Stobbi und Horst Hannah, 31 Jahre, Simone, 37 Jahre, März 2020

Foto: Hannah Stobbe/Simone Horst

Vor zehn Jahren lernten sich Hannah und Simone im Studium kennen. Ihrer Passion für Fernsehabende, Bier mit Chips und 90er Parties frönten sie gemeinsam in Heidelberg, aber auch in Israel. Sie erzählen besonders gerne Alltags-Geschichten aus Israel, über Kaffeebestellungen, Raketenalarme und Supermarktkassen. Für all die kleinen Geschichten, die in den Nachrichten keinen Ort haben, gibt es ihren Podcast „Stobbi und Horst“.

Weitere Folgen des Podcasts finden Sie hier.


Hannah Stobbe, 31 Jahre
leistete für ein Jahr einen Freiwilligendienst in Jerusalem und kam später für zwei Jahre Masterstudium nach Jerusalem zurück.

Simone Horst, 37 Jahre
verbrachte ein Semester während des Bachelors und zwei Jahre Masterstudium in Beer Sheva.

Yad VaShem Emma, 17 Jahre, September 2019

Foto: Alexandra Nicolae/unsplash

Ich stehe in einem Meer aus tausenden von Lichtern. Es sind so viele, dass ich nicht mal annähernd eine Zahl nennen kann. Ansonsten ist um mich herum alles dunkel. Ich sehe nicht richtig, wohin ich trete. Ich hangle mich am Geländer entlang. Die Namen kleiner Kinder, die von einem Tonband abgespielt werden, legen sich wie Steine auf mich. Mit jeder Minute wird es bedrückender. Ich merke wie der Kloß in meinem Hals größer wird. Wieder am Tageslicht sehe ich Betroffenheit, Verzweiflung und auch teilweise Tränen in den Augen der Anderen.

Das war die Kindergedenkstätte im Yad VaShem. Ein schrecklich belastender, doch gleichzeitig wunderschöner Ort.

Keiner sagt etwas, wir schauen uns alle einfach nur an, bis uns der Museumsguide dazu auffordert, ihr ins Museum zu folgen. Schon ohne ein einziges Exponat in der Ausstellung von Yad VaShem gesehen zu haben, spüre ich, dass die folgende Führung nicht einfach wird. Wir sind umgeben von glatten, grauen Betonwänden, die nach oben hin zueinander laufen. Der Boden ist überall leicht schräg. Aus den Öffnungen in den Wänden kommen Menschen, doch es ist weder genau erkennbar, woher sie kommen, noch wohin sie gehen. Am Ende des Gangs scheint Tageslicht in das Gebäude, doch der Gang bis dahin scheint endlos lang.

Hier beginnt die schwierigste Zeit des gesamten Austauschs. Wir wurden vorher gewarnt, dass es nicht einfach wird, doch auf unsere eigenen Emotionen konnte man uns nicht vorbereiten. Die Israelis sind alle zuvor schon einmal da gewesen, doch uns Deutsche traf das Ganze wie ein Schlag ins Gesicht. Wir waren zwar alle schon in Holocaustmuseen in Deutschland gewesen und glaubten auch alle, gut über den Holocaust Bescheid zu wissen, doch was uns dort erwartete, war trotzdem erschreckend überwältigend. Die Ausstellung kam uns unendlich lang vor. Nicht dass sie langweilig oder uninteressant war, ganz im Gegenteil. Doch ich fühlte mich, als würde mir jemand in jedem neuen Raum, bei jedem neuen Exponat einen Stein auf die Schultern legen. Erschöpfung und Erschrecken vermischten sich mit Schuldgefühlen. Ganz bewusst gibt es in Yad VaShem nahezu keine Sitzmöglichkeiten, weshalb dieser Besuch uns sowohl emotional als auch in gewissem Maße körperlich an unseren Grenzen brachte. Die Situation war überfordernd.

Als wir nach etwa einer Stunde eine kleine Pause bekamen, ließen wir uns alle an der Wand auf den Boden sinken, doch keiner von uns Deutschen wagte es so richtig zu sprechen. Den Israelis schien das alles gar nicht so viel auszumachen, doch wir waren alle komplett fertig. Es war eine unangenehme Situation. Wir als Deutsche, die wir wussten, dass viele von uns Vorfahren haben, die den Holocaust unterstützt haben, fühlten uns schuldig, uns gemeinsam mit den Israelis, deren Vorfahren dies angetan wurde, diesem Abschnitt der Geschichte zu stellen. Ein deutsches Mädchen traute sich nicht einmal, zu weinen, weil sie das Gefühl hatte, dass sie nicht diejenige ist, die hier das Recht zum Weinen hat.

Am Ende der Ausstellung wurden wir auf eine Art Aussichtsplattform geführt, die eine atemberaubende Aussicht auf die Landschaft Jerusalems bot. Ich fühlte mich schlecht, dass ich mich so über diese Landschaft freuen konnte nach dem, was ich soeben alles erfahren hatte. Doch dieser Ausblick gab uns allen Hoffnung, einen gemeinsamen Blick in die Zukunft sowie Unternehmungslust, unseren Teil dazu beizutragen, dass sich so etwas nicht wiederholt.


Emma Lassen, 17 Jahre
besuchte Israel im Rahmen eines Jugendaustausches im Juli 2019. Zuvor waren die Jugendlichen aus Israel für eine Woche in Deutschland gewesen.

Bundesjugendministerin und israelischer Botschafter eröffnen festliche Abendveranstaltung unter dem Motto „Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen.“ 13. Juli 2018

Foto: ConAct/Ruthe Zuntz

Deutsch-Israelischer Geschichtenwettbewerb für junge Menschen ging ins Finale

„Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen. Deutsch-Israelischer Austausch schreibt Geschichten“: Unter diesem Titel veranstaltete ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch am 25. Juni 2018 einen Festabend in der Kalkscheune in Berlin. Ungefähr 140 Freund*innen des deutsch-israelischen Jugendaustausches sowie Interessierte an der Vielfalt deutsch-israelischer Geschichte(n) waren gekommen, um beim Finale des gleichnamigen Geschichtenwettbewerbs dabei zu sein. Dr. Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, und Jeremy Issacharoff, Botschafter des Staates Israel, eröffneten den Abend anlässlich des 70. Jahrestages der Staatsgründung Israels.

„Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen. Das Motto dieses Austauschs beschreibt die große Bedeutung von Geschichte und Gegenwart und die Macht der Begegnung zwischen jungen Menschen aus verschiedenen Nationen“, zeigte sich Bundesjungendministerin Giffey in ihrem Grußwort beeindruckt von den Beiträgen zum Geschichtenwettbewerb. „Wir wissen um die besondere Beziehung unserer Staaten, die auch in euren Geschichten ganz deutlich wird.“ Auch Botschafter Issacharoff bedankte sich bei allen, die Geschichten zum Wettbewerb eingesandt hatten, und ergänzte zur Bedeutung des Jugendaustauschs, er sei die Garantie dafür, dass die besondere Verbindung zwischen Deutschland und Israel bestehen bleibe und nicht für selbstverständlich gehalten werde.

Humorvolle, nachdenkliche, erschütternde, lebenslustige und bewegende Geschichten von Begegnungen mit dem jeweils anderen Land waren zum Wettbewerb eingereicht worden. Die markantesten Geschichten und deren junge Autor*innen wurden nun an diesem Abend vorgestellt und prämiert. Sie führten die Gäste quer durch Alltag und Gesellschaft in beiden Ländern, wo die jungen Protagonist*innen der Geschichten bewegende Beobachtungen machen und dauerhafte Beziehungen eingehen: Da ist die junge Frau aus Deutschland, die sich in den jungen Israeli verliebt und schon fast Teil der Familie ist – bis ihr Freund sich für immer zum Militär verabschiedet. Da ist der junge Mann aus Israel, der beschließt, ein Auslandssemester in München zu verbringen und auf nicht enden wollende Fragen seiner Familie stößt. Da ist diese Begegnung in der Wüste, die allseits viele Fragen offen lässt, und da ist der Besuch einer jungen Israelin bei Hausbesetzer*innen und sogenannten „illegalen“ Menschen mitten in Deutschland.

Norbert Kron, Amichai Shalev, Katharina Hacker und Liat Elkayam, namhafte Autor*innen aus Deutschland und Israel, haben als Jury die Geschichten aus den Einsendungen ausgewählt und im Vorfeld zum Festabend bereits einen Tag mit den acht jungen Autor*innen verbracht, um im Rahmen eines Schreibworkshops an ihren Texten zu feilen. Sie würdigten die Preisträger*innen und machten im Gespräch mit ihnen deutlich, dass hinter jeder dieser Geschichten auch eine ganz besondere deutsch-israelische Erfahrung steckte. Musikalisch umrahmt wurde der Abend von den Künstler*innen Amir Darzi und Lital Regev, die die Gäste nach der Präsentation der bewegenden Geschichten in angeregte Gespräche entließen.

Die Gewinnertexte von 2018 zum Nachlesen:


Die Veranstaltung markiert einen ersten Höhepunkt im Projekt „Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen. Deutsch-Israelischer Austausch schreibt Geschichten“. Junge Menschen aus Deutschland und Israel sind weiterhin eingeladen, Ihre ganz persönlichen Begegnungen und Erlebnisse im jeweils anderen Land in Form von Reportagen oder auf fiktionale Weise in kurzen Geschichten aufzuschreiben und einzureichen. Hier gibt es die Informationen zur Teilnahme.


 

Diaries from Cologne Shamya, 23 Jahre, Mai 2018

© pixabay.com CC0

Finding myself.

Oh baby,
Would you please teach them how to love me?
I’m terrified by the idea that no one would ever do.
Could you, please, tell him? Tell him that I’m worth it. Let him fall in love with me.

You know, I didn’t want to lose you in order to find myself. I mean, it’s ridiculous! Why should things go that way?
I can find my own self without all of this pain.
I already found myself in the matter of fact. I’m chaos.
And it’s allright. I’m fine with that fact. I’m a mess, a hurricane, a summer storm, a train running late.
I’m a chaos. And it’s allright.

I think I told you once, I don’t like perfection; I find it boring.

I’ll be that woman, drunk at 12:00 am, writing you words of love.
When you’re loving another, hugging her tight in a night full of everything, but both of us.
I’ll be that woman, writing words of love that’ll never reach you.

And I guess it’s allright too.

See, I’m so torn apart that each reality would make since. Even the one in which I’m drowning in my own craziness.

No. I’m afraid it’s just an overrated love. An action of a sick mind. Trying to hold in any emotion it could get, because of the fact that it’s such rare. To find a feeling in this cursed body.
I won’t try to analyse it. It won’t reach you anyway.

Stages.

Collapsing.
Standing at the edge, can’t look beyond.

Crushing.
Seeking for a relief. Finding non.

Drowning.
Trying to put my head out of the water, the waves pull me down. And down. Deep deep down.

It had taken too long. I’m sick. It makes me sick.
I desire it no more. I demand my coldness back.
I petty myself. Crying for you over and over again, finding no peace.

No feelings. This is all I want. No feelings towards you. I want to rip you out of my heart, to tear your picture to one million pieces so it would be impossible to put it back together. I want every whisper of you out of my head.

Going crazy.
Running down the road in a rainy afternoon with my underwear, calling your name.

Being outspaced.
Writing feelings with fictional effects. Not being able to recognize what part of them is real.

Mourning.
Looking at myself in the mirror and grieving me, or you, or even the mix of us both.

Going crazy.
For one more time. God. And emptiness. The devil. And one thousand forms of emotions.

Going crazy.
Maybe for the last time. Searching a way out. Trapped in a room without windows when I’m having Claustrophobia.

Smashed.
Trying not to forget to take a breath after every whine, and to take my hand away from my mouth. My roommate would have to forgive me if she hears any of this. If it was the other way around I wouldn’t judge her anyway.

Praying.
Screams. Madness. Worshipping. Feeling numb, while strange voices attacking my mind. Madness; and nothing more.

Flashback.

Flashback, few months ago.
I just started working in the kindergarten. I remember myself holding a small kid, trying to put him asleep. And he is crying.
I tried to calm him down, and he wouldn’t stop crying. I still remember how frustrated I felt, I was about to cry. You were in my thoughts the whole time.

I was wounded. I had bare flesh. It felt back then like worms are eating my wild open scar.
I was hurt. My bones ached. I was burning. Not able to breathe.

I’ll never be able to put my feelings down into words. I know how impossible it is to describe emotions into sentences.

I thought I will never have my coldness back. And that was terrifying.

But here I am, almost healed. Walking the path without you. Spreading my blossoms all over. Opening my arms, greeting life.
There I am, standing exactly where I wanted to. Achieving my wishes and desires, not letting your shadow to cover the sunlight.

I am what I meant to be. Free.

A comeback.

It feels so strange to have you back in my reality.
Well, it’s more in my daydreaming, or thoughts, or mind, or imagination.
Anything but reality.

And it’s even more strange for your image to knock on my door after I’ve been with someone else.
I mean, it doesn’t make sense at all.

And it doesn’t mean that I was with him in order to get over you, or to feel like I’m having a revenge. But that I can move on, that I’m ready to go on with my life. I’m not struggling with my past anymore. I left it where I should’ve left it.

Can you see what I’m trying to tell?

I was trying to say: I miss you.

Or perhaps, get the fuck out of my thoughts, make some room to others!

I’m I repeating myself? Have I written this before?
What was I trying to write anyway?

I quit. Blank.

Counting the time.

It’s almost 4:00 am in the morning.
Can’t go back to sleep; just because of the fact that I fell asleep at 17:00 pm and nothing more.

Trying to reflect my birthday although I meant to not make an issue out of it.
Bottom line: thank you for your heart warming wishes and greetings. I do hope you see me the way you described.

Between the lines: the silence is driving me crazy.
Here, maybe some music will make it better.
Or maybe not.

I’m fine. There’s nothing wrong with me. I’m doing good. I’m capable of this all.

What is it all about anyway? Everything is temporary.
Our existence as well. We’re just passing by, struggling our whole life with stupid meaningless conflicts. Trying to make a tower out of polluted air. Fighting the logic and the most basic physics rules.

Fifteen minutes have passed. The silence still blowing in my ears. Somehow the music makes nothing.

Can’t force my thoughts to line up. I’m losing control, they’re running all around the universe and coming back smashed to me. What am I supposed to do with smashed broken thoughts? How do you deal with them?

I wanted to say things; that I lost the words for.

I’m wondering, how would it be when I go back home?
And can’t even understand why I want to, when all my life I was seeking for a way out.

I guess I might be afraid. I ripped myself out that I can’t belong anymore.
And it’s not that I did belonged.
I’ll be walking at the edge, praying to keep my balance. I don’t want to make a call.

An hour almost passed.

My heart is numb. You’ll be damned if you ruined it.

Inner chaos.

I was invited tonight to a dinner by a super lovely old couple.
They had this nice apartment; everything designed and organized pretty well.

While we were sitting at the table, I couldn’t but to notice this amazing chemistry they had between them. At some point, she interrupted him somehow when he was talking. And the moment she realized, she touched his arm and said „sorry“.

I could see us in them.

Us, as an old loving couple, stealing few touches and kisses; ignoring the entire world.

After that, I walked into the mall with a friend. To see the perfume you were using. I couldn’t hold myself from pouring few drops on my wrist. I was breathing it as if I tried hard enough I could have you here.

I’m still inhaling it. Letting it spread all over my lungs; polluting and tearing them apart.
I want to inject it in my veins.

This is where I want you.

Infecting each and every cell. Corrupting and beating them.

I want you inside me.

And it’s time now to wonder, how is it that I still want you. Just to forget about it tomorrow morning, to write you again.

See, there’s nothing to worry about. I’m just going insane.

A bottle of wine.

Morning. Birds singing.
Nostalgic feelings which I can have only here.

Laying down in my bed. Not ready yet to start the day.
I’m home. Wish I could have a bottle of wine to think clearer.

I’m empty; I have nothing inside me. It seems to not matter at all anyway.
I had lots of lots of feelings, I had the universe in my heart. I had the ocean, and the stars. I had all the symphonies, and the beauty. I had god, shaped as your smile attached to my heart. I had the nature. The mountains, the waterfalls, the shiny fields.
I had love.

It didn’t matter anyway. I’m empty.
I have a hole in my heart. The sunshine can only pass through, but never stay in.

I’m empty. Terrified to have feelings once again. I don’t want to go into that hell for another round. I’m not fully healed yet.

I had love. I might have the greatest one ever.

Apparently, it wasn’t enough. It couldn’t make you stay with me.

I’m looking for the day when I can replace my heart with a new one. The one I have now is way too damaged.

I’m empty. Nothing could ever help.

A goodbye.

I’m leaving this beautiful city tonight.
I’m spending my time now by laying down on my bed.
I’m taking every sun light inside into me. Trying not to miss any of them.

It has been a great year. I can say it now, it was the best decision I’ve ever made.
I’m grateful for the things I’ve achieved here, for the people and the great friends that I met, for every step that I took walking the streets of the city, exploring more and more beauty, for the air I breath every second, for the cold nights and the bright days, for every view and every star, I’m grateful for every butterfly kissing the rose, for letting myself to open to myself and others as well, for every bird’s song and every whisper, for the great emotions and the laughs, for each smile and each hug.

I’m already aching for everything here.

My life are packed into suitcases. Waiting to be transformed back home. Would it feel like home I wonder?


Shamya Taun, 23 Jahre
besuchte Deutschland das erste Mal im Rahmen eines Jugendaustausches, als sie noch zur Schule ging. Seit dem hat sie an einigen Austauschprojekten teilgenommen und machte einen einjährigen Freiwilligendienst in einem Kindergarten in Deutschland.

Ein illegaler Mensch Ya'ara, 32 Jahre, Mai 2018

© pixaby.com CC0

Mitte November landeten wir in Berlin und nahmen einen Flixbus nach Leipzig. Dort wollten wir Daniel treffen, einen Freund, der aus Israel ausgewiesen worden war. Nachdem er einige Jahre in Arad im Negev gelebt hatte, war es ihm nicht gelungen, sein Aufenthaltsvisum zu verlängern. Ich hatte Daniel vor sieben Jahren kennengelernt, als ich mit Freundinnen unterwegs war. Er stand an einem glühenden Sommertag am Ausgang einer Tankstelle an der Autobahn Nr. 6 und wartete auf eine Mitfahrgelegenheit. Später besuchte er uns einmal in unserer Kommune in Benjamina und half uns beim Aufbau der Festivalbeleuchtung. In unserem Gästehaus in Jerusalem installierte er ganz umsonst eine Wifi-Verbindung.

Der Flixbus hielt in Leipzig an einer unscheinbaren, dunklen Haltestelle. Von Daniel keine Spur. Am Ende der Straße sahen wir einen riesigen Busbahnhof und eilten dorthin. Wir entdeckten eine Geisterhalle voller riesiger Weihnachtsbäume. Wir suchten nach Daniel oder nach einem Laden, in dem wir eine lokale Sim-Karte kaufen konnten, fanden aber nichts. Wir stiegen Treppenfluchten auf und ab. Dann gingen wir wieder hinaus. Die Kälte tat den Zähnen weh. Wir kehrten zur ersten Haltstelle, an der wir ausgestiegen waren, zurück. Dort stand Daniel. Er trug schwere schwarze Stiefel, schwarze Kleidung und rauchte eine dünne selbstgedrehte Zigarette. Sein blondes Haar leuchtete in der Dunkelheit. Als er uns sah, warf er die Zigarette weg, dankte dem Mann, der neben ihm stand, und kam uns lächelnd entgegen. Wir umarmten uns und murmelten Begrüßungsworte. Gemeinsam liefen wir dann rasch und weit ausschreitend zur Tram. Kauften Fahrkarten wie brave Kinder. In Deutschland hat man das Gefühl, man könne sich aussuchen, ob man eine Fahrkarte kauft oder nicht. An einer Haltestelle im Osten der Stadt stiegen wir aus. Wir standen im buntesten Viertel, das ich je gesehen hatte. Wir gingen durch Comics. Zu beiden Seiten der Straße keine Hauswand, die nicht bemalt worden war. Einige der Gebäude waren verlassen, alle zusammen ergaben ein Mosaik mit Slogans und Malereien. Zwischen ihnen ein schmaler, dunkler Himmelstreifen.

Daniel und die Mitglieder seiner Gemeinschaft leben in einem Squat, Mohn-Caravan genannt, auf Grund und Boden, den sie selbst gewählt hatten. Auf vergifteter Erde. In der Vergangenheit waren hier Chemiefabriken angesiedelt. Dann fiel die Mauer, und alles wurde verlassen. Jetzt, so erzählt uns Daniel, ist Leipzig die am rasantesten wachsende deutsche Stadt. Zwei Tage vor unserer Ankunft wurden sie von dem Stück Land, auf dem sie im letzten Jahr gelebt hatten, vertrieben, aber sie zogen einfach dreihundert Meter weiter.

Wir stiegen in Daniels Trailer. Er stand auf Betonblöcken hoch über der schlammigen Erde. Ich musste mein Bein bis zu den Ohren anheben, um hineinzuklettern. Daniel überließ uns sein Bett. Eine alte Matratze, aus der Sprungfedern aufragten. Der Caravan war feucht, kalt und vollgestopft. Wir stellten unsere Taschen ab und gingen zum Küchencaravan, um uns aufzuwärmen und etwas zu naschen. Wir waren zu spät gekommen und hatten den Saunaabend im lilafarbenen Caravan verpasst, desgleichen die Abendmahlzeit im japanischen Squat. In der nur schwach beleuchteten Küche trafen wir Sivia und Chris. Chris setzte sich zu uns und drehte sich eine Zigarette, er war völlig erschöpft. Sivia, im Flanellhemd und mit einem spitzbübischen Pony, aß im Stehen Eclairs aus einer Plastiktüte.Sie war hyperaktiv und ganz versessen darauf, die neue Heimstätte zu organisieren. Chemische Toiletten hatten sie schon gebaut, und jetzt versuchten sie zu einer Entscheidung zu kommen, welche Sonnenkollektoren sie benutzen sollten. Es tobte ein heftiger Streit, ob man sich billiger, gebrauchter Kollektoren bedienen sollte oder ob es besser war, Geld, das zurzeit niemand besaß, in neue Kollektoren zu investieren. Die Debattierenden erhoben erregt ihre Stimmen und glitten ins Deutsche über.

Nachdem wir Tee getrunken und die Eclairs aufgegessen hatten, die aus einem Supermarkt stammten, der nach Ladenschluss Reste gegen Berechtigungsscheine ausgab, begleiteten wir Sivia zu einem Nachbarsquat, um Batterien zu holen. Mit Schubkarre und Taschenlampe zogen wir durch den Schlamm. Auf einer Brücke überquerten wir einen Bach. Der Asphalt war mit Pfützen, einem bunten Gewirr aus geometrischen Formen und Liebesbriefen bedeckt. Dann kamen wir an ein großes blaues Tor, das wir öffneten. Im Nachbarsquat war es nett und ordentlich. In den Bäumen hingen Lichterketten und angelegte Wege führten zu verschiedenen Bereichen. Wir machten Halt an einem hölzernen, rot gestrichenen Lagerschuppen. Dort musterten wir die Batterien und wussten nicht, von welcher Seite wir sie abmontieren sollten. Vorsichtig schlossen wir die Deckel der einzelnen Zellen, aber nicht bis zum Anschlag. Das Beladen war nicht einfach, die Batterien waren schwer und im Schuppen war es dunkel. Unsere Rücken zitterten, unsere Fingergelenke wurden weiß. Schwer atmend stellten wir die Batterien in die Schubkarre und rollten zurück zum Squat Mohn-Caravan. Dort schlossen wir die Batterien an, und die Küche erstrahlte in hellem Licht.

Daniel hustete, er war dünn und wirkte krank. Es war kalt, und er ernährte sich nicht gut. Ich fragte mich, warum er, ein Computeringenieur, der für bekannte Cybersicherungsfirmen gearbeitet hatte, ein Mann, der in der Wüste mit einem Kaktus und Kreidegestein für Wifi sorgen konnte, der sich sicher eine bequeme oder zumindest zentralgeheizte Wohnung leisten könnte, warum der so lebte. Er erklärte mir, dass er keine Arbeit annähme, die nicht mit seinen Idealen zu vereinbaren sei. Er will den großen Konzernen nicht dabei helfen, die Welt auszurauben. Und eine Arbeit annehmen, die ihn nicht interessiert, möchte er auch nicht. Selbst wenn das bedeutet, in der Kälte und von Lebensmittelscheinen zu leben, ohne Dusche oder Leitungswasser.

Wir öffneten eine Flasche Rotwein. Der schwere Duft war betäubend, wir tranken warme Seen. Perfekt. Wein für drei Euro.

Danach gingen wir in eine Bar. Dröhnende Bässe kitzelten mein Becken. Mädchen in abgetragenen Jeans und selbstgestrickten Pullovern, bärtige junge Männer mit Wollmützen, alle tätowiert mit Sprüchen, Zeichen oder Gegenständen wie Scheren oder einem altmodischen Nokia-Handy. Ich sah sogar einige Leue mit Auberginentatoos. Feine Hände drehten Zigaretten, es wurde diskutiert, aber mit einem Lächeln, an den Wänden hingen Poster mit politischen Botschaften. Es war berührend zu sehen, dass jeder dort  eine Agenda und eine utopische Vision zu haben schien. Feiner Rauch stieg auf. Den Alkohol gab es umsonst, oder es hieß: zahlt, was ihr wollt. Daniel erzählte, dass das Lokal trotz dieser Wirtschaftspolitik Geld verdiente. Wir tranken eine Dose Bier. Als der Barmann hinter dem Tresen hervorkam und alle wegschickte, lud ein junger Mann mit schwarzen, von schweren Lidern bedeckten Augen alle auf einen Joint in seine Wohnung ein. Wir zogen los, wohl zwanzig lachende, schwankende, dampfende Gestalten. In der Wohnung angekommen, ließen wir uns auf dem Küchenboden nieder. Ein Paar war dabei, das einmal in Jerusalem gelebt hatte, ein weiteres Mädchen war in Israel aufgewachsen. Überall stößt man auf Israelis. Ein Typ mit neugierigen braunen Augen fing an, in gebrochenem Deutsch mit uns zu reden. Erst nach einigen Minuten, nachdem wir gemerkt hatten,  dass keiner von uns Deutsch sprachen, wechselte er ins  Persische. Dort auf dem Küchenboden neben dem Abfallbehälter versuchten wir einander zu verstehen. Wir sprachen mit Fingern, die Linien auf den weißen Küchenboden zeichneten, und mit Lächeln. Ich kann mich an niemanden erinnern, der so viel Geduld für ein Gespräch aufbrachte, wir wollten einander unbedingt verstehen. Sein Name war Reza. Als wir aufbrachen, schloss er sich uns an. Wir gingen durch einen Asphalt-Wadi, umgeben von Betonfelsen. Im Küchencaravan tranken und redeten wir weiter, Daniel übersetzte uns Rezas gebrochenes Deutsch. Um der Gewalt und dem diktatorischen Regime in seiner Heimat zu entkommen, war er zu Fuß aus dem Iran nach Leipzig gewandert, besaß keinen Pass und keine Papiere. Er erzählte, er würde von Fleisch träumen, in Deutschland gäbe es kein Fleisch. Wir lachten und erklärten, das scheine ihm nur, weil er bei den Hardcore-Hipstern gelandet sei. Das überraschte ihn sehr. Er war beschwipst und ganz aufgeregt, etwas über andere Länder zu hören. Er wollte uns in Israel besuchen, konnte aber momentan nicht aus Deutschland raus. Er war illegal. In seinem Lächeln lagen Hoffnung und Traurigkeit zu gleich. Und dann verstand ich: Sie waren einfach in Europa eingedrungen. Sie spielten das Spiel der grenzziehenden Autoritäten nicht mit. Spielten einfach nicht mit.

Wir kehrten zu Daniels Caravan zurück. Er legte Holz in den Kamin, zündete ein Feuer an und legte sich in seinen Schlafsack. Wir schliefen auf der Matratze mit den herausragenden Sprungfedern. Am Morgen gingen wir zum Duschen in eine andere Straße. Das heiße Wasser tat uns gut. Das Haus musste früher einmal prächtig gewesen sein. Die Eingangshalle war vollgestopft mit Dingen, Bildern, einem verblichenen roten Samtsofa. An den Wänden Prophezeiungen. Die Sonne wird nie mehr scheinen. Was? Mord. Gemalte pelzige Geschöpfe Hand in Hand.   Geschlechter haben keine Zukunft. Liebesworte für die Flüchtlinge. Ein Dreieck mit einem Auge in der Mitte, die Schenkel in Deutsch beschrieben. Eine mechanische Lotusblume, Zukunft und Vergangenheit sind nur ein Scherz für den Verstand. Eine Gestalt mit einem riesigen Bauch und einem winzigen Kopf, ein Avocadokern, aus dem ein Sprössling hervorbrach, unter ihm Wurzeln. Eine vieräugige Katze.

Das Wasser war wunderbar heiß. Danach fuhren wir zu einem Squat auf der anderen Seite der Stadt, der eigentlich gar kein Squat mehr war, da die Mitglieder das Grundstück gekauft hatten. Am Eingang ragte ein Wasserturm auf, der ganz und gar mit Augen bemalt war, die uns anstarrten. Der Weg führte weiter zu einem Caravanendorf. Alte Bäume, ein neues Holzhaus beherbergte die Gemeinschaftsküche und Räume für verschiedene Aktivitäten. Wir trafen Lorre, einen hochgewachsenen, feminin wirkendenjungen Mann, der uns lächelnd mit sanfter Stimme das Leben im Dorf erklärte. In einem Raum mit einem riesigen Fenster nahm Latifa Maß und setzte Schrauben ein. Wir lächelten ihr zu, und sie erzählte uns, dass sie aus Marokko stammte und lud uns auf einen Kaffee in ihren Caravan ein. Er stand runter einem Baum stand. Dort kochte sie duftenden Kaffee und servierte uns Toast mit einem süßen, aus Casablanca stammenden Aufstrich. Lächelnd und mit Umarmungen verabschiedeten wir uns von allen. Am Ausgang staunten wir wieder über den mächtigen Wasserturm. Wir fuhren nach Hause und saßen dann bis zum frühen Morgen in der Gemeinschaftsküche. Palo und Matti, beide lockig und schön,  arbeiteten an einem Vortrag über die katalanische Unabhängigkeitserklärung, die vom spanischen Ministerpräsidenten für ungültig erklärt worden war. Das Ereignis hatte ihre Heimat seinerzeit erschüttert. In beiden brannte das Adrenalin der Revolution.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach Berlin in eine wohl ausgestattete, in Kreuzberg-Mitte gelegene Airbnb-Wohnung. Wir duschten und fühlten uns gleich wie zu Hause. Wir kauften reichlich Lebensmittel ein, Bier, Brot, Gemüse, Fische, Wein in allen Farben und Schokolade. Alles für zwanzig Euro, darüber mussten wir lachen, in Israel hätten wir sicher fünfzig bezahlt. Abends gingen wir in einen Club. Dort lernten wir Jens kennen, einen fünfzigjährigen lieb lächelnden Mann. Wir redeten, und er fragte, woher wir kämen. Als Mensch, der noch zuzeiten der Berliner Mauer gelebt hatte, wusste er um das durch sie verursachte Leid, kannte aber auch die Ekstase der Befreiung, die ihr Fall ausgelöst hatte. Jens begriff nicht, wieso es nach alledem immer noch Mauern auf der Welt gab. Es fiel ihm schwer, das Wort Mauer über die Lippen zu bringen.

„Das deutsche Volk ist ein Volk freier Menschen“, erklärte er.
„Jeden Montag gingen wir demonstrieren,
jeden Montag wurden wir mehr.“
„‘Wir wollen frei sein!‘, schrien wir,
‘Wir wollen frei sein!‘“
„Bis sie eines Tages von der anderen Seite kamen
und niemand schoss.
Zwei Wochen lang haben wir dort gefeiert.
Alles war gratis, die Leute verteilten Essen, Trinken, Drogen.
Auf der gefallenen Mauer haben wir uns geliebt.“

Übersetzung aus dem Hebräischen: Helene Seidler


Ya’ara Steiner, 32 Jahre reiste im November 2017 Deutschland.

Neuigkeiten Rinat, 28 Jahre, Mai 2018

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Kommt, lasst uns ein wenig über die Europäer lachen. Die in einem Film leben, die harmlos, naiv sind. Lasst uns über ihren unzulänglichen Geheimdienst, ihre Gleichgültigkeit und über die Tatsache sprechen, dass sie alle so hypersensible, um Nettigkeit bemühte Angsthasen sind, die sich nicht mit den großen Problemen der Welt auseinandersetzen und auch den Dingen, die sich vor ihrer Nase abspielen, keine Aufmerksamkeit schenken. Lasst uns noch ein wenig mehr über die Europäer lachen, die schließlich und endlich spüren, was wir bereits siebzig Jahre durchmachen, inzwischen auch Angst haben und ebenfalls gezwungen sind, auf ihren Positionen zu beharren, denn die Realität hat nun an ihre Tür geklopft und es gelingt ihnen nicht, diese Tür verschlossen zu halten. Sie müssen nun große Ströme von Menschen meistern, die in ihr Territorium eindringen und ihre Identität bedrohen.

Im Folgenden: Unterricht in Vergleichender Medienwissenschaft. Oder: Wie ich von dem Anschlag in Berlin erfuhr.

Ich war zu Hause, kam aus der Dusche, schrieb Freunden, wollte mich um das Abendessen kümmern. Im Meer der Push-Benachrichtigungen (vom Newsticker der Nachrichten-Webseiten) ging auf meinem Smartphone eine Meldung von der Website der Tageszeitung Ha’aretz ein (die ich immer schneller lese, weil die übrigen auf Deutsch sind und ich selbst eine zweizeilige Überschrift nicht so rasch erfassen kann): Attentat in Berlin, ein Toter, 9 Verletzte. In der Küche lief das Radio und war wie immer auf eine Frequenz eingestellt, die sich hauptsächlich mit Nachrichten befasst (ähnlich dem Nachrichtensender Galei Zahal, aber auf Deutsch) und wie ich bereits erwähnte, war mein Smartphone eingeschaltet und wartete nur auf die Newsticker der wichtigsten deutschen Nachrichtenseiten: Der Spiegel, Die Zeit. Doch in den folgenden Minuten fiel kein deutsches Wort über den Anschlag, der sich in einer Einkaufsmeile Westberlins ereignet hatte und von dem man offenbar nur in Israel wusste.

Sofort ging ich zur Alarmbereitschaft über und traf sämtliche Vorbereitungen, die im Fall eines Terroranschlages zu treffen sind: Zunächst schrieb ich eine Nachricht an die Gruppe der Familie, danach eine Nachricht an die Gruppe von meinem Studienprogramm: Seid ihr okay? Gebt mal eure Koordinaten durch; eine Nachricht an die Freunde, mit denen ich in jenem Moment korrespondiert hatte: Mist, in Berlin hat es einen Terroranschlag gegeben, bei mir ist alles okay; eine Nachricht an meine israelischen Freunde in Berlin; dann aktualisierte ich bei Facebook meinen Status, klickte an: Ich bin in Sicherheit; dann ging ich schnell ins Zimmer meiner Mitbewohnerin, die mit ihrer ebenfalls in der Stadt wohnenden Schwester telefonierte. Sind bei dir alle okay? Deine Freunde, deine Familie? Meine Mitbewohnerin fragte erstaunt, was denn los sei. „Ein Anschlag“, sagte ich zu ihr, während ich auf die Flut von Mitteilungen aus Israel reagierte, was wiederum meinen Facebook-Status, dass ich in Sicherheit bin, überflüssig machte.

Einige Minuten später (die mir wie eine Ewigkeit vorkamen) begannen die deutschen Webseiten zu berichten, dass offenbar irgendwo in Berlin etwas passiert sei. Sie hatten es nicht eilig damit, die Anzahl der Toten und Verletzten durchzugeben, stellten keine Vermutungen an, wer das getan hatte und weshalb. Sie meldeten lediglich, was passiert war: Menschen waren überfahren worden, die aktuelle Zahl der Verletzten wurde genannt. Sie interviewten noch keinen „Vertreter der Sicherheitskräfte“, der vor Ort war, schickten keine Kameras an den Tatort, klemmten sich nicht unter die Gürtellinie der Feuerwehrmänner, nahmen keine Leute fest, die vom Weihnachtsmarkt flohen (auf dem der Anschlag sich ereignet hatte), schoben ihnen kein Mikrofon ins Gesicht und zwangen sie nicht, genauestens zu schildern, was sie gesehen oder nicht gesehen hatten, interviewten keine Menschen auf Krankenbahren, die noch nicht wussten, wohin sie gebracht wurden, schalteten nicht Eitan Ben Elijahu live dazu, damit er über die sicherheitstechnischen Konsequenzen der Angelegenheit und die zu ergreifenden Gegenmaßnahmen sprechen würde. Eigenartig.

Was mich betraf, so ging ich zur normalen Verhaltensweise am Abend nach einem Anschlag über: Unausgesetzt schaute ich mir die Bilder vom Schauplatz an, in der gesamten Wohnung liefen Fernseher und Radio, dazwischen trafen regelmäßige Updates von Mitbewohnern und Freunden ein, plus Facebook. Allerdings war mein übliches Verhalten am Abend nach einem Terroranschlag den Menschen in meinem Umfeld, dem Land, in dem ich war, äußerst fremd. In den Nachrichtenrubriken gab es keine Kommentatoren, die den Anschlag zu der ein oder anderen Organisation in Bezug setzten; es gab keine Politiker, die mitteilten, was man mit den Terroristen tun solle; es gab keine Familien, die ihre Angehörigen suchten, keine Tränen, kein Blut. Und vor allem – es wurde nicht als Anschlag bezeichnet. Erst am darauffolgenden Tag, nachdem die Polizei sich Hunderte Male vergewissert hatte, was sich dort abgespielt hatte, war von „Terroranschlag“ die Rede und nicht mehr von „Gewalttat“, wie es zuvor bezeichnet wurde. So ist das hier, man wartet auf die Informationen, man stellt keine Vermutungen an, es wird gearbeitet und dann neu überlegt. Das ist echt ein Ding.

Dem Terroristen glückte es, bis nach Mailand zu gelangen, wo er am Freitag, einige Tage nach dem Anschlag, von italienischen Sicherheitskräften erschossen wurde. Ein allgemeiner Seufzer der Erleichterung ging durch Deutschland und die Menschen verstanden, dass sie in aller Ruhe zu ihren Weihnachtsferien übergehen konnten, ohne sich sorgen zu müssen, dass ein Terrorist, der auf der Flucht war, durchs Fenster hereinspringen und beim Festmahl eine Keule von der Gans fordern würde.

