendaustausch zwischen Berlin Mitte und Holon

Online Inspiration

Beispiele „Guter Praxis“ von Online-Austauschprojekten

Haben Sie im vergangenen Jahr ein Austauschprojekt geplant, das aufgrund der Covid-Pandemie verändert oder gar abgesagt werden musste? Suchen Sie nach Möglichkeiten und Inspiration, um junge Menschen online zusammenzubringen? 

ConAct freut sich, Ihnen herausragende und inspirierende Projekte aus Deutschland und Israel vorstellen zu können, die bewiesen haben, dass digitale Begegnungen nicht nur eine „Notlösung" sein müssen! Ganz im Gegenteil: Die Projekte zeigen vielfältige Möglichkeiten und kreative Ideen, um junge Menschen digital über Grenzen hinweg miteinander zu verbinden.

Wann hat das digitale Austauschprojekt stattgefunden?

Von Dezember 2020 bis April 2021.

In welchem zeitlichen Rahmen fand die Veranstaltung statt? (Einzelnes Treffen, mehrere Seminartage, in einem Durchlauf oder mit zeitlichem Abstand?)

Die digitale Begegnung fand in mehreren überwiegend zwei- bis dreistündigen Treffen mit zeitlichem Abstand statt. Es gab insgesamt sieben Treffen mit der gesamten Gruppe sowie individuelle Treffen in Kleingruppen (Workshops).

Von wem wurde die Veranstaltung ausgerichtet?

Vom Jugendamt Berlin-Mitte in Kooperation mit der Stadtverwaltung von Holon.

Wie viele Personen haben an dem Projekt teilgenommen?

Jeweils elf Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren aus beiden Ländern sowie zwei Teamerinnen und drei Workshop-Leiter*innen. Außerdem haben zwei Lehrer*innen aus beteiligten Schulen wie auch eine Kollegin aus der Stadtverwaltung von Holon die Begegnung tatkräftig unterstützt. 
 

Bitte geben Sie eine kurze Beschreibung der Veranstaltung:

Nachdem die Gruppen aus Deutschland und Israel eine jeweils eintägigen Einführung in die Themenbereiche „Geschichte und Leben in Israel heute“ bzw. „Geschichte und Leben in Deutschland heute“ erhalten hatten, fand am 10. Dezember 2020 die erste gemeinsame Online-Begegnung auf Englisch statt. Bereits im Vorfeld sollten die Teilnehmer*innen auf einem gemeinsamen Padlet einen Identitäts-Steckbrief hochladen, um sich den anderen kurz vorzustellen.
Begonnen wurde das Treffen mit einigen Kennenlern-Übungen, die für den Online-Einsatz modifiziert wurden und die anfangs etwas steife Atmosphäre auflockerten. Sie nahmen den Jugendlichen die ersten Hemmungen und Schüchternheiten im Kontakt. Neben den Übungen in der großen Gruppe wurde den Jugendlichen immer wieder der Austausch zu ausgewählten Fragen und Themen in Kleingruppen (Breakout Sessions) angeboten. Dies bot den Teilnehmer*innen einen kleineren Raum für einen persönlicheren und direkteren Austausch untereinander. 
Um den Kennenlern- und Arbeitsprozess zu intensivieren, wurden drei mehrteilige Workshops angeboten, in denen sich jeweils sechs Jugendliche mit der Gestaltung eines Projekts befassten. Die Teilnehmer*innen hatten die Wahl zwischen einem Performance – Story Telling-Workshop, einem Podcast-Workshop, einem Comic-Workshop (organisiert über die Stadtverwaltung von Holon) und einem Journalistic-Padlet-Workshop. Am Ende der Begegnung stand die Präsentation der gesammelten Ergebnisse auf einem Padlet, das nach wie vor öffentlich zur Ansicht steht.

Was stand im Mittelpunkt der digitalen Veranstaltung, welche Ziele wurden verfolgt?

Zentraler Inhalt der digitalen Begegnung war ein Interview mit der Zeitzeugin Bat Sheva Dagan, welches speziell für die Jugendlichen als Videoaufnahme aufgezeichnet wurden. Darin erzählt sie von ihrer Kindheit und Jugend im heutigen Polen, von Vertreibung, Flucht, der Zeit in verschiedenen Konzentrationslagern, der Zeit des Krieges sowie dem Ankommen und Leben in Israel. Die Aufgabe der Jugendlichen war es, mit den Inhalten dieses Interviews ein gemeinsames öffentliches Padlet zu gestalten, das Erinnerung und Gedenken an die Shoa für andere Jugendliche erfahrbar machen kann.
Welche Lehren und Schlussfolgerungen ziehen junge Menschen heute aus den Erfahrungen und Überlebensstrategien der Opfer von damals? Welche Bedeutung haben Erinnerung und Gedenken für das Leben junger Menschen heute? Und wie kann außerschulische politische Bildung Jugendliche darin unterstützen, sich den Fragen nach den eigenen Verbindungen zur Shoa zu stellen? Welche Schlüsse lassen sich aus der Auseinandersetzung für die persönliche Zukunft und gesellschaftliche Verantwortung der Jugendlichen ziehen? Mit diesen Fragen konnten die jungen Teilnehmer*innen sich in verschiedenen kreativen Workshops wie Padletgestaltung, Performance–Storytelling, Podcasterstellung sowie Comicgestaltung auseinandersetzen.

