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Your Story Moves II: „Das hätte meine Geschichte sein können.“

„Dadurch, dass ich über die anderen mehr erfahren habe, habe ich über mich selbst viel gelernt.“

Gemeinsam durch ein Land zu reisen und Lebensgeschichten zu teilen – nichts kann Menschen verbinden wie eine so gemeinsam verbrachte Woche! Junge Menschen in Deutschland und Israel haben vielfältige kulturelle, religiöse und nationale Identitäten. Viele von ihnen kommen aus Familien mit einer Migrationsgeschichte oder sie haben selbst Migration erlebt. Unter dem Motto „Your Story Moves!“ nahm eine Gruppe junger Erwachsener aus Deutschland und Israel an einem ersten Austauschprogramm teil, um die jeweils andere Gesellschaft sowie Lebenswelten im Rahmen von Migrationsgeschichten zu entdecken.

Das Programm fand vom 22. bis 28. Oktober in unterschiedlichen Teilen Israels statt. Es war einer der Meilensteine im Projekt „Living Diversity in Germany and Israel – Challenges and Perspectives for Education and Youth Exchange” in Kooperation mit der deutschen Organisation „Dialog macht Schule” und dem „Arab-Jewish Community Center Tel Aviv-Yafo“ in Israel. Die Gemeinsamkeit beider Einrichtungen ist der Schwerpunkt, den sie auf Bildungsarbeit und das Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft legen.

Mehr als ein facettenreiches Land: Nach einem Nachmittag zum Kennenlernen machte sich die Gruppe auf den Weg in den Süden Tel Avivs, um an einer Tour von „BINA – The Jewish Movement for Social Change“ teilzunehmen. Wenige Meter von der modernen Stadtmitte entfernt, neben Wolkenkratzern und kosmopolitischen Cafés, beginnt ein anderer Stadtteil. Der Süden Tel Avivs ist ein Gebiet, in dem Migration und Gentrifizierung aufeinander prallen. Ein schwieriges Viertel, das mit den Herausforderungen sozialer und ökonomischer Ungleichheit in einer schnell wachsenden Stadt konfrontiert ist. „So wie Kreuzberg vor einem Jahrzehnt“, bemerkte ein Teilnehmer aus Deutschland, auf eine Gegend in Berlin verweisend, die durch eine große Vielfalt von Menschen aus allen Ecken der Welt und gekennzeichnet ist. Die Tour endete in der einzigartigen Bialik-Rogozin-Schule, die ein weites Spektrum von Bevölkerungsgruppen einbindet und eine Vielzahl von Möglichkeiten für Kinder aus Migrationsfamilien und mit niedrigem sozio-ökonomischen Status bietet. Die Teilnehmenden konnten direkt erleben, wie diese Schule mehr als 1000 Kindern ein Zuhause und ein Gefühl von Zugehörigkeit vermittelt. Die Wertschätzung und Bestärkung wirft ein positives Licht auf ihre Lebensgeschichten, denen durch die Mehrheitsgesellschaft oft mit Angst und Vorurteilen begegnet wird. Die Gruppe besuchte eine Schulklasse und fragte nach den Herkunftsregionen der Kinder, darunter Sudan, Eritrea, Vietnam, die Philippinen, Ghana, Russland und Südamerika. „Und ihr?” wollten die Kinder wissen. „Deutschland und Israel… aber auch Türkei, Armenien, Griechenland, Polen, Libanon, Frankreich, die Philippinen, Gambia, Ukraine” antwortete die Gruppe, um nur einige Länder zu nennen. Eine echte Weltkarte.