Berlin erholte sich allmählich. Am Tag darauf waren in der Stadt alle Weihnachtsmärkte geschlossen. Der Weihnachtsmarkt ist in Deutschland eine Institution und von Ende November bis Anfang Dezember findet man sie in der gesamten Stadt (in der Hauptstadt umso mehr). Für die Deutschen ist es die Gelegenheit, den Winter zu vergessen, viele Schichten übereinander zu ziehen und im Freien Glühwein zu trinken, Würstchen zu verspeisen und kandierte Mandeln zu naschen. Dabei hören sie Chöre, die wunderbar unstimmig vor nur zwei Zuhörern (die offenbar nicht mitbekommen haben, wo die Schlange zu den Toiletten ist) Weihnachtslieder schmettern. Kurz gesagt: Es geht darum, an möglichst vielen Abenden vom Zimt berauscht zu sein, kurz bevor man nach Hause zur Familie zurückkehrt, um Weihnachten und anschließend Neujahr zu feiern.

Zwei Tage nach dem Anschlag empfingen die meisten Weihnachtsmärkte wieder Besucher und ich, die bis auf meine Alarmbereitschaft aus irgendeinem Grund Mühe gehabt hatte, sich mit dem Ereignis emotional zu identifizieren, stieg am Morgen am Kurfürstendamm aus der U-Bahn aus und ging direkt zu dem Schauplatz des Anschlags. Gegenüber der (vom Krieg) halbzerstörten Kirche, zwischen Polizeiwagen und geschlossenem Glühweinstand, unter den Absperrbändern, die den Zutritt zu verschiedenen Bereichen eines Gebiets untersagten, das bis vor zwei Tagen ein Ort des Vergnügens und der Touristen gewesen war, konnte ich nachvollziehen, was den Menschen zugestoßen war, konnte ich ihren Kummer spüren und mich einen Augenblick lang mit ihnen identifizieren. Wohnt man drei Jahre in Jerusalem, wird man nur bis zu einem bestimmten Grad abgehärtet.

Am selben Tag beschlossen rechte Bewegungen in Berlin eine Demonstration zu organisieren, die die Regierung deutlich dazu aufrief, keine weiteren Flüchtlinge ins Land zu lassen, die Sicherheitsmaßnahmen an öffentlichen Plätzen zu verstärken, die Kontrolle von Farbigen und Menschen verschiedenster Hintergründen zu verschärfen, die Grenzen zu verstärken. Dagegen formierte sich eine gemeinsame Demonstration von Berlinern und Flüchtlingen, die zum Frieden, zur Unterlassung von Gewalt und zur Akzeptanz des Anderen aufriefen. Eine Demonstration, die an die Menschen appellierte, sich im Namen der Menschlichkeit und nicht im Namen der Angst zu vereinigen. Gegen jede Demonstration der Rechte, die zur Verstärkung der Gewalt aufruft, findet hier eine Gegendemonstration statt. Manchmal denke ich, dass die Berliner Polizisten nur mit einer Mission befasst sind – der Absicherung von Demonstrationen und Gegendemonstrationen. Ist es ein Wunder, dass ihnen keine Zeit bleibt, um die Terroristen aufzuspüren?

Lasst uns also ein wenig über die Europäer lachen. Lasst uns über Nizza, Paris, Berlin, über Brüssel lachen. Lasst uns über die Tatsache lachen, dass kein Bürger auf die Idee kam, Nunchakus oder einen Selfie Stick oder eine M-16 einzusetzen und den Fahrer zu vernichten, der die Menschen überfuhr. Lasst uns über Gleichgültigkeit und Harmlosigkeit lachen, Lasst uns über ihre Unfähigkeit zur Auseinandersetzung lachen.

Oder nicht.

Lasst uns ins Gedächtnis rufen, dass der zentrale Wert, in dessen Namen die Europäische Gemeinschaft vor genau sechzig Jahren gegründet wurde, der Frieden war. Lasst uns ins Gedächtnis rufen, dass sich in den Grenzen der Europäischen Union (und nicht in ganz Europa) im Laufe der letzten siebzig Jahre kein Krieg ereignet hat. Lasst uns ins Gedächtnis rufen, dass Europa seine Erfahrungen mit kriegerischen Auseinandersetzungen, Tod, Blut, Gewalt hat. Dass viele der hiesigen Bürger die Hinterlassenschaften des Krieges ihrer Großeltern mit sich herumtragen, das Schandmal der Zerstörung und des Mordens, das sie an vielen Orten der Welt einkerbten. Lasst uns ins Gedächtnis rufen, dass die Europäer genauso wenig vergessen haben wie wir. Sie sind weder dumm noch harmlos, leben nicht in einem Film. Sie haben schlichtweg die Entscheidung getroffen, sich anders damit auseinanderzusetzen. Lasst uns etwas lernen, bevor wir lachen. Und kommt nach Berlin, lasst uns zusammen Glühwein trinken.

Übersetzung: Ulrike Harnisch


Rinat Avigur, 28 Jahre
hat im Rahmen des Kom-mit-Nadev-Programms 2012/2013 einen Freiwilligendienst in Deutschland geleistet. Seit September 2017 studiert und arbeitet sie in Deutschland.

Eine Reise von drei Freundinnen Mika, 17 Jahre, Mai 2018

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Ich flog im Oktober 2017 mit zwei sehr guten Freundinnen, Ela und Emma, nach Berlin. Emma hatte gerade die Oberstufe beendet, deswegen stand unsere Reise unter dem Motto: „Emmas Ausflug vor dem Militärdienst“. (Sehr viele israelische Jugendliche machen eine Reise, bevor sie eingezogen werden.) Ganz spontan fassten wir den Entschluss, ins Ausland zu fliegen, und wir haben von Anfang an alles selbst organisiert. Die Flüge gebucht, Tickets gekauft, Hotels und Wohnungen ausgesucht und auf einer Karte die Orte markiert, die wir besuchen wollten – all das allein! Alle drei haben wir in den Sommerferien gearbeitet, um Geld für die Reise zusammenzukriegen, und waren schon zwei Monate vor dem Abflug riesig aufgeregt.

Selbständigkeit – das war das Schlüsselwort für unser Reiseerlebnis, es begleitete uns die ganze Zeit. Für drei Abiturientinnen, die zum ersten Mal allein reisen, ist nichts selbstverständlich. Wir freuten uns über viele kleine Dinge: das Zurechtfinden in der Stadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, das Einkaufen im Supermarkt, durch eine neue Straße schlendern, gezwungenermaßen mit allen Englisch sprechen, über die Freiheit, zu tun und zu lassen, was wir wollten. Deswegen sind es nicht die bekannten, teuren Attraktionen, an die wir uns erinnern, sondern die kleinen, unerwarteten Begebenheiten. Die hübschen Ecken, die wir ganz zufällig fanden; das schmackhafte Essen in Restaurants, die wir betraten, weil wir hungrig waren; in erster Linie aber die Leute, die wir trafen. Leute aus aller Welt, und alle waren sie wahnsinnig nett! Das Leben und Treiben in der Stadt erinnerte uns sehr an Israel (insbesondere an Tel Aviv). Eine Art Schmelztiegel vieler Menschen und Kulturen, die sich miteinander vermischen und doch jedem Einzelnen Gelegenheit geben, sich selbst auszudrücken. Jeden Abend fragten wir uns, ob der Tag so schön gewesen war dank der Vorausplanung (Was machen wir morgen?) oder dank der Dinge, die uns ungeplant begegneten. Während dieser ganzen Woche hat Berlin uns immer wieder von neuem überrascht, denn wir gelangten an die erstaunlichsten Orte und begegneten den erstaunlichsten Menschen, die uns gerade deswegen in Erinnerung geblieben sind.

So kann ich denn auch nicht diesen oder jenen Ort, an den wir unversehens gelangten, empfehlen, und euch auch nicht mit den netten Leuten zusammenbringen, die wir unterwegs getroffen haben, aber ich rate jedem, nach Berlin zu fahren und diese kleinen Momente auf eigene Faust zu finden. Genießt die Sehenswürdigkeiten, aber fügt euch auch ins Berliner Alltagsleben ein und lasst euch vom Zauber der Stadt mitreißen.

Übersetzung: Helene Seidler


Mika Kermann, 17 Jahre
reiste im Oktober 2017 mit drei Freundinnen nach Berlin.

Süße, das ist unter deiner Würde Tal, 32 Jahre, Mai 2018

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Es tut mir wirklich leid. Ich verstehe nicht, warum du die Augenbrauen hochziehst. Ich denke nicht, dass es nicht okay ist! Ich darf das. Mir ist es erlaubt, meine verfluchte Jungfräulichkeit loszuwerden, mir ist es erlaubt, diese Gelegenheit zu ergreifen. Du bist ja keine Jungfrau mehr, das weiß die ganze Schule, Iris ist schon längst keine Jungfrau mehr und etwa die Hälfte der Mädchen unseres Jahrgangs nicht. Offenbar hat jede einen Freund. Ihr habt euch pärchenweise und mit euren Freunden arrangiert, amüsiert euch in den Pausen prächtig miteinander, hängt Freitagabend, wenn ihr ausgeht, an ihren Hälsen. Ich habe keinen Freund! Nicht mal einen in der Phantasie. Mit mir will keiner schlafen, auch wenn an und für sich alle wollen und ich natürlich auch. Gönne es mir, freue dich für mich, versteh doch mal … Es ist nicht so einfach, vom ganzen Jahrgang die letzte Jungfer zu sein. Mir ist es erlaubt, mit einem Deutschen zu schlafen!

Mit diesen Worten liege ich Ortal in den Ohren, die in meiner Klasse und in der Delegation des Jugendaustauschs zwischen den Städten Netanya-Dortmund ist. Sie soll mich bloß nicht daran hindern, zu tun, woran ich ununterbrochen denken muss.
Der Bus fährt langsamer, nähert sich dem Konzentrationslager Buchenwald. Bald können wir über diese Dinge nicht weiterreden. Mein Herz ist kurz vorm Zerspringen. Ich will Ortal noch mehr über Robert erzählen. Er ist groß. Blond. Kompakt. Er hat nach oben geschwungene Wangenknochen wie einer, der weiß, was er wert ist. In meinen Augen ist er der tollste Mann, den ich je gesehen habe. Und was am wichtigsten ist – er will mich!

Durchs Fenster erblicken wir große Gebäude, Wände mit spektakulären Graffiti, die von weiten offenen Räumen in Grün- und Brauntönen abgelöst werden, deren Ende nicht abzusehen ist. Deutschland ist sehr schön. Es ist farbenfroh und sieht so gar nicht dem Deutschland ähnlich, wie es immer auf Fotos und in Filmen aussah, kein Hinweis auf die Finsternis, die die Schilderungen begleiteten.

Dortmund ist wesentlich größer und beeindruckender als Netanya. Die Cafés und Restaurants auf der Straße unterscheiden sich von denen in der Fußgängerzone unserer Stadt. Alles wirkt moderner und sauberer. Die Häuser und Gebäude sind sich ähnlich und scheinen bis ins Detail geplant. Die Straßen sind breit, sodass alle Platz zum Laufen haben. Würden auf ihnen die Surfer von Netanya laufen, könnte ich mir mein Leben an diesem Ort tatsächlich vorstellen.

„Süße, das ist unter Deiner Würde.“ Ortal nimmt ihren Kaugummi aus dem Mund und rollt ihn in der Hand hin und her. „Du bist die Enkelin von Schoah-Überlebenden. Meinst du nicht, dass sein Großvater deiner Familie was angetan haben könnte?“ Sie macht sich weiterhin an dem gelben Kaugummi zu schaffen, an dem ihre Spucke klebt.

Der Bus fährt schnell. Ich vertiefe mich in den Kaugummi, als wäre ich dieses Ding. Sitze eingequetscht zwischen Bauch und Beinen, bin klumpig, klebrig und abstoßend.

„Weißt du, es gibt da solche Geschichten über Israelis, die herausgefunden haben, dass der Großvater ihres Gastgebers Nazi war, der sozusagen, du weißt schon … dass es da eine Verbindung gab.“ Daraufhin drückt sie den Kaugummi platt und klebt ihn unter ihren Sitz.

***

Ich hatte Robert während meiner ersten beiden Tage in Deutschland kennengelernt, als er zu meiner Gastgeberin Eva nach Hause kam. Sie ist eine Deutsche meines Alters. Schon mit vierzehn hatte sie zum ersten Mal mit einem Jungen geschlafen, „weil es in Deutschland offener zugeht“, hatte sie mir erklärt. Sie hält es ebenfalls für eine nette Idee, dass ich meine Jungfräulichkeit hier in Deutschland verlieren würde. „Das ist total wichtig, dass ihr das macht. Das hat immense Symbolkraft für die nachfolgende Generation von Deutschen und Juden“, hatte sie gesagt und Stufe für Stufe, bis ins kleinste Detail  geplant.

„Ich werde dich schminken und dir ein rosafarbenes Satinkleid anziehen. Ich habe eine Lavendel-Kerze, das wird dich beruhigen. Aber es muss unbedingt am Sonntagmorgen passieren, wenn meine Eltern in der Kirche sind. Und mach die Fenster zu, damit euch keiner sieht und du das Gefühl hast, dass es dunkel ist.“

In meiner Kindheit hatte meine Großmutter behauptet, dass sie keine deutschen Produkte kaufe, weil diese verfluchten Deutschen ihre Familie umgebracht hatten. Aber jedes Schuljahr, wenn ich versetzt worden war, hatte sie mir ein neues Federmäppchen mit Schreibzeug gekauft. Alle Teile, einschließlich des Radiergummis waren in Deutschland hergestellt worden. „So ein robuster Radiergummi wird all deine Rechtschreibfehler wegradieren“, sagte sie voller Begeisterung. Und ihr Arm mit der eintätowierten Nummer radierte mit diesem Radiergummi energisch alle Fehler weg … Ein deutscher Radiergummi war also erlaubt und ein deutscher Mann verboten? Schließlich hatte ich von dem Moment an, da ich Robert gesehen hatte, jene Vitalität wahrgenommen, die meinem deutschen Radiergummi eigen wahr. Robert würde in mir die Jahre der Erniedrigung, die Minderwertigkeitsgefühle gegenüber den Mädchen meines Jahrgangs ausradieren. Robert wäre es, der aus mir eine kleine Frau machen würde. Er hatte das Recht, den lang gehüteten Schatz zu ernten.

Der Bus hält vorm Eingang zum Lager. Von Anspannung und Panik getrieben steigen wir vorbildlich still aus dem Bus und teilten uns paarweise auf. Jeder Israeli geht mit seinem deutschen Gastgeber. Eva hält meine Hand ganz fest. Sie ist unglaublich aufgewühlt und meine Hand droht aus ihrer schweißnassen Hand zu gleiten. Wir gehen durch das Tor des Lagers, das ein einziger grüner Teppich war, der mir Lust macht, mit Robert darauf herumzurollen. Jede Menge alter Gebäude, in die wir uns verdrücken könnten, ohne dass es einer bemerken würde. Ein Guide beginnt mit heftigem deutschen Akzent etwas auf Englisch zu erzählen, was keiner versteht. Er führt uns auf der festgelegten Route, die die Gefangenen zu absolvieren hatten, wenn sie hier eintrafen. Es gelingt nicht, mir das Grauen auszumalen, ich begreife partout nicht, was er da faselt. Es sei kein zielgerichtetes Vernichtungslager gewesen, meint er, nicht alle Gefangenen seien Juden gewesen. Und was machen wir dann hier? In der Zeit könnte ich meine Beine rasieren, mir die Nägel lackieren. Ich habe keine Geduld und viel Zeit bleibt mir auch nicht mehr in Deutschland. Ich will schleunigst zurück nach Dortmund!

Ich betrachte die Fotos mit den SS-Offizieren. Diese Fotos hängen im ganzen Lager und ich kann ihre Bedeutung nicht erfassen. Ich habe nur Roberts Bild vor mir. Auf einmal vermischen die Dinge sich. Ich sehe die Fotos an und darauf ist Robert, der mich ansieht. Mein Herz schlägt schneller. Eine gewaltige Hitzewille steigt in mir auf und Schweiß bricht aus sämtlichen Poren meines Körpers. Robert, dieser tolle Kerl, ich will ihn. Gott soll endlich dafür sorgen, dass wir dieses überflüssige Lager verlassen.

Ein Mädchen beginnt zu weinen. Es ist Eva, ihr setzen die Fotos zu, die die jüdischen Gefangenen in ihrer Baracke zeigen. Sie sind ausgemergelt, leichenblass. Ihre Augen, die in die Kamera blicken, liegen in tiefen Höhlen. Evas Weinen löst auch Tränen bei den anderen Deutschen der Delegation aus.  Das kleine Museum füllt sich mit noch mehr Tränen, auch bei Schülern der israelischen Seite. Hefziba, die Lehrerin, legt den Arm um einen Schüler, den es besonders mitnimmt. Ich bringe nicht eine Träne hervor. Ich will in die Zukunft blicken, in der Robert mich in Israel besucht, sich in das Land verliebt und sich entschließt, Dortmund zugunsten von Netanya aufzugeben. Danach finden wir heraus, dass seine Großeltern im Krieg Juden versteckt haben und meine Großmutter wird ihn lieben und sagen: „So ein Mann wird den ganzen Unsinn aus deinem Kopf vertreiben.“ Und dann wird er zum Judentum übertreten und Surfen lernen. Zur Hochzeit werde ich ein rosafarbenes Satinkleid tragen und wir werden eine neue Generation von deutschen Juden gründen.

***

Ich bin bei der Zeremonie, schaue zu den anderen, die alle weinen. Ich versuche mir einige Tränen abzuringen. Doch es gelingt mir nicht. Also schließe ich die Augen, damit sie denken, dass ich weine.

Als ich die Augen öffne, ist die Delegation und auch der Guide verschwunden. Keine Eva – nur die Juden von den Fotos. Und meine Großeltern sind da. Ein wenig jünger als heute. Sie sind dürre Gestalten. Sie rennen nach den Kommandos von Robert, der in seinem warmen Wintermantel herumschreit. In der Hand hält er ein Gewehr. Verflucht sie. Ich versuche zu schreien, aber ich habe keine Stimme. Ich flehe Robert nur an, damit aufzuhören! Dass er das nicht tun, meine Großeltern verschonen soll. Sie sind ein Teil von mir, ich liebe sie. Nein, Robert, schieß nicht. Verfluche sie nicht. Wie soll ich denn sonst mit dir schlafen und dir in die Augen schauen!? Robert schießt auf meinen Großvater. Großmutter steht da, krampft sich vor Schmerz zusammen, sieht, wie ihr Geliebter stirbt. Sie hebt den Kopf und schaut zu mir, sieht mich eindringlich an und schnalzt laut mit der Zunge.

Mir wird übel, ein bitterer Geschmack steigt in meiner Kehle auf, blockiert Nase und Ohren. Wo bin ich überhaupt? Ich schaue mich um und nun stehen wieder alle neben mir. Genau in dem Moment gehe ich in die Hocke und übergebe mich. Alle nehmen es wahr, singen aber weiter die israelische Nationalhymne. Und während ich auf dem Boden kauere, wird mir klar, dass ich Robert nicht treffen will. Ich will nicht, dass er nach Netanya kommt. Ich will auch nicht im Geringsten, dass er zum Judentum übertritt. Und rosafarbene Satinkleider habe ich schon immer gehasst. Und mein neuer Radiergummi wird aus China kommen.

Übersetzung aus dem Hebräischen: Ulrike Harnisch


Tal Getritman, 32 Jahre
war erstmalig im Jahr 2000 in Deutschland, als sie sich einer Jugenddelegation anschloss, die Netanyas Partnerstadt Dortmund besuchte. Danach fuhr sie ein weiteres Mal im privaten Rahmen nach Deutschland.

Fair-Care vs. Verkehrt Barak, 46 Jahre, Mai 2018

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Wir befinden uns im Jahre 70 n. Beendigung der vollständigen Diaspora. Israel ist quasi in der VölkerGEMEINschaft. Ganz Israel ist von einer überaus feingeistig kultivierten Lebensart durchsetzt. Ganz Israel? Nun ja, nicht ganz! Mindestens ein topografisches Segment begünstigt den heftigen Widerstand gegen mühselig erworbene, geistig-moralische Errungenschaften?!? Doch nur alles zivilisatorisch überkommenes Korsettgebaren?!? Sicher, Leben ist nicht leicht für die urbane Bevölkerung von TelaVivum, HaiFun, Be´erchezWarum bis hin nach EiLatinum, die unbeirrt versuchen dem global recht gefestigten Klischee von Besetzern, entgegenzuleben!

Über Jahrhunderte hinweg besehen war dieser kleine Halm im wuchernden Geäst der Völker einem stetem Wechsel zwischen ungewisser und recht abhängiger Ortstreue und sich oft anschließendem zwanghaften Aufbruch, ausgesetzt. Gewissermaßen als schwer züchtbarer Trüffel im symbiotischen Wurzelwerkdunkel „seiner“ jeweiligen WirtsnaZIONen. Geschichtlich-geographisches und auch chroNISCHEs Nomadentum inmitten ureigener ethisch-moralischer Sesshaftigkeit, das vorläufig in der Mosaischen Gesetzgebung gipfelte. HeiMatt und WanderSchafft. „GeograVieh“ inmitten dumminierend verglühenden Kulturen?!? Soweit, das im Verhältnis zu über 5700 Jahren Zeitrechnung, doch relativ kühn und skizzenHaft vereinfachte, fast farblose Umrißbild. Denn, und hier geht es um eine kurze geistige Trittbrettfahrt auf den Schultern des Philosoph und Theologen Kierkegaards, der gesagt haben soll, dass „das Leben stets auf die Zukunft hin, das Verständnis immer auf die Vergangenheit gerichtet“ sei…

Was wollen uns diese wOrte sagen?!?

Israelis sind in ihrem unerschütterlich einnehmenden Grundwesen überaus umgänglich, ja fast unterwürfig pflegeleicht, besitzen eine unermesslich hohe Reizschwelle, sind nahezu narkotisch ausgeglichen und nüchtern. Ferner befleißigen sie sich einer fast asiatisch anmutenden, ausgeglichen-waagerechten Gesichtsmimik?!?

Sicher, Schlaf ist wichtig und gesund! Unverzichtbar, ist auch ihre ins Gebein fahrende, nahezu lautlos-dichterisch, samtene Tonlage, derer sie sich im täglichen Umgang miteinander bedienen. Man vibriert wohlig ergriffen wie eine Stimmgabel unter dem Eindruck ihrer stimmlich harmonischen Molltonleiter. Geflucht wird nie öfter als einmal pro Woche: Rituell und in einer eigens dafür eingerichteten Ecke des Sicherheitsraumes in der häuslichen Umgebung. Übertroffen bzw. ergänzt durch eine meisterhaft, serielle Dialogfähigkeit, die jede Talkshow und speziell in medialen Nachbetrachtungen zu insbesondere Fußballspielen zu einer Art akustisch-verwobenen Knotenreise hochstilisieren. Nicht auszudenken wenn sich hierbei noch ein tendenziell belehrender Dünkel dazugesellen würde?!? Insgesamt betrachtet also ein allumfassendes stimmiges Mantra und Gesamtkunstwerk.

Ausgestattet mit diesem Rüstzeug betritt das Geschöpf die Lebensbühne. Doch beschränke man sich vielleicht erst einmal auf das diesbezügliche Straßennetz. Laut einer geflügelten Beschreibung, die längste und verzweigteste Arena des Globus. Davon hätten die Römer nicht zu träumen gewagt. Ben Hurs Wagenrennen wären seinerzeit sicher zu einer Art kriegerisch-epischen „Tour de France“ der Frühzeit mutiert.

Gewisse Grundregeln der Straßenverkehrsordnung gelten zumindest in der sog. westlichen Welt relativ einheitlich. Der Fahrzeuglenker an sich kennt hierbei viele Widersacher, die das Fahrvergnügen sagen wir mal, irgendwie beeinträchtigen können. Fahrradfahrer, Fußgänger, Rollstuhlfahrer, Rückwärtsfahrer etc. Ganz oben in dieser inoffiziellen Rangliste steht hingegen ein weltweit eher Geächteter seiner Zunft. Eine missliche Denunzierung einer Minderheit?!? Beweist doch dieser bei seinem Handwerkes, einen eindrucksvollen Einfallsreichtum, gepaart mit kursbezogener Unbeirrbarkeit, Mut und aufopferungswilliges Durchhaltevermögen. Auch durch die im unmittelbaren Einsatz ausdrücklich zu erwähnende charakterliche Nervenstärke angesichts dann zeitlich besehen, abnehmenden Alternativen?!?

Gewiss, er bricht untrügliche Vertrauensgrundsätze: Der Geisterfahrer. Besagter meidet Rudelbildung eher, agiert eremitisch bedingt, kommunikativ recht schwer fassbar, emittiert etwas sehr Intolerantes und weist in aller Regel tragischerweise einen etwas gebrochenen Lebenslauf auf. Zu seinen bevorzugten Jagdgebieten zählen Landstraßen und Autobahnen.

In Israel allerdings haben Biologen indes eine besorgniserregende Entdeckung gemacht. Eine urbane Unterart des eben Beschriebenen hat sich den örtlichen Gegebenheiten angepasst und lauert speziell in ungeteilten Richtungsfahrbahnen unaufmerksamen Zeitgenossen auf. Vorzugsweise am Straßenrand hinter ruhenden Fahrzeugen platziert, bedient sich diese subenergetische Spezies einer perfiden Hinterhalttaktik. Nur beim ursächlichen Einscheren aus der entgegengesetzten Fahrrichtung in eben diese beutemachende Tarnposition, ist sie kurzzeitig auszumachen. Anders als ihre Freilandverwandten schließen sich diese „sozialeren“ Mutanten zeitweise zu lockeren Verbänden zusammen und erhöhen so ähnlich wie Löwenfamilien ihre Fangquote (Gegen den Wind parken). Speziell als Radfahrer meint man mittlerweile bebend alle paar Meter die unheilvolle Titelmelodie vom Weißen Hai zu vernehmen. Vom „Hitchcock Biking“ ist vielerorts die Rede. In manchen Wohngegenden wurden sogar Polizeifahrzeuge in dieser auffällig-skandalösen Endposition bezeugt.

Gemeindebehörden kontrollieren penibel die Beachtung der Parkraumbewirtschaftsregelungen. Seltsam bleibt, dass dieses luvseitige deponieren seines StraßenKreuzers, demgegenüber praktisch unbehelligt bleibt!

Dieses Fehlverhalten hat mittlerweile ein derartig normativ-geduldetes Niveau erreicht, dass gewissenlos geschäftstüchtige Reisebüros sogar organisierte Touren in unübersichtlich-abgeschiedenen Siedlungsbereichen anbieten. Die gefahrengemäß zur Verfügung gestellte Schutzkleidung (gelenkbezogen bewegliches Ganzkörperabrollbügel aus epoxydharzverstärkten Materialverbundstoff im Karbonlook) wird bei Nachtfahrten für fortgeschrittene Teilnehmer noch durch eine Infrarotkamera erweitert.

Eine eilig ins Leben berufene Task Force (CSI-Ghostrider – City Street Investigation) aus erfahreneren Kriminologen, Verkehrspsychologen, forensischen Chemikern und Autoexperten bemühte sich nunmehr fieberhaft die genaueren Umstände zu erhellen, die zu dieser bedenklichen Sicherheitslage geführt haben.

Nach detailliert-landesweiter Spurensichtung, sowie ersten kriminologischen Laborergebnissen lassen sich die entsprechend ältesten, unerfreulich fahrverhaltensbelegenden Reifenspuren auf einen gewissen Nissim Matmutem Hafuch als Wageneigner zurückführen. Im Ballungsraum TelaVivum wurde im Nahbereich seiner Wohnstraße die deutlich höchste senkrechte Verdichtung sich überlagernder exakt gleichförmiger Kautschukablagerungen gemessen. Diese waren sowohl typengleich, aber aussagekräftig auch Kraftfahrzeugen anderer Bauart zuzuordnen. Meßtechnisch erfolgte das Auslesen der mikroskopischen Daten optisch ähnlich wie das, bei der Ermittlung der Altersdaten eines Baumes durch seine aufeinanderfolgenden Ringe. Die festgestellten Spuren ließen sich bis ca. ins Jahr 1985 zurückdatieren, was sich ungefähr mit den Daten der Erstzulassung des besagten Tatautos deckte. Der in Leicester gebürtige Herr Hafuch ist Maler und Grafiker, engagierte sich aktiv für die Entwicklung des Kunstverständnisses in der Bevölkerung. Im obergeschossigen Atelier des zur Zeit Flüchtigen fanden die Beamten eine Anzahl verstörender, zum Großteil nur halbfertige Bilder düsterer Hinterhöfe, tierischer Rückansichten, Buchrücken sowie bauchseitiger Darstellungen von PKWs. Die Befragungen im näheren Wohnumfeld des Delinquenten ergaben keine besonderen Auffälligkeiten. Er war recht zuvorkommend freundlich, grüßte Bekannte zumeist verbindlich, hielt kleine Schwätzchen, pflegte alle paar Tage mittags um die Ecke einzukaufen, saß zuweilen in einem Straßencafe und blickte teilweise stundenlang, regungslos ins Leere. Etwas auffällig erschien den Ermittlern lediglich, dass viele der jüngeren Befragten bei den Routinefragen ein vergleichbar, unterschwellig verschmitztes kaum wahrnehmbares Lächeln an den Tag legten, so als verbände sie alle etwas unausgesprochen-zustimmend Sympathisierendes?!?

Der Abschlussbericht mündete in der teilfaktischen Spekulation, dass dieses Parkgebaren besonders durch zufällige Umgebungsbeobachtungen adaptiert wurde und mit der Zeit sich juristisch folgenlos als Gewohnheitsrecht etabliert hatte. Hierbei breitete sich das Verhalten mit einer schwer bestimmbaren Geschwindigkeit teilweise stetig quasi viral aus, wobei nicht auszuschließen ist dass der allgemeine Liefer- und Besucherverkehr, dafür sorgten, dass ursächliche Kristallisationskerne gewissermaßen sprunghaft invasiv, auch in andere Landesteile getragen wurden. Es bleibt abzuwarten ob und wann sich ein verhaltenstechnischer Break-Even-Point einzustellen vermag oder gar das piratäre Standgebaren sich durchzusetzen imstande ist?!? Es wird spannend zu beobachten sein, ob dann sogar irgendwann die allgemeine Fahrtrichtung sich umpolt oder am Ende des Wandels ein chaotischer Mischverkehr die Fahrbahnmarkierungen faktisch zu einem wirbelnden Blechfluss auflösen wird?!?

Was existierte eigentlich zuerst? Der ParkPLATZ oder das Vehikel?!? Gleichwohl, ins Bewusstsein rückt es erst, seitdem die Parkoptionen zu PLATZEN drohten!

Die Jahrtausend währende direkte Willkür und Abhängigkeit seiner Gastgeber hat man hinter sich gelassen. Kein launischer Vermieter mehr, der jederzeit auf Eigenbedarf klagen kann und im Extremfall dafür verantwortlich zeichnet, dass man erst nach 40 Jahren Wanderung eine neue Wohnung findet und folgenah eines Eheweibes, das einen, ob des eingeschleppten Sandes, mit dem Strohbesen kreischend wieder hinausjagte.

Gegenwärtig lebt man eingepfercht innerhalb zutiefst beengter und stets zu sichernden Landesgrenzen. Eine Sardine in der Fischbüchse der sogenannten „großen“ Nationen. In der globalen vielgeschossigen Villa hat man sich in einer überwiegend fensterlosen Mansarde mit westlichem Seeblick gemütlich eingerichtet.

Für gewöhnlich werden ebene Flächen je nach ihrer Form mit Hilfe weniger kennzeichnenden Variablen formelmäßig erfasst. Für eine schnelle und vereinfachend-einprägsame Handhabung hat sich die Geschichte hierbei für eine eindimensional reduzierte Kenngröße entlang des 35. Längengrades entschieden. Dies entspricht dem praktisch vielzitierten Hinweis in Zügen, man solle sich während der Fahrt nicht nach Jordanien hinauslehnen (Ephraim Kishon).

Zwischen KindHide, Bar(Bat) Mitzwah, Militärdienst, Auslandsjahr, Reservedienst, Arbeitsleben und Restleben versucht man sich mit fluchender K.o.ntenance irgendwie in eben Letzteres hineinzuquetschen. Schimpfen, fauchen, geifern, wettern, zetern, schmähen, tadeln, verdammen, schelten und seitenfüllendes mehr ist in Israel weithin akzeptierte Gesprächsnorm. Man verwahrt sich keineswegs gegen solcherlei Attitüden. Man blafft zurück. So gewinnt man „Achtung“, gemeinsame Mahlzeiten und letztlich Freundschaften fürs Leben, ob der dargebotenen Ehrlichkeit! Für das amerikanisch-westliche, sympathieunabhängige „Nice to meet you“ verschwendet man kaum Zeit. Trotzdem bleibt langfristig irgendetwas traditionell Kulturelles kompensatorisch auf der Strecke. Wo nur?!? Diese seelische Zwangsdiät auf Raten, diese verhältnismäßige Einschnürung des moralisch Ererbten muss sich doch irgendwo entladen?!? Wo bleibt dieses wOrt, dieser „Moment“, in der 5778 Jahre des zwanghaft versteckten Stolzes sich entladen können?!?

So wie in dem mittelalterlichen Schlachtenepos „Braveheart“, der das kurze und furchtlos gelebte Leben des schottischen Freiheitskämpfers William Wallace beleuchtet und in dieser 500 000 Volt Szene gipfelt, wo Mel Gibson kurz vor dem tragisch nachgestellten Verlöschen dieser bewundernswerten Existenz, alles Streben in diesen einen markerschütternden Schrei nach Freiheit bündelt.

Es ist diese tief verwurzelte unbewusste Gewissheit, dass Vorfahrt ein individuelles Geburtsrecht ist und nicht Teil einer dezidierten allGemeinen Straßenverkehrsordnung. Im Kern mag dies als praktiziertes Computerspiel, einen inneren Ausweg darstellen, der das Autofahren allerdings zu einer Art Krieg mit anderen Mitteln verwandelt, zu kurzfristig ramboöser Befriedigung geleitet und hilft ansatzweise gewisse Frustrationen zu eliminieren… Ist dieses „Wissen“ indes in allen verankert, ergeben sich gewisse praktische Durchsetzungsproblematiken. Ungeachtet dessen potenzieren sich die „Möglichkeiten“. Das Universum vibriert:

Viele Arbeitsplätze werden generiert bzw. gesichert, der Wohnungsmarkt belebt. Bereits geleistete Rentenversicherungsbeiträge fließen der Allgemeinheit zu und das pro Kopf basierte Besteuerungsvolumen und damit die Staatseinnahmen, sinken. Gerichtsbezogene Aktenberge erreichen ungeahnte Höhen und Floristen können vermehrt pietätvoll schickliche Gestecke zusammenstellen. Parkähnlich Erinnerungsstätten werden zudem verstärkt frequentiert und müssen gepflegt werden. Auch die Hausarbeit erfährt spürbare Impulse: Zerrissene Hemden müssen nicht zwangsläufig gewaschen und gebügelt werden!

Fußgänger, als weiche Verkehrsteilnehmer, haben auf ampelfreien Kreuzungen und Fußgängerzebrastreifen das unbedingte Überquerungsvorrecht. Man muss also unbedingt halten und warten, bis der Weg wieder frei wird. Vor der Kreuzung soll man unbedingt die Geschwindigkeit reduzieren. Halten?!? Geduld?!? Fahrer respektieren dies natürlich?!? Den Zweibeiner am rechten oder linken Fahrbahnrand seitlich im Blick wird zügig beschleunigt. Die Erblast erhöht messbar, körperlich rechtsseitige Gravitationskräfte. Die Wagenkontur morpht schmelzofenartig, lebt zischend auf, streckt sich aerodynamisch. Effektive Zusatzaggregate erscheinen. Auch fahrerseitig geht eine sichtbar Veränderung vor sich. Das Körpervolumen schwillt unheilvoll im Takt des lebensspendend-verstärkten Pulshammers rapide an. Schon mal dem instinktgesteuerten „Hulk“ beigewohnt?!? „Zwei Stunden“ bevor der „nichtsahnende“ Passant auch nur in die Nähe der Gehwegsgrenze gekommen wäre, hat unser Gammamutant die Stadt bereits hinter sich gelassen. Zu jedem Zeitpunkt ging es natürlich vordergründig und selbstverständlich nur darum, eine sichere Passage zu gewährleisten?!?

Gehirnstrommessungen am Technion Haifa mit in Fahrsimulatoren agierenden Menschen, haben hierbei ergeben, dass das charakteristische hell-dunkel Muster eines Zebrastreifens ähnlich wütende Erregungs-zustände auszulösen vermochten, wie das grafisch ähnliche Muster von Gitterstäben, bei länger Inhaftierten?!? Ein bedingter Reflex also, dem man faktisch hilflos, da reizbedingt ausgesetzt ist… Die Gesellschafft muss jetzt handeln. Ein erster Ansatz des Verkehrsmysteriums sieht vor, durch anthrazitfarbene Streifen auf dunkelgrauem Hintergrund der Gestaltung der Fußgängerschutzwege eine tendenziell dezentere, deeskalierendere Note zu geben?!? Der Interessenverband überlebender Fußgänger protestierte gegen diesen im Kern unüberlegten Aktionismus. Der Jubel unter den motorisierten Blechmatikern war ungeachtet dessen überschwänglich. Vor dem Parlamentsgebäude wurde aus dutzenden von Benzinschleudern eine kreisförmige Wagenburg gebaut. Inmitten loderte ein riesiges Lagerfeuer, das sich gegen den klaren Nachthimmel kontrastreich wie ein riesiger mahnender Finger erhob. Schemenhafte zuckende Silhouetten tanzten ausgelassen, karnevalartig auf den Dächern. Einige Hunde jagten bellend eine verirrte Katze. Arhythmischer a CARpella Gesang aus gurgelnden Kehlen vermischte sich mit den metallenen Klackern von Schuhsohlen und vervollständigte die etwas gespenstische Gesamtatmosphäre einer etwas deplatziert anmutenden Wallpurgisnacht. Gegrilltes verbreitete eine eher unpassend einladende Duftnote. Hora et labora!

Eines muss man diesen Tunneläugigen zu Gute halten: Sie agieren nicht gerade im nebulös-dämmernden Ambiente, Morgentau atmender, verschlafen-geräuschloser Außenbezirke… Was der Judikative die Exekutive ist, ist ihnen ein werkseitig zur Verfügung gestelltes akustisches Durchsetzungswerkzeug. Die wortlose Symbiose aus dem überschäumend-inneren Schmähpotenzial („Beim SchimpFan vergeht die Zeit wie im Fluch“) und dem Schofar: Die Hupe.

Die geflügelte Vorstellung eines Hupkonzerts führt hier indes zu recht abwegigen Assoziationen. Bei einem klassischen Konzert verweilt man idealerweise etwas verzückt gegenüber einem einnehmenden Sänger oder einer brillierenden Diva, einem gleichsam Schwingen bildenden Orchester und seinem Dirigenten. Nicht einer Heerschar selbsternannter zu allem bereiten sKapellmeister, einer Art jüdischen Frühlings. Was quasi wie ein zart-ästhetisches, akustisches Blinken morsender „Glühwürmchen“ beginnt, mündet in eine nahezu synchron tutende Tsunami Fanfare, die unausweichlich die Atmosphäre einer probealarmbezogenen Zivilschutzübung dauerhaft aufrecht erhält. Ohrenbetäubendes Stalking.

