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Your Story Moves I! Begegnung Junger Menschen in Migrationsgesellschaften

Deutsch-Israelischer Jugendaustausch verbindet und schafft gemeinsame Erfahrungen

20 junge Erwachsene aus Deutschland und Israel trafen sich zwischen dem 8. und 14. Oktober für ein erstes Austauschprogramm in Israel im Rahmen des Projekts „Living Diversity in Germany and Israel – Challenges and Perspectives for Education and Youth Exchange“. Es wird von ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch und der Israeli Youth Exchange Authority in Zusammenarbeit mit dem Multikulturellen Forum e.V. und dem Hebrew Scouts Movement in Israel organisiert und durchgeführt.

Begegnung verbindet: Aus anfangs zwei Gruppen aus zwei unterschiedlichen Ländern wurde innerhalb von sieben Tagen eine vielfältige große Gruppe junger Multiplikator*innen, deren individuelle Geschichten von Zugehörigkeit sichtbar wurden und die sich vor allem über gemeinsame Interessen und die Erfahrungen während des Austauschs miteinander verbinden konnten. Nach einem intensiven Kennenlernen, in dem die individuellen und kollektiven Identitäten der Teilnehmenden im Mittelpunkt standen, folgten Besuche in Jerusalem, in Tel Aviv sowie in der Kleinstadt Schefar’am östlich von Haifa. Dort leben Drus*innen, muslimische und christliche arabische Israelis zusammen. Neben dem gleichzeitigen Erleben von Christentum und Islam durch benachbarte Kirchen und Moscheen sowie das muslimische Freitagsgebet erfuhr die Gruppe die große Gastfreundschaft der drusischen Gastgeber*innen. Diese kleine, abgeschlossene, oft in der nördlichen Peripherie Israels beheimatete Glaubensgemeinschaft, deren Religion nur ihren Angehörigen im Detail bekannt ist, lebt ihre Tradition und pflegt ihre Geschichte, ist jedoch zugleich gegenüber dem israelischen Staat sehr loyal.

Im Süden Tel Avivs lag der Schwerpunkt der Projektbesuche auf der Arbeit der Scouts mit benachteiligten Jugendlichen, auf der Einbindung von Neueinwanderern in die israelische Gesellschaft und auf dem Umgang derselben mit Flüchtlingen und Arbeitsmigrant*innen. Die Teilnehmer*innen des deutsch-israelischen Jugendaustauschs besuchten die Bialik-Rogozin-Schule. Das Ziel der Schule ist es, ihrer Schüler*innenschaft eine umfassende Bildung anzubieten, die ihnen Möglichkeiten eröffnen soll, sich in ihrer Gemeinschaft und in der israelischen Gesellschaft zugehörig zu fühlen, eigene Familien zu gründen und für sich selbst sorgen zu können. Die meisten der Kinder und Jugendlichen stammen aus sozio-ökonomisch stark benachteiligten Familien, darunter jüdische Neueinwanderer, Arbeitsmigrant*innen und/oder Flüchtlinge. Hieran entspann sich unter den Teilnehmenden eine kontroverse Diskussion um den Umgang mit Migrant*innen und Flüchtenden in beiden Staaten. Ihre eigenen Fragen nach Zugehörigkeit spielten hier auch übertragen auf den Status von den beschriebenen Gruppen eine Rolle: Wer gehört zu unserer Gesellschaft; wie ist diese beschaffen, was zeichnet sie aus? Komplexe wie Ausgrenzung und struktureller Rassismus wurden hier ebenso zum Thema gemacht.