Wie ist das in deinem Land? Im Verlauf des weiteren Tages gab es Vorträge über die Geschichte von Migration in Israel und Gespräche mit Expert*innen, die in ihrer Arbeit täglich mit Vielfalt zu tun haben. In interaktiven Methoden wurden die Teilnehmenden zu Expert*innen für ihr eigenes Land und gaben sich gegenseitig einen Überblick zu Themen wie Multikulturalismus, Religion, das Bildungssystem oder den Armeedienst. „Vor dieser Diskussion hatte ich sehr feste Meinungen über die Struktur der israelischen Gesellschaft. Ich dachte da gäbe es nur den jüdisch-arabischen Konflikt, der die Gespräche dominiert. Jetzt habe ich erkannt, dass das Land viel komplizierter ist. Ich wusste sehr wenig über die inner-jüdischen Aspekte. Die unterschiedlichen und widersprüchlichen Seiten zu hören, wie junge Israelis ihr Land heute wahrnehmen, hat mir mehr Empathie und Verständnis für die Komplexität dieser Region gebracht“, wie eine der Teilnehmer*innen aus Deutschland erwähnte. Auf der israelischen Seite gab es eindeutig ein Erstaunen darüber, dass auch Deutschland ein sehr vielfältiges Land ist, wo die Themen Multikulturalismus, Identität und Zugehörigkeit ein Anlass für heiße politische und soziale Debatten sind.

Das Programm wurde mit einer Halbtagesreise nach Jerusalem fortgeführt, um eine direkte Erfahrung mit der einzigartigen religiösen Vielfalt des Landes zu machen. Auf weniger als einem Quadratkilometer konnten die Teilnehmenden einige der bedeutendsten Stätten der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam besuchen.

Warum erinnern und wem gedenken wir? Ein wichtiger Bestandteil dieses Austauschprogramms waren die Themen des Gedenkens und des Umgangs mit der Geschichte der Schoah. Wie gedenken wir heute und warum ist das wichtig für uns? Vor dem Besuch des „Moreshet Holocaust and Research Center“ nahm die Gruppe an einer Aktivität teil, die ganz persönliche Geschichten in Verbindung zum Holocaust erhellen sollte. Einige Teilnehmende hatten biografische Anknüpfungspunkte, andere haben darüber in der Schule gelernt. Während manche im Bereich der Gedenkarbeit aktiv waren, hatten andere das Gefühl, dass es „manchmal zu viel“ sei. Einig war man sich aber darin, dass es notwendig ist, eine Gedenkkultur zu schaffen, in der jede Geschichte Gehör finden und jede Biographie wertgeschätzt werden kann. Während des Besuchs bei Moreshet nahm die Gruppe an Übungen teil, durch die die Herausforderungen einer inklusiven Erinnerungskultur sichtbar wurden: Einerseits soll sie alle Individuen repräsentieren, andererseits soll die Singularität der Gräuel des Holocaust respektiert werden.

Deine Geschichte bewegt! Rundgänge in gemischten arabisch-jüdischen Städten wie Akko und Haifa erschufen eine einzigartige Abbildung der Vielfalt von Geschichten in beiden Ländern. Es waren aber die individuellen Biographien der Teilnehmenden, die klargemacht haben, dass es in beiden Ländern mehr als ein Narrativ, mehr als eine Geschichte gibt. In erster Linie haben sie sogar viel gemeinsam! Alle Teilnehmenden hatten an einem Punkt in ihrem Leben bereits die Erfahrung des „Andersseins“ gemacht, sei es wegen ihrer Nationalität, ihrer Religion, ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts. Selten findet sich Raum, über diese Erfahrungen zu sprechen. In Form einer „lebendigen Bibliothek“ teilte jede*r ein Kapitel aus dem „Buch ihres Lebens“. Individuelle Geschichten wurden erzählt, die in ihrem Alltag von der Mehrheitsgesellschaft nicht beachtet werden. Sie alle wurden mit Neugier und Respekt behandelt und von den anderen begrüßt. „Das hätte meine Geschichte sein können. Dadurch, dass ich über die anderen mehr erfahren habe, habe ich über mich selbst viel gelernt“ wurde mehr als einmal während des Austauschs festgestellt. Geschichten von Migration können einzigartige Brücken in den Begegnungen und Beziehungen junger Menschen aus Deutschland und Israel bauen. Wir nehmen die wertvollen Momente mit uns und freuen uns darauf, unsere israelischen Freunde zum zweiten Teil des Projekts in Berlin zu begrüßen!


Möchten Sie mehr zum Projekt „Living Diversity in Germany and Israel“ erfahren? Schauen Sie unter www.living-diversity.org.

Das Projekt „Living Diversity in Germany and Israel“ wird von ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch in Kooperation mit der Israel Youth Exchange Authority realisiert. Es wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gefördert und von 2015 bis 2019 als Begleitprojekt durchgeführt.