In grenznahen Siedlungen der Nachbarländer entsteht dort derweil immerhin ein geographisch fixierter, sicherheitsrelevant-pufferender Abstandsaum. Diese massenhaft fluchtartigen („Pompeji“) Abwanderungen sorgen auch dafür, dass deren Gesamtinlandsnachfrage nach Wohnraum unter massiven Druck gerät. Puristisch betrachtet bleibt zu konstatieren, dass in unserer und undifferenziert lauten Welt die Freude am reinen unverfälschten Ton an sich, etwas vergessen wurde.

Alles in allen ein viel zu lange anhaltender, relativer Frieden?!? Man verkommt so schleichend zu Stockholmsyndrom geplagten. Aneinander gekettete lästernde Opfer-Geisel-Hybride im Längengraduniversum… Über sechs Millionen stachelige Fremde aus 12 Stämmen mit drei bis vier Nachnamen?!? Verdammt! Naja! Eine Schicksalsgemeinschaft von eher individuell eingestellten Mikronationen. Nicht lieblos, durchaus geschichtsbewusst aber auch immer etwas hämisch: Na-Zion?!?

Jede Entscheidung fällt somit noch privater aus, als im Rest der Welt. Autofahren ist ja theoretisch betrachtet eigentlich auch notwendige Abstimmung. Jede leidige Unabwendbarkeit ist das Vorprogramm zum Gesetz. Wer hier braucht also eine 614. Lebensregel?!? Was macht also ein programmatisch lärmender Parkpirat, der beiläufig erwähnt, Abstandswahrung als persönlichen Territorialverlust wertet?!? „Er“ folgt seinem 11. Gebot (Moses war nochmals zum Berg Sinai zurückgeeilt, um ein paar zukunftsrelevante Durchführungsbestimmungen nachzureichen). Du sollst nicht blinken. Blinke nur im höchsten Notfall und selbst dann, wenn überhaupt, möglichst später NACH der Richtungsänderung… Sehr viel später! Nach ca. 30 Minuten gilt die Privatsphäre als tendenziell gesichert. Nachfolgende Fahrzeugströme werden so zusätzlich effektiv verwirrt. Aktive Informationsübermittlung schadet ja nur der eingekeilten Fahrkonzentration. Gesichtsfeldmessungen haben hierbei eine wahrnehmungstechnisch eher superteleobjektive Augenwinkelspezifikation ergeben. Mobile Tunnelphilosophie, quasi Tabu-la-Raser?!?

An einigen Automobilfirmen sind diese landesspezifischen Eigenheiten nicht unbemerkt vorübergegangen. Einige ihrer namhaften Designer haben speziell für den hiesigen Markt grautönige Entwürfe von Hightech-Karossen vorgelegt, die zumindest eine völlig lichtlose Rückpartie andenken: „Man muss demokratischen Herausforderungen radikal entgegengehen: De- statt nur Mobilität“. Eine extreme 360° Scheibentönung und allseitig und spießartig ausfahrbare Abstandshalter runden den Tarnbomber ab. Das Militär hat bereits Interesse an dem „Stealthmobil“ bekundet. Renommierte Hochschulschmieden in Pforzheim, London und Pasadena haben diesem umwälzenden Entwurfskonzept visionäre Aspekte beigesteuert.

Indien war 2014 das Land mit den meisten Verkehrstoten weltweit. Durchschnittlich etwa 135.000 Menschen sterben jedes Jahr auf den Straßen des Landes mit rund 1,3 Milliarden Einwohnern. Erst ab dem Jahr 2060 wird man dann hierzulande vielleicht dazu übergehen müssen, die Aufnahme der Geschöpfe dieses Landstrichs in die Liste bedrohter Arten, als etwas überholt, überdenken zu müssen?!?

Statistiken müssen natürlich mit einem gewissen sorgfältigeren Vorbehalt genossen werden. In dem gewählten Themensegment müsste man sinnvoller Weise danach differenzieren über welches durchschnittliches Einkommensniveau die Länder verfügen, wie groß die tatsächlich vorhandene Pkw-Flotte ist, dem Zustand des Straßennetzes nachgehen, welche jeweilige regelnde Gesetzgebung am Werk ist etc. Relative Angaben wären sicher aussagefähiger als die eben ad absurdum führenden Absoluten…

2017 hatte Thailand mit 36 Verkehrstote / 100 000 Einwohner weltweit den „Spitzenplatz“. Israel wurde hierbei mit „lediglich“ knapp einem Zehntel dieser bedauerlich hohen Zahl der Verschiedenen, nur von einer handvollen Ländern unterboten. San Marino und Monaco hatten konsequenterweise keinerlei Verkehrstote. Ähnlich wie der Mond.

Der Wert eines sinnlos vergeudeten Lebens wird durch keine Statistik annähern richtig erfasst. Die Einflussnahme einer ungesunden Lebensart als allgemein spürbarer Stressfaktor und der daraus potentiellen Einwirkung auf eine Sterblichkeitsrate taucht heutzutage ohnehin kaum in Statistiken auf…!

Aus höchsten administrativen Behördenstellen ist jetzt ein Arbeitspapier aufgetaucht, das völlig neue Wege nahelegt, um die bedenklichen Perspektiven zu abzumildern. Hierzu soll ein eigens dafür angedachtes Berufsfeld ins Leben gerufen werden. In Vereinigten Königreich gibt es „das“ bereits in willkürlicher Eigenernennung im privaten Sektor. Jedem Fahrzeuglenker sollen bei längeren Fahrten als 5 Kilometer, ein (sogenannte)r Kuscheltherapeut(in) zur Seite gestellt werden.

Das Berufsbild sieht eine gestaffelte zehnjährige Schnellausbildung in geschichtsorientierter Nationalkunde, physio- und psychotherapeutische Intensivschulung, internationalen Kriegskunstlektionen mit anschließendem Feldpraktikum, komödiantisch-humoristische Situationsbewältigungsstrategien, Grundlagen der Narkoseeinleitung sowie einige noch nicht näher umrissene Fertigkeitsanforderungen vor. Es ginge um eine einfühlsam bestimmende Einwirkung in der Arena, um Eskalation im Keim zu ersticken…

England hat unlängst sein Einsamkeitsministerium vorgestellt, Island leistet sich eine Elfenbeauftragte. Die Vereinigten Arabischen Emirate beschäftigten eine Glücksministerin, während im Königreich Bhutan sogar die Förderung des „Bruttonationalglücks“ und mithin das Wohlbefinden des Volkes durch Schaffung angemessener gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, oberste Priorität besitzt.

WARUM ALSO NICHT?!?

Was ist der Mensch? Die Summe seiner über GENerationen hinweg, zweiseitig erhaltenen Genmischung, die ihn in Aussehen, Charakter, Krankheiten und Alter noch vor der ersten formlosen Zellteilung definiert?!? Im Jahre 2000 wurde der Welt das dechiffrierte menschliche Genom dargeboten. Entschlüsselt die Kenntnis von einem Text mit drei Milliarden Buchstaben-Paaren aus vier sogenannten biochemischen Lettern wirklich schon das Geheimnis?!?

Es ist eher noch so, als kenne man die Namen aller Erdbewohner, ohne de facto zu wissen wie sie alle leben, wer wen wie kennt und wie sie interagieren. Das bisherige Wissen ging von einer strikten äußeren, „harten“ und unveränderlichen Vererbung der DNA aus. Wir sind aber doch weitaus mehr als die Summe unserer Gene (Darwin vs. Lamarck). Umwelteinflüsse wie unserer genereller Lebensstil (z.B. Ernährung, Krankheiten) nehmen eine wichtige Rolle bei einer tatsächlich existierenden inneren „weichen“ Steuerung unseres Erbguts ein, indem sie Gene ein- oder ausschalten kann!

Darüber hinaus konnte man mittlerweile nachweisen (Zwillingsforschung, Fliegen, Mäuse, Bienen), dass nicht nur die „harte“ DNA selbst vererbt wird, sondern eben diese veränderten Instruktionen am Genmaterial, die sich über das ganze Leben hinweg in unseren Zellen ansammeln, zur Regulierung der Genexpression der Nachkommen beitragen!

D.h. Zusatzmechanismen schaffen eine neue Informationsebene auf dem Genom – das Epigenom (epi: griech. auf). Gelebtes Leben hinterlässt Spuren im Erbmaterial und überschreitet die „Grenze“ der Generationen (Epigenetik)…! Erbarmen!

Manchmal bedarf es wie beim erfolgreichen Home-Run-Kick im BASEball üblich, einer langen, möglichst einige Male schemenhaft planend, angedeuteten Ausholbewegung. So kann es hier vielleicht gelingen einen halbversöhnlichen BoGEN zu schlagen: Wenn also Traumata nicht nur für seelische Narben sorgen können, sondern Wundmale sich auch im „Gästebuch“ des Erbgut verewigen können, was kann das für Familiengeschichten oder gar ganze Völker bedeuten?!? Vorzugsweise z.B. wenn erheblich belastende Umstände sich über Jahrhunderte zu wiederholen pflegen?!? Ein nähnadelgroßer Klöppel klopft somit auf eine globale Glocke… Das wird kaum eine Schwingung auslösen, aber es bleibt ein Anstoß, der über den Tellerrand einer rhetorischen fRage hinausreicht…! Vibration!

Gibt es eine unsichtbare bzw. mikrokausale Hinterlassenschaft aus 30 Jahre Kolonialismus der Briten in Palästina, nachdem sie zu ihrem Linksverkehr auf die Insel zurückkehrten?!? Pulsieren modifiziert-gespiegelte Parkgene in „einem“ an und für sich wohlgenormten, harmlos-verzweifelt sich innerlich wehrenden Asphaltzombie?!? Für Kuscheltherapeuten erwächst hier dann eine investigative Zusatzaufgabe…

Vermutlich aber überholt sich die technisierte Entwicklung zum Leidwesen freigeisTiger Sprithebräer bald selbst. Denn die Zukunft klopft nicht nur an, sie hat die Tür bereits aufgestoßen. Während hier jetzt noch von Gesetzgebung und einheimischen Eigensinn seiner fahrenden Widersacher die Rede ist, entsteht bereits das proaktive nur noch teilautonome Cockpit, das mit Infrarotsensoren und Computertechnologie jede Ablenkung, Müdigkeit oder anderes Fehlverhalten in Echtzeit erkennen kann und Gegenmaßnahmen einleitet. Hierzu hat sich „eyeSight Technologies“ (führender Anbieter in Human Machine Interface und computergestützte Aufmerksamkeitserkennung) aus Herzliya mit „SEAT“ (Teil des VW Konzern) zusammengetan und Ende Februar in Barcelona sein funktionierendes concept car auf dem Mobile World Congress vorgestellt… Hallelujah!

Bevor die Gallier überzulaufen droht oder gar der Vorwurf sich erhärtet, da wäre Obenix, besteht die Zuversicht dass trotz der ewigen Leier, das Dargelegte so fesselnd war, wie ich jetzt baumseitig am höchsten Asterix.

TrueBadix ft. Minengesang


Barak Kende, 46 Jahre besuchte einige Male Israel privat.
 

Wenn ich an Israel denke, denke ich an die Cohens Nelly, 16 Jahre, Mai 2018

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Wenn ich an Israel denke, denke ich an die Cohens. Ich denke nicht an die Klagemauer, sondern an die Urlaube bei ihnen in Tel Aviv. Würde man die Cohens nicht kennen, würde man denken, dass sie selbst Touristen in Israel sind. Es ist sehr lustig, wie sie immer mit dicken Schichten Sonnencreme, großen Hüten und Sonnenbrillen herumlaufen. Sie sind immer perfekt vorbereitet, haben ihren Rucksack dabei und bieten uns immer ein perfekt durchgeplantes Programm. Von ihnen habe ich viel über die israelische Kultur gelernt. Über Yom Kippur, wo alle Straßen leer sind. Wir haben am Weizman Platz gewohnt, einem großen Kreisverkehr, auf dem Kinder mit dem Roller im Kreis gefahren sind. Als Freunde von den Cohens trotzdem das Auto nahmen, haben manche Kinder sie mit Steinen beworfen. Oder natürlich Pessach, als die ganze Familie zu Besuch war. Die Cohens haben das nicht so durchgezogen, wie das eine religiöse Familie machen würde. Sie haben nur zwei, drei Sachen aus der Haggada gelesen, nicht das ganze Buch. Der religiöse Touch war zu spüren, aber da die Cohens religionskritisch sind, haben sie auch ihre Witze gerissen. Es war eine Familienfeier wie für uns Weihnachten. Mit ihren Kindern komme ich hervorragend klar. Sie sprechen extrem gutes Englisch. Anders als in Frankreich oder Spanien, wo viele junge Leute gar kein Englisch können, lässt sich die Sprachbarriere zu ihnen leicht überwinden. Es gibt sicherlich Unterschiede, aber sie lassen sich nicht verallgemeinern. Wie ich aus dem Umfeld von Micky und Liat Cohen erfahren habe, sind sie stärker engagiert als wir. Liat geht mehrmals im Monat zu einer Art Pfadfindergruppe, die sich sehr um soziale Dinge kümmert. Auch mit der Schule sind sie jedes Jahr im Sommercamp. Micky war in irgendeinem Labor oder Forschungsinstitut, was ganz normal ist. Natürlich machen sie das auch, damit sie in der Armee einen besseren Job bekommen. Das ist ein anderer Ansporn als bei uns. Früher dachte ich immer, dass alle wirklich mehrere Jahre lang richtige Soldaten sind, aber es gibt da viel mehr Tätigkeitsfelder. Wenn man später in der IT-Branche arbeiten will, dann ist die Armee beispielsweise der beste Arbeitgeber. Dennoch ist es schlimm, dass man gezwungen wird, drei Jahre (als Junge) oder zwei Jahre (als Mädchen) in die Armee zu gehen. Natürlich hat das mit der Geschichte von Israel zu tun, aber ich könnte mir gar nicht vorstellen, nach der Schule mehrere Jahre nicht machen zu können, was ich will. Wenn man gar nicht an das Konzept von Armee und Waffen glaubt, ist das eine Beschränkung. Ich habe zwar keine Angst bei ihnen wahrgenommen, aber sie freuen sich auch nicht darauf. Sie nehmen es als normal hin. Man sieht ja auch dauernd in der Stadt Soldaten, damit wachsen sie auf. Ansonsten haben wir auch viel über Musik geredet. Sie sind große Beatles-Fans wie ich und musikalisch sehr begabt. Micky hat ein absolutes Gehör und Liat spielt Klavier. Ich spiele auch Klavier, aber bei weitem nicht so gut. Ja, Ich verstehe mich gut mit ihnen. Es ist eine Art Freundschaft, auch wenn wenn wir uns nicht so gut kennen, dass wir alles miteinander teilen.


Nelly Dorrmann, 16 Jahre
lebt in Berlin und verbrachte privat Zeit in Israel.

Der Teufelstritt Yarden, 32 Jahre, Mai 2018

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Nach dem Abheben des Flugzeugs in Tel Aviv sieht Scha’ul, wie die Orte Or Jehuda, Hiriya und der Westen von Rischon le-Zion in die Ferne rücken. Von oben wirkt alles ähnlich – die Müllberge, die Wohngebiete und die neureichen Villen. Alles ist ihm in gleichem Maße fern. Am Himmel ziehen Wolken auf. Bevor er dazu kommt, Tel Aviv aus dem Flugzeugfenster zu betrachten, erstreckt sich unter ihm schon das Mittelmeer, leise und transparent. Die Ethik der Rückenlehne bleibt ihm ein Rätsel, sodass er den gesamten Flug über aufrecht sitzen bleibt, sich einen amerikanischen Jugendfilm ohne Ton ansieht. Nach einer Stunde wacht er mit Nackenschmerzen und einem bitteren Geschmack im Mund auf. Er bestellt eine Dose lauwarme Cola Zero, leert sie in langen Zügen, wobei ihm auffällt, dass die Rezeptur sich von der israelischen Variante leicht unterscheidet – der künstliche Süßstoff ist deutlich weniger zu schmecken.

„Warum München?“, hatte jeder gefragt. Was hätte er darauf schon entgegnen sollen? Dass er es macht, um nicht aus Versehen zu heiraten und nach Pardes Chana, in das unglaublich langweilige Hippie-Paradies zu ziehen? Dass er das Gefühl hat, dass Tel Aviv ihn erdrückt? Dass er vergessen hat, welche Musik er mag? Was ihn zum Lachen bringt? Und dass ihm, sollte er bei seiner Entlassung aus der Armee oder zu Beginn des B.A.s je Träume gehabt haben – bei seiner Arbeit im Café nicht mal eine schwache Erinnerung daran geblieben war? Dass er das Gefühl hat, in einem Fass schwarzen Kaffees zu ertrinken. Und dass dieser Kaffee immer dickflüssiger wird, desto mehr er darin rührt, die gleichen Leute, die gleichen Gespräche, Jahr für Jahr?

Eigentlich meinten sie: „Aber wieso nicht nach Berlin?“ Und was hätte er darauf antworten können? Dass er nicht schon wieder in „die große Stadt“ will, in der sich angeblich alles und doch nichts ereignet? Dass er Bedenken hat, sich in einer Clique ausgewanderter Israelis wiederzufinden, um sich auch darin zu verlieren? Dass er den möglichen Absturz, d.h. den sicheren, abmildern und in eine verschlafene, sanftere Stadt verlagern will?Dass ihm hier fast nichts geblieben war? Fast, das heißt, außer seiner Schwester, Rona.

Sie hatte darauf bestanden, ihn mit Mann und Sohn zum Flughafen zu eskortieren. Zusammen hatten sie dort, im „Café-Café“ gesessen. Er hatte ein Ziegenkäse-Sandwich und einen großen Americano mit warmer Milch im Kännchen bestellt. Nachdem der Kaffee ein wenig abgekühlt war, hatte der Junge, versehentlich oder auch nicht, das große Glas mit dem Kaffee umgeworfen. Die Hälfte davon war auf den Boden geflossen und sein erschrockener Schwager hatte auf den nassen Stellen Servietten übereinandergeschichtet. Urplötzlich hatte Rona sich auf Scha’ul gestürzt.
„Mein kleiner Bruder“, hatte sie geflüstert, aber er hatte sich gefühlt, als wäre er ihr Sohn. Er war nur vier Jahre jünger als sie. Er vergaß seine Verlegenheit und überließ sich für einen Augenblick ihrer alles verschlingenden Umarmung, roch den Duft des Parfums an ihrem Hals. Er dachte an die Reihe von Frauen, die in den letzten Jahren nacheinander aus seinem Leben verschwunden, in den Abgrund des Vergessens gestoßen worden waren, von der Mutter bis zu den Freundinnen oder dem Schatten der Schatten seiner Freundinnen. Dieses riesige Vakuum füllt der Körper einer hageren Frau aus, die keinesfalls vorhat, ihn in München in Ruhe zu lassen.

**

Nun im Flugzeug steckt er die Hand in seine Hosentasche und umschließt mit festem Griff beide Pässe, den israelischen und den deutschen, und denkt an sein Architektur-Studium, das er bald an der TU München beginnen wird, mit Kindern unter Zwanzig, auf deren Abiturzeugnis die Tinte noch nicht trocken ist und die Italienisch, Spanisch, Deutsch und Englisch als Muttersprache haben. Gebäude. Er wird Gebäude entwerfen. Wird den Horizont mit Gebäuden und auch mit Brücken, Bahnhöfen, Spätverkäufen, Tankstellen, Mülldeponien füllen. Kein Fleckchen Erde wird er unbebaut, frei von Zement lassen.
Ankunft auf dem Münchner Flughafen. Wenig später erblickt er auf dem Bahnhof unverhofft den schlaksigen Steward. Er ist etwa Mitte Vierzig, hat wässrige, tief eingesunkene Augen und ist elegant gekleidet. Bestimmt fährt er in sein Hotel, um morgen wieder an Bord zu gehen.
Der Steward wirkt zugehörig und fremd zugleich. Er strahlt eine Ruhe aus, die für frisch gelandete Touristen untypisch ist, hält jedoch den Griff seines Koffers fest, als befürchte er, ihn zu verlieren.
Scha’ul fragt sich für einen Moment, wie er wohl auf andere wirkt, die ihn anschauen, falls es überhaupt jemanden gibt, der den zwar attraktiven, allerdings durchschnittlich großen Mann in solider Kleidung beäugt?

***

Am Sonntag geht er in die Stadt, steigt an der U-Bahn-Station der Universität aus und wird mit dem Menschenstrom in den Englischen Garten geschwemmt. Die Leute sind auf dem Fahrrad und zu Fuß unterwegs. Sie schleppen volle Kästen mit Augustiner-Bräu. Die gesamte Stadt zirkuliert um den weitgefächerten, wilden Park, ergießt sich mit den Surfern in den Eisbach, dem stürmischen Becken ganz in der Nähe vom Haus der Kunst. München erkennt seinen guten Teil an, feiert ihn. Im Stillen denkt er, wie sehr es sich von Tel Aviv unterscheidet, das dem Strand den Rücken zudreht und wo Stadt und Strand durch die bedrückende Hayarkon-Straße und die Hotel-Promenade voneinander abgeteilt sind. Er streckt sich auf dem Rasen aus, kühlt seine Beine im Bach und erblickt über den Baumwipfeln die beiden runden eigenartigen Türme der Frauenkirche, die ihr den Anschein einer Moschee verleihen, die außer Kontrolle geraten ist.
Am nächsten Tag in der U-Bahn, auf dem Weg zum ersten Studientag begreift er, dass er kaum mit jemandem gesprochen hat, seit er vor einer Woche hier angekommen ist. Nur rein praktische zweckgerichtete Konversation – „Ich hätte gern“, „Darf ich fragen?“ Hier und da ein Kopfnicken oder Stöhnen, Silben und Ansätze von Silben. Er betritt an der Station Sendlinger Tor die öffentliche Toilette, schließt sich in eine Kabine ein und sagt leise einige simple, beängstigend banale Sätze zu sich, nur, um die eigene Stimme zu hören:
„Ich bin Scha’ul.“,
„Wie geht’s?“,
„Gut, danke für das Interesse.“

Als er die Toilette verlässt, rennt er zur U-Bahn, die quietschend hält, steigt ein, ohne auf die Nummer der Linie zu achten und fährt in den Norden der Stadt, in die entgegengesetzte Richtung der Uni. Er versteht, dass er erst an der Station vom Olympischen Dorf in die Linie umsteigen kann, die ihn zurückbringt.

Ihm gegenüber sitzt ein Mann mit markanten Gesichtszügen, hoher Stirn und hellen Augen. Er trägt ein offenes kariertes Flanellhemd, darunter ein weißes Unterhemd und riecht nach Alkohol. In den vergangenen Tagen hat Scha’ul eine neue Variante von Rassismus bei sich ausgemacht – nicht die offensichtliche, hervorstechende Abscheu, die sein Anderssein auslöste, sondern die Schwierigkeit, die Subjektivität des Nicht-Israelischen in seiner Gänze anzuerkennen. Wenn jemand das Café betreten hatte, wo er Barmann gewesen war, hatte er binnen einer Minute über denjenigen etwas in Erfahrung gebracht. Manchmal hatte er einen Gesprächsfetzen oder die Art seines oder ihres Ganges mitbekommen. Manchmal war es ihm geglückt, den keuchenden Jungen zu erkennen, der beim Fußball auf dem Bolzplatz seines Viertels über die eigenen Beine gestolpert war und der sich nun hinter einem Bart und einer modischen Sonnenbrille verbarg und hier – nichts dergleichen. Die Menschen waren für ihn ein unbeschriebenes Blatt, ausgenommen die am Ende der Skala: die auf extrovertierte Weise Präsenz demonstrierten, die die coolen Freaks spielten, wobei sie auch ihre Sonderbarkeiten oder sozialen Schwierigkeiten verrieten – diejenigen konnte er leicht ausmachen.

Auf einmal murmelt der Mann gegenüber in monotonem stetigen Ton etwas auf Bayerisch und lässt sich weder von den Lautsprecheransagen, die im Waggon ertönen noch anderen Geräuschen stören: einem angeregten Gespräch, dem Weinen eines Babys, Musik aus Kopfhörern. Das wiederholte hartnäckige Gemurmel in der fremden Sprache dringt in Scha’uls Ohren wie ein Gebet oder engelhafter Psalm in der Kirche oder auch der Marsch eines Regiments, das in den Krieg zieht.
Auf seinem Smartphone leuchtet eine WhatsApp-Nachricht von Rona auf, die heute natürlich nicht die erste Nachricht von ihr ist: „Scha’uli, wie geht’s? Ich habe gehört, dass es auf dem Düsseldorfer Bahnhof eine Messerattacke gegeben hat. Bist du okay?“
„Düsseldorf ist 600 km von hier entfernt, Rona. Das ist ungefähr so, als würde ich mich wegen des Krieges in Aleppo nach dir erkundigen“, kontert er.
„Okay, ich mache mir einfach Sorgen um dich.“ Um ihn milde zu stimmen, hatte sie das Emoticon eines blauen Herzens hinzugefügt.
Auf die letzte Nachricht geht er nicht ein. Er schließt WhatsApp und schaut bei Tinder vorbei – schiebt Dutzende Bilder nach rechts und links, vor allem nach rechts, um seine Favoriten zu bestätigen – er ist nicht in der luxuriösen Situation, wählerisch zu sein. Plötzlich leuchtet eine Übereinstimmung mit einer Brigitte auf, die 25 Jahre ist und beim Roten Kreuz arbeitet. Er scrollt durch ihre Fotos und stößt auf einen englischsprachigen politischen Aufruf: „From Palestine to Mexico – All Walls Must Fall.“
Mit der läuft’s bestimmt bestens, lächelt er in sich hinein.
„Where are you from?“, erwidert sie auf seine erste Nachricht.
„I am from the Middle East“, schreibt er zurück und ist mit seiner Antwort zufrieden. Der sonderbare Typ setzt sein melodisches Gemurmel hartnäckig fort. Er will bereits zu einer nächsten Bemerkung ausholen, als er zu seinem Erstaunen sieht, dass Brigitte vom Display verschwunden ist. Auf einmal scheint ihm, dass er seine monotone Melodie aus den Deutschstunden an der Tel Aviver Uni hört. Schwarze Milch … wir trinken sie morgens … . Das kann nicht sein, denkt er, das liegt bestimmt am Schlafmangel. Ohne darüber Gewissheit zu haben, steht er auf und steigt zu früh aus. Der Typ drängt sich beim Aussteigen an ihn und Scha’ul drückt ihn, ohne sich etwas anmerken zu lassen, mit der Schulter ein wenig von sich weg.

***

Er ist am Marienplatz. Geht an den Touristenschwärmen vorbei, die sich vor der dummen Uhr des Neuen Rathauses versammeln, das sich als gotisch ausgibt, aber vor weniger als hundert Jahren erbaut wurde. Dann spürt er urplötzlich, wie ihn seine Beine zur Kirche mit dem Dach aus roten Ziegelsteinen tragen. Er steht am Eingang, blickt auf den Teufelstritt im Beton und erinnert sich an die Geschichte der Stadtführerin bei dem Rundgang am Tag nach seiner Ankunft. Das ist der Fußabdruck des Teufels, der mit dem Architekten der Kirche einen Pakt schloss. – Er versprach, das Geld für den Bau unter der Bedingung zu beschaffen, dass sie fensterlos bliebe. Der schlaue Architekt lud den Teufel ein, um die Errichtung des Baus zu verfolgen und sorgte dafür, dass von dem Aussichtspunkt auf den Treppenstufen, wo der Teufel sich niedergelassen hatte, die Fenster nicht zu sehen wären. Scha’ul setzte seinen Fuß in den Betonabdruck. Auch er vermochte nicht die Andeutung eines Fensters zu sehen. Nur die Türme der Kirche ragten über ihm, stachen in den Himmel. In einen Kurs würde er es heute wohl nicht mehr schaffen.

Übersetzung aus dem Hebräischen: Ulrike Harnisch


Yarden Ben-Zur, 32 Jahre war 2017 für ein Austauschsemester in München.

Ein Tag hier, ein Tag dort Tomer, 34 Jahre, Mai 2018

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7.2.18

„Sitzen, bitte“, murmele ich und mache meinen Platz in der warmen überfüllten Tram frei. Der alte Opa lächelt mich an und sagt etwas, das jenseits meines Verständnisses der deutschen Sprache liegt oder zumindest sagt er es nicht in der erforderlichen Langsamkeit. Seiner Frau war es gelungen, in der Sitzgruppe auf der anderen Seite des Gangs einen Platz zu ergattern und die beiden lächeln sich an.
„Mein Opa ist gestern wieder ins Krankenhaus“, sage ich zu Shani, die sitzt. Sie blickt von ihrem Smartphone auf: „Ach, schon wieder? Wie das denn?“, erkundigt sie sich.
„Er hat wieder diese Flüssigkeit in die Lunge bekommen, das passiert immer wieder und bei jedem Mal macht es ihm mehr zu schaffen.“
Die Tram hält und leert sich beträchtlich. Der Alte erhebt sich langsam und lächelt mich an. Was mag er während des Krieges gemacht haben? Diese Frage stelle ich mir jedes Mal, wenn ich hier einen alten Mann erblicke. Die Tram setzt sich in Bewegung. Er macht einige Schritte und wechselt auf den freien Platz neben seiner Frau.
„Lohnt sich nicht“, sagt Shani, als ich mich hinsetzen will. „Wir steigen gleich aus“, sie steht rasch auf und steckt ihr Handy in die Tasche. „Komm.“ Wir stellen uns an die Tür. Die beiden Alten schauen hin und wieder zu mir und lächeln.
„Steht man hier für die alten Leute nicht auf? Sie freuen sich doch so sehr“, erkundige ich mich bei Shani und versuche nun, da ich schon zehnmal nett genickt habe, den Blicken der beiden auszuweichen.
„Keine Ahnung, darauf habe ich nicht so geachtet.“
Die Straßenbahn hält und wir springen raus. „Was soll die Scheiße?“, rutscht es mir schrill heraus.
„Das ist total unklar. Aus irgendeinem Grund ist es in dieser Straße immer kalt“, antwortet Shani und wir vergraben uns in den Klamotten. Nach einigen Schritten stecke ich meine Hand in ihre Manteltasche. Das ist momentan das Dichteste an Körperkontakt, wobei sie Handschuhe trägt. „Dieses ganze Viertel war bis vor Kurzem fast völlig verlassen.“
„Was soll das heißen?“ Ich betrachte die Gebäude an der Seite, die mit ihren grünen, niedlich wirkenden Vorgärten einen gepflegten Eindruck machen.
„Ja, die Leute sind einfach hier eingezogen und haben gemacht, was sie wollten.“
„Das kann nicht sein. Haben die Häuser denn keinem gehört?“
„Ich weiß nicht, so wurde es mir erzählt. Es sind Gruppen von Leuten gekommen, die die Häuser gekauft und rekonstruiert haben. Inzwischen ist es hier teuer wie überall.“
„Gut“, gebe ich mich zufrieden, obwohl mir scheint, dass es aus der Luft gegriffen ist.
„Noch ein Stückchen.“ Sie hat wohl das Gefühl, dass ich mich dahinschleppe. Offenbar ist irgendein Muskel vor Kälte erstarrt. Seit zwei Tagen habe ich Schmerzen, sobald ich länger als drei Minuten gehe. „Uff, das ist so ärgerlich, dass du schon zurück musst.“
„Ja, es war toll hier.“ Ich gebe ihr einen Kuss auf eine Stelle an der Wange, die nicht von ihrem Schal verdeckt ist. „Aber ist dir mal aufgefallen, dass du seit meiner Ankunft vor allem darüber sprichst, dass ich bald wieder fahre? Ich bin schon anderthalb Wochen hier und ich muss auch wegen meiner Arbeit zurück. Außerdem hast du hier noch einen ganzen Monat vor dir, na ja, ein bisschen weniger.“
„Stimmt, na und?“, meint sie selbstzufrieden. Nach einigen Schritten sagt sie: „Wir lachen ständig darüber, dass ausgerechnet neben unserem schlichten Atelier Mercedes sitzt.“ Erst nach einigen Schritten wird mir klar, wovon sie redet, denn als ich den Kopf aus meiner wärmespendenden Verkrampfung recke, sehe ich vor mir einen luxuriösen Glasbau und auf Hochglanz polierte Karossen, die auf Podesten stehen.
„Was ist das denn?“, frage ich verwundert, da es so gar nicht in diese Gegend passen will. Je näher wir dem Gebäude kommen, desto mehr verstehe ich, dass wir bereits in einem Industriegebiet sind. Die schönen Häuser liegen hinter uns und die Straße, in die wir einbiegen, ist gesäumt von baufälligen Industriefassaden.
„Ich hab’s dir doch gesagt.“
„Ist es noch weit?“, jammere ich.
„Geht so.“ Wir überqueren die Straße. „Das hab’ ich nur so gesagt, ich hab’ dich an der Nase herumgeführt. Wir sind da.“ Sie bleibt vor dem Haus neben Mercedes stehen. Vielleicht war es früher eine renommierte Fabrik, doch davon ist kaum noch was zu sehen. Die drei Stockwerke sind in schlechtem Zustand, aber am Dachgeschoss hängt noch ein Schild mit der Aufschrift „Linden-“.
„Okay.“ Ich weiß nicht so recht, wie ich darauf reagieren soll. Sie lächelt, ich lächele gezwungen.
„Ich hab’ dir ja gesagt, dass hier alles verlassen ist. Seit dem Krieg hat kein Mensch an diesem Gebäude etwas unternommen.“ So langsam beginne ich, ihr die Geschichten abzukaufen. „Aber innen, hinten, ist es phantastisch.“ Sie treibt mich zum Weitergehen an. „Wirklich.“

8.2.18

„Kaum bin ich zurück in Israel und schon hätte ich mich beinahe mit einem Idioten geprügelt, der mir im Bus-Shuttle auf dem Weg zum Parkplatz begegnete. Es ging um einen beschissenen Koffer. Das habe ich wirklich nicht vermisst.“ Ich werfe einen Blick auf meinen Mantel, der auf dem Nebensitz liegt. Der würde bestimmt gern zurück in die Berliner Kälte.
„Und wie war der Flug?“, fragt meine Mutter am Telefon.
„Ganz okay, außer, dass ausgerechnet der Lufthansa-Flug vier Stunden Verspätung hatte. Bloß gut, dass ich bis zu meinem Anschluss ausreichend Zeit hatte. Das Flugzeug von El Al traf nämlich früher ein, verkehrte Welt. Was soll’s. Wie geht’s Großvater?“
„Nicht zu glauben, aber es geht ihm viel besser. Ich war vorhin bei ihm, er hat geredet wie ein Wasserfall.“
„Verfluchte Scheiße!“ Ständig wechselt der Fahrer vor mir die Spur. „Wie schön. Ich fahre gleich zu ihm.“
„Willst du vorher nicht nach Hause?“
„Besser jetzt und dann gehe ich auf direktem Weg ins Bett. Ich bin ziemlich fertig, weil aus viereinhalb Stunden Flug zwölf Stunden Flughafen geworden sind.“
„Wunderbar. Gute Idee.“
„Wo liegt er denn?“
„Auf der gleichen Station, der linke Gang.“
„Gut, ich bin am Tor. Tschau.“
„Tschau. Gib mir mal Bescheid, wie es bei ihm war.“
Ich stecke das Telefon in den Mantel und lasse das Fenster herunter: „Schalom“. Ich warte, dass der Pförtner mich durchlässt. Nun nickt er mir zu, aber der Fahrer vor mir hatte sich nicht schnell genug den Parkschein geschnappt, sodass die Schranke unten blieb.
„Kommen Sie als Patient?“ Er schaut auf meine Koffer, die auf der Rückbank liegen.
„Nein, als Besucher. Ich komme direkt vom Flughafen.“ Ich klopfe mir demonstrativ auf die Schulter und er nickt mit ernstem Blick.
Der Fahrer vor mir hat immer noch nicht begriffen, wie die Schranke funktioniert.
„Und was gibt’s Neues?“, fragt der gelangweilte Pförtner. Meint er es im Scherz oder im Ernst? Bevor mir eine Antwort einfällt, geht die Schranke hoch, das Auto fährt durch und rettet mich vor dem sinnlosen Fortgang dieses Gesprächs. Flink ziehe ich einen Parkschein und fahre durch die Schranke. Um diese Uhrzeit findet man leicht einen Parkplatz neben dem Eingang und auch ohne Anspruch auf Behindertenparkplatz. Diese Blödmänner von der Cafeteria haben schon geschlossen, dabei habe ich Lust auf was Süßes. Der Geschmack von diesem Sandwich, das für ordentlich Sodbrennen sorgt, steckt mir noch in der Kehle. Erdnussflips. Ich merke, dass ich Lust auf Erdnussflips habe, als ich den Automaten neben dem Fahrstuhl erblicke. Nach minutenlangen Versuchen, die Münzen einzuwerfen, gelingt es mir endlich, die Flips zu ergattern. Stolz betrete ich die Station mit der Tüte und biege in den linken Gang ein. Ich sehe Großvater, er liegt am Ende des Gangs auf dem Bett, neben ihm seine Pflegerin Mary und eine andere Frau, die in einem Sessel sitzt.
„Großvater, wie geht’s dir?“, frage ich. „Wie fühlst du dich?“
„Ich habe keine Kraft mehr dafür.“
„Warum bist du hier und nicht in deinem Zimmer?“, wechsele ich das Thema. Ich bin gerade nicht in der Lage, seine Litanei vom Ende zu ertragen. Ich biete ihm meine Erdnussflips an.
„Wir waren dort“, antwortet Mary. Ich bin jedes Mal überrascht, wie gut sie schon Hebräisch versteht.
„Menasche, dieser Verrückte, schreit die ganze Zeit herum und trommelt wie ein Wilder mit den Händen.“ Dabei ahmt er matt die Bewegungen nach und gibt mir zu verstehen, dass ihm nicht nach Erdnussflips ist. „Deshalb konnte ich da nicht schlafen.“ Sein Atem geht schwer. „Kennst du Sarah?“ Er hebt die Hand und deutet auf die neben ihm sitzende Frau, während ich Mary Erdnussflips anbiete.
„Ich bin die Nachbarin von deinem Großvater aus der zweiten Etage,“ sagt sie, als sollte ich das ohnehin wissen. Mary nimmt sich zwei Erdnussflips.
„Ich habe deinen Großvater unheimlich gern, er erinnert mich an meinen, der gleiche Typ“. Mir drängt sich langsam die Frage auf, was sie von ihm will. „Gerade hat er mir von seinem harten Leben im Krieg und von seiner Familie erzählt, die er damals hatte.“
„Ja“, sagt Mary und steckt sich die Erdnussflips in den Mund.
„Greif zu“, sage ich zu ihr, aber mehr will sie nicht.
„Ich muss gehen“, sagt Sarah. „Ich besuche dich morgen wieder.“
„Jeden Tag sie kommt, will mit ihm sein“, sagt Mary. Es gibt noch Wörter, über die sie stolpert.
„Danke“, sagen Großvater und ich im Chor. Sarah steht auf und geht. Ich setze mich in ihren Sessel.
„Wie war es in Deutschland?“, fragt Großvater.
„Ich hatte eine tolle Zeit. Es war kalt und ruhig. Wie schön es dort ist.“
„Und Shani?“
„Sie ist ungewöhnlich erfolgreich, macht schöne Dinge. In einem Monat kommt sie zurück.“
Mary prüft die Tüte mit der Flüssigkeit, die über ihm hängt.
„Aber wie geht es dir? Als ich gefahren bin, dachte ich, dass es dir schon besser gehen würde.“
„So ist das eben. Da gibt es keinen Fortschritt mehr“, sagt er und greift nach dem eisernen Griff des Bettes, um sich aufzusetzen.
„Vielleicht stehst du ein wenig auf, versuchst zu sitzen. Was meinst du?“
„Ja, ein wenig sitzen“, Mary stimmt mir zu.
„Na gut“, seufzt er.
„Super.“ Ich stehe auf, lege die Tüte mit den Erdnussflips auf die Kommode und wische meine Hände an den Hosenbeinen ab. In der Zeit klappt Mary den Hebel des Bettes herunter und hilft ihm langsam und vorsichtig hoch. „Ich gehe hierhin“, sage ich hauptsächlich zu mir, stelle mich auf die andere Seite und überlege, wie ich helfen kann. Mary macht ihm die Riemchen der Sandalen zu und bringt die Urin-Tüte am Stuhl an.
„Das machst du toll“, spreche ich uns allen Mut zu. Mary hält ihm die Hand, ich ergreife sofort die andere. Und bin jedes Mal aufs Neue überrascht, wie dünn und kraftlos seine Hände inzwischen sind.
„Auf geht’s“, sagt sie. Wir helfen ihm beim Aufstehen oder stellen ihn eher auf die Beine. Zwei lange und schwerfällige Schritte, eine kleine Runde an Ort und Stelle.
„Setz dich, Großvater, setz dich“, sage ich. Er lehnt sich zurück, ich lächele ihn an, auch Mary lächelt. Ich setze mich auf die Bettkante und greife nach der Tüte mit den Erdnussflips, die fast leer ist. Einige Augenblicke später fallen ihm bereits die Augen zu.
„Er ist sehr müde“, fasst Mary zusammen.