Austausch schafft gemeinsame Erfahrungen: Neben dem Besuch in Shefar’am, der aufgrund seiner gelebten Koexistenz besonders war, war auch der Besuch in Jerusalem ein wichtiger Meilenstein in diesem deutsch-israelischen Austauschprojekt. Der Besuch im Museum und der Gedenkstätte zur Geschichte des Holcoaust Yad Vashem sowie das Gespräch mit einer Shoah-Überlebenden war eine eindrückliche und bewegende Erfahrung für die Teilnehmer*innen. Deutlich wurden gesellschaftspolitische Prozesse, die zur Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung bestimmter Menschengruppen führen können. Neben den deutschen Teilnehmenden waren auch einige der israelischen Teilnehmer*innen erstmals in Yad Vashem und erfuhren von den Massenverbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Dieser Schwerpunkt zur Erinnerungsarbeit hinsichtlich der Shoah wird auch in der Rückbegegnung in Deutschland fortgesetzt werden.

Welch bedeutende Rolle die verschiedenen Glaubensformen in der Gruppe spielten, wurde beim Besuch des Tempelbergs mit Felsendom und Al-Aqsa-Moschee sowie der Westmauer als einem der heiligsten jüdischen Orte deutlich. Für viele der jüdischen Israelis war es der erste Besuch auf dem Tempelberg. Für die muslimischen und drusischen Teilnehmer*innen aus Israel und Deutschland war es ein besonders verbindendes Erlebnis, sich in der Al-Aqsa-Moschee beim Gebet wiederzufinden. Die gesamte Gruppe, ob säkular oder gläubig, nahm denTempelberg als einen spiritueller friedlichen Ort wahr. Nach ihrem Dafürhalten gehört er in die historische, religiöse und aktuelle politische Landschaft Israels ebenso wie der lebendige Kontrast zur Westmauer, an der zur Zeit des Besuchs viele Bar-Mitzvah-Feiern stattfanden. Dieses vielfältige Nebeneinander setzte sich auch in der Shabbatfeier der Gruppe am Freitagabend fort, in der auch die Teilnehmer*innen muslimischen und alevitischen Glaubens Rituale und Gebete ihrer Religion oder Lebensphilosophie vorstellen konnten.

Das geteilte Besondere: Viele der Teilnehmer*innen aus Deutschland haben familiäre Bezüge zur Türkei oder Marokko, sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, beschäftigen sich mit Migration und Flucht, sind engagiert in Flüchtlingsprojekten, haben sehr unterschiedliche Haltungen zu ihren Religionen, zu ihrem Deutsch-Sein, zu Ausgrenzungserfahrungen und Diskriminierung. Ähnliche Fragestellungen finden sich in der gemischten israelischen Gruppe, in der auch drei Teilnehmende von den drusischen Scouts dabei waren. So unterschiedlich die Teilnehmer*innen sind, alle scheinen vereint in ihrer Neugierde, Neues zu erfahren und sich mit den Widersprüchen der israelischen und der deutschen Gesellschaften auseinanderzusetzen. Irritation wird zugelassen, nicht unterdrückt. Zugleich war allen daran gelegen, den Bedürfnissen bestimmter Gruppenteile jeweils ausreichend Raum und Zeit zu geben, wie der Besuch auf dem Tempelberg gezeigt hat. Zusätzlich sind alle sozial-politisch aktiv in ihrer Region und ihren Gemeinschaften. Sie werden ihre Erfahrungen und Erkenntnisse weitergeben, über ihre neuen Freundschaften berichten können.

Mit diesem deutsch-israelischen Austauschprojekt ist das Ziel verbunden, „eine neue Geschichte [in ihren] Lebens-Bibliothek[n]“ zu schreiben, wie es eine der Teilnehmerinnen beschrieb. Dies ist also nur ein Anfang und mit großen Erwartungen und voller Ideen blicken die Teilnehmenden aus Israel und Deutschland auf die Rückbegegnung in Deutschland im März 2019 in Dortmund.


Möchten Sie mehr zum Projekt „Living Diversity in Germany and Israel“ erfahren? Schauen Sie unter www.living-diversity.org.

Das Projekt „Living Diversity in Germany and Israel“ wird von ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch in Kooperation mit der Israel Youth Exchange Authority realisiert. Es wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gefördert und von 2015 bis 2019 als Begleitprojekt durchgeführt.