Welche thematischen Schwerpunkte hatte die Veranstaltung?

  • politisch-historische Bildung zu Nationalsozialismus und Shoa
  • Kennenlernen von Jugendlichen aus dem jeweils anderen Land
  • Abbau von Vorurteilen
  • Entdecken von Gemeinsamkeiten und Unterschieden, u.a. in den Erfahrungen im Rahmen der Corona-Pandemie
  • Israel und Deutschland heute (Gesellschaft, Schulsystem, Militär)

Was hat besonders gut geklappt? (Das können Aspekte inhaltlicher, aber auch technischer Art sein)

Als großer Erfolg kann gesehen werden, dass das binationale Team sich der Herausforderungen einer Organisation und Durchführung einer digitalen Jugendbegegnung ohne Vorkenntnisse gewagt hat und sich dabei auf die langjährigen Erkenntnisse aus Jugendbegegnungen zwischen Israel und Deutschland gestützt hat. Ebenfalls ein Erfolg ist es, dass die jugendlichen Teilnehmer*innen bis zum Schluss am Projekt teilgenommen haben und sich immer wieder engagiert einbrachten. Sicher ist, dass die Teilnehmer*innen durch die Begegnung gelernt haben, dass Erinnerung und Gedenken an die Shoa in den beiden Ländern sowie in den jeweiligen Familien sehr unterschiedlich aussehen können.
Darüber hinaus tauschten sich die Jugendlichen nicht nur über das Thema der Begegnung aus, sondern auch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Erleben der Corona-Pandemie, über Krieg und Militär sowie über Alltägliches. So wurde im Rahmen der virtuellen Begegnung Interesse am jeweils anderen Land geweckt oder gar vertieft, während (antisemitische) Vorurteile abgebaut werden konnten. 

Was lief nicht so gut und könnte beim nächsten Mal verbessert werden? (Das können Aspekte inhaltlicher, aber auch technischer Art sein)

Die Idee der selbstständigen Arbeitsphasen zwischen den einzelnen Treffen hat nur wenig bis kaum funktioniert. Immer wieder mussten die Teamer*innen der Workshops die Jugendlichen an die jeweiligen Aufgaben erinnern. Als Gründe dafür können zum einen eine gewisse Ermüdung der Jugendlichen mit digitalen Formaten zu Beginn des Jahres, als auch die (zu) langen zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Treffen ausgemacht werden.
Für eine digitale Jugendbegegnung hätte es sich angeboten, diese zeitlich gestrafft innerhalb weniger Wochen oder womöglich auch konzentriert in einer Woche durchzuführen. Durch das digitale Format war eine umfängliche Vorbereitung der beiden Gruppen ebenfalls nicht möglich, was dazu führte, dass das Wissen der Teilnehmer*innen über das jeweils andere Land nur sehr begrenzt war. Dies führte dazu, das bestimmte Fragen gar nicht gestellt werden konnten, einfach weil das Vorwissen dazu fehlte.
Insgesamt kann festgestellt werden, dass Jugendaustausch auch gewinnbringend online durchgeführt werden kann, dass das Format jedoch für tiefe und intensive Begegnungen nach unserem Eindruck eher ungenügend geeignet ist. Dazu fehlen in Online-Formaten die kleinen Begegnungen in informellen Momenten: Während Pausen zwischen Programmteilen, beim Kennenlernen der Familien und des jeweils anderen Landes, bei gemeinsamen Freizeitaktivitäten wie dem gemeinsamen Kochen oder Picknicken und auch in den Phasen, die die Jugendlichen ohne das Team verbringen. Für die Vor- und Nachbereitung werden sich digitale Formate sicherlich auch im Rahmen physischer Begegnunen gut einsetzen lassen.

Hat sich im Laufe des Seminars Unterstützungsbedarf gezeigt? Wie können wir Sie bei weiteren digitalen Projekten unterstützen?

Im Verlauf der Begegnung hat sich gezeigt, dass es hilfreich gewesen wäre, eine Auflistung verschiedener Videokonferenzanbieter (neben Zoom) zu haben, die andere Online-Formate ermöglichen.
Empfehlen kann ich mittlerweile das Angebot von wonder.me, über das wir am Ende eine Abschluss-Party für die Jugendlichen organisiert haben. Dort haben die Teilnehmer*innen die Möglichkeit, sich frei von Raum zu Raum zu bewegen. Dies ermöglicht eine andere Form der Begegnung als auf Zoom.

Wird eine Fortsetzung physisch/digital/hybrid angestrebt?

Vielleicht.


Die gesammelten Ergebnisse der digitalen Begegnung finden Sie auf diesem Padlet.


Teilen Sie ihre Erfahrung mit uns!

Haben Sie auch Erfahrungen damit gemacht, Ihre deutsch-israelische Jugendbegegnung in den digitalen Raum zu bringen? Teilen Sie sie mit uns! In den kommenden Monaten werden wir Good-Practice-Beispiele von digitalen Austauschprojekten aus Deutschland und Israel veröffentlichen, sodass wir uns gegenseitig inspirieren können. Wenn Sie Ihre Begegnung vorstellen möchten, füllen Sie unseren Fragebogen aus oder kontaktieren Sie Niclas Cares oder Rinat Avigur.