Übersetzung: Ulrike Harnisch


Tomer Tabakman, 34 Jahre
war zweimal auf Besuch in Deutschland. Das erste Mal reiste er als Fan mit einer Fußballmannschaft nach Hamburg und das zweite Mal vor einigen Monaten, als seine Freundin in Leipzig an einem Workshop teilnahm.

Trostpflaster Noga, 25 Jahre, 7. Mai 2018

© Noga Resh

Die Straßen von München sind stabil, sauber und schön. Auch wenn die Fußgängerwege mit  Zigarettenkippen, Schneematsch und aus der Tonne gerutschtem Biomüll verschmutzt sind. Es liegt an der Ruhe. Als würde die Münchner Luft den Lärm verschlucken. Der Erdboden ist mit Wasser gesättigt. Dieser nicht durstige, nicht aufgerissene, nicht versengte Erdboden. Hier ist mir das Gefühl der Stabilität des Erdbodens bewusster. Ich kann es beinahe physisch spüren; der Boden wirkt unbeugsamer. Eindeutiger. Ich schlendere hier im Stillen durch die Straßen. Keiner schreit herum. Keiner redet auf der Straße von seinen Traumata, die ihm von der Armee geblieben sind. Keiner redet auf der Straße über Politik. Die Autodächer sind vom Heck bis zur Motorhaube mit einer dicken Schneedecke überzogen. Selbst die Ränder der Seitenspiegel hüllen sich in Schneehandschuhe. Mir ist kalt. Ich atme halbgefrorene Wolken aus. Keiner schubst mich in der U-Bahn beim Ein- oder Aussteigen. Keiner schreit den Busfahrer an. Keiner schaut mich an.

Nach einem Monat fallen mir die Wochenenden auf. Hier bilden sie ein ununterbrochenes Ganzes. Meine deutschen Freunde gehen vielen Hobbys nach. Sie machen eine Fahrradtour an einen See. Sie tanzen Tango. Treiben Kampfsport. Spielen PlayStation und Brettspiele. Sie klettern auf Berge. Backen und stricken. Mit ihrem Leben scheinen sie im Vergleich zum Leben der anderen Menschen ein separates Dasein zu führen. Es vermittelt das Gefühl einer klaren Grenze. Ein Teil von ihnen sieht die Familie drei- oder viermal im Jahr. Die Mutter einmal in der Woche anzurufen, würde zu weit führen. In Israel sind meine Wochenenden kurz und hastig. Machen mir Stress. Eine Zeit der Erholsamkeit verknüpfe ich damit nicht. Es ist eine Zeit, in der ich die Bedürfnisse anderer zufriedenstelle. Eine Zeit des Lärms. Eine Zeit, an der Zahlreiche teilhaben. Eine Zeit des intensiven Studierens. Der Arbeit. Der Verpflichtung, der Nähe und der Besorgnis. Des Kollektivs. Der vorgezeichneten, verwischten oder durchlässigen Grenzen.

Ich studiere an der Universität München. Im Deutschkurs hören wir bei der Einheit Hörverständnis ein Interview mit einer deutschen Großmutter, die zwölf Kinder hat. Die Großmutter schildert, dass die heutige Generation sie als a-sozial bezeichne. Ich melde mich und frage die Dozentin, warum es als a-sozial gelte, viele Kinder auf die Welt zu bringen. Mir wurde beigebracht, dass es egoistisch sei, keine Kinder auf die Welt zu bringen. Man würde dann nur für sich leben. Das gelte bei uns als a-sozial. Kinder zu haben, würde Freude bedeuten und keine Kinder zu haben, bedeute, nicht das Ziel zu verwirklichen, das Familie und Staat von einem erwarten, zu verwirklichen. Es habe zur Folge, dass „die demografische Bedrohung“ uns alle überrolle. Und welcher Kampf gegen die demografische Bedrohung könne hartnäckiger sein, als zwölf Kinder zu gebären? Es sei a-sozial, erklärt die Dozentin, da so viele Kinder der Gesellschaft eine hohe Belastung aufbürdeten. Die gesamte Gesellschaft müsse für diese Kinder zahlen. Zudem sei es eine hohe Belastung für das Umfeld und den Planeten. Diese ganzen Windeln, die täglich in den Müll geworfen würden. Das sei rücksichtlos. Und die Kinder in der U-Bahn und in den Parks seien hier so leise und rücksichtsvoll und so wenige.

Saad hilft mir bei den Deutsch-Hausaufgaben. Seine Hand schwebt mit dem Bleistift zärtlich über das Papier. Er ist groß, hat große Augen, dicke Wimpern und langes schwarzes Haar. Er war nicht beim Friseur, seit er Syrien verlassen hat. Voller Stolz erzählt er mir, dass einst in der Nähe seines Hauses in Aleppo das jüdische Viertel gewesen sei und die schöne Synagoge heute noch stehe. Er erzählt es mir in sanftem Deutsch, von dessen Existenz ich nicht wusste, bevor ich hierherkam. Es ist das Deutsch kleiner Kinder in der U-Bahn, süßer Frauen und feinfühliger Männer. Von zögerlichen Zuwanderern. Zynisch gratuliert er mir, als Trump Jerusalem zur Hauptstadt Israels erklärt. Für diese Gratulation bin ich die falsche Adresse, sage ich ihm. Ich sage ihm auch, dass mich die Reaktionen darauf traurig stimmen. Dass sie mir mehr Weltschmerz zufügen. Dass die Welt mir weh tut. Zum Glück hält die deutsche Sprache das Wort Weltschmerz dafür bereit. Am letzten Kurstag geht die gesamte Gruppe gemeinsam essen. Keiner außer mir hat Bargeld dabei. Saad sagt lachend: „Völlig klar, dass die Juden welches haben.“ Saad fühle ich mich näher als den anderen Studenten, weil er mich zum Lachen bringt.

In dem Uni-Seminar über Schoah-Literatur bin ich die einzige Ausländerin. Aufmerksam studiere ich die Gesichter der Kursteilnehmer. Bei der Mehrheit der Debatten geht es darum, was passend, würdig, angebracht ist und was nicht. Vor allem, was nicht. So habe ich gelernt, dass es sich nicht gehört, als Nichtjude Literatur über die Schoah zu schreiben. Bist du aber Jude und schreibst grässliche Schoah-Literatur, geht das in Ordnung. Sie versuchen, ihre Ausdrucksweise anzupassen. Wem es erlaubt ist, sich auszudrücken und wem es verboten ist. Nach einigen Stunden fällt mir auf, dass sie auch versuchen, ihre Gefühle und die anderer zu arrangieren. Bist du beispielsweise kein Jude und hast das Gefühl, dich mit Anne Frank identifizieren zu können, ist das nicht in Ordnung. Auch nicht, wenn du dich mit ihrer Liebe, ihrer Menschenliebe identifizierst. Mit ihrer Angst. Ich wollte fragen: „Und wenn ich Jüdin bin und nicht unter der Schoah gelitten habe, darf ich mich mit ihr identifizieren? Und wenn ich eine Jüdin aus Syrien bin?“ Mich interessierten ihre guten Absichten. Und die Maßstäbe, die sie ansetzen. Und ob man Gefühle ersticken kann. Ob man Gefühle überhaupt an etwas „anpassen“ kann. Ich wusste lediglich, dass ich in diesem Kurs die Jüdin war. Und als Jüdin durfte ich das. Ich spürte das Privileg des Opfers, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es empfinden könnte.

Nach der Stunde fragt Alex mich: „Was ich schon immer wissen wollte: Habt ihr dort im Nahen Osten Redefreiheit ?“ Dabei stellt er diese Frage nicht wirklich und will es auch nicht wirklich wissen. Vielmehr beginnt er über meine Region und mein Land zu dozieren. Er fragt: „Ist es bei euch erlaubt, in den Zeitungen die Regierung zu kritisieren?“ Und ich antworte: „Ja, klar.“ Daraufhin sagt er: „Aber über Netanyahu darf man nichts Schlimmes schreiben“. Da frage ich: „Wer hat das gesagt?“ Er stellt weiterhin seine Fragen, die er prompt selbst beantwortet, ohne sich meine Kommentare anzuhören. Er will mir erklären, was Redefreiheit und Demokratie bedeuten. Ich verkörpere für ihn eine dunkelhäutige unterdrückte Frau aus einem heißen Unterdrückerstaat. Am Tag darauf fragt er die Jordanierin, die beim Mittagessen neben ihm sitzt: „Wie sind die Beziehungen zwischen Jordanien und Israel?“ Sie sagt zu ihm: „Lass uns später darüber reden.“ Daraufhin hakt er laut nach: „Wieso?“ Und sie deutet mit einer Kinnbewegung auf mich. Ich sitze am Ende des Tisches. Sie bemerken nicht, dass ich ganz Ohr bin. Er akzeptiert den Aufschub. Sie hüllen sich in Schweigen. Ich bin im freien Europa, umgeben von den Werten der Redefreiheit und vorbildlicher Demokratie und dem Unvermögen, sich frei zu äußern.

Nach der Operation schleppe ich mich mit den Krücken schwerfällig ins Haus. In meiner Hand steckt die Kanüle. Über einen durchsichtigen Schlauch wird in eine Flasche Körperflüssigkeit abgeleitet. Die Nachbarin aus der obersten Etage kommt herunter und sieht mich an. Ich bin sehr langsam und habe enorme Schmerzen. Bei jedem Schritt gebe ich mir äußerste Mühe, keinen Lärm zu machen. Ich habe Angst, sie zu stören. In Deutschland habe ich immer Angst, zu viel Raum einzunehmen. Ich will nicht die Ausländerin sein, die noch dazu frech ist. Und ich habe bereits gelernt, was Zorn erregt: Wenn man in der U-Bahn langsam ist, sich zögerlich bewegt, am Sonntag Flaschen in den Glascontainer wirft, als Fußgänger den Fahrradweg betritt. Aber die deutsche Nachbarin, die so alt wie meine Großmutter scheint, spricht mit hoher Stimme, in der Mitleid schwingt. Ich mag diese Stimmlage, in der meine Mutter mit mir spricht, wenn ich krank bin und mir beistehen will. Obwohl ich nicht die Hälfte von den Worten dieser Frau verstehe und sie versteht, dass ich sie nicht verstehe, fährt sie fort in diesem sanften Deutsch der Kinder, der süßen Frauen und feinfühligen Männer, als wüsste sie, dass sanfte Worte, auch wenn sie unverständlich sind, mich mehr als alles andere trösten. Am nächsten Tag wartet vor der Wohnungstür ein Geschenk auf mich: ein Buch, Schokolade und eine Glückwunschkarte. „Ein Trostpflaster für die Kniepatientin“, hat sie geschrieben. Manchmal berühren mich die deutschen Wortzusammensetzungen. Auf eigenartige Weise. Ich übersetze sie im Stillen in ein Hebräisch meiner Phantasie und sage sie mir immer wieder.

Markus und Saad besuchen mich nach der Operation. Wir spielen Risiko. Auf Hebräisch nennt man es sikun, Gefährdung. Das ist ein Brettspiel. Auf dem Spielbrett sind die Länder der alten Welt abgebildet. Es stehen Soldaten, Pferde und Kanonen zur Verfügung. Man muss die Welt erobern. Der Eroberer gewinnt. Jedes Mal, wenn wir es spielen, hören wir Rammstein, damit wir in eine aggressive Stimmung kommen. Wir spielen es, um einander von einem sicheren Ort zu vertreiben. Um zu lachen und den ganzen Zorn herauszulassen, den wir auf andere und uns selbst haben und um den Schmerz loszuwerden, den uns andere und wir selbst zugefügt haben. Inzwischen ist es ein Ritual. Jeder stülpt sich seinen stereotypen Charakter über. Markus spricht im „Hitler-Dialekt.“ Er brüllt: „Nein!“ wie die Nazis in den Schwarz-Weiß-Filmen, die wir in der Schule im Geschichtsunterricht sahen. Das amüsiert mich. Er besiegt uns immer. Wenn er ein Land von mir erobert, raunt er in kehligem schwerfälligen Deutsch: „Diese ganzen Minderwertigen gehören in Lager!“ Er konzentriert all meine Soldaten an einem Ort. Saad und ich streiten uns stets um den Nahen Osten. Und wir nehmen es sehr ernst. Des Spiels wegen. Vielleicht verlieren wir deshalb immer. In dem Spiel ist der ganze Nahen Osten ein Land, ein großes Land, das alt ist und dessen Grenzen nicht klar umrissen sind. Gen Ende des Spiels, wenn klar ist, dass Markus gewinnen wird, sagt Saad, dass er nun alles riskiert, sein Leben riskiert. Er unternimmt verschiedene Manöver, damit Markus so viele Soldaten wie möglich einbüßt. Das hilft nur wenig. Auch meine Tricks bringen nichts. Markus siegt und die Musik geht über in ruhige arabische Lieder, wir kühlen uns ab und werden wieder normal. Die anderen rauchen Zigaretten. Und wir sprechen über Gott. Wann wir aufgehört haben, an irgendeinen Gott zu glauben und woran das liegt. Das Bild von Jesus mit einer Kippa auf dem Kopf und dem Koran in der Hand, das in der Küche hängt, schillert in bunten Farben.

Saad ist heute aus Dachau zurückgekehrt. Er schilderte mir, dass er dort die Zeugenaussage eines Überlebenden des Lagers gelesen habe, der schrieb, dass die beste Zeit seines Lebens die Zeit im Lager gewesen sei. Dort seien sie alle zusammen gewesen. Dort hätten alle einander verstanden. Und dort habe jede Tätigkeit einen Sinn gehabt. Nach dem Krieg war er durch die Welt gezogen, war ein Gefangener in einer freien Welt gewesen. Er hatte nicht nachvollziehen können, wie die Welt um ihn herum normal weiterlaufen konnte. Keiner war bei ihm und keiner verstand, was er durchmachte. Und er ertappte sich dabei, wie ihn Sehnsucht erfasste. Es mochte sich nicht gehören, Sehnsucht zu haben, aber er hatte eben welche. Und Saad sagte: Ich habe auch Sehnsucht. Vielleicht gehört es sich nicht, Sehnsucht zu haben, aber ich habe welche. In Aleppo waren wir alle zusammen. Wir hatten zusammen Angst, wir wurden zusammen verhaftet, wir sorgten uns zusammen und hörten zusammen von den Bombardements. In München hingegen ist es so still. Und die Bombardements höre nur ich.

Feiner Schneeregen dekoriert das Haar von Saad und Markus. Und auch mein Haar. Weiße Eisblumen nehmen zwischen großen braunen Locken Platz. Die Krücken bieten mir auf dem glatten Fußweg wenig Halt. Aber ich fühle mich festlich und zurechtgemacht. Ich blicke die ganze Zeit nach oben. Wie schön die kahlen Äste sind. Manchmal kommen sie mir wie verlängerte Adern der Baumstämme vor, die sich in Venen verzweigen und in dünne Kapillaren-Verästelungen, die das Blut gen Himmel leiten. Manchmal sehen sie aus wie Nebenarme von Flüssen, die zu kohlrabenschwarzen Rinnsalen werden. Manchmal erscheinen sie wie dünne krumme Finger, die sich nach den Wolken strecken. Am Himmel stöbern.

Übersetzung aus dem Hebräischen: Ulrike Harnisch


Noga Resh, 25 Jahre
studierte 2017-2018 im Rahmen eines Studentenaustausches zwei Semester an der LMU München.

Der Elefant im Raum Leonore, 23 Jahre, Mai 2018

© pixabay.com CC0

Vorbemerkungen:

Granny: ein Spitzname für Holocaust Überlebende, die sich oft wie eine “Granny” um Freiwillige gekümmert haben.

Moadonit Amcha: Ein „Club”, wo Überlebende zusammen kommen und verschiedene Angebote wie Ausflüge oder Kurse in Anspruch nehmen können. Zudem wird ihnen dort auch psychologische Hilfe bereitgestellt.

Moadonit HaSchalom: Eine Nachmittagsbetreuung für arabische Kinder aus sozial-schwachen Familien.

ASF: Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Eine Organisation, die unter anderem jährlich Freiwillige in Länder entsendet, die von Nazi-Deutschland betroffen waren.

Haifa: Drittgrößte Stadt Israels und bekannt dafür, dass sie liberal ist.

IDF Soldaten: Soldaten, die ihren Dienst in der israelischen Armee absolviert haben, der “Israel Defense Force”.

Yad Vashem: Die wichtigste Gedenkstätte für den Holocaust in Israel.


Endlich sitze ich im Drehbuch Schreibkurs in Berlin Mitte. So lange habe ich auf diesen Moment gewartet. Jetzt bin ich an der Reihe meine Idee für ein Skript zu präsentieren.
„Also, ich möchte über ein deutsches Mädchen schreiben, die gerade ihr Abitur bestanden hat und beschließt einen Freiwilligendienst in Israel zu absolvieren. Dort wird sie mit Holocaustüberlebenden arbeiten. Plötzlich muss sie volle Verantwortung für sich selbst und andere übernehmen. Noch nie auf sich allein gestellt, findet sie mit jedem neuen Abenteuer in Israel mehr über sich heraus und was Erwachsenwerden für sie bedeutet.”
Erwartungsvoll schaue ich in die Runde. Für einen kurzen Moment sagt Niemand etwas.
„Also möchtest du über deutsche Schuld schreiben?” fragt eine Teilnehmerin links von mir.
„Äh, nein. Eigentlich nicht. Es soll eher um das Erwachsenwerden gehen.”
Erneute Stille erfüllt den Raum. Jetzt ergreift ein Teilnehmer gegenüber von mir das Wort.
„Ich glaube, ich weiß worüber du schreiben willst. Es geht dir darum zu zeigen wie schlimm es ist in Israel groß zu werden mit all dem Krieg und Terror.”
Ich lasse seine Worte kurz auf mich wirken.
„Äh, nein. Eigentlich will ich wirklich nur aus der Perspektive des deutschen Mädchens schreiben und wie sie geprägt wird.”
Die andere Teilnehmerin links von mir fügt hinzu: „Aber du kannst doch nicht einfach erwarten, dass Holocaustüberlebende in Israel mit dir reden werden? Die Erinnerungen sind viel zu schmerzhaft für sie. In deiner Geschichte ist ein Elefant im Raum, der nicht angesprochen wird.”
Ich atme langsam ein und aus: „Naja, die Sache ist, dass das meine Geschichte ist. Ich war Freiwillige in Israel und habe mit Holocaustüberlebenden gearbeitet. Deswegen glaube ich, dass ich den Elefanten im Raum in Angriff nehmen kann.”

Gedankenversunken gehe ich nach Hause. So sicher wie ich mich im Schreibkurs gegeben habe, fühle ich mich nicht mehr. Bin ich wirklich noch in der Lage den Elefanten im Raum anzusprechen? Abends im Bett kann ich keinen Schlaf finden. In meinem Kopf rasen die Gedanken. Irgendwann stehe ich auf und trinke einen Schluck Wasser. Auf dem Weg zurück ins Bett gehe ich langsam an unserem Bücherregal entlang und bleibe vor einer Kiste stehen. Ich öffne sie langsam und suche darin bis ich mein Tagebuch aus meiner Freiwilligen Zeit in Israel gefunden habe. Vielleicht ist es an der Zeit einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Ich schlage es in der Mitte auf und lese die ersten Sätze, die mir ins Auge stechen. Oft sind es nur kurze Beiträge, die in Hast aufs Papier geschrieben wurden.

Meine Granny MB, schreibt viele Gedichte. Sie hat schon Bücher herausgebracht. Eines ihrer Gedichte soll ich in gutes Englisch übersetzen. Sie will es an Prinz William und Prinzessin Kate schicken, da diese vor kurzem ein Kind bekommen haben.

10.02.2014
„Eine der Grannies meinte zu mir, dass ich ‚sexy‘ bin. Dieses Kompliment nehme ich natürlich gerne an.”

21.01.2014
„Bei Granny M. war es total schön. Sie meinte, dass sie mit mir bis zum Ende Kontakt halten will und mich ihrer Familie vorstellen wird. Das war so schön zu hören. Auch im Moadonit Amcha war es sehr gut. Meine Chefin N. hat mich umarmt und gesagt, dass sie mich vermisst hat. “

24.03. 2014
„Es gibt so viel zu erzählen. In meinem Kopf sind tausend Gedanken, die von einer Hirnhälfte zur anderen kreisen und blitzschnell wieder zurück. Die deutsche Ordnung sucht man vergeblich in meinem Kopf. Dort wohnt jetzt der israelische Ordnungsdrang, also keiner.

Meine Freundin und ich waren im Supermarkt und haben uns das Regal angeschaut, wo Kondome verkauft werden. Kondome sind in Israel verdammt teuer. Wir überschlugen die Preise und fanden heraus, dass sich eher ein Schwangerschaftstest lohnt, als eine 12er Packung Kondome. Plötzlich eine Verkäuferin hinter uns: ‚Ihr habt recht. Und besonders nutzt nicht diese Marke, die Kondome sind nicht sicher. Das hat mir mein Sohn gesagt.‘”

„Heute bin ich gegen meine Zimmertür gerannt und habe den Tür Abdruck im Gesicht gehabt. Das tat weh. “

18.05.2014
„Der Vorteil im Ausland zu leben ist, dass du in der Öffentlichkeit Tagebuch schreiben kannst. Niemand kann es lesen. He He.“

21.05.2014
„Granny MB macht etwas Druck. Ich soll die britische Botschaft anrufen oder ASF-Chefin, um die wahre Adresse von dem Kronprinzenpaar William und Kate herauszubekommen. Sie will unbedingt Antwort auf ihr Gedicht, dass wir Ihnen geschickt hatten. Wie soll ich ihr erklären, dass das nicht so einfach geht? Sie glaubt mir einfach nicht.“

Ich lache auf. Viele der Anekdoten hatte ich total vergessen. Seltsam wie schnell solche kleinen Momente aus unserem Gedächtnis verschwinden. Ich rieche an dem Buch, um einen nostalgischen Duft einzuatmen. Leider riecht es nur nach der Kiste in der es lag. Ich lasse die Seiten nacheinander durch meine Finger gleiten und blättere zweimal durch das Notizbuch. Ich habe etwas Angst vor den größeren Abschnitten, weil sie Erinnerungen enthalten, die keineswegs leicht für mich waren. Erinnerungen, die viele nicht hören wollen, wenn man über seinen Freiwilligendienst in Israel redet. Ich streiche über den Einschlag des Buches und den Arielle-Aufkleber, den ich auf den Einband geklebt habe. Aber manchmal muss man eben auch die unangenehmen Dinge ansprechen. Ich schlage das Buch mit neuem Mut auf.

2.01.2014
„Lieber Herr Gesangsverein,
im Moment kann man mir ‚nicht zu gebrauchen‘ oder ‚defekt‘ auf die Stirn schreiben. Ich fühle mich wie ein Ikearegal zum Aufbauen. Nur bei mir hat man vergessen die Aufbauanleitung mitzuliefern. Am liebsten würde ich gerne meine ganze Verantwortung abgeben und nur als unsichtbarer Zuschauer am Leben teilnehmen.
Eine meiner Grannys hat gesagt, dass sie Selbstmordgedanken hat, weil ein Kurs oder eine Therapie ihr sehr zusetzt, wo sie teilnimmt. Sie möchte dort nicht mehr über den Holocaust reden, sondern endlich vergessen dürfen. Ich darf davon Niemanden etwas sagen. Trotzdem habe ich mich an meine Chefin im Amcha gewandt und sie will sich darum kümmern.”

16. Januar 2014
„Heute war ein wirklich seltsamer Tag. Meine Granny MB macht mir immer mehr Sorgen. Ich denke sie hat eine Art Depression und ich möchte probieren einen Psychologentermin für sie zu organisieren. Meine andere Granny F ist auch ein Sorgenkind für mich. Ihre Kräfte lassen immer mehr nach. Diese Woche wollte sie sogar nicht, dass ich zu Besuch komme. “

22. Januar 2014
„Es war vor zwei Tagen. Pauline und ich wollten einkaufen gehen und noch bei ‚Cafe Cafe‘  [Name des Cafes] vorbeizuschauen. Als wir an einer Bushaltestelle vorbei gehen wollten, hält uns ein stämmiger Mann an und gibt Anweisungen auf Hebräisch. Wir geben zu verstehen, dass wir der Sprache nicht mächtig sind. Er guckt uns mit großen Augen an: ‚Go! Go! Here is Boom, BOOM!‘ Wir sind verwirrt. Meint er eine Bombe? Auf der anderen Straßenseite setzen wir uns hin und beobachten die Situation. Der Mann probiert mit Hilfe eines Autos, Mikrofons und Alarmlicht Busse anzuhalten und Passanten  zu verscheuchen. Objekt der Sorge ist eine herrenlose, schwarze Tasche, die an der Haltestelle liegt. Nach einigen Minuten kommt plötzlich ein Junge angelaufen, greift die Tasche und rennt wieder davon.“

11.05. 2014
„Auf der Amcha Arbeit haben wir ein Zeitungsproblem. Manche Grannies and Grandpas klauen die Zeitungen, welche für alle Mitglieder des Moadonits ausgelegt werden. Dadurch können die anderen Clubmitglieder die Zeitungen nicht mehr lesen. Mir wurde eine Zeitung sogar aus der Hand gerissen. Ich glaube, ich ahne woher es kommt. Ihnen wurde alles genommen im Holocaust und nun haben sie Angst wieder alles zu verlieren. Es ist schwer etwas dagegen zu sagen, aber trotzdem ist es beklemmend zu beobachten.”

April 2014
„Es war die Pessachfeier vom Moadonit Amcha, die in einem Dorf stattfand in dem eine meiner Chefinnen wohnt. Gegen drei Uhr holte ich Granny F ab und wir fuhren zusammen zum Amcha von wo aus wir mit einem Reisebus gemeinsam mit allen Teilnehmern starteten. Die Pessachfeier begann und verschiedenste Überlebende haben Texte oder Gedichte vorgetragen. Ich verstand nicht viel aber wiederkehrende Fragen waren: Wieso kann meine ganze Familie nicht bei mir sein? Wieso ist es passiert? Manchmal kamen große Schlagworte wie Gas, Theresienstadt und Bergen-Belsen. Was habe ich als einzige nicht jüdische Deutsche im Raum in diesem Moment gedacht? Ich habe mich geschämt. Dann habe ich mich geschämt, dass es so etwas gibt, worüber ich mich schäme. Dann habe ich mich des Schams willen geschämt und zum Schluss wusste ich nicht mehr, was ich fühle. Holocaust beschäftigt mich im Moment viel. Sollte ich diesem Thema nicht langsam begegnen können, ohne so unter meinen Emotionen zu leiden? Aber ich bin jedes Mal wieder fassungslos und stelle mir die gleichen Fragen, wie sie auch von den Überlebenden gestellt wurden: Wieso ist es passiert?“

09.02.2014
„Ich habe eine kleine Krise, weil ich mit der Arbeit überfordert bin und kaum Zeit für mich habe. Ich holte Granny F. ab und wir gingen zusammen zum Amcha. Granny F war seltsam herablassend und spitz, sonst war sie nie so. Kurz vor dem Amcha bemerkte sie, dass sie lieber ins Theater gehen wolle. Ich erwiderte, dass ich gerne mit ihr gehen würde. Mit schiefem Blick sagte sie: ‚So, du würdest also mit mir ins Theater gehen?‘ Nachdem es den ganzen Abend so weiter ging standen wir endlich draußen und warteten auf meine Chefin N., die uns nach Hause fuhr. Granny F. sagte vor den anderen Freiwilligen, dass ich ein ein schlechtes Mädchen sei. Später sagte sie es mir noch einmal ins Gesicht und fügte hinzu, dass wir uns nie sehen und ich nie vorbeikomme. Es war schrecklich.“

Seitennotiz
„Granny M. erzählte mir, dass Freunde von ihr im Krieg gesehen haben, wie deutsche Soldaten Neugeborene an Panzer gebunden haben und dann in Teile zerrissen haben. Bei einer anderen Freundin haben sie die Mutter 10 Tage vor der Befreiung erschossen. Wie soll ich auf solche Geschichten reagieren? Es tut weh etwas zu hören. Meistens lasse ich sie reden und höre nur zu.”

28.02.2014
„Dann war da noch der Holocaust Gedenktag. Sehr früh standen wir auf, um nach Yad Vashem zu fahren. Dort nahmen wir an der Kranzniederlegung teil. Sogar unsere Freiwilligenorganisation ASF durfte einen Kranz niederlegen. Unsere beiden Yad Vashem Freiwilligen traten als Gruppenvertretung vor und legten den Kranz nieder. Vor uns saß eine französische Gruppe. Ich fragte, wer sie waren und R. erklärte mir, dass es die Nachkommen von Menschen sind, die während des zweiten Weltkrieges Juden versteckten. Nun hatten die Nachkommen der versteckten Juden und Helfer Kontakt miteinander. Über drei Stunden knallte die Sonne auf uns herab. Um 10 Uhr erklang der landesweite Gedenkalarm für 2 Minuten. Alle standen auf und die Welt stand  still. Meine Gedanken hingegen fanden keinen Stillstand und ich hatte einen dicken Kloß im Hals. Danach ging es in die Memorial Hall, wo Überlebende die Namen ihrer ermordeten Angehörigen laut lasen. Nach einer kleinen Kaffeepause hatten wir noch zwei Führungen. Während der zweiten Führung hörte ich meine Mailbox ab. Granny M. hat mir nach langer Zeit wieder ein Lebenszeichen zukommen lassen. Leider geht es ihr überhaupt nicht gut.“

13.05.2014
„Ich muss noch aufschreiben, was gestern auf Arbeit passiert ist. Eine Studentin die bei uns im Moadonit HaSchalom bei den arabischen Kindern aushilft war wieder da. Sie heißt T. Als erstes hat sie wieder ihre Meinung stark geäußert: Ich-rede-kein-Hebräisch-mit-dir-Einstellung, obwohl ich kein Arabisch spreche. Sie weigert sich generell Hebräisch zu sprechen. Manchmal wenn ich Sterne zeichne sagt sie vorwurfsvoll, dass sie wie Davidsterne aussehen und wir sie deswegen nicht den Kindern zum Spielen geben dürfen.  Doch dann kamen zwei Theatergruppen von der Universität. Die Theaterstücke waren zweisprachig und die jüdischen sowie arabischen Schauspieler haben sich so gut verstanden. Da ging mir das Herz auf, denn das ist Haifa. Haifa ist nicht wie T. Haifa ist zweisprachige Theaterstücke.”

23.06.2014
„Ich und meine Mitbewohnerin P. sind auf dem ‚Sunbeat‘ Festival gewesen. Es war wirklich wundervoll. Zwei andere Freiwillige waren auch da: M. und D! Obwohl D. ab Mitternacht im Zelt lag und sich die ganze Zeit übergeben musste und deswegen eigentlich nicht mitzählt. Israelische Festivals haben ein besonderes Phänomen: Festivalkinder. Überall waren Familien, die für zwei Tage praktisch ihren ganzen Haushalt mitgebracht haben. Es gab viel Programm für die Kleinen auf einer eigenen Bühne. Der Ort des Festivals war mitten im Wald  umrandet von Feldern. Die Musik war wirklich gut mit jüdischen, arabischen und internationalen Künstlern. Was nicht so schön war, war die Rückfahrt. Wir sind per Anhalter gefahren und der Typ bei dem wir mitgefahren sind war ein richtiger Araberhasser. Wenn wir durch ein arabisches Dorf fuhren schimpfte er auf jeden, den er sah und machte extrem rassistische Bemerkungen. Einmal fuhr eine arabische Familie auf der Spur neben uns. Er lenkte das Auto immer näher an sie heran und ließ es so aussehen als ob er sie seitlich rammen will. Die Kinder im Rücksitz sahen ängstlich aus. Ich war so sauer, aber hatte nicht den Mut den Mund aufzumachen. Dafür schäme ich mich sehr. P. und ich nannten ihn einen Assistent mit einem ‚R‘ davor.

26.06.2014
„Am Abend davor waren wir auf einer öffentlichen Breaking the Silence Vorlesung in Tel Aviv. Es war eine skurrile Situation. Eine Gruppe von politisch Rechts orientierten Demonstranten war auf der anderen Straßenseite und buhten jeden Sprecher auf der Bühne aus. Sprecher waren verschiedene ehemalige IDF Soldaten, die von ihren Erlebnissen als Soldat in Gaza berichteten. Irgendwie endete dann alles in einer Demo gegen Demo. Beide Gruppen standen sich gegenüber und waren nur durch eine Straße getrennt, die von Polizisten notdürftig abgesperrt war. Plötzlich ging Raketenalarm los und für ein paar Minuten vergaß jeder seinen politischen Standpunkt. Hunderte Menschen zerstoben in alle Himmelsrichtungen. Wir rannten in umstehende Gebäude hinein und hörten auf die Explosionen von Iron Dome. Atem wurde angehalten. Sobald es vorbei war ging es jedoch weiter. Jeder erinnerte sich wieder wofür man da war. Erhitzte Gemüter gegen erhitzte Gemüter. Die gemeinsame Angst von Minuten davor schon fast vergessen.“

01.08.2014
„Davon habe ich noch gar nicht geschrieben. Israel hat seit ca. einen Monat Krieg mit Gaza. Das ganze Land hat sich mit einem Ruck von Frieden zu Krieg gedreht. Menschen haben sich verändert. Meine beiden Arbeiten auch. Es ist so angespannt. Bei den arabischen Kindern arbeite ich seit ein paar Tagen nicht mehr. Beim Amcha jedoch noch. Manch eine der Grannies bekommt Erinnerungen über Erlebnisse im Holocaust. Sie leiden sehr unter dem Krieg. Kein Wunder, dass sie nicht vergessen können.“

Meine Augen brennen. Ich schaue auf eine Uhr und erschrecke über die Uhrzeit. Ich sollte langsam schlafen gehen. Ich lege das Notizbuch zur Seite. Trotz vieler Ängste bin ich dankbar für all die Erfahrungen, die ich machen durfte. Ich bin dankbar für die Menschen, die ich kennengelernt habe und für den Mut den ich bekommen habe den Elefanten im Raum ansprechen zu können. Ich bin dankbar dafür Israel nicht nur als Land des Terrors und Krieges zu sehen oder als das Land dem ich als Deutsche etwas schulde. Ich bin dankbar dafür nicht mehr den Druck zu haben dem Konflikt im Nahen Osten mit einer großen Meinung begegnen zu müssen, sondern zu wissen, dass Dinge nicht schwarz und weiß sind. So wie das Land in dem ich ein Jahr leben durfte. Und manchmal hat man keine Antwort auf das Warum. Sei es über den zweiten Weltkrieg oder Konflikt. Manchmal reicht es einfach zuzuhören. Manchmal ist das eben schon genug. Langsam krieche ich ins Bett. Mein Tagebuch schiebe ich unter das Kopfkissen und ich spüre wie meine Gedanken zur Ruhe kommen. Endlich kann ich einschlafen.


Leonore Kriegel, 23 Jahre
erlebte Israel ein Jahr lang als Freiwillige der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.

Israel Schüleraustausch Lucas, 16 Jahre, April 2018

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Emek-Hefer & Burbach | 08. bis 15. März

Es war an einem Montag gegen 10:45 Uhr und ein guter Freund sagte: „Lass doch mit nach Israel fliegen!“ Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, er würde Spaß machen, doch als wir eine dreiviertel Stunde später bei der Schulleitung standen, um alle nötigen Formulare zu holen, stand es fest. Ich fahre mit nach Israel! Jetzt musste ich nur noch meine Eltern überzeugen, was nicht sehr schwer war. Zwei Tage später war alles ausgefüllt, unterschrieben und abgegeben. Die Vorfreude stieg von Tag zu Tag und alle fieberten dem Tag der Abreise entgegen, alle schrieben mit den Austauschschülern aus Israel. Dann kam der große Tag der Abreise, wir trafen uns in der Schule, verabschiedeten uns von unseren Eltern und stiegen in den Bus nach Frankfurt. Für mich war es mein erster Flug und ich war sehr aufgeregt. Um ca. 18 Uhr starteten wir mit ein wenig Verspätung und kamen um ca. 23 Uhr in Tel Aviv an. Als wir das Flugzeug verließen, kam uns ein komplett anderes Klima als in Deutschland entgegen, es war eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit mit extrem hoher Temperatur. Gegen Mitternacht kamen wir an der „Ramot Yam Highschool“ in Mikhmoret an. Wir wurden dort sehr herzlich empfangen. Wir bekamen Wasser, was nach der Fahrt im heißen Bus sehr wohltuend war. Als sich alle begrüßt haben und alle nach Hause fuhren, war die Überraschung groß für mich, da mein Austauschschüler Daniel während der Woche in einer Art Internat untergebracht war. Er nannte das Internat „Pnimia“. Es war sehr praktisch, da wir morgens länger schlafen konnten, weil wir ja direkt bei der Schule untergebracht waren, wo wir uns morgens alle trafen. Als er mir das ganze Schulgelände mit Schildkröten-Aufzuchtstation, Kantine und sämtlichen Sportanlagen gezeigt hatte, gingen wir schlafen.

