Zu Gast bei Freunden

Mashabei Sade & Die Falken Bochum/Hagen

Deutsch-Israelische Jugendbegegnung findet trotz Corona statt

Trotz allen Widrigkeiten und mehrfachem Aufschub konnte die bereits seit 2019 geplante Deutsch-Israelische Jugendbegegnung 2021 endlich stattfinden. In der Zeit vom 8. bis 15. Oktober waren 11 Jugendliche aus Israel zwischen 15 und 18 Jahren in Nordrhein-Westfalen zu Gast. Das Kooperationsprojekt von den Falken Hagen und Falken Bochum mit dem Kibbuz Mashabei Sade in der Wüste Negev sollte junge Menschen beider Länder zusammen und einander näher bringen. Initiator der Idee war Eyal Moryosef, der bereits mit einigen Mitarbeiter*innen bei der Deutsch-Israelischen Konferenz „Youth between Kedem & Kadima“ (Jugend zwischen Vergangenheit und Zukunft)“ 2019 in Bochum zu Gast war.

„Brücken bauen“ zum Verständnis zwischen Israel und Deutschland war das zentrale Thema des Austauschs. Ziel der Organisatoren war es, dass sich die Jugendlichen als Menschen begegnen und kennen lernen – zunächst unabhängig von ihrer Herkunft und befreit vom schweren Gepäck historischer Ereignisse.

Vergangenheit wird gegenwärtig. Kulturelle Differenzen sollten überwunden und Vorurteile abgebaut werden. Denn die Vorbehalte waren und sind in beiden Ländern immer noch groß. Nicht nur der in den sozialen Netzwerken mittlerweile manifestierte Antisemitismus in Deutschland spielt hierbei eine Rolle. Auch der Holocaust ist allgegenwärtig und ist doch gleichzeitig kein zentrales Thema zwischen den jüngeren Generationen. In verschiedenen Workshops, die von israelischen und deutschen Teamer*innen gemeinsam angeleitet wurden, musste und sollte auch diese dunkle Vergangenheit thematisiert werden. In dieser sensiblen Auseinandersetzung fanden die Jugendlichen beider Länder einen sehr persönlichen Zugang, frei von Verurteilungen und Schuldzuweisungen einer Generation, die den Zweiten Weltkrieg und die Folgen nur noch aus den Geschichtsbüchern kennt – gleichzeitig aber im Bewusstsein einer großen historischen Verantwortung. Hier diskutierte man zwar kritisch, aber freundschaftlich und immer auf Augenhöhe.

Die Jugendlichen differenzieren nach eigenen, ganz persönlichen Maßstäben.

Ein kurzer Überblick über die Geschichte Israels wurde nicht nur für die Gastgeber*innen zur Herausforderung. Auch die jugendlichen Gäste selbst kamen bei der spielerischen Aktivität, einzelne historische Ereignisse in die richtige zeitliche Reihenfolge zu bringen, ganz schön ins Schwitzen. Hier wurden beispielsweise die Pogrome im zaristischen Russland auch mal früher als die Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer verortet.

Nicht nur die entfernte und problematische Vergangenheit wurde thematisiert, auch jüngere Ereignisse wurden angeregt verglichen: Die Ergebnisse der vergangenen Bundestagswahl in Deutschland wurden beispielsweise ebenso besprochen wie die neu zusammengesetzte Regierung in Israel.

In der Jugendbildungsstätte Welper in Hattingen wurde intensiv debattiert und gemeinsam viel gelacht. Gestalterische und handwerkliche Workshops und Aktivitäten wurden gemeinsam geplant und durchgeführt: Ein Street-Art-Graffiti-Projekt in Hagen Wehringhausen sowie das Mitwirken und Handwerken bei der Action-Woche auf der „Freizeitanlage am Hausacker“ in Bochum Riemke. Natürlich wurde auch die Region erkundet und von den Gästen aus der Wüste ganz anders wahrgenommen als von den Einheimischen. So wurde zum Beispiel immer wieder das „viele Grün“ und die schönen Wälder im Ruhrgebiet bestaunt. Neben Hagen und Bochum wurde auch dem Wunsch der Gäste nach ein wenig „Tourismus“ entsprochen und eine kurze Tagestour nach Dortmund und Köln unternommen, um zu zeigen wie unterschiedlich und reichhaltig die kulturellen Angebote alleine in Nordrhein-Westfalen sind.

Am „lokalen Kulturabend“ wurde jeweils landestypisch parallel gekocht, wobei im kulinarischen Wettkampf nur das olympische Motto galt: Dabei sein ist alles. Hier wurde probiert, gekostet, verglichen, bestaunt sowie mit allen Sinnen Erfahrungen gemacht und ausgetauscht.

Trotz ziemlich kurzfristiger Vorbereitungen aufgrund der unsicheren Coronasituation und Reisebestimmungen waren sich Manya Teschke, Marc Pattman und Eyal Moryosef darin einig, dass man stolz darauf sein kann, diese Begegnung dennoch möglich gemacht zu haben.

„Es ist schön festzustellen, wie sich junge Menschen an den Gemeinsamkeiten beider Völker und Kulturen erfreuen können, ohne sich durch die vielen Unterschiedlichkeiten – auch im alltäglichen Leben – entmutigen zu lassen und zu entfremden.“ (O-Ton der Organisator*innen).

Alle Beteiligten stimmen darin überein, den ersten Schritt in einer verlässlichen, nachhaltigen und hoffentlich langen Partnerschaft getan zu haben. Die 22 Deutsch-Israelischen „Botschafter*innen“ werden durch ihre Erfahrungen in der Jugendbegegnung höchstwahrscheinlich ein neues Bild von dem anderen Land weitervermitteln: ein unbefangeneres, ein junges, auf jeden Fall ein positives.

Alle freuen sich bereits auf die anstehende Rückbegegnung im April 2022 im Kibbuz.