Am nächsten Morgen trafen wir uns alle an der Bushaltestelle um nach Tel Aviv zu fahren. Auf der Busfahrt haben wir uns alle näher kennengelernt und haben das ein oder andere Bild von schlafenden Mitschülern gemacht. Als wir in Tel Aviv ankamen, bekamen wir von einem israelischen Lehrer eine Stadtführung. Es war sehr witzig, da ein Mädchen aus Israel diverse Gegenstände und Orte sehr witzig und interaktiv vorstellte. Nach der Stadttour gingen wir in ein Restaurant, wo es Humus und verschiedene Dips für Pitabrot und Fladenbrot gab. Dabei gab es Fleischspieße von Rind und Lamm, danach gab es dann noch ein Eis. Das Essen in Israel war durchgängig sehr lecker. Als wir dann mit dem essen fertig waren, gingen wir an den Strand und der Sand dort war sehr fein, das hatte ich zuvor noch nie erlebt. Vom Strand ging es dann zurück zum Bus, der uns dann in eine Mall für Süßigkeiten gebracht hat, wo es lauter leckere Sachen gab. Danach fuhren wir zur Schule zurück. Daniel und ich gingen erstmal auf unser Zimmer, wo er mich dann seinen ganzen Freunden vorstellte. Wo ich wiedermal feststellen musste wie viel freundlicher Israelis sind im Gegensatz zu den Deutschen. Daniel, seine Freunde und ich verbrachten dann noch den Tag in der Pnimia. Am Abend gingen alle vom Austausch zum Haus des Schulleiters um die Sabbatfeier zu zelebrieren. Es gab wieder reichlich und leckeres Essen. Wir spielten noch alle zusammen ein lustiges Gemeinschaftsspiel und gingen nach Hause um uns für die kleine Feier am Abend herzurichten. Als wir uns alle bei Izack, einem Schüler aus Israel auch vom Schüleraustausch, trafen und gemeinsam den späten Abend am Lagerfeuer zu verbringen, hatten wir sehr viel Spaß und redeten als würden wir uns schon immer kennen. Da es dann doch zu spät wurde, schliefen Daniel und Ich bei Izack und wurden von Daniels Vater am Morgen dort abgeholt und sind zu ihm nach Hause gefahren, wo ich dann auch das erste Mal seine Familie sah und die Gastgeschenke übergab. An diesem Tag war Familientag, wo sich alle anderen außer Daniel und mir trafen. Die anderen gingen an den Strand schwimmen wo wir leider nicht mitkonnten, da Daniel zu weit weg wohnte. Daniel und ich sind stattdessen Fahrrad fahren gewesen. Am Abend trafen wir uns wieder alle um bei Daniels Onkel in der Bowlinghalle zu bowlen. Das hat dort wieder sehr viel Spaß gemacht. Daniel und ich wurden am Abend von seiner Mutter abgeholt und sind wieder zu ihm nach Hause gefahren und haben noch ein paar Videospiele gespielt.

Am folgenden Morgen sind wir dann per Anhalter zurück zur Schule gefahren, um mit dem Bus zu einer Organisation zu fahren die ganz Emek Hefer mit frischen Wasser versorgt, Schmutzwasser reinigt und Strom herstellt. Dank dieser Organisation ist Emek Hefer „die grüne Lunge Israels“. Danach sind wir alle mit dem Bus zu einer Gurken Farm gefahren. Wir konnten dort die Gurken frisch und selbst geerntet probieren, die Gurken dort sind um ein vielfaches leckerer als die aus dem Supermarkt. Als wir dort alles besichtigt und gegessen haben sind wir zu einem kleinen Park gefahren wo wir mal wieder was gegessen diesmal gab es Shawarma. Nach dem Essen kletterten wir alle auf ein Klettergerüst und schaukelten darauf. An diesem Abend haben wir uns wieder getroffen und einen gemütlichen Abend gemacht.

Am Tag darauf fuhren wir nach Jerusalem. Dort besichtigten wir die Klagemauer von innen und außen. Die ganzen Gänge und Räume haben mich sehr fasziniert, da ich sowas in dem Ausmaß noch nie gesehen hatte. Außerdem war es sehr interessant, da wir im Religionsunterricht zuvor das Thema behandelt haben. Es gab dort einen 360 Grad Virtualreality Raum, wo die Entstehung der Klagemauer bildlich erläutert wurde. Natürlich gingen wir wieder essen diesmal suchte ich mir Leber, Herz und Brust vom Hähnchen aus. Es war wiedermal sehr lecker. Gegen Abend haben wir uns wieder getroffen und haben selbstgemachte Kekse gegessen und sind zu einem Basketballspiel gelaufen, wo zwei der Schüleraustausch Teilnehmer spielten.

Am Dienstag konnten wir alle länger schlafen, da wir erst am späten morgen zum schuleigenen Bootsverleih mussten. Bei dem Bootsverleih haben wir uns dann zwei große „Paddel Boards“ geliehen und sind am Meeresufer entlang gepaddelt. Dabei habe ich leider meine Brille im Meer verloren. Nachdem wir gepaddelt haben, sind wir in die Küche gegangen und haben unser eigene israelische Mahlzeit zubereitet und gekocht. Es war mal wieder sehr lecker, vor allem mit dem Hintergedanken, dass es sehr viel Spaß beim Kochen gemacht hat. Als wir dann fertig mit essen waren, hatten wir Zeit alleine mit unseren Gastgeschwistern. An diesen Abend sind wir ohne die Lehrer an den Strand und haben den Sonnenuntergang beobachtet und haben Bilder gemacht. Danach sind wir zu „Burgus Buger Bar“ gelaufen und haben Burger mit Zwiebelringen und Cola gegessen. Dort hatten wir eine Menge Spaß, da wir einen Mitschüler verarscht haben, in dem wir zu den Mitarbeitern gesagt haben, dass er Geburtstag habe, was jedoch nicht der Fall war, worauf hin wir ihm ein Ständchen gesungen haben und er ein paar Wunderkerzen bekam.

Am vorletzten Tag sind wir in ein Kibbuz gefahren wo wir mit einem Überlebenden aus Theresienstadt gesprochen haben. Ich fand es sehr interessant ihm zuzuhören, da es nochmal ganz anders wirkt als wenn man es im Schulunterricht behandelt. Danach waren wir im eigenen Holocaust Museum des Kibbuzes, es war sehr schön gestaltet. Vor allem der Boden hat es mir angetan da dort aus passenden Fließen komplett Theresienstadt wie eine Landkarte dargestellt war. Als wir dort fertig waren, sind wir zu einer Künstlerin gefahren, die ihre eigene Kunstausstellung hat. Wir waren hauptsächlich in dem Teil der Ausstellung wo es um den Holocaust ging. Dort hingen von ihr selbst gemalte Bilder auf Leinwänden die das Leben in Ghettos und Konzentrationslagern darstellten. Darauffolgend waren wir mit dem Bus zu einem Picknick im Wald gefahren. Es gab dort wieder sehr leckeres Essen, welches frisch am Grill zubereitet wurde.

Am nächsten Morgen hätten wir früh aufstehen müssen, jedoch haben mein Gastbruder und ich verschlafen und ich somit die Möglichkeit verpasst an einer Unterrichtsstunde teilzunehmen. Danach trafen wir uns alle in einem der vielen Konferenzräume und haben die Woche Revue passieren lassen. Danach mussten wir dann leider nach ausgiebigem Verabschieden zum Flughafen nach Tel Aviv. Von Tel Aviv nach München hatten wir eine lange Verspätung und verpassten so den Anschlussflug. Statt nach Frankfurt mussten wir nun nach Köln fliegen. Wir kamen trotzdem wie erwartet zurück in Burbach an. Unsere Eltern erwarteten uns schon und freuten sich uns wieder zusehen. Dieser Schüleraustausch war für mich eine der besten Zeit meines Lebens und ich bekam einen ganz anderen Eindruck von der israelischen Kultur und dem Land generell. Vor dem Austausch dachte ich, dass ganz Israel ein einziges Kriegsgebiet ist, was mich auch erst davon abhielt mitzukommen. Doch ich bereue diese Entscheidung mitgekommen zu sein keines Wegs, denn dank des Austausches stellte ich fest, dass ich komplett falsch lag, da Israel in manchen Dingen viel fortschrittlicher ist als Deutschland. Generell waren die Israelis viel netter, freundlicher und positiver gegenüber anderen. Doch was am Ende bleibt sind neue Freunde wie Neta, Izack, Daniel, Noa und Noa, Gali, Gal, Carmel, Moriya und Shaked. Auch das Verhältnis zwischen den deutschen Schülern wurde gestärkt. Es war eine sehr schöne Zeit mit allen, sogar mit den Lehrern was ich mir vorher erst gar nicht so richtig vorstellen konnte. Ich will mich auch bei allen anderen bedanken die in irgendeiner Art und Weise in diesen Austausch mitgewirkt haben, oder ihn organisiert haben.


Lucas Funke, 16 Jahre
nahm an einem Schüleraustausch teil und verbrachte so eine Woche in Israel.

Genieße die schöne Zeit Kyra, 19 Jahre, April 2018

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„Genieße die schöne Zeit und das Land, wo Gott gewirkt hat, Du wirst staunen über die Eindrücke fürs ganze Leben!“,

schrieb meine Oma in einem Brief, den sie mir kurz vor meiner Abreise nach Israel übergab. Wie recht sie damit hatte, durfte ich bald darauf erfahren…

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur wenige Informationen über meine Austauschschülerin. Außerdem wusste ich, was für die 13 Tage in Israel geplant ist. Ich hatte den Platz einer anderen Schülerin eingenommen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mit nach Israel konnte und war deshalb die einzige, die sich nicht auf das Wiedersehen mit dem Austauschpartner freute. Stattdessen war ich neugierig und nervös: Ist sie wohl nett? Wird sie enttäuscht sein, dass sie sich auf jemand anderen einlassen muss?

In Israel angekommen, wurde ich durch die Umgebung von diesen Gedanken abgelenkt. Es war alles so ganz anders als zuhause. Die Häuser erinnerten mich an Italien, aber die Natur war anders als in Deutschland, anders auch als in Italien und anders als in all den Ländern, in denen ich bisher war.

Schließlich kam die erste Begegnung mit meiner Austauschschülerin und all meine Bedenken wurden zerstreut. Sie begrüßte mich sofort mit einer herzlichen Umarmung und ich kam in den Genuss der israelischen Gastfreundschaft, von der ich in den folgenden Tagen sehr profitierte. Nicht nur ich, sondern auch die anderen deutschen Schüler waren von dieser Gastfreundschaft überwältigt.

In den folgenden knapp zwei Wochen unternahmen wir viele Ausflüge zu typischen Touristenattraktionen, leider ohne die Begleitung unserer Austauschschüler, die in dieser Zeit teilweise ihre Abschlussprüfungen hatten.

Ich besuchte Orte, von denen ich schon oft in der Bibel gelesen hatte, und bestaunte von einem Boot auf dem See Genezareth aus die Landschaft um mich. In den Bahai Gärten in Haifa entfiel unsere Führung aufgrund der hohen Temperaturen, aber wir hatten das Glück, dass ein Jugendlicher aus Deutschland dort ein Auslandsjahr machte. Von ihm erfuhren wir einiges über diese Religion – und das sogar in Deutsch. Mit einer night light show über die Geschichte der Stadt im Davidsturm begann unser Aufenthalt in Jerusalem. Es folgten die Klagemauer und die Western Wall Tunnels sowie das Israelmuseum und Yad Vashem.

Der Blick über die Großstadt Tel Aviv von einem Hochhaus aus hinterließ ebenso einen bleibenden Eindruck wie das obligatorische Baden im Toten Meer. Während ich das Kamelreiten etwas unbequem fand, war ich überrascht, wie schön die Wüste ist.

Besonders fasziniert haben mich die israelischen Feste. Auf unserem Plan, den wir bereits vor dem Aufenthalt in Israel erhalten hatten, standen die beiden Feiertage: „Remembrance Day“ und „Independence Day“. In Anbetracht der entsprechenden deutschen Feiertage hatte ich nicht viel davon erwartet: Der Volkstrauertag hat mich noch nie tangiert, den Tag der Deutschen Einheit mochte ich, weil er schulfrei ist, aber den Reden der Politiker und der Zeremonie in Berlin schenkte ich keine Beachtung.

Ganz anders in Israel: Da bei den Juden der Tag bereits am Vorabend um 19 Uhr beginnt, erklang zum Beginn des Remembrance Day um 19 Uhr eine Sirene. Die Mutter meiner Austauschschülerin entschuldigte sich und stellte das Gespräch mit mir ein. Da ich im Vorfeld aufgeklärt worden war, wusste ich, dass nun im ganzen(!) Land eine Schweigeminute gehalten wurde. Meine Gastfamilie hatte außerdem eine Kerze aufgestellt in Gedenken an die Gefallenen der Kriege seit der Staatsgründung sowie an die Opfer von Terroranschlägen.

Am nächsten Morgen begleitete ich meine Austauschschülerin in die Schule, wo wir zunächst die Hintergründe dieses Gedenktages erläutert bekamen und danach an der Schulzeremonie teilnahmen. Obwohl ich kein Wort verstand, hat mich die Zeremonie nachdenklich gestimmt und sehr berührt. Ich war regelrecht geschockt, als wir aufstehen mussten und die Namen ehemaliger Schüler und Schülerinnen vorgelesen wurden, die im Krieg oder durch Terroranschläge ungekommen sind. Allein von dieser Schule waren es etwa 50 Personen!

Anschließend fuhren wir zu Gedenkstätten in der näheren Umgebung, wobei uns zwei israelische Lehrer die Bedeutung des Gedenkens im nationalen Bewusstsein der israelischen Gesellschaft, die sich von Feinden umringt sieht, näher brachten.

Diese Informationen wühlten mich sehr auf. Ich sprach mit meiner Gastfamilie darüber und erfuhr, dass auch Nahariya schon Schauplatz für Terroranschläge war und dass einer der verletzten Soldaten, deren Entführung am 12. Juli 2006 zum Ausbruch des zweiten Libanonkrieg beigetragen hatte, ein Klassenkamerad meines Gastvaters war. Dennoch habe ich mich in Israel bis auf eine Ausnahme nie unsicher gefühlt. An den Anblick der jungen Soldatinnen und Soldaten mit Maschinengewehr und an die Kontrolle bevor man ein Kaufhaus betritt habe ich mich schnell gewöhnt.

24 Stunden nachdem die Sirene den Beginn des Remembrance Day eingeleitet hatte, änderte sich die Stimmung um 180 Grad. Der Remembrance Day geht nahtlos in den Independence Day über. In Nahariya herrschte an diesem Abend eine ausgelassene Stimmung. Die Bevölkerung traf sich im Stadtinneren, das mit Lichtern in den Nationalfarben blau-weiß geschmückt war. Um 21 Uhr gab es ein Feuerwerk auf dem Dach des Rathauses und am alten Hafen wurden israelische Rundtänze getanzt. Ermutigt durch meine Austauschschülerin nahm ich daran teil, obwohl ich keinen einzigen Schritt kannte. Zuhause hätte ich mich nicht dazu verleiten lassen, aber an diesem Abend war es mir egal, was die anderen über mich dachten, und dass ich falsch tanzte. Über die Aussage des DJs, die mir meine Austauschschülerin übersetzte, schmunzelte ich nur: Es sei sehr lustig, dass einige junge Leute mittanzten, die es offensichtlich nicht könnten.

Ein weiteres Highlight waren die zwei Sabbatbegrüßungen in meiner Gastfamilie. Obwohl meine Austauschschülerin ihre Familie als nicht religiös beschrieben hatte, traf sich die Familie am Freitagabend, um den Sabbat zu begrüßen. Nach einem Segen über dem Wein und einer Frucht des Bodens standen das gemeinsame Essen und der Austausch im Vordergrund. Die Atmosphäre war sehr angenehm und ich fühlte mich wohl, auch wenn ich den Gesprächen nicht folgen konnte. Ich war überrascht, wie positiv die Großeltern meiner Austauschschülerin auf mich reagierten. Eine ihrer Großmütter erzählte mir begeistert, dass sie schon einmal in Deutschland gewesen ist. Meine Befürchtung, dass ich aufgrund unserer nationalsozialistischen Vergangenheit auf Ablehnung oder Schuldzuweisungen stoßen würde, hat sich nicht bestätigt, was vielleicht auch damit zusammenhing, dass von der Familie meiner Austauschschülerin niemand von der Shoah betroffen war. Generell kann ich sagen, dass ich in Israel – besonders in Yad Vashem – mit diesem Thema konfrontiert wurde und eine tiefe Betroffenheit verspürt habe, aber von den Israelis, mit denen ich zu tun hatte, hat niemand abweisend auf uns Deutsche reagiert.

An den Samstagen und am Independence Day hatten wir frei und verbrachten die Zeit in unseren Gastfamilien. Meine Gastfamilie zeigte mir Rosh Haniqra – ein Ort direkt an der Grenze zum Libanon – wo ich zum ersten Mal in meinem Leben Klippdachse sah, die wir mit Blaukraut fütterten. Da man Haifa unbedingt einmal bei Nacht gesehen haben müsse, kam ich in den Genuss des Lichtermeeres inklusive eines Hauses, dessen Fenster bei Nacht so ausgeleuchtet sind, dass auf der einen Seite des Hauses die israelische Flagge zu sehen ist und auf der anderen Seite das Alter des Staates Israels steht. An meinem letzten Tag gingen wir zum Humusessen nach Akko, wo ich nicht nur ein fantastisches Essen serviert bekam, sondern auch den Unterschied zwischen dem verhältnismäßig geregelten deutschen Straßenverkehr und der kreativen Art der Israelis, ihr zugeparktes Auto zu befreien, erlebte.

Am selben Tag endete unser Aufenthalt in Israel mit einer Abschiedsparty. Ich war sehr traurig, dass wir schon wieder gehen mussten. Der Austausch hatte meine Erwartungen bei weitem übertroffen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich eine so schöne Zeit mit meiner Austauschschülerin haben werde. Die Familie war einfach toll. Reich beschenkt – sowohl mit materiellen Gütern von meiner Gastfamilie, aber auch mit neuen Eindrücken, Erfahrungen und freundschaftlichen Beziehungen – trat ich an diesem Abend die Heimreise an.

Auch heute noch – zwei Jahre nach dem Austausch – schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht, wenn ich an die Zeit in Israel denke. Ich bin sehr dankbar für alles, was ich erleben durfte. Meine Mutter war überrascht, wie glücklich ich mich anhörte und es wirkte nicht nur so, ich war tatsächlich glücklicher und entspannter in diesem faszinierenden Land. Seitdem ich dort war, wünsche auch ich mir: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“


Kyra Abt, 19 Jahre
hat im Mai 2016 im Rahmen eines Schüler*innenaustauschs das erste Mal Israel besucht.

Ani ohevet Israel Olivia, 17 Jahre, April 2018

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Ich erinnere mich noch daran, als ob es gestern gewesen wäre. Am 22.01.2017 lag ein Brief für mich im Briefkasten. Ein Brief für mich? Ja, das war auch für mich sonderbar, denn keiner meiner Freunde schrieb heutzutage noch Briefe. Doch als ich ihn in der Hand hielt und den Absender sah, machte mein Herz einen Sprung. Der Brief kam von der Organisation, durch die ich an einem dreiwöchigen Austausch mit Israel teilnehmen wollte. Ängstlich öffnete ich den Umschlag. Was, wenn sie mich nicht genommen haben? Doch meine Angst war unbegründet. Die Organisation hatte mir eine Teilnehmerliste und den groben Ablauf des Austausches gesendet. Am 28.07.2017 sollte es für die deutschen Teilnehmer in Berlin losgehen. Und das halbe Jahr bis dahin verging wie im Flug. Aufgeregt empfingen wir die israelische Delegation in Berlin – als Zeichen unseres Austausches hatten wir uns die Flagge Israels ins Gesicht gemalt und uns alle blau-weiß angezogen. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass Israelis viel lauter sind als Deutsche, denn sie schrien uns förmlich an, als sie aus dem Bus stiegen. Nicht selten gingen sie außerdem in den Straßen Berlins verloren, weil sie nicht am ausgemachten Treffpunkt warteten. Doch es fiel auch auf, dass sie sehr hilfsbereit sind und gerne teilen. In vielen Situationen hatte ich das Gefühl, dass sie ihr Essen erst glücklich genießen können, wenn sie mindestens ein Viertel davon jemand anderem gegeben haben. Die eine Woche, die wir mit den Israelis zusammen in Berlin hatten verging sehr schnell und ehe ich genauer darüber nachdenken konnte, verließen wir Berlin auch schon wieder. Besonders aufregend war der Sicherheitscheck am Flughafen. Ein Beamter stellte mir Fragen, als wäre ich ein Verbrecher, unter anderem auch, ob ich eine Bombe dabei hätte oder mir vielleicht jemand ein Geschenk gegeben hat, das eine Bombe sein könnte. Ich verneinte dies natürlich. Im Flugzeug angekommen stieg die Aufregung enorm. Ich konnte den ganzen Flug kein Auge zu machen und rutschte unruhig in meinem Sitz umher. Am 08.08.2017 setzte ich dann endlich das erste Mal einen Fuß auf israelischen Boden. Eine mir inzwischen sehr vertraute israelische Freundin fragte mich sofort: „Und? Was sagst du? Wie findest du es hier?“ Ich schmunzelte. Nach drei Minuten in diesem Land konnte ich dies ja schwer beurteilen. Also sagte ich nur: „Alles was ich bisher gesehen habe ist unglaublich.“ Zufrieden nahm sie meine Hand und zog mich zum Bus, der uns zum Flughafengebäude bringen sollte. In der Enge des Busses an die anderen gedrückt, lächelte ich. Sie sind schon jetzt wie eine zweite Familie für mich und ich wollte gar nicht daran denken, alle diese Menschen zu verlassen. Meine israelische Freundin kam sofort in ein Gespräch mit zwei Mädchen unseres Alters, die in unserer Nähe standen. Die Offenheit der Israelis hatte mich schon von Tag eins beeindruckt. Nachdem wir unsere Koffer geholt hatten, zog meine Austauschpartnerin mich hinter sich her, da ihre Mutter am Flughafen auf sie wartete um ihr etwas zu bringen, das sie zu Hause vergessen hatte. Schnell wurde klar, dass ihre Familie auch total offen und nett ist. Ich wusste, dass ich sie am Ende der Woche besser kennenlernen würde, wenn wir in Gastfamilien aufgeteilt werden. Doch jetzt stiegen wir in den klimatisierten Bus, der uns nach Jerusalem bringen sollte. Staunend schaute ich die ganze Fahrt aus dem Fenster. Das Land war wirklich wunderschön. Ein Mädchen hatte sich in Berlin eine Ukulele gekauft und so sangen wir, bis wir eine kleine Pause einlegten um zu Essen. Mein Magen knurrte so sehr, dass es mir sowieso egal war, was wir zu Essen bekamen. Doch es stellte sich heraus, dass wir als erste Mahlzeit im Heiligen Land gleich etwas sehr typisches bekommen werden. Meine Freundin erklärte mir, dass wir Falafel essen werden und fragte mich ob ich wisse, was das ist. „Gehört habe ich es schon mal“, antwortete ich ihr, „aber ich habe es noch nie probiert.“ Ungläubig sah sie mich an. Für sie war es unvorstellbar wie man in 17 Jahren noch kein Falafel gegessen haben konnte. Da der Imbissbesitzer nur Hebräisch sprach, unterstützte sie mich beim Bestellen. Die Falafel wurden in ein Pitabrot gelegt und zudem konnte man sich aussuchen, welche Soße und welches Gemüse in das Brot sollten. Glücklich saßen wir danach in der Sonne, aßen unsere Falafel und tranken hausgemachte Zitronenlimonade. Der Betreuer der Israelis nahm die Deutschen außerdem mit zum Geldwechseln, denn in Israel bezahlt man mit Schekeln. Nachdem wir am Abend einen großzügigen Vorrat Wasser gekauft hatten, um bei 35 Grad tagsüber nicht zu verdursten, fielen alle erschöpft ins Bett. Nicht nur die Sonne, auch das tagtägliche Englischsprechen und das viele Wandern – noch eine Sache, die Israelis gerne zu machen scheinen – zerrte an unseren Kräften.

Die restliche Woche verging mindestens so schnell wie die Woche in Berlin. Da wir durch den Austausch vor allem die Beziehung zwischen Deutschland und Israel vermittelt bekommen sollten, besuchten wir am nächsten Tag die wohl bedeutendste Gedenkstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert: Yad Vashem. Um uns die Thematik in unserer Muttersprache näherzubringen teilten uns unsere Betreuer in eine deutsche und eine israelische Gruppe. Die Atmosphäre im Museum war erdrückend. Natürlich muss man sich als deutscher Schüler jedes Jahr aufs Neue mit der Judenvernichtung und dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen, aber nichts berührte mich so sehr, wie die zahlreichen Bilder an den Wänden. Dabei dachte ich vor allem über meine neugewonnenen israelischen Freunde nach und fragte mich, wie Deutsche diesen Menschen so abwertend gegenübertreten konnten. Wie schon den ganzen Austausch fragte ich mich auch jetzt wieder, was die Israelis wohl heute noch für ein Bild von uns hatten und ob sie auch unsere Generation noch verantwortlich für das Geschehene machen. Mitten im Grübeln trafen mich vor allem die Worte der deutschen Fremdenführerin hart: „Ihr dürft euch jetzt nicht wundern, wenn sich eure israelischen Freunde von euch abwenden. Schließlich haben sie sich gerade das gleiche angeschaut und ihr seid nun einmal die Kinder der Täter.“ Kinder der Täter? Ich dachte ich hatte mich verhört. Doch als ich auf die geschockten Gesichter der anderen schaute, wusste ich, dass es nicht so war. Und auch sie wussten, dass unsere Eltern und zum großen Teil auch unsere Großeltern gar nicht in dieser Zeit gelebt haben oder noch Kinder waren. Mit einem mulmigen Gefühl erwarteten wir das Ende der israelischen Führung, da unsere zuerst endete. Was werden sie sagen? Wie werden sie jetzt mit uns umgehen? Doch alles war normal, als sie aus der Ausstellung kamen und sich zu uns setzten. Erleichtert nahm ich meine Freundin in den Arm, die das Ganze noch mehr mitzunehmen schien als mich. Gemeinsam gingen wir durch das „Denkmal für die Kinder“. Mir kamen fast die Tränen, als unser Betreuer uns erzählte, dass das Band, das die Namen der gestorbenen Kinder aufsagt, ungefähr drei Monate braucht, bis es einmal komplett durchgelaufen ist. Den restlichen Tag verbrachten wir mit freier Zeit in Jerusalem, die uns von unseren Eindrücken aus Yad Vashem ablenken sollte. Doch noch am Abend dachte ich viel darüber nach. Ich kam dabei zu dem Entschluss, dass Austausche dieser Art ein guter Weg sind, um in unserer Generation die zwei Länder wieder zusammenzuführen.

Die nächsten Tage verbrachten wir in Jerusalem, bevor wir unsere Bleibe wechselten und einen Tag in der Wüste und am Toten Meer verbrachten. Am Abend aßen wir in der Wüste und obwohl es schon fast Mitternacht war, war es noch so warm, dass man mit kurzer Hose und T-Shirt herumlaufen konnte. Zum Abschluss machten wir Marshmallows über dem Lagerfeuer. Die Nacht in unserer Jugendherberge mitten in der Wüste in Masada war sehr kurz, da wir um fünf Uhr in der Früh den Sonnenaufgang sehen wollten. Da weit und breit kein Haus und keine Straße war, konnte man der Sonne ungestört zusehen, wie sie über den Himmel wanderte. Es war wunderschön. Wir packten danach unsere Sachen und fuhren nach Tel Aviv. Von dort aus fuhren wir mit unseren Austauschpartnern zu unseren Gastfamilien. Meine Austauschpartnerin und ich verstanden uns von Anhieb an, denn anstatt von den Betreuern Partner zugewiesen zu bekommen, durften die Israelis frei wählen, wen sie über das Wochenende bei sich zu Hause haben wollten. Den Freitagabend verbrachte ich also bei ihrer Familie und sie zeigten mir, wie sie den Sabbat willkommen heißen. Ihr Vater las aus der Thora vor, während meine Freundin mir immer wieder hebräische Begriffe zuflüsterte, die die Familie an bestimmten Stellen im Chor sagte. Abends zeigte meine Freundin mir alles, was ich in ihrem Heimatsort Herzliya sehen musste. Am Sabbat trafen wir uns mit den Leuten vom Austausch, die ganz in der Nähe von Herzliya wohnten und gingen gemeinsam zum Strand. Es war das erste Mal, dass wir in Israel am Strand waren. Voller Vorfreude hüpften wir umher und warteten nur darauf endlich in das kühle Wasser springen zu können. Die Wellen waren ziemlich hoch und Viele wurden ein paar Mal ordentlich untergetaucht, aber wir hatten so viel Spaß, dass wir gar nicht bemerkten, dass die Sonne schon langsam unterging. Da meine Austauschpartnerin unbedingt noch mit mir shoppen gehen wollte, fuhren wir sofort vom Strand zu einem großen Shoppingcenter. Auffallend waren dort vor allem die hohe Präsenz amerikanischer Marken und die langen Öffnungszeiten, denn wir kauften bis um 22 Uhr ein. Danach aßen wir Shakshuka, ein weiteres israelisches Nationalgericht. Außerdem ging ich mit meiner Austauschpartnerin ins Kino, da Filme in Israel nicht synchronisiert werden, sondern im englischen Original mit hebräischen Untertiteln laufen.

Und dann kam auch schon der Tag, an dem es Zeit war, Abschied zu nehmen. Im Arm meiner Freundin liegend, fing ich auf einmal an zu weinen, da ich darüber nachdachte, wann und ob ich sie wiedersehen würde. Denn die meisten traten schon im darauffolgenden Jahr ihren Militärdienst an, der in Israel für alle Bürger verpflichtend ist.

Auch heute denke ich noch sehr viel an meine neugewonnenen Freunde. Durch das Internet haben wir fast täglich Kontakt miteinander und auch, wenn das nicht die persönliche Kommunikation ersetzt, ist es dennoch immer wieder ein sehr schönes Gefühl mit ihnen über Gott und die Welt zu reden. Und die Frage, ob ich wieder nach Israel reisen würde, kann ich heute ganz klar mit „Ja!“ beantworten. Denn nicht nur die vielen historischen Facetten, sondern auch die persönlichen Kontakte, die ich dort knüpfen durfte, werden mich immer wieder zu einer Reise in das Heilige Land bewegen.


Olivia Schübel, 17 Jahre
hat im Sommer 2017 im Rahmen einer deutsch-israelischen Jugendbegegnung zum ersten Mal Israel besucht.

Modi Ulrich, 25 Jahre, April 2018

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Ungefähr 2100 Jahre vor Christus

Auf einem schmalen und steil ansteigenden Pfad, zwischen hellroten und gelben Sandsteinfelsenwänden, liefen ein junger Mann und ein Kamel. Nach fast zehn Tagen in der prallen Sonne, ohne Unterschlupf und die Möglichkeit die Vorräte aufzustocken, war er ausgehungert und dehydriert. Entsendet während einer anhaltenden Dürre, um für seine nomadische Hirtenfamilie neue Weiden zu erkunden, verlief er sich in einem Labyrinth kaum wahrzunehmender Pfade, begann verzweifelt umherzulaufen und nach einer Wasserquelle zu suchen. Sein ganzes Leben lang war er es gewohnt, dass Wasser aus den Bergen die tiefer liegenden Weideflächen bewässert, in letzter Zeit blieb das Wasser sogar nach regnerischem Wetter aus. Der Weg machte den Anschein, als wäre er von Wasser ausgehöhlt und die höher liegenden Felsen von Wind und Sand geschliffen; jedoch gab es nur Sand, Staub und kein direktes Anzeichen von Wasser, ja sogar die resistenten Ararsträucher, entlang des Weges, waren von der Sonne verdorrt. Das Flussbett war schon lange ausgetrocknet; anstatt frischen Wassers fühlte er heißen Wind, der seine Körpertemperatur ansteigen ließ, und er musste im Schatten eines Felsen ruhen. Er und das Kamel ließen sich an einem Felsvorsprung direkt an einer Windung des Pfades nieder, von dieser Stelle aus konnte er das Dana-Tal, das Tal seiner Familie mit den hohen Zypressen, sehen, die einzige grüne Farbe, die er ausmachen konnte. Er fühlte Scham, ohne Neuigkeiten über grünes Weideland erfahren zu haben, wenigstens wollte er die verbrauchten Wasserschläuche wieder auffüllen. Die Anzeichen waren eindeutig, und er erkannte, es würde selbst hier keinen kleinen Tümpel oder einen schmalen Wasserlauf geben. Er musste sich entscheiden, ob er die Suche weiter führen oder mit der gesamten Herde das Tal verlassen sollte. Ein Aufbruch ins Ungewisse würde sicherlich viele Tiere das Leben kosten,  andererseits würden alle Ziegen und vielleicht sogar Kamele verhungern und verdursten, falls es nicht bald regnen sollte.

Plötzlich war das Zwitschern eines Vogels deutlich hörbar, ein sich wiederholender Rhythmus von schnellen und hohen Tönen. Eilig erhob er sich, aber ohne hektische Bewegung, um den Vogel zu erblicken, da fand er ihn, ein paar Schritte voraus in einem Strauch entlang des Weges. Der kleine Vogel mit zitronengelbem Gefieder war leicht zu erkennen, nur am Ende der Flügel sah man wenige schwarze Federn. Das Lied brach ab, und der kleine Vogel flog hinüber über die Felswand, er eilte zurück zum Aussichtspunkt; vor lauter Verzweiflung irgendeine Information zu erspähen stieß er heftig gegen das Kamel, welches gerade dabei war aufzustehen; die Hinterbeine verloren Halt, rutschten über die Kante des Felsvorsprungs, und das Kamel fiel die steile Seite des Berges hinab. Er vernahm einen angsteinflößenden Schrei und es hörte sich äußerst schmerzvoll an, als das Kamel auf dem Boden aufschlug. Zahlreiche große Steine blockierten die Sicht auf das Kamel, das weiterhin einen rauen und erbärmlichen Schrei von Leiden, am Boden der Felsspalte, ausstieß. Er machte große Steine aus, die als Stufen zum Boden dienen konnten, und sprang hinab zu seinem Kamel. Die Sprünge von Stein zu Stein waren tiefer als gedacht und seine Füße schmerzten, dennoch erreichte er den Boden und sah aufgerissene Haut am Rücken des Kamels und mindestens schwere Prellungen.
„Oh nein, nein, nein! Was soll ich nur machen?”, schrie der junge Mann, jetzt sah und begriff er die Schwere dieses Unfalls und begann in Panik zu verfallen. „Hör schon auf zu schreien, ich sehe, wie schwer du verletzt bist. Oh, deine Verletzungen sehen entsetzlich aus, aber wir müssen versuchen dich aus der Spalte heraus und hinauf auf den Weg zu bekommen. Komm schon, ich bringe dich auf die Beine und zurück auf den Weg.” Er versuchte das Kamel anzuheben und es zurück auf seine Füße zu bringen, aber das Kamel biss seinen Arm, schmerzvoll, um ihn davon abzuhalten, es war immer noch erstarrt vom Schmerz des Aufpralls. Er sah das schreiende und blutende Kamel, wünschte sich es würde ihn verstehen und gehorchen, er verstand, mit derart hässlichen Verletzungen würde es an diesem Ort nicht überleben. Vielmehr nutzte er diese Entschuldigung, um sich selbst den Anblick des Leids und des Todeskampfes zu ersparen. Er dachte nicht mehr an das junge Kamel, er dachte nur noch daran diesen Anblick, das Schreien und den Schmerz in seinem Arm zu stoppen. Er verdrängte die weiteren Konsequenzen, die Tatsache, dass der Schmerz in seinem Arm anhalten, die Schreie weiter in seinem Kopf hallen würden, und hatte nur eines im Sinn. „Es funktioniert nicht, und du wirst es niemals aus dieser Todesfalle heraus schaffen,” ein kurzer Moment der Stille und seine Stimme verdunkelte sich angesichts der kommenden Gräueltat, „ich muss es jetzt tun.” Zwischen all der Hektik und dem Lärm waren jetzt auch noch sich nähernde , hastige,  Schritte zu hören; Eine Frau eilte zum Schauplatz, angelockt durch das traurige Hörspiel, dort fand sie das leidende Kamel und den jungen Mann mit einem Messer an der Kehle des Tieres vor.
„Wage ja nicht das arme Kamel direkt vor meinem Zuhause zu töten, weg von ihm, Dabak!”, rief sie und kam dem Kamel zu Hilfe. Sie trug eine schlichte weiße Leinen Tunika mit einem seilähnlichen Gürtel.
„Wovon sprichst du? Ich heiße nicht  Dabak und wie kommst du dazu diesen Ort ein Zuhause zu nennen, schon seit Tagen erkunde ich diese Gegend, nichts als Sand, ausgetrocknete Erde und diese lebensgefährlichen Pfade durch die Berge.” Dabaks Antwort glich schon fast einer Entschuldigung, unzufrieden mit dem grausamen Eindruck, den er der Fremden bot und akzeptierte seinen neuen Namen, immer noch unter Schock stehend.
„Ein ausgezeichneter Kundschafter bist du,” sagte sie, beruhigt durch seine Antwort und gleichermaßen besorgt, viel zu leicht ließ er sich von seinem Plan abhalten, „nicht weit von hier ist mein Zuhause. Ihr beide seid willkommen zu bleiben und euch zu erholen. Es gibt keinen Grund überstürzt zu handeln, Hilfe, mehr als ausreichend Nahrung und Wasser; dein junges Kamel wird mit ein wenig Zeit gut genesen. Hilf mir ihn vorsichtig zu meinem Zuhause zu bringen.”
„Ich habe versucht es aufzurichten, der Schmerz ist zu stark um zu laufen.” sagte Dabak, als sie an ihm vorbei lief und sich an ihren Rücken griff, von ihrem Gürtel holte sie frisches Gras hervor um das Kamel zu beruhigen. Hunger und Neugierde halfen und ließen das Kamel durch die Ablenkung etwas ruhiger werden; sie und Dabak versuchten das Kamel zu unterstützen, besonders die Beine so gut wie möglich. Während sie das Kamel aus der Felsspalte herausmanövrierten, wunderte er sich über das Verhalten des Tieres, für gewöhnlich misstraut es Fremden. Unter normalen Umständen würde es sich nicht füttern und berühren lassen, aber das Tier verhielt sich fast so, als hätte es sich schon früher an die Frau gewöhnt. Als sie einen großen Felsen passierten, sahen sie, wie sich ihre Umgebung veränderte, eine Oase mit Palmen, Büschen und hohem Gras, ein grünes Tal zwischen blankem Fels. Sobald sie bei ihrem Zuhause ankamen, sahen sie einen großen, aber schmalen, Wasserfall, getrennt in drei dünne Wasserstrahlen strömt es in einen Teich. Das kalte Wasser erzeugte eine angenehme Luftfeuchtigkeit und kühle Luft mitten in der Wüste, wie in einem Paradies und Dabak wusste diese Annehmlichkeit zu schätzen.
„Jetzt verstehe ich, wieso du diesen Ort ein Zuhause nennst, diese Oase ist wirklich ein Heim und ein Rückzugsort mitten in der Wüste.” sagte Dabak, während er die Oase bewunderte.
„Es ist wirklich ein wunderschöner Ort, mein Name ist Modi. Zuerst sollten wir Futter für dein Kamel sammeln, danach könnten wir ein kleines Fest vorbereiten.” sagte sie mit einem Lächeln und sie begannen frisches Gras und Blätter von Büschen zu sammeln. Während sie dies taten, begann er die vielfältige, aber kleine Vegetation zu erkennen. Sie fütterten das mittlerweile ruhiger gewordene Kamel und Modi brachte einen Verband an um die Blutung zu stoppen. Danach begannen sie Nahrung für sich zu sammeln.
„Die meisten dieser Pflanzen habe ich noch nie gesehen; kann man die alle essen?” fragte Dabak begeistert.
„Keine Sorge, ich kann dir alles Notwendige zeigen um die Nahrung, innerhalb dieses kleinen Tales, zuzubereiten und sicher zu essen. Direkt unter dir ist die Frucht Brinjal, die habe ich selbst hier hergebracht und ausgesät, normalerweise wächst sie an einem Ort weit weg von hier; ich schätze, du hast noch nie so eine Frucht gesehen. Wir brauchen vier von den Großen in lila,” sagte Modi und schritt in die Richtung einer Gruppe Bäume, „ein Bündel Petersilie und die gleiche Menge Minze.” Dabak sammelte die Kräuter ein und erinnerte sich an diesen Geruch.
„Diese Kräuter kenne ich,” sagte Dabak, „jedoch habe ich sie schon lange nicht mehr gerochen. Sogar Pfirsich- und Zitronenbäume erblühen in deinem Tal.”
„Weißt du, wie man Datteln erntet?” fragte Modi schmunzelnd und deutete auf eine Dattelpalme.
„Normalerweise sammle ich die Datteln vom Boden,” erwiderte Dabak, „aber ich mag den Geschmack nicht wirklich.”
„Natürlich schmecken sie ranzig, wenn du sie vom Boden sammelst, dann sind sie schon überreif;” sagte Modi amüsiert, „du musst schon auf die Dattelpalme klettern, dort oben gibt es haufenweise frische Datteln. Du kannst gleich diese Palme erklimmen, ich zeige dir von der Palme hier drüben, wie man Datteln erntet.” Modi versicherte sich, dass er sie sehen und es ihr nachtun konnte, wie sie auf die Oberseite einer leicht geneigten Dattelpalme kletterte. Sie stützte sich mit ihrem Fuß auf einem verwitterten Astknoten ab, ergriff mit ihren Händen den Stamm und drückte sich zu höher gelegenen Astknoten hinauf; er verstand und begann ihre Technik zu imitieren. Oberhalb des Buschwerks wurde das Licht deutlich weniger diffus und schattig; als sie die Fruchtbäume überragten, war es nötig die Augen zuzukneifen um sicher die Krone zu erreichen.
„Mit deinem Messer kannst du einen Zweig Datteln abtrennen.” sagte Modi und pflückte selbst junge Palmblätter. Dabak holte sein Feuersteinmesser mit hölzernem Griff  hervor um den hellorangenen Spross zu durchtrennen. Er setzte sein Werkzeug wie eine kleine Säge ein, wobei der schwere Zweig sich schneller abtrennen ließ als erwartet und er vom Gewicht zur Seite gezogen wurde, bis er seine Balance wieder gefunden hatte. „Du kannst die Datteln fallen lassen,” schlug Modi vor, „und beide Hände benutzen um herab zu klettern.” Zuvor wollte Dabak erst einmal die Umgebung von hier oben betrachten, er erkannte den Ursprung des Wasserfalls und wie Vögel vom Himmel aus in das Tal flogen. Selbst die höchsten Palmen konnten die umliegenden Felsen nicht überragen, so war die Oase geschützt vor den Augen unerwarteter Besucher. Sobald Modi genügend Blätter gepflückt hatte, ließ er den Zweig mit Datteln fallen und sie kletterten zurück zum Boden. Er hob die Datteln vom Boden auf und aß rasch von den Früchten, diese, immer noch warm von der Sonne, füllten seinen Mund mit einem süßen und fruchtigen Geschmack, ähnlich wie Honig. „Du musst wirklich Hunger haben,” sagte Modi mit schlechtem Gewissen, als sie bemerkte, wie er die Datteln hinunterschlang, und reichte ihm Pfirsiche, „iss erst einmal, danach kannst du mir helfen das Essen zuzubereiten .” Sie begaben sich zu einer Feuerstelle in der Nähe des Teiches; es sah ganz danach aus, als hätte Modi schon länger kein Feuer mehr entzündet. Sie betrat eine gut versteckte Grashütte, welche Dabak zuvor nicht bemerkt hatte, und trug getöpfertes Geschirr und einen Feuerbohrer mit Zunder zur Feuerstelle. Wie sich herausstellte, war Modi sehr erfahren im Entzünden von Feuer, sie platzierte ein hartes Brett mit einer Furche über dem Zunder und presste mit einem Druckstück den Bohrer auf das Feuerbrett. Heftig sägte sie mit dem Bogen, der durch ein Seil mit dem Bohrer verbunden war, bis Glut durch die Furche auf den Zunder fiel und eine kleine Rauchsäule erzeugte.
„Fantastisch.” sagte Dabak begeistert von ihrem schnellen Gelingen, und Modi bewegte die kleinen Flammen in einem sicheren Kissen aus trockenem Gras zum Feuerloch, um es dort vorsichtig mit kleinen Zweigen zu bedecken. Schnell ließ der Wind das Gras, ja sogar das kleine Brennholz, entfachen und erlaubte Modi sich zurückzulehnen und zufrieden dem wachsenden Feuer zuzusehen. Wenig später konnte sie die Brinjalfrüchte zubereiten; um sie zu rösten, platzierte Modi die Früchte in einer großen und flachen Schale auf dem Feuerholz. „Wie darf ich dir helfen?” fragte Dabak nachdem sein Hunger besänftigt worden war.
„Folge mir,” sagte Modi und deutete auf die Grashütte, „du könntest helfen das Getreide zu mahlen.” Sie betraten ihre Hütte, und Dabak war sichtlich überrascht eine kleine Höhle mit sehr angenehmer Temperatur vorzufinden. Die Hütte bedeckte den Eingang und siegelte die Höhle von den äußeren Temperaturen ab. Der dadurch entstandene Raum war großzügig, eine runde Form mit einem Durchmesser von neun Schritten. Die Höhle bot ausreichend Platz für drei Heubetten, eine dunkle Holzkiste, eine Ecke voller Töpfergegenstände und einen Mahlstein, direkt neben einem großen Topf Getreide. Dabak wusste, was zu tun war, und nickte; sie ging zurück zum Feuer und begann die Kräuter mit ihren Händen zu zerkleinern. Während des monotonen Mahlens schossen Gedanken und Zweifel auf ihn ein, er begann zu verstehen, wie glücklich seine prekäre Lage sich entwickelte, zu einem warmen Willkommen, zu Hilfe, einer Unterbringung, zu ausreichend Wasser und Essen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie er Modi jemals seine Dankbarkeit zeigen konnte. Das Mehl häufte sich, und ab und zu konnte er sehen, wie Modi zu den Obstbäumen und zurück zum Feuer ging, die Zeit flog dahin.

„Du kannst aufhören und dich waschen, ich mahle das restliche Mehl.” sagte Modi, sobald sie erkannte, dass seine Arme bereits müde vom Mahlen waren.
„Danke.” sagte Dabak und verließ die Hütte. Seine Kleidung und seine Haut waren verstaubt; außerdem konnte er jede Menge Sand spüren, wenn er sich mit der Hand durchs Haar fuhr. Dabak watete durchs Wasser und versuchte direkt unter einen Strahl des Wasserfalls zu gelangen, dort war er schier überrascht von dem Druck des Wassers auf seinen Körper, in kürzester Zeit waren er und seine Kleidung wieder sauber. Er ging ein paar Schritte nach vorne und strich sich die Haare aus dem Gesicht und sah Modi, wie sie einen Rundofen auf das Feuer stellte. Neugierig kam er aus dem Wasser und setzte sich ans Feuer um schneller trocken zu werden. Sie hatte eine Schüssel mit dem vorbereiteten Teig und wartete, bis der Ofen aufgewärmt war. In Teiglinge aufgeteilt, rund und flach geformt, nahm sie diese in ihre Hand und klatschte den Teig gegen die Innenseite des Rundofens, der Teig blieb an der Wand hängen und begann zu backen. Nachdem sie zwei weitere Teiglinge angebracht hatte, war das erste Fladenbrot fertig gebacken, und Modi nahm es heraus; die Kruste war braun gepunktet, und der Geruch des frischen Brotes war absolut köstlich. Hinter sich konnten sie ein Rascheln im Gras hören, und der Kopf des Kamels erschien aus den Sträuchern. Es ging Richtung Wasser und begann zu trinken.
„Wie heißt er eigentlich?” fragte Modi.
„Noch hat er keinen Namen.” antwortete Dabak langsam.
„Mir gefällt Kesim, es klingt schön, was meinst du?” sagte Modi.
„Ja, mir gefällt der Klang auch. Hat Kesim eine Bedeutung?” fragte Dabak. Kesim hatte genug getrunken, lief zu ihnen ans Feuer und legte sich, zwei Schritte entfernt hinter Modi und Dabak, nieder.
„Noch hat es keine Bedeutung.” sagte Modi und schaute zu Kesim herüber. Alle hatten sich um das Feuer versammelt und das Essen war zubereitet, endlich konnte das Fest beginnen, Becher mit frischem Wasser, sich stapelndes Fladenbrot, verschiedene Früchte und die Hauptspeise eine Schale voll gerösteter Brinjal, vermengt mit Kräutern, dem Saft von Zitronen und Granatapfelsamen. Der Sonnenuntergang war nicht sichtbar innerhalb des Tals, und überraschend schnell wurde es dunkel um sie herum; sie erhoben ihre Becher.
„Danke, du hast uns mit offenen Armen willkommen geheißen, uns Hilfe, Wasser und Essen angeboten. Wenn es irgendeine Art und Weise gibt, wie ich dir meine Dankbarkeit zeigen kann, bitte einfach darum und ich werde dir aushelfen.” sagte Dabak ehrlich.
„Ich bin froh helfen zu können.” sagte Modi und trank aus ihrem Becher. Sie tunkten das Brot in das geröstete Brinjal und aßen dazu Datteln und Pfirsiche. Die Kombination des rauchigen Brinjal mit den saftigen Früchten und den honigsüßen Datteln war perfekt abgestimmt, möglicherweise das Beste, was Dabak jemals gegessen hatte. Sie aßen und waren froh, wie glimpflich der Unfall ausgegangen war. Ihre Bäuche waren gut gefüllt, und sie fühlten sich angenehm satt. „Magst du gerne Geschichten?” fragte Modi und Dabak nickte.

„Sud und Sad waren Puppen mit einem magischen Kern, einst genäht von ihrem Erzeuger. Sie konnten sich jedoch nicht an diesen erinnern, weder das Aussehen noch an die Stimme, an nichts außer einen einzigen Satz: „Schützt euren magischen Kern und enthüllt ihn niemals irgendjemandem, nicht einmal euch selbst. Die Geschwister konnten die Bedeutung nicht so ganz verstehen; manchmal versuchten sie ein hartes Objekt unter ihrer Haut aus Textil zu erfühlen, aber es gab keinerlei Anzeichen dafür. Von Zeit zu Zeit, wenn sie sich beugten oder streckten, hörten sie das Knittern von Papier, daraus konnten sie sich aber keinen Reim machen und vergaßen es sehr schnell. Sie lebten in einer Siedlung mit ein paar Menschen an einem Strand; Sud, in höchstem Maße überzeugt von seiner eigenen Stärke, machte niemals ein Geheimnis aus seinem Puppenkörper und zeigte das blanke Textil und seine Haare aus Seilen für alle sichtbar. Sad behielt den einen Satz immer im Sinn und war vorsichtig genug mit einem Puder ihre Textilhaut zu verstecken, und sie ersetzte ihre Haare aus Seil durch das lange Haar von einem Pferd. Sie trug geschlossene Schuhe und lange Kleider, da ihr Puder sich durch Bewegung an diesen Stellen löste; ja sogar ein Jasmin Parfum benutzte sie um ganz wie ein Mensch auszusehen und zu riechen. Sud und Sad lebten mit ihrer Gemeinschaft, und es entwickelten sich Freundschaften zwischen den Menschen und ihnen, während sie gemeinsam aufwuchsen. Dieser Tage verliebten sich Sud und eine junge Frau und sie gingen, fern von den Blicken der Anderen, am Strand spazieren. Als sie von einem Spaziergang zurück zu ihren Häusern kamen, wurden sie von einer Gruppe Männer überrascht, und ihre geheime Verbindung flog auf. Von Neid und Abscheu, über die ungewöhnliche Beziehung, angetrieben drückten sie Sud weg von ihr. Sie versuchte ihm zu helfen, aber durch deren Anzahl wurden sie leicht überwältigt, und die Männer fingen an Suds Haut zu zerreißen. Sud versuchte Gegenwehr zu leisten, aber seine Kraft ließ ihn im Stich; als sie seine Füllung heraus zerrten, wurde auch ein kleines Stück Papyrus sichtbar, und in diesem Moment fielen Suds Arme und sein Kopf leblos zu Boden. Die Gruppe hielt inne und wich von der aufgerissenen Puppe und der Frau zurück und ließ sie alleine. Sie trauerte über seinem Körper, weinend und fassungslos versuchte sie seine Füllung und seine Haut wieder an ihren alten Platz zu bringen; dabei fand sie ein Stück Papyrus. Sie hob Sud auf und eilte zum Haus von Sud und Sad, um seine Schwester aufzusuchen. In dem Moment, als Sad ihren leblosen Bruder und das Stück Papyrus, in den Händen der Frau sah, verstand sie die Bedeutung des Satzes; schnell gingen sie in ihr Haus. Sie verschlossen die Tür und versicherten sich, dass niemand sie sehen könne. Sad benutzte ein Messer um Suds Unterkörper abzutrennen und legte seinen Oberkörper auf einen Tisch. Nun holte sie Nadel und Faden, nähte die aufgerissene Haut an seinem Oberkörper  zusammen und platzierte sich auch auf dem Tisch. Sud und Sad lagen auf ihren Rücken; sein Kopf in Richtung eines Tischendes und ihr Kopf  in die gegenüberliegende Richtung. Sad bat die Frau sich umzudrehen, in Angst ihr Papyrus könnte erblickt werden und die magische Kraft verlieren, und zog ihr langes Kleid aus; sie entschied sich dazu ihre beiden Oberkörper, auf Höhe der Bauchnäbel, zusammenzunähen. Vorsichtig trennte sie ihren eigenen Unterkörper ab und versuchte die Füllung mit ihrem magischen Kern nicht zu beschädigen. Bevor sie Suds Oberkörper an den ihren nähte, presste Sad mehr Füllmaterial unter ihre Haut, dabei sah sie für einen winzigen Moment die Ecke eines Papyrus und bedeckte es schnell wieder. Um ihre verbundenen Bäuche herum nähte sie ihre Haut zusammen; unmittelbar nachdem der letzte Stich getan war, wachte Sud auf.”

„Ist es das Ende der Geschichte?” fragte Dabak begeistert, ungeduldig auf mehr wartend, nachdem Modi mit dem Erzählen aufgehört hatte.
„Es ist nicht das Ende von Sud und Sads Geschichte, es ist nur der Anfang.” sagte Modi müde. “Ich bin froh, dass es dir bis hierhin gefallen hat. Ich verspreche dir, die folgenden Kapitel sind noch spannender, aufregender und emotionaler. Gute Nacht, Dabak.”


Ulrich Klose, 25 Jahre
hat 2009/2010 an einem Studierenden-Austauschprojekt teilgenommen und ist seit dem im ständigen Kontakt mit Israel.

Sie schrie zu Gott Ella, 18 Jahre, April 2018

© ConAct

Die Frau neben mir schrie. Sie schrie und weinte. – Sie schrie zu Gott. – Ihre Stirn hatte sie an die Mauer gelegt und beide Hände links und rechts von ihrem Kopf suchten Halt im Stein. Ihr ganzer Körper schien zu leiden und sich gleichzeitig völlig zu befreien. Alles von ihr, ihrem Körper und ihren Gedanken, war beim Gebet. Ewig hatten sich Nöte und Sorgen in ihr angestaut und schienen nun aus ihr herauszubrechen. Von ihrem Umfeld nahm sie nichts wahr, nur sie und ihr Gebet waren da. Ließen keinen Platz für anderes. Und so rücksichtslos ihr Verhalten für andere geschienen haben mag, umso umwerfender fand ich diese Szene. Mich nahm diese Erscheinung völlig ein. Es gab so viel Verzweiflung in ihrem Handeln und ihrem Ausdruck, in ihrer Sprache, obwohl ich nichts davon verstand, und ihrer Haltung, dass es mir absurderweise Hoffnung gab. Hoffnung, denn ich wusste, dass diese Frau in diesem Moment mit Gott war.

Ich dachte an zu Hause, an meine Schule in Berlin und unseren Religionsunterricht. Wir hatten einmal die Aufgabe bekommen, unser eigenes Credo zu schaffen. Irgendetwas, das unserem persönlichen Glauben Ausdruck gab. Unsere anschließende Diskussion führte soweit, dass wir irgendwann zur These kamen, Glaube und Fortschritt widersprächen sich und für eine Zukunft der Wissenschaften würden Religionen nicht mehr gebraucht werden. Diese Aussage machte mir solche Angst und führte gleichzeitig zu solcher Unsicherheit bei mir, dass nur ein Gefühl der Entrüstung blieb. Denn wie sollen wir in einer Welt ohne Glauben leben können?

Schon auf dem Weg hierher, zur Klagemauer, waren uns viele religiöse Menschen entgegengekommen. Juden, die auf dem Weg zur Synagoge waren und mit ihrem Aussehen ihren Glauben auf stärkste Weise nach außen trugen. Natürlich kann man in Frage stellen, ob das nötig ist und vielleicht auch welchen Zweck das haben soll, aber mir war das völlig egal. Die vielen religiösen Menschen zu sehen, gab mir Hoffnung. Ich dachte mir, dass jeder Mensch, der seinen Glauben hat und ihn in Liebe lebt, eine innere Stärke hat und einen Grundrespekt vor der Schöpfung der Welt und anderen Menschen. Das beruhigte mich zutiefst. Und so kam es, dass mir diese Frau, die so voller Verzweiflung schrie, stärker schien als alles andere, was ich in letzter Zeit gesehen hatte.

Die Frau neben mir schrie. Sie schrie zu Gott. Hier an der Klagemauer in Jerusalem, war sie völlig frei und unglaublich menschlich.


Ella Thiäner, 18 Jahre
hat im Herbst 2016 im Rahmen eines Jugendaustausches für zwei Wochen Israel besucht.

Chaim sheli Jana, 18 Jahre, März 2018

© Jana Prestrich

Um genau 4.22 Uhr habe ich offiziell die israelische Grenze überquert.

Das weiß ich so genau, weil es auf dem Stück Papier steht, das der israelische Grenzbeamte in meinen Pass gelegt hat. Papiere, keine Stempel. Damit ich es so aussehen lassen kann, als hätte ich dieses Land, mit dem ich mich monatelang so intensiv befasst hatte, nie betreten. Denn leider gibt es tatsächlich noch Länder, die einem mit einem israelischen Stempel im Pass die Einreiseverweigern.

Es fällt mir schwer, meine Augen offen zu halten. Der Zug, in dem wir sitzen, rauscht beinahe geräuschlos durch die nächtliche Welt. Es ist eigenartig still. Ich blicke hinüber zu Leonie, die sich im Sitz mir gegenüber zusammengekauert hat. Ihre Augen sind geschlossen, ihr Mund steht leichtoffen; sie schläft tief und fest. Kein Wunder, nach dem langen Flug. Meine Augenlider werden immer schwerer. Den Mann mit dem Maschinengewehr, der plötzlich unseren Wagen betritt undversucht, sich an unseren Koffern vorbeizuschlängeln, bemerke ich nur aus den Augenwinkeln.

Als ich die Augen wieder aufschlage, geht gerade sie Sonne auf. Schön sieht das aus, irgendwie ganz anders als Zuhause. Als die ersten ihrer Strahlen auf das Zugfenster treffen, fängt der Staub auf der Scheibe an zu glitzern.

Früh morgens ist Naharija eine eigenartige Stadt. Es ist bereits halb acht, und trotzdem ist keine Menschenseele zu sehen; kein Auto fährt vorbei. Nur ein älterer Mann humpelt über die Straße und zieht einen riesigen Haufen Pappkartons hinter sich her. Bis der Bus kommt, der uns nach Nes Ammim bringen wird, sind es noch über zwei Stunden. Wir beschließen, uns die Gegend etwas genauer anzusehen.

Wir finden einen Laden, indem allerlei exotische Lebensmittel angeboten werden. Während wir noch überlegen, worum es sich bei den einzelnen Substanzen wohl handelt, werden wir von der Ladenbesitzerin – zwar mit unverständlichen Worten, aber unmissverständlicher Körperhaltung – aus dem Laden dirigiert. Wer nichts kaufen will, ist hier unerwünscht.

Im Bus beobachte ich fasziniert, wie sich das Wasser, das irgendwie zwischen die Scheiben deszweifach verglasten Busfensters geraten ist, hin und her bewegt, wann immer der Busfahrer bremst oder anfährt. Wir lachen darüber.

Unsere erste Nacht verbringen wir in Nes Ammim, einer kleinen christlichen Gemeinde unweit von Naharija. Hier spricht jeder Deutsch; es ist ein schönes und friedliches Fleckchen Erde. Wir erfahren viel über die Ursprünge des Christentums und über den deutsch-israelischen Dialog, der hier gefördert wird. Und nicht zuletzt ist genau das der Grund, warum wir hier sind.

Nes Ammim wirkt auf mich wie ein Garten Eden; auf endlosen Wegen kann man spazieren gehen und entdeckt immer neue Dinge, das eine Mal ein kleines Haus aus Backsteinen, das andere Mal eine Bank, die in einen Baum eingewachsen ist. Dann ein kleines Gotteshaus, in dessen Vorhof ein Teich angelegt wurde. Es ist niemals still hier. Es gibt viele Kinder und auch Jugendliche, die in Gruppen tanzen und singen oder gemeinsam im Gras sitzen und die Sonne genießen. Ich beginne zu verstehen, warum dies ein Ort des Friedens ist, an dem die Unterschiede und die Konflikte zwischen verschiedenen Religionen und Völkern keine Rolle spielen. Ich jedenfalls hätte es nichtfertiggebracht, an diesem Ort Hass zu empfinden. Die Bewohner von Nes Ammim sind wie eine große Familie, die jeden Gast gleichermaßen herzlich bei sich aufnehmen.

Als ich meine Austauschpartnerin am nächsten Tag wiedersehe, ist es beinahe so, als hätten wir uns erst gestern das letzte Mal gesehen, obwohl es bereits etwa neun Monate her ist, seit die israelische Delegation uns in Deutschland besucht hat. Bei ihr zuhause im Kibbuz Shimshit angekommen, staune ich nicht schlecht. Mir fällt auf, dass sich am Eingang ein großes Tor befindet. Nicht jeder kann die Siedlung betreten. Das Haus meiner Austauschpartnerin ist schön, weiß mit einem flachen Dach aus roten Ziegeln. Ich habe eine ganze Etage nur für mich, inklusive einem eigenen Badezimmer.

Ich lasse mich auf mein Bett fallen, welches direkt am Fenster steht und weicher ist als jedes andere Bett, auf dem ich je gelegen habe. Noch weiß ich nicht, dass ich es in den nächsten zehn Tagen kaum zu sehen bekommen werde.

Zehn Tage.

Zehn Tage vergehen viel schneller, als man denkt. Und letztendlich wird alles zu einem einzigen Strom aus Erlebnissen und Erinnerungen. Im Nachhinein kommt es mir vor wie ein Traum. Die Herzlichkeit und die Offenheit der Menschen, die ich getroffen habe, ist mir auch heute, etwa ein Jahr später, noch immer im Gedächtnis geblieben. Ich erinnere mich an die Mutter einer israelischen Schülerin, die vor unserer gesamten Delegation eine Rede darüber gehalten hat, wie froh sie ist, dass wir hier sind. Wir, die Nachfahren einer Gesellschaft, die einen Völkermordbegangen hat. Wie sehr sie fühlt, dass unsere Schicksale für immer miteinander verbunden sind.

Hätte man mich vor dem Austausch gefragt, was ich mit dem Land Israel verbinde, hätte ich wahrscheinlich geantwortet: viele jüdische Menschen. Jerusalem. Und, ach ja, irgendwas mit Jesus. Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, Israel ganz oben auf meine Liste der Länder, die ich unbedingt bereisen will, zu setzen. Heute steht Israel ganz oben auf der Liste der Orte, die ich am meisten vermisse, und an die ich die schönsten Erinnerungen habe.

Für viele junge Menschen meines Alters ist Israel ein Niemandsland. Junges Blut will nach Amerika, oder nach Thailand. Shoppen in New York, Sonnenbaden in Ko Phuket.

Den meisten geht es dabei um nichts anderes als darum, die Seele baumeln zu lassen und alles um sich herum zu vergessen. Dabei sind es gerade die Menschen und die Dinge um einen herum, die eine Reise unvergesslich machen. Hätte ich mich in Israel gehen lassen, hätte ich heute nichts als ein paar Urlaubsfotos unter Palmen und verschwommene Erinnerungen an Partynächte in den Clubs von Tel Aviv.

Aber ich habe viel mehr erlebt. Ich habe viel mehr zu erzählen.

Ich kann von den vielen lachenden Gesichtern erzählen, ohne die meine zehn Tage in Israel nicht viel wert gewesen werden. Ich kann davon erzählen, wie ich mitten in der Wüste bei den Beduinen am Lagerfeuer saß, unglaublich guten Tee getrunken habe und es mir vorkam, als könnte ich jeden einzelnen Stern am Himmel sehen. Ich kann davon erzählen, wie ich hinter meiner besten Freundin auf einem Kamel saß, durch die Wüste ritt und mich fragte, welche glorreiche Verkettung von Entscheidungen mich wohl an diesen Ort gebracht hatte, in diesem Moment, auf den Rücken eines Tieres, das ich bisher nur im Zoo gesehen hatte. Ich kann davon erzählen, wie ich auf der Stadtmauer von Akkon saß, den Blick auf das Meer gerichtet und den Geschmack von Avocado im Mund. Ich will davon erzählen, wie ich in Yad Vashem in der abgedunkelten Halle der Kinder stand und zum ersten Mal gespürt habe, welches Leid die Deutschen damals über die Juden gebracht haben. Worte und Erzählungen sind das eine, aber an einem solchen Ort der Erinnerung zu sein und die Geschehnisse aus der Perspektive der Opfer zu betrachten, gibt einem erst ein Gefühl für die Tragweite der Verbrechen der Nationalsozialisten.

Auch von diesen bedrückenden Erlebnissen will ich erzählen. Meine Austauschpartnerin erzählte mir einmal, dass es Beschwerden darüber gab, dass in Yad Vashem Flaggen mit Hakenkreuz-Abbildungen ausgestellt werden. Der Schmerz sitzt tief, und das spürt man in jedem Winkel von Yad Vashem, der Festung auf dem Berg.

Ich habe mich nicht schuldig gefühlt. Ich weiß, dass ich keine Schuld trage für das, was passiert ist. Aber ich weiß, dass ich, dass wir alle ein schweres Erbe in die Wiege gelegt bekommen haben, und dass es an uns ist, dieses Erbe zu respektieren und dafür die volle Verantwortung zu übernehmen.

Yad Vashem ist ein Ort der Trauer, aber vielmehr auch ein Ort der Mahnung. Man spürt die Bedrängnis in den kahlen Wänden und spitz zulaufenden Dächern. In Yad Vashem ist es wichtig, nicht die Masse der Opfer zu betrachten, sondern jeden der Toten als individuelle Persönlichkeit zu betrachten, jedem einen Namen zu geben. Nicht umsonst bedeutet Yad Vashem wörtlich übersetzt „Denkmal und Name“.

Ich will erzählen von den Begegnungen mit Menschen, die so ganz anders leben als wir, aber sich letztendlich kaum von uns unterscheiden. Ich glaube sogar, dass die Israelis in vielerlei Hinsicht offener sind als die Deutschen. An einem Abend saß ich mit meiner Austauschpartnerin in einem kleinen Pavillon am Rande von Shimshit. Es war eine laue Nacht, nicht so schwül wie am Tage, aber dennoch angenehm warm. Es war bereits dunkel, und man konnte unendlich weit sehen, da der Pavillon direkt an einem steilen Hang stand und man über ein weites Tal blicken konnte; weiterhinten sahen wir die Lichter einer Stadt. Wir ließen unseren Blick schweifen, und ich begann, Fragen zu stellen. Ich fragte alles, was mir so in den Sinn kam. Über ihr alltägliches Leben, ihre Familie, ihre Freunde. Wir redeten über die Zeit des Nationalsozialismus, und inwiefern ihre Familie darin involviert gewesen ist. Wir redeten über den Konflikt zwischen den Israelis und den Palästinensern, und über die Beziehungen zwischen den jüdischen und den muslimischen Israelis. Sie erzählte mir, dass ihre große Schwester bereits einige Zeit bei der Armee ist. Für mich ist es befremdlich, wenn ich darüber nachdenke, dass israelische Jugendliche in meinem Alter bereits wissen, wie man mit einem Maschinengewehr umgeht.

Das Leben der israelischen Jugendlichen ist so ganz anders als meins, und trotzdem verstehen wir uns blendend. Meine Austauschpartnerin wirkt oft nachdenklich, und sie ist so ein Mensch, mit dem man sich stundenlang unterhalten kann, ohne dass es langweilig wird. Sie ist lustig, aber nie kindisch. Auf mich wirkt sie um einiges erwachsener als ich es bin.

Ich habe viel erlebt in diesen zehn Tagen. Ich stand vor der Klagemauer, hab mich auf dem Toten Meer treiben lassen, bin über die Märkte von Tel Aviv geschlendert. Ich bin eingetaucht in eine Kultur, die ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Ich habe wirklich alte Gebäude betreten, unter anderem auch die Grabeskirche in Jerusalem, und habe zum ersten Mal in meinem Leben eine Wüste gesehen. Ich habe mich darüber gewundert, dass der nette Verkäufer auf dem Basar fließend Deutsch gesprochen hat. Ich habe Käfer gesehen, die so groß waren wie Flummis. Ich habe unglaublich gute, aber auch merkwürdige Dinge gegessen, deren Geschmack ich sehr vermisse. Ich habe mir die Füße tagsüber in Tel Aviv wund gelaufen und abends auf einer Waldparty wund getanzt. Aber vor allem habe ich einen bunten Haufen unglaublicher Menschen kennengelernt, die ich nie im Leben vergessen werde.

Chaim sheli. So haben uns die israelischen Mädchen immer genannt. Ein Ausdruck, der mir im Gedächtnis geblieben ist, aus einem einfachen Grund. Er bedeutet Offenheit, Sympathie, Zuneigung, und vor allem: Freundschaft. Und dieses Erlebnis der Freundschaft ist, wovon ich am liebsten erzähle.

Und ich könnte noch so viel mehr erzählen.

Um genau 15:17 Uhr habe ich den Staat Israel offiziell verlassen. Das weiß ich so genau, weil es auf dem Stück Papier steht, das der israelische Grenzbeamte in meinen Pass gelegt hat.

Noch wird dieses wundervolle Land nicht von allen Staaten völkerrechtlich anerkannt. Ich hoffe sehr, dass sich das in Zukunft ändern wird. Das wäre ein weiterer Schritt hin zu einer gemeinschaftlichen und friedlicheren Welt.


Jana Prestrich, 18 Jahre
hat an einem deutsch-israelischen Schulaustausch teilgenommen und in diesem Rahmen im März 2017 für zehn Tage Israel besucht.

(Über)Leben in Israel – Willkommen in 5 Etappen Christina, 23 Jahre, März 2018

© Christina Wirth

„Dein Zimmer sieht ja genauso aus wie vorher! Wir haben unsere verändert… Wenn du möchtest, helfen wir dir beim Umstellen.“ Dann verließ Anne zusammen mit Leo mein neues Zimmer und ich blieb alleine auf meinem Bett sitzen und streichelte die gestreifte Katze, der ein Stückchen ihres Ohrs fehlte. Wir haben der Katze noch keinen Namen gegeben, beziehungsweise wir streiten noch darüber. Die anderen wollen sie Habi nennen, was in einer mir unbekannten Sprache wohl Pirat bedeutet. Ich finde Habi aber mehr als unpassend, denn das klingt wie Habibi, und so wird schließlich jeder im arabischen Viertel der Altstadt genannt und dafür ist die Katze viel zu bedeutsam. Ich würde sie gerne Hannah nennen, aber dafür ist sonst keiner. Anne hat recht, mein Zimmer hatte sich nicht verändert. Mein Schreibtisch stand an der gleichen Stelle, genau wie Bett und Schrank. Auch meine Poster hing ich hier, zwei Stockwerke über der alten Wohnung, an der gleichen Stelle auf. Wieso auch nicht?! … Ich mochte es unten, wie es war.

Aber da sind wir ja schon mittendrin! Es fing alles ganz anders an…

„Passengers to Tel Aviv! Passengers to Tel Aviv!“ Hier musste ich mich nun einer Reihe von Fluggästen anschließen, die nach Israel flogen. Ich hatte das ungute Gefühl diejenigen, die nicht mit uns flogen beobachteten uns argwöhnisch. Ist das der Blick, den man erntet, wenn man für einen Israeli gehalten wird oder bilde ich mir das nur ein? Es ging schnell zu einem weiteren Sicherheitscheck bevor ich ins Flugzeug durfte. Ich saß am Fenster und beobachtete die einsteigenden Passagiere. Und da war sie, die erste offensichtlich israelische Frau im Flieger. Sie war älter und sehr klein. Sie trug ein Buch in hebräischen Lettern unter ihrem Arm und war dicht gefolgt von ihrem Mann, der noch etwas älter war, als sie selbst. Sie saß in der Reihe vor mir und begann zu lesen, von rechts nach links! Ich war beeindruckt! Ich konnte maximal einzelne Wörter entziffern und sie las in einem schnellen Tempo. Der Flug verlief problemlos. Angekommen in Tel Aviv musste ich durch das vielbeschworene Sicherheitsgespräch und kam endlich in der Willkommenshalle an, ohne aber willkommen geheißen zu werden.

Willkommen in Israel 1.0

Nachdem ich mir Proviant und israelische Shekel besorgt hatte, ging ich an der Ben Gurion Büste vorbei nach draußen. Hier wollte ich mit einem Sherut direkt nach Jerusalem zu dem Studentenwohnheim fahren. Ich ging auf den Fahrer zu und sagte ich wolle ins Student Village, er verstand mich aber leider weder auf Englisch noch auf gebrochenem Hebräisch. Da mischte sich jemand von der Seite ein… Es war die Frau aus dem Flugzeug. Sie fragte mich kurz aus, wo ich hin wolle und hat alles weitere geregelt. Ich war sehr dankbar und durfte mich zu ihrem Mann stellen. Nachdem sie alles abgemacht hatte, stiegen wir in den Wagen und sie bat mich bei ihnen zu sitzen. Die ganze Fahrt über redeten wir über Gott und die Welt. Ihr Name ist Pnina und sie lebt in Jerusalem. Bevor ich aussteigen musste, gab ich ihr meine Handynummer. Sie hat durch ihre liebevolle und herzliche Art das fehlende Willkommen nachgeholt.

Willkommen in Israel 2.0

Im Student Village angekommen musste ich meine Schlüssel abholen. Ich war aufgeregt und habe nicht richtig zugehört, wo genau mein Zimmer nun ist. Nachdem die Verwaltung „Buildung zwei“ gesagt hatte, muss ich wohl abgeschaltet haben, denn ich war vollkommen aufgeschmissen. Auf meinem Schlüsselbund standen Zahlen, an denen ich mich orientierte. Ich reimte mir zusammen, auf welchem Stockwerk mein Zimmer wohl sein muss und platzte in eine leere Wohnung und klopfte an die erste Zimmertür. Ein halbnackter israelischer Student machte die Tür auf und war sichtlich verwirrt, was ich wollte. Nach einem Moment der peinlichen Stille zog er sich etwas über und erklärte mir, wo ich hin musste. In meiner Wohnung hatte ich das Zimmer, was im Ernstfall als Bunker dient. Ich war zutiefst schockiert darüber. Ich hatte Doppeltüren und konnte mein Fenster mithilfe einer schweren Mettalplatte abriegeln. Ich hielt mich mit dem Gedanken über Wasser, dass Raketen nie bis Jerusalem gelangen konnten und ich niemals diese Metallplatte bewegen müsste. Mulmig war mir allerdings schon dabei. Es war noch niemand zu Hause und so entschied ich, mich nach der anstrengenden Anreise erstmal auszuruhen. Kaum war ich eingenickt, hörte ich Geräusche in der Wohnung. Das musste eine meiner neuen Mitbewohnerinnen sein. Ich stürzte aus meinem Zimmer und traf auf eine Britin in meinem Alter. Dass es sich bei dem Mädchen um eine Britin handelte, war nicht schwer auszumachen. Sie hatte einen so starken Akzent, dass es schwer war ihr zu folgen. Außerdem war das erste, was sie tat, einen Tee aufzusetzen und Milch hinein zu tun. Auch sehr britisch meiner Meinung nach. Ihr Name war Hannah und sie war schon zum Ulpan angereist. Gerade hatten sie Pause und musste bald zurück. Wir redeten und sie zeigte mir trotz der wenigen Zeit die sie hatte den Weg zum Supermarkt. Dort haben wir uns etwas verquatscht und sie kam zu spät zu ihrem Kurs. Sie war sehr sympathisch und machte viele Witze, das gefällt mir. Ich richtete mich ein und kochte etwas sehr Simples und genau währenddessen kamen die beiden anderen Mitbewohnerinnen an. Es waren Anne aus Amsterdam und Victoria, die aus der gleichen deutschen Studentenstadt kam, wie ich. Aus der Traum, mit Israelis zusammen zu wohnen. Ich war wirklich sehr enttäuscht. Ich ließ sie von meinen Nudeln mitessen, ich schämte mich, nichts gekocht zu haben, das etwas Besonderes war. Das Kochen sollte Annes Metier werden – sie bekochte mich sehr oft zusammen mit unserem italienischen Freund Leo.

Es war nun an der Zeit die Stadt anzuschauen. Am gleichen Abend brach ich alleine auf, um mir eine Rav-Kav-Karte für die öffentlichen Verkehrsmittel zu kaufen. Ich nahm die Light Rail, die auch an der Altstadt vorbeifuhr und staunte nicht schlecht. Es war zwar schon dunkel, aber ich konnte die Stadtmauer der Altstadt sehen mit ihren riesigen Steinen. Ich konnte es kaum erwarten durch eine ihrer Tore zu gehen. Ich sah das Damascus Gate umgeben von vielen Menschen, die eilig ihres Weges schritten. Das beleuchtete Jaffa Gate und hinter den Mauern den Turm von Davids Zitadelle. Die Dunkelheit gab dem Ganzen einen magischen Anklang. Am liebsten wäre ich hier sofort ausgestiegen. Ich bin leider einige Stationen vor derjenigen ausgestiegen, an der man die Fahrkarte kaufen kann. Mein Ticket war nun nicht mehr gültig und ich musste mir ein Neues kaufen…aber…WAS? Das kostet nochmal vier Shekel! Niemals, da laufe ich lieber! …selbst Schuld, wenn man Shekel und Euro im Kopf gleich setzt… Ich bin also vier Stationen durch strömenden Regen gelaufen, habe mich währenddessen zweimal verlaufen, weil ich von dem Mahane Yehuda Markt, dem Shuk, abgelenkt war. Endlich angekommen bekam ich die Karte. Auf dem Foto sehe ich aus wie ein begossener Pudel. Nach dieser Aktion war ich erstmal eine Woche lang krank. Wer hätte gedacht, dass es in Jerusalem so kalt sein kann. Victoria zumindest nicht, sie ist ohne Winterjacke nach Israel eingereist und wir mussten ihr ganz schnell eine warme Jacke kaufen.

Willkommen in Israel 3.0

Nach ein paar Tagen habe ich mich erneut mit Pnina getroffen. Wir verabredeten uns in dem Aroma Café neben der Uni. Ich fühlte mich ganz geborgen und sicher um sie herum. Die Sicherheit, die sie ausstrahlte, stand entgegen der Wirren des Neuen und Fremden, mit dem man gerade zu Anfang in Israel konfrontiert wird. Vom Straßenverkehr bis zum alltäglichen Einkaufen in Supermärkten erscheint alles etwas anders – irgendwie hektischer – und diese Hektik überträgt sich schnell. Wir redeten ganz viel über uns und kamen uns dadurch sehr nah. Nach einer Weile kamen wir zum Thema der Shoah. Ich war vor Abflug sehr besorgt, wie es wohl ist mit den Nachkommen der Überlebenden zu sprechen während ich selbst in gewisser Weise von Tätern abstamme. Teile meiner Familie halfen dabei jüdische Bekannte zu retten, andere hingegen blieben still oder schlossen sich sogar der SS an. Dieses paradoxe Bild der Familiengeschichte macht den Umgang mit dem NS sicherlich nicht einfacher, als für andere Nachkommen. Mit Pnina zumindest war es kein bisschen unangenehm, ich hing an ihren Lippen. Die Geschichte ihrer Familie ist sehr dramatisch und traurig, es gibt auch ergreifende Momente des Lichts, die derart positiv und erfüllend sind, gerade was das Überleben anging, dass sie sogar mich berührten, mehr als 70 Jahre danach, ohne dass ich die Beteiligten persönlich kannte. Pnina wurde mir vor Ort eine zweite Mutter, regelmäßig kam ich zu ihr und ihrer Familie und wir hielten Shabbat-Abendessen ab. Sie schenkte mir auch Töpfe und Geschirr für die Wohnung. Sie war immer für mich da. Ich fühlte mich aufgenommen und war sehr stolz eine so schillernde Person wie Pnina kennengelernt zu haben. Sie ist so großartig, wie die Frauen, die in Kindergeschichten beschrieben werden. Nur habe ich sie wirklich getroffen! Sie arbeitete schon bei der Polizei und als Detektivin, obwohl sie so klein ist. Mit ihrer Körpergröße sprengt sie den Rahmen der polizeilichen und detektivischen Arbeit und allen damit einhergehenden Stereotypen der starken Männlichkeit, mir nichts, dir nichts auf! Wahrscheinlich, ohne zu wissen, was sie damit für großartige Signale sendet an alle kleinen Frauen dieser Welt, zu denen wohl auch ich zähle. Außerdem ist sie mehrfache Mutter und Großmutter. Sie hat ihr Leben dermaßen im Griff, dass sie großen Vorbildcharakter hat!

Am nächsten Tag war es endlich an der Zeit die Altstadt zu besichtigen. Hannah erklärte sich bereit uns herumzuführen. Wir nahmen die Light Rail bis zum Jaffa Gate. In der Altstadt angekommen war ich überwältigt von den Eindrücken und den vielen Menschen. Eine reine Reizüberflutung. Durch die kleinen Gässchen auf dem rutschigen Jerusalem-Stein gingen wir zunächst zur Grabeskirche. Hier war ich konfrontiert mit christlichem Wahnsinn. Wir traten ein und es war unglaublich voll. Vor dem Stein geradeaus knieten die Menschen und rieben wahlweise ihre Tücher oder ihre eigene Nase über ihn. Ich war überfordert. Es roch nach Menschen und Chrisam Öl, ich wollte nur noch raus. Diesen Wahnsinn konnte ich nicht nachvollziehen. Jerusalem ruft seltsame Dinge in stark religiösen Personen hervor – Stichwort Jerusalem-Syndrom. Anschließend waren wir hungrig und gingen zum nächsten Hummusladen und wurden erstmal ordentlich abgezogen. Der Hummus war trocken und viel zu teuer. Nachschub an Brot gab es auch nicht kostenlos. Das soll das letzte Mal gewesen sein, dass ich auf so eine Touristenfalle hereingefallen bin! Israel verwandelt Menschen in Hummussnobs, darüber kann man in wahre Streitigkeiten verfallen. Hat der beste Hummus viel oder wenig Tehina? Ist er fest oder flüssig? Isst man ihn mit Brot, Gurken oder Zwiebeln? Wer in Israel leben möchte, der muss sich für eine Seite entscheiden. Danach ging es weiter durch immer verwinkeltere Gassen ins jüdische Viertel bis zur Klagemauer. Nachdem wir den Sicherheitscheck hinter uns hatten verschlug es mir die Sprache. Die Kotel ist noch beeindruckender als auf jedem Foto. Ich arbeitete mich durch die Frauenseite bis zur Mauer des ehemaligen Tempels vor und berührte den Stein. Er war angenehm angewärmt und schon glatt von den vielen Generationen von Frauen, die ihn vor mir berührt haben. Ich beobachtete die Frauen um mich herum, sie beteten mit ihrem Körper eng an die Mauer gedrückt. Ich machte es ihnen nach und presste mich nun auch den warmen Stein. Ich sog seinen eigentümlichen Geruch ein, den man nur hier, ganz nah an der Kotel riechen kann. Meine Nase an die Kotel zu drücken war etwas ganz anderes als die Nase an den Stein zu pressen, an dem Jesus seine letzte Salbung erhalten hat. Warum weiß ich nicht so genau. Die Kotel ist ein Ort, an dem man die Seele baumeln lassen kann, die Grabeskirche hingegen ist sehr stressig für mich.

Ab dann fing die Uni an und jeder von uns entwickelte seinen Alltag. Unsere Stundenpläne waren sehr verschieden, sodass wir alle zu unterschiedlichen Uhrzeiten aufstanden und Mittag aßen. Hannah ernährte sich von einer Cornflakes- und Tee-Diät. Ich gewöhnte mich nach einigen Tagen an das nächtliche Geräusch des Cornflakes in eine Schüssel Schüttens. Hannah war tagsüber dermaßen beschäftigt mit dem Lernen für ihre geliebten Seminare und verschiedenen Stadterkundungen, dass sie sich erst nachts ihren Cornflakes und der gestreiften Katze zuwandte. Sie saß auf dem Sofa, die Katze auf dem Schoß und schaute Filme auf ihrem Laptop oder skypte mit ihrer Mutter Stella. Anne, Leo und ich versuchten öfter gemeinsam zu kochen, da wir drei es nicht mochten alleine zu essen. Für Hannah und mich wurde es zur Routine die Straßenkatzen im Student Village zu füttern, wir kauften Katzenfutter und machten jeden Tag eine Tour. Die gestreifte Katze mit dem kaputten Ohr wurde schnell zu Hannahs Schatten. Sie folgte ihr inzwischen sogar ins Bett. Mich wunderte es überhaupt nicht als ich bemerkte, dass das dreckige Tier auch in Hannahs Bett schlief. Das schien mir undenkbar für mich…zumindest zu diesem Zeitpunkt….Am schlimmsten war für uns alle der Shabbat. Es gab nichts zu tun und wir konnten nicht einmal reisen, da die öffentlichen Verkehrsmittel nicht fuhren. Uns fiel die Decke auf den Kopf und wir mussten uns Beschäftigungen einfallen lassen. Oft gingen wir über den Ölberg in die Altstadt und aßen dann im arabischen Viertel. Hier waren die Geschäfte wenigstens geöffnet. An anderen Tagen aßen wir gemeinsam mit anderen Studenten. Ich fand heraus, dass die Bar für Studenten die Straße herunter jeden Shabbat ein Abendessen veranstaltete, zu dem jeder etwas zu Essen mitbringen sollte. Dort lernte ich erstmals israelische Studenten kennen. Am besten verstehe ich mich mit Ossi, sie studiert auch eines meiner Fächer und wir haben viel gemeinsam. Sie wird bald an meiner Universität in Deutschland studieren und wir freuen uns riesig, so noch mehr Zeit miteinander verbringen zu können. Die Zeit mit ihr und ihren Freunden war sehr schön für mich.

Langsam hatte ich das Gefühl, angekommen zu sein in Jerusalem. Ich kannte mich aus und konnte ohne GPS durch die Stadt laufen und hatte einen festen Alltag. Die Pessach-Ferien standen bevor und jeder hatte andere Pläne. Hannah machte bei einer Ausgrabung mit und wir anderen bekamen Besuch von den Familien, um zu reisen. Hannah kam jeden Tag bedeckt von Dreck in die Wohnung und war beflügelt von den Ausgrabungen. Sie schien ein großes Talent in diesem Gebiet zu haben, denn sie fand einen antiken Krug und das war eine Sensation. Ich bekam Besuch von meiner Mama und wir entschieden uns, Ostern in Tiberias zu verbringen um den Touristenmassen in Jerusalem zu entgehen. Ich verschenkte zum Abschied Schokoladenosterhasen an meine Mitbewohnerinnen und bot Hannah an, uns zu begleiten. Sie war sehr religiös und wollte unbedingt in Jerusalem bleiben und sich die Messen anschauen, am liebsten in der Altstadt. Und daher blieb sie dort. Auf der Busfahrt nach Tiberias lese ich, wie immer wenn mir langweilig, ist israelische Nachrichten.

Ein großer Strudel reißt mir die Füße unter dem Boden weg und saugt mich ein:

… Eine 25-jährige Britin sei in der Light Rail erstochen worden … Sofort schreibe ich Hannah eine Nachricht, um sie zu warnen was vorgefallen ist … keine Antwort … das ist nicht schlimm, denn in der Kirche schaut sie bestimmt nicht auf das Handy … nach wie vor keine Antwort … die Messe muss langsam auch mal vorbei sein … ich werde nervös … „Mama, ich glaube es ist Hannah, um die es in dem Artikel geht.“ „Mach dir keine Sorgen, die Stadt ist voller Touristen, warum sollte es da um sie gehen? Außerdem stimmt die Altersangabe nicht.“… das stimmt sie ist 20 und nicht 25, das ist ein Unterschied …der Artikel verändert sich, nicht eine Touristin, sondern eine Studentin sei das Opfer… der Klos im Hals schwillt an… Mama versucht mich zu beruhigen… dann wird die Altersangebe gesenkt und in mir wächst die geheime Gewissheit, dass entweder Hannah oder meine Kommilitonin Ruth betroffen sind … Ossi ruft mich an und fragt wo Hannah ist… Ich fühle mich in meiner Angst bestätigt… Meine Kehle schnürt sich zu … Im Hostel treffen wir zufällig Ruth… Nun kann es nur noch Hannah sein… Mama kocht Mittagessen und ich verpasse einen Anruf einer unbekannten israelischen Nummer… Mir ist klar was das bedeutet, aber ich traue mich nicht zurückzurufen … Ich habe nicht die Kraft, die Wahrheit zu hören… Mama und ich gehen spazieren und ich halte die Spannung nicht aus… Ich rufe Victoria an und sie weint am Telefon… Ich kann nicht mehr gehen und sacke auf die Knie, sie muss nichts mehr sagen. Sie wiederholt nur Hannahs Namen und bringt keinen weiteren Ton mehr raus… Meine dunkelste Befürchtung ist wahr… Hannah wurde in der Light Rail auf dem Weg in die Kirche erstochen… Ich atme tief durch und kann nicht aufstehen, meine Beine sind wie Blei… Ich rufe die unbekannte Nummer zurück und spreche mit dem International Office der Uni, dass für uns zuständig ist und erfahre die Nachricht offiziell… Ich kann und will es nicht begreifen… Ich rufe Anne an… „Hi, wo bist du gerade?“ „In einem Café, wieso? Was ist los?“ „Hast du heute die Nachrichten gelesen?“ „Nein wieso?“ „Eine Frau…Hannah…wurde heute in der Lightrail erstochen.“… Ruhe… „Was sagst du da?“ „Hannah ist tot“… „Was sagst du da? Machst du Witze?“ „Nein“ „Was sagst du da?“ „Anne, Hannah ist heute gestorben.“… Ruhe… Wir weinen in die Hörer. Wir beenden das Gespräch…. Nun bin ich gefangen in Tiberias und kann nicht nach Jerusalem zurück bis der Shabbat vorbei ist…

Willkommen in Israel 4.0

Wir fahren so schnell es geht nach Jerusalem zurück und ich halte meine Mitbewohnerinnen und meine Mama fest im Arm. Hannahs Zimmer ist unverändert da. Ihre dreckigen Schuhe der Ausgrabung stehen an der gleichen Stelle, ihr Shampoo steht in der Dusche, ihr Buch am Nachttisch ist aufgeschlagen. Ist das was bleibt? Ich organisiere den Umzug in eine andere Wohnung, der Zustand in der Alten ist unerträglich! Und hier sitze ich nun zwei Stockwerke über der Alten. Gleiches Zimmer, gleicher Aufbau, andere Welt. Die Katze ist verwirrt wo Hannah ist und ich bin es auch. Das arme Tier weiß nicht was los ist. Wer kann diese Situation überhaupt erfassen?

In der Zeit der Trauer lernte ich Israel von einer anderen Seite kennen, ich glaube erst dann habe ich verstanden wie es ist, dort zu Leben. Jeder, der mit mir sprach, wusste ähnliche Geschichten zu berichten und ich fühlte mich umgeben von Leidensgenossen. Eine Nation, die es kennt, wie schlimm der Verlust ist und dennoch (über)lebt. Hier habe ich mehr Solidarität erfahren, als ich es in Deutschland unter ähnlichen Bedingungen erwarten würde. Meine Uniprofessoren wurden meine Freunde, die Nachbarschaft, die Regierung und alle um mich herum waren für mich da und bemühten sich enorm zu helfen. Und es half! Ich lernte auch Hannahs Eltern Max und Stella kennen. Dieser Moment war der schwierigste überhaupt. Wir tauschten, nach jüdischer Tradition Geschichten aus, und ich kam Stella so nah, dass wir uns am Ende in den Armen lagen und weinten. Erst hier konnte ich meinen Tränen freien Lauf lassen, erst in diesem Moment hatte ich verstanden, dass Hannah nicht zurückkommen wird. Hannahs Mama schenkte mir Hannahs einzige Halskette als Erinnerung an sie. Das ist was bleibt… eine Kette und die Erinnerung.

Am beeindruckendsten war der Yom HaZikaron, der Gedenktag an die gefallenen Soldaten und Opfer von Terrorismus. Ich war auf dem Mount Herzl und stand zwischen all den Betroffenen und schwieg, während die Sirene erklang. Ich sprach mit anderen (Über)Lebenden und fand viel Trost in ihren Worten. Ich besichtigte die Platte, die für Hannah und all die anderen Opfer von Terrorismus angebracht wurde und mir wurde schwer ums Herz. Ich bin nun ein Teil der israelischen Welt und unauflöslich mit ihrer Gesellschaft verbunden.

Willkommen in Israel 5.0


Christina Wirth, 23 Jahre
lebte von Februar bis Juni 2017 für ein Auslandssemester in Jerusalem.

Die Israelis Hannah, 29 Jahre, März 2018

© pixabay.com CC0

Ankunft

Heiner hat es nicht leicht. Seit einigen Monaten liegt er nahezu täglich auf dem Röntgentisch. Pausenlos wird er auf verdächtig anmutende Symptome untersucht und akribisch durchleuchtet. Beschwerden hat er eigentlich keine. Hier und da ein leichtes Schweregefühl in der Magengegend vielleicht, aber wirklich nichts Ernstes. Die Untersuchungen? – Reine Routine. Kontrolle ist schließlich besser als bloßes Vertrauen. Jetzt muss Heiner aber erst mal auf die Waage. Sein Übergewicht lässt sich heute leider nicht leugnen.

Heiner, so habe ich irgendwann meinen knallroten Rucksack getauft, der mich seit einiger Zeit auf meinen Reisen zwischen Deutschland und Israel begleitet. Zahllose neue Gesichter und Geschichten, die uns hier Tag für Tag begegnen. Seit ich in Jerusalem studiere, sehe ich die alten vertrauten Menschen und Orte in Deutschland nur noch in den Semesterferien.

Zeit für Freunde und Familie, aber auch für Rotkohl mit Klößen und unkoschere Mortadellabrötchen. Auch mein roter Reisebegleiter schlägt sich in Deutschland regelmäßig den Bauch voll. Wenn ich mit Heiner zurückfliege, sieht er meist aus wie eine dm-Filiale im Kleinformat.

Jede verfügbare Seitentasche wird genutzt, um Heiner mit Tampons, Make-up und anderen Hygieneartikeln vollzustopfen, die in Israel schier unbezahlbar sind.

Und so stehen wir auch nun wieder am Flughafen, kurz vor der Handgepäckkontrolle.

Die Zeit in Deutschland ist um. Wir stehen am Flughafen, kurz vor der Handgepäckkontrolle.

Heiner wiegt neuneinhalb Kilo. Anderthalb Kilo zu viel, um dem prüfenden Blick der Flughafensicherheit kommentarlos zu entkommen. Wir müssen uns entscheiden. Entweder, Heiner verbringt den Flug mutterseelenallein im Frachtraum und kostet mich ein Vermögen, oder aber, ich verpasse meinem Gefährten eine Expressdiät und lasse drei Zehnerpacks Milchschnitten in Deutschland. Beides keine zufriedenstellenden Aussichten. Stattdessen kommt mir die glorreiche Idee, mich mit Heiner auf die Damentoilette zu verziehen, um nach einer anderen Lösung zu suchen.

Dort beschließe ich kurzerhand, den ein oder anderen schweren Gegenstand unbemerkt verschwinden zu lassen. Ein kleines Buch passt in die Innentasche meines Mantels, zwei dicke Wälzer nehme ich – ziemlich unauffällig – einfach in die Hand. Das wuchtige Netzkabel meines Laptops knote ich mir kurzentschlossen um den Bauch. Gar nicht mal so schlau von mir.

Schließlich wartet kurz hinter dem freundlichen Rucksackkontrolleur der Metalldetektor auf mich Wie ich den mit einem Kabel um den Bauch passieren soll, ohne wenig später als potentielle Selbstmordattentäterin festgenommen zu werden, habe ich mir noch nicht überlegt.

Erst Mal müssen Heiner und ich es schaffen, den Hüter der Waage von einem offensichtlichen Gewichtsverlust zu überzeugen. Hoffnungsvoll blicke ich auf die rot leuchtende Anzeige. Eigentlich ist Heiner noch immer zu schwer. Er wiegt jetzt achteinhalb Kilo. Schmunzelnd blickt der Mann von der Flughafensicherheit auf die zwei Bücher in meiner Hand und drückt beide Augen zu, als er Heiner und mich endlich gehen lässt.

Ich atme auf. Mache ein paar Meter vor dem Metalldetektor erneut Halt, um das Netzkabel möglichst schnell und unauffällig zurück in den Rucksack zu befördern. Geschafft. Keine Verhaftung. Kein Gewichtsverlust. Endlich sitzen Heiner und ich trotz anderthalb Kilo Übergepäck glücklich und erleichtert im Flieger zurück nach Tel Aviv. Viereinhalb Stunden später glitzert unter uns das Mittelmeer mit ein paar Wolkenkratzern um die Wette.

Wir sind wieder da.

 

Alltag

„Guten Morgen Sarah! Wie geht es dir?” Khaled lächelt mich an. So wie jeden Morgen, an dem ich in der Kaffeeschlange meiner Uni stehe, um einen Cappuccino bei ihm zu bestellen. „Alles in Ordnung, wie geht es dir?”, antworte ich inzwischen routiniert, obwohl ich gar nicht Sarah heiße. Am Anfang des Semesters war das noch anders. Zwei, drei Mal habe ich ihn noch korrigiert. „Khaled”, habe ich gesagt, „ich heiße Hannah, nicht Sarah”. Er hat wahrscheinlich kurz gelächelt, es sich aber nie gemerkt. Irgendwann wurde mir klar, dass in Israel außer mir und ein paar anderen Ausländerinnen nur Omas und Ultraorthodoxe biblische Namen tragen.

„Sarah, Hannah, Esther – was macht das schon für einen Unterschied?”, muss er sich wohl gedacht haben. Also gab ich es auf.

Jeder Morgen beginnt mit einem großen Cappuccino  zum Mitnehmen. Manchmal ist er schon fertig, wenn ich komme. „Wie immer, Sarah?”, fragt er dann strahlend. „Wie immer!”, antworte ich meist noch müde und lasse zwei Tütchen Zucker in den Milchschaum rieseln. Einen ganz gewöhnlichen Cappuccino bestellen außer mir sonst nur die anderen Esthers, Sarahs und Hannahs aus dem Ausland. Eine echt israelische Kaffeebestellung – so habe ich es in meiner jahrelangen israelischen Kaffeeschlangenkarriere gelernt – klingt nämlich ungefähr so: „Guten Morgen, ich hätte gerne einen Cappuccino. Kochend heiß muss er sein, aber bitte nicht zu stark. Hast du Sojamilch? Und könnte ich etwas Sahne in einem zusätzlichen Kännchen bekommen?” Ein echter israelischer Kaffee besteht ein bisschen aus gemahlenen Bohnen, und ziemlich viel aus allerlei Extrawünschen.

Am Eingang der Cafeteria sitzen drei Katzen, die auf dem Campus ein Zuhause gefunden haben. Zwischen Palmen und Audimax sind sie die Könige der Uni. Eine von ihnen begleitet mich bis in den Klassenraum. Mit einem Satz hüpft sie auf den Schoß meines Dozenten. Er krault sie ein bisschen am Nacken und blickt prüfend in die Runde. „Ist Natalia heute anwesend?”, fragt er. „Nein, ist krank”, antwortet jemand. Natalia kann Katzen nicht ausstehen. Ist sie da, muss die Katze gehen. Aber sie ist nicht da, und deshalb darf die Katze bleiben. So vergeht eine ganz gewöhnliche Unterrichtsstunde in Jerusalem, während das schwarze Fellknäuel ohne Namen in der Klasse umherschleicht und leise miaut.

Einige Stühle sind heute wieder einmal leer geblieben. Aus Gaza fliegen Raketen, manchmal bis nach Tel Aviv. Israel antwortet mit Luftangriffen und einer neuen Militäroperation. Es ist Sommer, es ist Krieg. Die letzte Bodenoffensive hat so manchen Kommilitonen aus dem Alltag gerissen. Miluim – Reservedienst. Während ich versuche, zwischen Raketenalarmen und Newsticker meine Masterarbeit zu schreiben, verbringen sie die letzten Tage des Semesters im Gazastreifen.

Noch bin ich hier. Am Strand von Tel Aviv, auf den Straßen Jerusalems, in der Wüste am Toten Meer. Noch bleibt Zeit. Für Spaziergänge durch den warmen Sand am Meer, für gelbe Kube-Suppe bei Pinati und eine Dusche unterm Wasserfall.

Bis der Tag kommt, an dem ich mich von tropfenden Klimaanlagen und unterkühlten Zügen verabschieden muss, um in meine immerkalte Heimat zurückzukehren.

Abschied

Ich habe gepackt. Die letzten zwei Jahre in drei große Pappkartons verstaut und zur Post in Katamon gebracht. „Wer ist denn der Letzte in der Schlange?”, fragt die Dame, die gerade zur Tür hereingekommen ist. Eine Frage, die sich hier sonst niemand stellt. Nummer ziehen und trotzdem vordrängeln, lautet die Devise.

Ich habe mich verabschiedet. Ein letztes Goldstar mit Freunden getrunken und ihnen später so lange gewunken, bis sie in der Nacht verschwanden. Der Platz im Sammeltaxi zum Flughafen ist reserviert, der Rucksack noch immer ein bisschen zu voll.

Heiner und ich sind bereit zur Abreise. Wieder stehen wir am Flughafen, dieses Mal in Tel Aviv. Eine Frau mit rotem Haar und Sommersprossen kommt lächelnd auf mich zu und fragt nach meinem Pass. Flughafenkontrolle. „Den Rucksack hast du selbst gepackt?” Ich nicke. „Und du hast ihn auch zu keinem Zeitpunkt aus den Augen gelassen?” Ganz sicher nicht. „Ich frage dich das, weil…”

„Ich weiß schon”, antworte ich in Gedanken, lasse sie aber trotzdem ausreden. Es ist der gewohnte Flughafendialog. Wenig später bittet sie mich, ihr Einblick in Heiners Innenleben zu gewähren. Also öffne ich ihn – meinen dicken, roten Reiserucksack. Zwischen Dreckwäsche und Souvenirs zieht die Frau mit den Plastikhandschuhen ein Buch hervor. Die Israelis lautet der schlichte Titel. Auf dem bunten Umschlag zeigt sich die israelische Gesellschaft in ihrer Vielfalt: Ein Orthodoxer, eine Soldatin und zwei säkulare Tel-Aviver sind darauf zu sehen. Die Frau von der Flughafensicherheit scheint skeptisch. Sie blättert sich vom Inhaltsverzeichnis bis zum Nachwort, bis sie sich plötzlich umdreht und einen Mann aus der Ferne zu sich ruft. Der Typ mit dem Headset am Ohr und der Sonnenbrille auf der Glatze sieht ziemlich wichtig aus. Ungeduldig hält sie ihm mein Buch vor die Nase. Dabei guckt sie ein bisschen so, als hätte sie soeben Dynamit in meinem Koffer gefunden. Er murmelt irgendwas, scheint im Gegensatz zu ihr aber unbeeindruckt. Ich hingegen habe nicht die geringste Ahnung, welches dunkle Geheimnis sich zwischen den zwei Buchdeckeln verstecken mag. Endlich kommt sie zurück.

„Was ist das für eine Sprache?”, fragt sie kühl und deutet auf den Titel des Buches. „Deutsch”, antworte ich ahnungslos. „Soso”, erwidert sie trocken.

Ich schaue fragend. „Da haben Sie aber Glück, dass es nicht Englisch ist”, sagt sie jetzt, ohne dabei auch nur ein Mal mit der Wimper zu zucken. „Englisch? Wieso Englisch?”

Irritiert schiele ich erneut auf das Buch in ihrer Hand, um dem Titel seine englische Bedeutung zu entlocken. „DIE ISRAELIS”, steht da plötzlich. Endlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Auf Englisch ist aus meiner harmlosen Reiselektüre eine reißerische Hetzschrift geworden. Auf Deutsch bleibt es ein stinknormales Sachbuch. Ich darf den Koffer wieder schließen. Habe das Rätsel gelöst und die Kontrolle überstanden. Während Heiner und ich noch am Check-In-Schalter stehen, haben die israelischen Touristen das erste Ziel ihrer Reise längst erreicht: Zwischen Waschmaschinen, Staubsaugern und extragroßer Toblerone sind sie im Duty-free-Himmel gelandet.

Auch ich habe noch ein paar Shekel übrig und lande schließlich in einem kleinen Musik- und Filmgeschäft. Lasse mich von der freundlichen Verkäuferin dazu verleiten, vier CDS für den Preis von drei zu kaufen und zahle am Ende doch mit Karte, weil für das unschlagbare Angebot mein Geld im Portmonee nicht reicht. Wie jedes Mal.

Stattdessen hau’ ich die Shekel für Burger und Pommes zum Frühstück auf den Kopf. Auch wie jedes Mal.

Ein gewöhnlicher Abschied aus einem ungewöhnlichen Land.

Als das Flugzeug endlich abhebt, bleibt ein Teil von mir zurück. Am Strand von Tel Aviv, auf den Straßen Jerusalems, in der Wüste am Toten Meer. Aus einem fremden Flecken Erde ist ein vertrauter Ort geworden. Ein Zuhause das bleibt, auch wenn ich weiterziehe.


Hannah Stobbe, 29 Jahre
war von 2008 – 2009 Freiwillige in einem Jerusalemer Internat und von 2012 – 2014 Studentin an der Hebräischen Universität. Heute lebt sie in Kiel und Berlin.

Geschichten aus Jerusalem Corina, 44 Jahre, Januar 2018

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Echtes Cashmere

Schon wieder verlaufe ich mich in der Altstadt von Jerusalem. „Suchen Sie noch das Jaffa Tor?“. Der Ladenbesitzer lacht als ich aufschrecke. Und spätestens dann merke ich, dass mir diese Straßen immer ein Rätsel bleiben werden. Auf jeden Fall ist er nun so froh, meine Schwäche zu kennen, dass er sogar vergisst, mir seine Ware anzubieten. Als nächstes aber ruft mir ein anderer Verkäufer zu, dass er mich gerne mit seinem Auto zum Tor bringen kann. Der nächste meint, er hat sich gerade verliebt und ich muss eine Tasse Kaffee probieren. Ein anderer ist vielleicht Single, also möchte der nächste mich heiraten. So viele Wörter in nur ein paar vorbei huschenden Schritten. Es braucht bestimmt langjährige Übung im Verkauf von Fakes und Replikas, bis dann am Ende jedes Wort eine Fälschung ist. Jede Begegnung ein Spiel.

Nur dass ich heute doch kaufen möchte. Denn ich brauche ein Geschenk, etwas Besonderes, Kostbares und, natürlich, Echtes. Dennoch renne ich durch die engen Gassen und versuche ja niemanden anzugucken.

Als ich in seinen Laden eintrete sitzt er ruhig in einem Sessel und nimmt sich erst einmal Zeit, mich still zu begrüßen, bevor er aufsteht. Nun bin ich umgeben von Seide, Brokat, Damast, Samt, Cashmere…

„Du scheinst aber nicht zu wissen, dass ich berühmt bin“, sagt er nach einer Weile. „Warum bist du denn reingekommen?“
„Hm, vielleicht weil du gar nicht versucht hast, mir deine Ware aufzudrängen. Du sitzt nicht vor der Tür und versuchst Vorbeigehende mit schnellen Worten aufzuhalten.“
„Weil ich das nicht nötig habe. Ich habe die besten Stoffe im ganzen Nahen Osten!“

Als ich später Zeitungsartikel über ihn lese erfahre ich, dass er tatsächlich die letzte Seide von Palmira in seinen Regalen aufbewahrt und große Modehäuser beliefert oder ja, sogar für den Papst mal etliche Meter Brokat verkauft hat. Hier kaufen wichtige Rabbis ihre koscheren Stoffe, die aus ungemischten Fäden bestehen und gläubige, gut betuchte Juden finden hier die mit Gold und Edelsteinen verzierten Tücher, die sie der Synagoge in ihrer Gemeinde spenden können. Hier bestellen palästinensische Frauen die traditionellen, handbestickten schwarz-roten Kleider, die sie bei Hochzeiten und anderen großen Zeremonien anziehen. Auch einige christlich-orthodoxe Priestergewänder hängen fertig genäht über einem Regal. Und für das normale Volk gibt es Seide und Gold in verschiedenen Variationen.

Dann zeigt er mir echtes Cashmere:

„Weißt du, wie man es testet?“, fragt er mich.
„Einen Faden anbrennen?“
„Und die andere Methode?“
„Das kenne ich nicht.“

Er nimmt seinen Ehering ab und zieht dann, ganz vorsichtig, einen ganzen, großen Cashmere Schal dadurch. Von einem Ende zum anderen.

„Siehst du? Eine Fälschung würde in der Mitte stecken bleiben. Du hast also zwei Möglichkeiten, es zu testen. Welche ziehst du denn vor?“
„Das Feuer“, sagte ich.
„Ich wusste es!“

Wir lächeln beide und beabsichtigen, uns wiederzusehen. Große Worte. Inschalla!

Drei Gesichter meiner Seele oder Nathan der Weise reloaded

Karfreitag in Jerusalem! Mein erster Gedanke war zu fliehen: einfach ans Meer fahren, am Strand liegen und nichts tun. Aber dann habe ich mich an die Amateurdarsteller erinnert, die bei der Prozession Jesus spielen und manchmal nicht mehr aus der Rolle raus kommen. Und war neugierig. Das wollte ich doch sehen. Doch wie naiv von mir zu erwarten, sie inmitten von tausenden Touristen und Pilgern zu treffen. Dennoch trat ich in die Altstadt ein, nur mit einer Welle von Menschen mitgerissen zu werden. Und blieb kurz darauf stehen. Die Armee fing schon an, die Straßen zu sperren, eine nach der anderen. Jeder Versuch voranzukommen war nun zwecklos. Der einzige Ausweg schien zu sein, ein Geschäft aufzusuchen, aber es war mir nicht wirklich danach. Plötzlich konnte ich mich aber gar nicht mehr bewegen, denn der Strom der Leute stagnierte und ich konnte weder vor noch zurück. Ich atmete tief ein und guckte mich um. Und sah ihn: sehr alt und dürr, am Eingang eines Antiquitätengeschäfts. Seine Augen lächelten mich ruhig an. Er bat mich, einzutreten. Das tat ich und blieb da für zwei Stunden, trank Kaffee und hörte ihm zu. Er bot mir die Geschichte seines Herzens als junger Mann an. Hier ist sie, in seinen eigenen Worten:

Vor langer Zeit, als ich 25 war, habe ich ein jüdisches Mädchen kennengelernt. Ich bin Moslem. Sie hat mich sehr geliebt. Und ich habe sie auch geliebt, in jeder Hinsicht. Wir trafen uns sehr oft, ein Jahr lang. Sie hat mich sogar ihren Eltern vorgestellt. Und nach einem Jahr, dann hatte ich gerade Geburtstag, kam sie mit einem Geschenk. Ich habe es genommen und beiseite gelegt.

„Öffnest du es nicht?“, hat sie gefragt. „Warum nicht?“
„Weil ich weiß, was drinnen ist.“
„Du weißt es?“
„Es ist ein Buch: ‚Wie werde ich jüdisch‘”.

Sie ist dann sehr bleich geworden, denn ich hatte recht. Und ich habe ihr dann gesagt:

„Was du nun von mir verlangst ist, zwei Drittel meiner Seele aufzugeben. Denn ich bin Jude, Christ und Moslem, alles zusammen. Ich kann nicht nur das Eine sein.“

Sie war sehr traurig, das sie hatte nicht erwartet. Also ist sie gegangen. Und wir haben uns nicht mehr gesehen, 15 Jahre lang. Nach 15 Jahren ist sie dann eines Tages in mein Geschäft reingekommen. Sie hat mich angeguckt und gesagt:

„Es hat lange gedauert, aber jetzt habe ich verstanden, was du mir damals gesagt hast.“

Ja, das hat sie gesagt. Natürlich war sie jetzt verheiratet und hatte Kinder. Aber sie war nicht… erfolgreich.

Ich bedankte mich für die Geschichte. Und für den Kaffee. Und für den Ort, voller Erinnerungen aus Silber und Kupfer. Er bat mich, ein Geschenk anzunehmen. Er kramte dann aus einer Ecke einen seidenen Beutel heraus. Aus dem Beutel dann einen Davidstern aus grünem Jade.

„Also dann…“… sagte ich. „Ich war auf der Suche nach der christlichen Passion…“
„Und hast einen Moslem gefunden, der dir einen Davidstern geschenkt hat.“
„Genau! Toda!“


Corina Martinas, 44 Jahre
lebte 2017 für ein halbes Jahr in Jerusalem und arbeite als Volontärin in einem Hospiz.

Ans Licht kommen Doron, 27 Jahre, Januar 2018

© Doron Galia

Fünf | chamesch Gründe brachten das Buch zutage, an dem ich vier Jahre lang schrieb und das unter meinem Bett ausgeharrt hatte, um von dort hervorgeholt zu werden.

Der erste Grund war der Hauptgrund, warum wir uns versammelt hatten: Ich, das Buch und das Bett/der Nachttisch daneben:  Ich träume in zwei Sprachen I be-schtei safot. (Seit wann? Wie kam es dazu? Warum fällt es mir nur auf, wenn ich wach bin? Das Hin und Her in meinem Kopf regt die Gedankenwelt an.)
Meine erfreuliche und beruhigende Verwurzelung, die von vier Seiten meiner deutschen Familie herrührt | ha-mischpacha ha-germanit, beleuchtet das Ganze.
Meine Familie sagt zu mir, dass ich mir keine Sorgen machen solle. Immerhin werde nur einem Glückskind wie mir zuteil, in zwei Sprachen zu träumen | lachalom. Das Sprachengewirr, die Endgültigkeit des gefundenen Wortes, der feste Wille, meine Wangenknochen und mein Kinn zu entspannen, während ich mit den Zähnen knirsche, wenn ich sagen will: „Ich möchte sagen“ | ani roze lehagid, erschwerten es, sich der deutschen Sprache bewusst zu werden. (Warum gibt es meine Gedanken eigentlich nicht in beiden Sprachen?)

Mein zweiter Grund war, dass ich mich in beide Arten, die Feste zu feiern, verliebt habe | hitahavti: die jüdischen und die christlichen. In meinem Leben und meinem Buch wollte ich eine Chanukkiah neben einen Christbaum platzieren, Purim-Rasseln neben dem Spruch: „Süßes oder Saures“ erklingen lassen, einen grinsenden Kürbis neben eine Haman-Tasche setzen und Rosch Haschana, einschließlich den gefilte fisch, zum Jahreswechsel begehen.
In meiner imaginären Familie nahm ich wahr, dass sie Hausbewohner wie ihr Umfeld | ha-swiwa aufheiterte und auf das Gemeindeleben weder auf künstliche noch persönliche Weise aufmerksam machte.
Die Präsenz beider Feste an jedem Wegweiser vervollständigt das Puzzle der Tradition Teil für Teil, schließt seine bisherigen Lücken | maschlim pearim.

Der dritte Grund ist der Wunsch, Wörter in den Mund zu nehmen, die es in der hebräischen Sprache nicht gibt, aber dafür in der deutschen.
Während ich an dem Buch schrieb, ertappte ich mich dabei, wie meine Figuren und ich miteinander redeten | medabrot und für Wörter beteten, die unser Wortschatz nicht besaß. Ich fand drei einzigartige deutsche Wörter, die Familie Keller, meine imaginäre Familie, nicht zur Verfügung hatte:
Heimat | moledet, der Ort, wo du dich zu Hause fühlst und der nicht zwingend dein Geburtsort sein muss, aber deine home base ist.
Heimweh – ein Verlangen oder eine Sehnsucht nach dem Zuhause. Der Wunsch, in das dort stehende Bett zurückzukehren, sich hineinzukuscheln, an dem ruhenden und vertrauten Ort zu sein.
Fernweh – das Streben nach einem Ort, an dem du noch nie warst. Er muss nicht deiner Phantasie entstammen (das Paradies/die Hölle), er kann auch echt | mamaschi sein, wie zum Beispiel Afrika.

Der vierte Grund ist die Musik | musika.
Deutsche Texte zu schreiben, war ein Kindheitstraum von mir.

Der fünfte Grund ist meine Großmutter | sawta.
Meine Großmutter, die vor anderthalb Jahren mit 94 Selbstmord beging, hatte bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Dresden gelebt. Mit vierzehn Jahren verließ sie die Stadt.
Die Geschichte von der Gründung des Kibbuz | hakamat ha-Kibbuz in Israel, der Umzug nach Jerusalem, die Rolle der Kunst in ihrem Leben, die Gründung der Familie und die Geschichte ihres Todes boten mir eine Menge Inspiration für die Niederschrift des Buches und dessen Poesie.
Das Verhältnis zwischen meiner imaginären Familie und meiner Großmutter war viele Jahre von Machtkämpfen gekennzeichnet.

Das waren die fünf Gründe für das Schreiben des Buches | le-ktiwat ha-sefer, aber auch die Gründe, es aus dem Licht in die Dunkelheit zu befördern.

Wo ihr es lesen könnt, fragt ihr? In meinem Kopf.


Doron Galia, 27 Jahre
Seine Großmutter ist aus Dresden. Nach dem Armeedienst verbrachte er drei Monate in Berlin und leitete vor vier Jahren eine Theaterdelegation nach Berlin. 2015 nahm er am Deutsch-Israelischen Jugendkongress in Berlin teil.

Himmelblau Franziska, 20 Jahre, Januar 2018

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Himmelblau. Blauer Himmel. Er erstrahlte voller Ruhe und hatte zugleich etwas Saftiges.  Schaute man hinauf, versank man darin, in einer unglaublichen, fröhlichen Tiefe. Ein ganz sanfter, babyblauer, ja nahezu beruhigender Ton. Für sie war der Himmel das ganze Jahr blau gewesen. Nur zwischendurch ein bisschen Regen, aber den hatte sie schnell wieder vergessen. Sonst hatte sie immer gute Laune gehabt. Wieso hätte sie das auch nicht haben sollen, wenn keine einzige Wolke die Perfektion der so glatt scheinenden Oberfläche gestört hatte? Von der Terrasse des großen Hauses am Hang hatte sie den Himmel am besten beobachten können. Denn in Jerusalem war er immer besonders blau gewesen. Sogar nachts, wenn dieses wunderschöne Himmelblau auf einem ganz anderen Teil der Erde zu sehen war und sie davon überhaupt nichts mitbekam, sogar nachts träumte sie von diesem Gefühl. Es war etwas, was sie umgab, fast umhüllte, ganz leicht und unbemerkt kam es über sie. Aber immer nur, wenn der Himmel blau war.

Himmelblau. Blauer Himmel.

Schon am Flughafen in Deutschland, als sie sich etwas unbeholfen von ihrer Familie verabschiedete, hatte sie das Gefühl gehabt, dieses Jahr würde sie verändern. Etwas Einschneidendes würde ihr widerfahren. Etwas, von dem sie zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass es sie komplett aus der Bahn werfen würde. Die ersten Tage waren gefüllt von Unbehagen und Glückseligkeit. Der blaue Himmel beruhigte sie, wenn die durchdringenden Blicke der fremden Menschen ihren hochroten Kopf fixierten und sich über ihr strohblondes Haar wunderten. Von bestimmten Menschen konnte sie ihre Blicke nicht abwenden. Und das hatte nichts mit deren Haarfarbe zu tun – obwohl sie dunkelhaarige Typen schon irgendwie attraktiv fand. Skurril, dass sie sich noch mehr zu ihnen hingezogen fühlte, wenn sie mit einem riesigen, furchteinflößenden Maschinengewehr durch die Gegend rannten. Olivgrüne Uniformen, Springerstiefel in schwarz oder rot, ein massives Maschinengewehr um die Schultern und dieser müde, aber doch wachsame Blick. Willkommen in Israel.

Alles war überwältigend und überfordert war sie sowieso. Ihre Arbeit machte ihr großen Spaß, trotz der ständigen Verzweiflung, weil die Leute sie nicht verstanden und Reden mit Händen und Füßen eine ziemlich sportliche Angelegenheit ist. Nach einigen Wochen brachte sie die ersten Sätze zustande, Hebräisch klang nicht mehr ganz so befremdlich. Als sie das erste Mal lesen konnte, wohin der grüne Reisebus fuhr, der an der Haltestelle hielt, machte sie einen Freudensprung.

Die Annäherung an die israelischen Jugendlichen, die mit ihr zusammen arbeiteten, ging nur langsam voran. Obwohl beide Seiten, junge Deutsche und junge Israelis, mit der Shoa so direkt überhaupt nichts zu tun hatten, dauerte es eine Weile, bis der erste Judenwitz gerissen wurde. Doch als sich der erste Israeli traute zu fragen, was der Unterschied zwischen Harry Potter und einem Juden sei, war das Eis gebrochen. Auf die Antwort, Harry Potter hätte es aus der Kammer raus geschafft, kam zwar erst nur verunsichertes Gelächter der Deutschen. Doch von da an scheute sich keiner der Israelis zu fragen, was denn die Urgroßeltern vor und während des zweiten Weltkrieges eigentlich gemacht und was die Großeltern denn darüber so gedacht hätten. Obwohl ja für jeden klar war, dass die deutschen Jugendlichen jetzt nicht nach Israel gekommen waren, um sich für die Vergangenheitsbewältigung einzusetzen.

Jener Israeli, der sich als erster getraut hatte, die Kommunikation zwischen den Freiwilligen etwas makaber anzukurbeln, hatte dunkle, wuschelige Haare und war dünn wie eine Spaghetti. Viele hielten ihn für einen Araber, schließlich war er außergewöhnlich dunkel, doch er bezeichnete sich voller Stolz als einen ungläubigen Juden aus dem heiligen Jerusalem. Aus dem Jerushaleim Shel Zahav, genauer gesagt. Er hatte braune, leuchtende Augen, die mit ihren dunkelgrünen Sprenkeln Fröhlichkeit versprühten und denen sie sofort vertraute. Von Anfang an war eine Verbindung zwischen ihnen da gewesen. Sie hatte keine Hemmungen, mit ihm über alles Mögliche zu quatschen, obwohl sie ihm eindeutig mehr über ihr Leben erzählte, als er ihr über seins. Sie redeten viel über das, was nach dem Jahr kommen würde. Armee, Studium, irgendwas, was niemand einschätzen konnte. Armee. Ein komisches Wort. Ein Wort, was für sie in undeutlicher Ferne herumschwebte, womit sie nichts verband und auch nichts verbinden wollte. Für ihn Realität, eine nahe Zukunft, trotzdem verschwommen, ein Wort, was viele Diskussionen und Fragen entfachte. Er erzählte ihr von seiner Kindheit, mit dem Wissen aufzuwachsen, irgendwann mal für sein Land zu kämpfen, sich für den Frieden einzusetzen, obwohl sie das mit dem Frieden eher nicht so richtig verstand. Frieden durch Waffen. Ein Thema, womit sie noch lange zu kämpfen hatte. Aber sie war ja auch nicht gegen die Armee. Dafür war sie aber auch nicht. Und eine Lösung hatte sowieso niemand.

Er war patriotisch. Was sollen wir denn ohne eine Armee machen?, hatte er gesagt. Nachvollziehen konnte sie es schon, es stimmte, was machte Israel ohne eine Armee, aber junge Leute mit Maschinengewehren, das fand sie immer noch befremdlich. Da konnte sie einfach nicht anders, sie musste die Soldaten anstarren wie eine Bescheuerte. Am Jom haAtzma´ut, dem israelischen Unabhängigkeitstag, fuhr sie mit ihren blonden, deutschen Freundinnen in eine Base, nach Ramat David, ausgestattet mit einer Israel-Flagge und ganz viel Nationalstolz. Schließlich fühlte sie sich nun in Israel wie Zuhause. In der Base kam sie sich vor wie auf einem Jahrmarkt, Menschen mit lachenden Kindern, manche sogar noch im Kinderwagen, Zuckerwatte und patriotische Lieder, Fliegershows über den Köpfen und fröhliche Menschen, die für das alljährliche Erinnerungsfoto mit einem Soldaten posierten. Und es schien für alle normal zu sein, sich die Panzer und Bomben in verschiedensten Ausführungen anzuschauen. Sie wollte mehr erfahren, sie war neugierig und scheute sich nicht, doch auf ihre Fragen bekam sie meist keine richtige Antwort. Keiner durfte ihr verraten, was oder gar wer denn mit den kleinen und großen Geschossen abgeschossen wurde, das war ja fast wie ein Staatsgeheimnis. Darüber sprach sie mit ihm, obwohl sie das ganze ziemlich skurril fand, lachte sie ein bisschen, als sie ihm alles erzählte, doch er antwortete nur mit ernster Miene, so sei es halt in Israel, mit den Auseinandersetzungen und mit der Armee müsse man halt leben.

Sie waren sich sehr nah, doch zugeben, dass sie ihn toll fand, das konnte oder wollte sie nicht. Er schien da irgendwie ein bisschen direkter zu sein, irgendwann küsste er sie einfach und für ihn schien die Sache damit geregelt zu sein. Ihr fiel es schwer, sich auf sowas einzulassen, schließlich war sie ja nur für ein Jahr nach Israel gekommen. Auf jeden Fall war sie hoffnungslos verliebt, das erste Mal so richtig, und dann auch noch in einen ungläubigen Juden, der manchmal doppelt kontrolliert wurde, weil er aussah wie ein Araber.

Irgendwann nahm er sie über das Wochenende mit zu seiner Familie. Auf der ganzen zweieinhalbstündigen Busfahrt nach Jerusalem hielt sie seine Hand. Sie war glücklich. Der blaue, wolkenlose Himmel zog an ihnen vorbei und sie beobachtete die Soldaten, die mit ihren massiven Springerstiefeln erschöpft auf den Sitzen hockten, sich freuend, nach einer anstrengenden Zeit nach Hause zu kommen. Er erklärte ihr die verschiedenen Bedeutungen der unterschiedlichen Uniformen und erzählte ihr, dass es zum Shabbat-Essen vielleicht sogar Schwein geben würde. Schließlich würde seine Familie das Ganze mit dem Glauben nicht so ernst nehmen. Er wohnte in einem riesigen Haus am Hang, von dem man die Mauer, die Israel und Palästina trennte, sehen konnte. Alle freuten sich, dass er ein Mädchen mit nach Hause gebracht hatte, vor allem, weil er der einzige Junge umgeben von älteren Schwestern war. Extra für sie, das christliche Mädchen aus Deutschland, feierten sie ein traditionelles Shabbat-Essen mit Shabbat-Kerzen, koscherem Wein, Challa und Salz, aber dann gab es tatsächlich Schwein und die Mutter scherzte, jetzt kämen sie alle in die Hölle.

So glücklich war sie noch nie gewesen. Unbeschwert genoss sie die Zeit, nur er zählte. Sie vergaß, dass es schon fast Mai war, ihre Zeit in Israel allmählich zu Ende ging. Sie konnte ja auch einfach länger bleiben, zurück ins langweilige, düstere, graue und verregnete Deutschland wollte sie sowieso nicht. Sie realisierte nicht, dass er ihr nur wenig über sich erzählte, er allerdings wusste alles über sie. Er war ein ruhiger Zuhörer, er nahm sie in den Arm, wenn sie es brauchte und brachte sie zum Lachen. Sie merkte nicht, dass er immer stiller wurde. Das Leuchten in seinen Augen verschwand. Und vielleicht war es auch irgendwann einfach zu spät.

Es war ein wunderschöner Tag. Sie war auf dem Weg nach Jerusalem, die dunkelgrünen Fichten in den Vororten stachen vor dem hellblauen, wolkenlosen Himmel hervor. Zur Begrüßung nahm er sie in den Arm, fester als sonst, anders. Anders, weil seine Augen von traurigen Schatten umgeben waren. Anders, weil sie merkte, dass etwas nicht stimmte. Doch sie traute sich nicht, ihn zu fragen. Seine Familie freute sich, sie zu sehen, die Eltern hatten fürs Abendessen groß gekocht. Der Rest der Familie war auch da, sie hatte alle schon kennen gelernt, Onkel, Tanten und Großeltern. Sie war glücklich. Nach dem Essen schliefen sie miteinander, wie immer, er war zärtlich und nichts war anders.

Am nächsten Morgen wachte sie auf. Er saß auf seinem Schreibtischstuhl und starrte sie an. „Ich bin bei den Submarines aufgenommen worden“, sagte er. „Da bin ich dann vier Jahre mindestens. Vielleicht auch länger, denn ich muss mein Land beschützen“. Er schaute ihr direkt in die Augen. „Ich bin stolz darauf“, meinte er. „Ich kann das mit dir nicht mehr. Schließlich musst du nach Deutschland zurück. Und ich bleibe hier“, sagte er. Sie ging. Sie ist gegangen, ohne etwas zu erwidern, ohne sich von seiner Familie zu verabschieden, die ja auch irgendwie ihre geworden war.

Seitdem war sie nie wieder in der goldenen Stadt. Seitdem sieht sie das Blau nicht mehr. Einfach weg. Nichts mehr mit Himmelblau oder blauem Himmel. Jetzt fließt nur noch der Regen.

Himmelblau. Blauer Himmel. Er erstrahlte voller Ruhe und hatte zugleich etwas Saftiges. Schaute man hinauf, versank man darin, in einer unglaublichen, fröhlichen Tiefe. Ein ganz sanfter, babyblauer, ja nahezu beruhigender Ton. Für sie war der Himmel das ganze Jahr blau gewesen. Jetzt fließt nur noch der Regen. Von der Terrasse des großen Hauses am Hang hatte sie den Himmel am besten beobachten können. Denn in Jerusalem war er immer besonders blau gewesen. Sogar nachts, wenn dieses wunderschöne Himmelblau auf einem ganz anderen Teil der Erde zu sehen war und sie davon überhaupt nichts mitbekam, sogar nachts hatte sie von diesem Gefühl geträumt. Es war etwas, was sie umgeben hatte, fast umhüllte, ganz leicht und unbemerkt war es über sie gekommen. Aber immer nur, wenn der Himmel blau gewesen war.

Himmelblau. Blauer Himmel.

Jetzt fließt nur noch der Regen.


Franziska de Vries, 20 Jahre
absolvierte 2016/2017 ein Freiwilliges Soziales Jahr in Kfar Tikva, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Derzeit studiert sie Kunstgeschichte, Anglistik und Theaterpädagogik.

Drei Stunden und zweiundzwanzig Minuten Bat Chen, 33 Jahre, Januar 2018

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„Drei Stunden und zweiundzwanzig Minuten“ übermittelte Chagith, die Sprecherin vom Navi. Es war Viertel nach sechs am Freitagmorgen, die Straßen waren leer. Im Radio lief ein ruhiges Lied, dessen Titel ich nicht kannte, aber eine gewisse Sehnsucht, die es in mir weckte, fühlte sich vertraut an. In Gedanken war ich bei dem Telefongespräch vom Vorabend: „Hier ist eine Frau mit einem zweijährigen Jungen. Er wurde bei einer Offensive der syrischen Armee verletzt. Die Frau behauptet, dass Sie sich kennen würden.“ Unweigerlich musste ich an Or denken, deren einjährigen Geburtstag wir erst vor zwei Wochen gefeiert hatten, wobei meine größte Sorge sich darum gedreht hatte, was die Mütter in unserer Kita zu meiner Zwei-Zimmer-Wohnung sagen würden. Seit Or in die Kita gekommen war, hatte ich das Gefühl, dass über mich getuschelt wurde, als wäre ich die einzige Mutter in Jerusalem, die ihr Kind allein großziehen wollte. Nicht dass ich mich an Getuschel stieß, mein ganzes bisheriges Leben hatten Fremde beim Anblick meines Körpers getuschelt, aber gegenüber dem Getuschel der Mütter war ich weniger resistent.

Das Handy klingelte und riss mich aus meinen Gedanken. „Ja, Vati“, antwortete ich. „Bist du sicher, dass ich sie heute in die Kita bringen soll? Ich habe überlegt, ob ich mit ihr auf den Spielplatz im Park gehe, heute ist so ein schöner Tag“, fragte mein Vater. Dabei wusste er genau, dass er mich nicht fragen musste, wenn er mit Or zusammen sein wollte. Mir war klar, dass er mich in ein Gespräch verwickeln und verstehen wollte, wohin ich zu so früher Stunde und ohne Vorwarnung fuhr. Ehrlich gesagt hatte ich nicht darüber nachgedacht, was ich ihm sagen würde, wenn ich mit einer syrischen Frau namens Asima und einem zweijährigen Jungen nach Hause käme.

Es waren fast zehn Jahre vergangen, seit ich Asima das letzte Mal gesehen hatte. Damals lebte ich noch in Berlin. Eine Woche vor meiner Rückkehr nach Israel hatte sie mich überrascht und war für ein Wochenende aus Hamburg gekommen, wo sie ihren Magisterabschluss machte. Asima war eine Freundin von meiner guten Freundin Aischa, die beiden kannten sich seit ihrer Kindheit. Wir waren uns bei einem ihrer Besuche in Berlin begegnet und fühlten uns sofort verbunden. Wir nannten uns die Middle Western Girls, Aischa war im Irak geboren, Asima in Syrien, wo sie auch aufgewachsen war und ich kam aus Israel. Ich erinnere mich an den Tag, als ich verstand, dass wir jedoch nicht aus dem gleichen Nahen Osten stammten. Es war an einem sonnigen Samstag und wir gingen ins Café Nargila in Neukölln, einer Festung der arabischen Szene von Berlin. Es waren vor allem Männer dort, auch einige arabische Touristinnen, dennoch richteten sich sämtliche Augenpaare auf uns. Aischa und Asima waren erhobenen Hauptes eingetreten. Als wir Platz nahmen, erklärten sie mir, dass die Blicke sich nicht auf uns richteten, weil wir nicht religiös waren, sondern weil sie arabische Frauen waren, die es wagten, in westlicher Kleidung und ohne männliche Begleitung unterwegs zu sein.

Ich erreichte die Raststätte der Nord-Süd-Autobahn. Eigentlich hatte ich keine Pause einlegen wollen. Ohne einen Kaffee und etwas zu essen würde ich den Tag, der mir bevorstand, aber nicht bewältigen. Ich kehrte mit einem Milchkaffee und einem Sandwich ins Auto zurück und beim Blick in den Rückspiegel sah ich den leeren Kindersitz von Or. In Kürze würde dort das Kind einer anderen Frau sitzen. Dieses verängstigte Kind würde die fremde Landschaft betrachten und seine Mutter mit einer ihm unbekannten Frau in einer fremden Sprache sprechen hören. Ich ging noch einmal in den Laden, kaufte einen Lutscher und einen Luftballon und hoffte, es wäre ihm ein kleiner Trost.

Noch 52 Minuten bis zum Ziel. Das Radio begann zu rauschen, weil der Empfang nachließ. In meinen bevorzugten Sender mischten sich arabische Stimmen, automatisch schaltete ich um. Mir fiel die Abscheu auf, die die arabische Sprache bei uns erregte und erinnerte mich prompt an ein Abendessen in Berlin, das Aischa, Asima und ich in meiner Berliner Wohnung zubereitet hatten. Wir hatten damals herzlich gelacht, als wir feststellten, dass beim Essen fast alle Dinge die gleiche Bezeichnung haben. Wie kleine Kinder holten wir Lebensmittel aus dem Küchenschrank, aus dem Kühlschrank, um der Sache auf den Grund zu gehen. „Kusbara, [Koriander], Tchina [Sesammus], Sukar [Zucker]“, rief ich und beide mussten lachen. Am gleichen Abend gingen wir zu einer inoffiziellen japanischen Party, die in irgendeinem Keller in einem alten Gebäude im Osten der Stadt stattfand, an den Wänden liefen Zeichentrickfilme. In der Luft lag ein Gemisch aus Schweiß und Feuchtigkeit, gewürzt mit Wasabi. In einer bestimmten Phase gab Aischa uns zu verstehen, dass sie mit Kito, einem Freund von ihr, die Party verlassen würde. Er hatte zwar einen japanischen Namen, aber er war Brite. An jenem Abend tranken wir derart viel Sake, dass wir auf dem Rückweg glatt unsere U-Bahn-Station verpassten und Hermannplatz ausstiegen, der um drei Uhr nachts fast so belebt war wie um drei Uhr nachmittags. Zum ersten Mal waren wir zwei allein, ohne Aische und es entstand eine andere Energie. Mich plagten Bedenken, um die richtigen Worte verlegen zu sein und so schlug ich vor, einen Döner zu essen. Und tatsächlich: Als wir dann stockbetrunken und mit vollem Magen in der Wohnung ankamen, schliefen wir wortlos ein.

In jener Nacht hatte ich geträumt, dass ich mich mitten in einem Krieg befand. Vor mir war ein hoher Drahtzaun, hinter dem Asima stand und hinter ihr war ebenfalls Krieg. Wir standen auf verschiedenen Seiten des Zauns, sagten nichts, blickten uns lediglich an und dieser Blick sagte alles. An jenem Morgen war ich früh aufgestanden, hatte Kaffee aufgebrüht und war auf den Balkon getreten. Die Straße unter mir war voller Menschen, von denen die meisten keinen Krieg erlebt hatten, die hundertjährigen Gebäude würden mir vielleicht ins Gedächtnis rufen, dass auch diese Stadt einen Kriegsschauplatz in sich barg.

Ich fuhr auf den Parkplatz des „Ziv“-Krankenhauses von Safed und auch hier, wie vor jedem Krankenhaus, das ich bisher aufgesucht hatte, gab es kaum Parkplätze. Dann ging ich zum Sozialdienst der Kinderabteilung, wo ich Irith traf, die Sozialarbeiterin, die mich gestern Abend angerufen hatte.

„Hier gibt es jede Menge eigenartige Geschichten, aber so eine ist mir noch nicht zu Ohren gekommen“, sagte sie, während sie mich in ihr Büro führte. Sie erzählte, dass vor einigen Tagen ein zweijähriger Junge bei ihnen eingeliefert worden sei, der bei einer Offensive verletzt worden war. Er sei in Begleitung seiner Mutter gekommen. Nach der Operation des Kindes hatten sie die beiden nach Syrien zurückschicken wollen, aber die Mutter habe sie angefleht, davon abzulassen und darauf bestanden, eine israelische Frau zu kennen, die für sie bürgen könne. „Wie heißt der Junge?“, fragte ich sie, als wir ihr Büro verließen. „Nur“, erwiderte sie. Ich wurde still. Vom Korridorende erblickte ich den Rücken einer Frau. Sie hatte ihr Haar locker hochgesteckt, war über einen kleinen Rollstuhl gebeugt. Darin saß ein Junge, der eine Wollmütze trug. In seinem Blick lag etwas Vertrautes.

Schweigend stiegen wir ins Auto, Asima schnallte den Jungen auf dem Kindersitz an, ich nahm den Lutscher aus meiner Tasche und gab ihn Nur. „Drei Stunden und zweiunddreißig Minuten“ übermittelte Chagith und wir fuhren los.


Bat Chen Shany, 33 Jahre
absolvierte 2010/2011 einen Freiwilligendienst in Deutschland. Sie lebte zu der Zeit in Berlin und engagierte sich an einer Schule und in einem Verein. Nach ihrer Rückkehr nach Israel studierte sie Soziale Arbeit und arbeitet heute im Bereich der Psychotherapie mit Kinderkartenkindern in Jerusalem.

Als Opa in meinem Alter war Nirit, 36 Jahre, Januar 2018

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Einmal bekam ich eine Aufgabe: Ich sollte nachdenken über eine Person in meiner Familie, die für mich die Erfahrung des zwanzigsten Jahrhunderts repräsentiert. Ich wurde gefragt, wer und wo diese Person war, als sie in meinem Alter war. Natürlich habe ich sofort an meinen Opa denken müssen. Als mein Opa 30 Jahre alt war, war er familienlos, heimatlos, gezeichnet vom Krieg und traurig. Er war Witwer und ein hinterbliebener Vater, Bruder, Onkel und Sohn. Er war ein Häftling in Buchenwald. Als ich in 1981 geboren wurde, war mein Opa 64 Jahre alt. Er war ein Rentner in Israel. Er hatte wieder eine Familie und ein Heim, Freiheit und Fröhlichkeit hat er seit dem Krieg nicht wiedergefunden.

Diese Aufgabe bekam ich während eines Seminars, als ich in 2010/2011 ein Jahr lang einen Freiwilligendienst in Berlin mit Aktion Sühnezeichen Friedendienste machte. Die Arbeit mit Aktion Sühnezeichen Friedendienste beschäftigt sich mit Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und mit der Frage, wie die Vergangenheit die Gegenwart beeinflusst. Als Freiwillige arbeitete ich täglich in einer Jugendeinrichtung in Südwest Berlin und nahm an verschiedenen Seminaren teil. Ich wohnte in einer WG in Schöneberg und ging in meiner Freizeit zur Sprachschule.

Nach etwa der Hälfte meines Freiwilligendienstes wurde ich eingeladen, an einer Konferenz von Aktion Sühnezeichen Friedendienste, die im Frühling 2011 in Berlin stattfinden sollte, als Referentin teilzunehmen. Die Organisatorin der Konferenz hatte ich ein paar Monate eher bei einer Veranstaltung der Organisation kennengelernt. Was sie mir damals erzählt hat, weiß ich nicht mehr, aber sie dachte, ich könnte meine Familiengeschichte erzählen.

Der Schwerpunkt der Konferenz war „Fremde Heimat? Geschicte(n) von Flucht und Migration“ und ich wurde gebeten, in dem Workshop „(Ver-)schweigen als Erzählen“ mitzumachen. Es sollte ein kleiner Workshop sein, mit circa 20 Teilnehmenden, der das Thema „Tradierte Geschichte“ und dem Schweigen der Täter und Opfer durch biografische Arbeit zum Inhalt hatte. Ich sollte eine kurze Präsentation über meine Erfahrung als Enkelin eines Holocaustüberlebenden vorbereiten.

Von der Einladung war ich überrascht und begeistert. Verängstigt war ich auch. In einem Forum wie diesem hatte ich noch keine Erfahrung. Was ich erzählen wollte, war mir aber sofort deutlich. Die Aufgabe, die ich schon früher in einem Seminar in Deutschland bekommen hatte, ist mir wieder eingefallen. Und mit dieser Frage als Anstoß fing ich an, die Geschichte meines Opas in Kombination mit meiner eigenen aufzuschreiben.

Mein Opa ist 1915 geboren. Er ist in Bodzanow, einem kleinen Dorf im Zentrum von Polen, aufgewachsen. 1917 ist sein Vater an einer Krankheit gestorben. Somit ist mein Opa mit seiner Mutter, seinem älteren Bruder und drei Schwestern aufgewachsen. Als kleines Kind hat er in einer Cheder, eine jüdische Schule, gelernt. Von seinem 7. bis zum 14. Lebensjahr lernte er an einer öffentlichen Schule. Danach hat er als Glashersteller gearbeitet – zusammen mit seinem Schwager.

Als der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist, war mein Opa 24 Jahre alt. Er war verheiratet mit einer jüdischen Frau und sie hatten zusammen eine dreijährige Tochter. Die zweite Tochter ist bereits während des Krieges geboren. Zuerst musste mein Opa für die Deutschen arbeiten, die in der Nähe wohnten.

Am 3. März 1941 wurden alle Juden von Budzanow in das Ghetto von Censtechov geschickt. Im Herbst 1942 wurde das Ghetto teilweise geräumt. Die Familie meines Opas wurde nach Treblinka deportiert. Dort wurden seine Mutter, seine Frau, seine Töchter, Schwestern, Neffen und Nichten ermordet.

Mein Opa blieb bis zum Januar 1945 im Ghetto, weil er ein junger, arbeitskräftiger Mann war. Dann wurde mein Opa nach Buchenwald geschickt. Er wurde bis April 1945 in Buchenwald inhaftiert. Am 9. April 1945 wurden die Deutschen aus dem Lager abgezogen. Mein Opa konnte sich unter toten Menschen verstecken. Zweite Tage lag er dort – halluzinierend und krank.

Am 11. April 1945 trafen amerikanische Soldaten in dem Lager ein. Nach der Befreiung verbündete sich mein Opa mit einer zionistischen Gruppe in Erfurt. Er floh im September 1945 nach Israel. 1946 heiratete er dort meine Oma. Meine Oma wurde auch in Polen geboren. 1935 floh sie alleine nach Israel. Ihre Familie blieb in Polen und wurde erst später in das Warschauer Ghetto deportiert. Dort wurde die komplette Familie meiner Oma ermordet.

Nach der Hochzeit ist mein Opa in das Dorf, in dem meine Oma bereits lebte, gezogen. 1948 wurde ihr erstes Kind geboren, mein Onkel. 1951 wurde das zweite Kind geboren, meine Mutter. Sie gaben ihr den Namen Nechama: nach ihrer Oma, die nach Warschauer Ghetto deportiert wurde. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete mein Opa als Briefträger. Die Familie wohnte weiter in dem Dorf, das langsam zu einer kleinen Stadt wuchs. Nachdem mein Vater meine Mutter geheiratet hatte, zog er auch dorthin. In einem Haus mit meinen Eltern und Großeltern sind meine Schwestern und ich aufgewachsen.

Mein Opa ist mit 89 Jahren in Israel gestorben.

Der Begriff „Holocaust“, war mir schon sehr früh bekannt. Seit ich mich erinnern kann, wusste ich, dass es einen Krieg gab, in dem unsere Familie gestorben ist. Ich wusste auch immer, was „Tod“ ist. Schon mit vier Jahren wusste ich, dass Opa in Buchenwald war und mit sechs Jahren erfuhr ich, dass meine Familie nach Treblinka deportiert wurde. Obwohl ich mit meinen Eltern, Schwestern, Großeltern und allen anderen Verwandten aufgewachsen bin, lebten die Toten auch in meinem Leben weiter. Und mit mir leben die Erinnerungen an den Krieg auch weiter. Die Geschichte, der Krieg und der Holocaust, waren immer ein Teil von meinem Alltag.

Oft erzählte mein Opa spontan über den Krieg. Einfache Alltagssituationen lassen Erinnerungen wach werden. Einmal kam er vom Markt zurück. Er kaufte dort Eier. Er erzählte, dass er am Anfang des Krieges Eier bei polnischen Bauern sammeln musste – als Zwangsarbeit für die Deutschen. Ein anderes Mal aßen wir zusammen. Plötzlich sagte er, dass er kein Essen in Buchenwald hatte. Wenn mein Opa über seine Familie erzählte, war das Ende der Geschichte immer ein trauriges Schweigen.

Manche Geschichten erzählte er immer wieder. Er hatte eine Narbe auf der Stirn. Ein Soldat in Buchenwald hat ihn mit einem Gewehr geschlagen. Er hat niemals erzählt, warum er geschlagen wurde. Ich fragte auch nicht. Aus Angst, dass er noch trauriger werden würde. Ich hatte oft viele Fragen, die ich nicht stellen konnte, da der Tagesablauf sowieso schon sehr traurig war.

Mit sechs Jahren bin ich in die Schule gekommen. Dort habe ich Lesen gelernt und konnte seitdem alleine zusätzliche Informationen recherchieren. Das Thema Holocaust wurde in der Schule intensiv unterrichtet und auch oft im Fernsehen und in Zeitungen thematisiert. Ich habe immer versucht, meine persönliche Familiengeschichte in der allgemeinen historischen Geschichte wiederzufinden.

Jetzt als Erwachsene versuche ich, nicht nur die Geschichte, sondern auch den Einfluss des Holocausts auf mein Leben und den Einfluss auf die heutige Gesellschaft zu lernen. Ich habe Geschichte studiert und arbeite im Bildungsbereich. Da der Holocaust ein Schwerpunkt meines Interesses ist, bin ich nach Deutschland gekommen. Während meines Freiwilligendienstes durfte ich auch im pädagogischen Bereich arbeiten.

Oft wurde ich in alltäglichen Situationen, zum Beispiel wenn ich Leute auf einer Party kennenlernte, von Deutschen gefragt, was meine Familie davon hält, dass ich in Deutschland bin. Ich konnte nur erzählen, was meine lebende Familie fand. Ich habe ehrlich geantwortet und gesagt, dass meine Familie davon nicht begeistert ist. Und für mich ist es auch kompliziert. Diese Antwort wollte oder konnte man oft nicht annehmen. Wahrscheinlich war es auch nicht die normale Antwort.

Und was hätte mein Opa davon gehalten? Wegen dieser Frage war meine Zeit in Deutschland noch komplizierter. Erfolge verwirrten mich. Die Sprache zu beherrschen, Freunde kennenzulernen, unbekannte Orte zu entdecken, jede neue Erfahrung wurde irgendwie mit Zweifel bedeckt. Schwierigkeiten, an der andere Seite, hätten mehr Sinn gemacht: traurig durfte ich immer sein. Diese Gefühle konnte man aber nicht verstehen.

Im Mai 2011 nahm ich an der Konferenz in Berlin teil. In einem großen Seminarraum saß ein ruhiger Kreis von zwanzig fremden Menschen. Die Mehrheit der Menschen sprach Deutsch als Muttersprache. Ich habe meine Geschichte auf Deutsch vorgestellt. Um abzuschließen, erzählte ich, dass ich oft gehört habe, wenn ich das Thema Zweiter Weltkrieg in Deutschland diskutierte, dass der Krieg schon lang vorbei ist. Ich habe verstanden, dass es schon gewöhnlich ist zu denken, dass in Deutschland die Konsequenzen auch nicht mehr aktuell sind.

Nach dem Workshop sind viele, die vorher in dem ruhigen Kreis saßen, auf mich zugekommen. Es war ein seltener Moment, in dem ich mich gesehen fühlte.


Nirit Neeman, 36 Jahre
absolvierte 2010/2011 einen einjährigen Freiwilligendienst in Berlin. Heute arbeitet sie als Geschichtslehrerin in Israel.

Häftling Nr. 116859 Asaf, 29 Jahre, Dezember 2017

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Alles fing mit einer Postkarte an.

2013: Ich und mein Vater hatten fünf Monate lang nicht geredet. Er mochte es nicht, dass ich nach Deutschland umziehen werde. Ein halbes Jahr nach der Abreise war ich auf Heimatbesuch in Israel. Ich erzählte von einem kurzem Interview im deutschen Bundestag. Es ging über meinen Familienbezug zum Holocaust. Ich erklärte im Interview, dass mein Opa auf mich heute stolz gewesen wäre, weil ich als Israeli im Deutschen Bundestag stehe. Als mein Papa das erfuhr, erwiderte er: „Dein Opa würde viele Sachen diesbezüglich fühlen, stolz wäre er aber auf dich keines falls gewesen.“ Von diesem Gespräch erzählte ich im Rahmen eines Vortrages bei einem Kongress zur Erinnerung des Holocausts. „In unserer Familie ist alles Deutsche streng verboten“, sagte ich. Ich schilderte die Probleme meines Vaters bezüglich des Umgangs mit allen Themen, die den Holocaust betreffen und damit vor allem auch meinen Aufenthalt in Deutschland.

Eine Woche nach diesem Kongress saß ich im Büro des ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch, wo ich da als Freiwilliger arbeitete. Wir waren in unserer Mittagspause.

„Was weißt du über deinen Opa?“, fragte ein Kollege. „Sehr wenig.“, antwortete ich.
„Mein Vater weigert sich zu fragen und mein Opa weigerte sich, darüber zureden. Ich habe aber eine Postkarte vor meiner Abreise bekommen, auf der Rückseite steht Buchenwald und eine Anrede an meinen Opa. Mehr habe ich nicht.“
Die Chefin unterbrach das Gespräch: „Weißt du, dass wir dir damit helfen können?“
Ich musste nicht antworten und ein paar Minuten danach war schon ein E-Mail an die Gedenkstätte Buchenwald geschickt worden und eine Anreise vereinbart.

Ich wusste nicht, was mich erwarten würde. Es gab einen Grund, warum darüber innerhalb der Familie nicht gesprochen wurde. Im Krieg wurden gemordet und diejenigen, die überlebt haben, haben durch ihr Trauma einen großen Schatten über diejenigen gelegt, die nicht da waren.

Ich stand am Eingang der Gedenkstätte und sehe dasselbe Bild wie auf Opas Postkarte. Am Eingang der Gedenkstätte stand eine FSJlerin, wie ich, und sie begleitete mich durch die Gedenkstätte. Wir sind langsam durch das schreckliche Erbe der Vergangenheit spaziert und mir wurde von dem brutalen, unfassbaren Leben der Häftlinge erzählt. Wir näherten uns einem zerstörten Gebäude. „Dein Opa war hier platziert“, sagte sie. „Er ist Ende 1944 hierher gekommen. Das hier war seine Kaserne“. Ich starrte auf den armen Holzhaufen vor mir. Sie schaute mich an und fragte: „Mir wurde gesagt, dass du vielleicht weinen wirst. Bist du okay?“ Ich ließ einen riesigen Lacher los, was auf sie ein bisschen befremdlich wirkte. „Wir Erlichs sind große Zyniker. Wir schlucken Sachen runter und lachen darüber.  Haß und Weinen überlassen wir den Therapeuten.“

Später gingen wir ins Archiv und da erfuhr ich die wahre Geschichte über meinen Opa. Ich schaute die Dokumente an, die mir vom Archivmitarbeiter gegeben wurden. Ich konnte ein kleines Lächeln auf meinem Gesicht nicht verbergen, als mir jahrzehntealte Fragen vor meinen Augen beantwortet wurden: „…Mosze Erlich Häftling Nr. 116859…“. „… Pole, Jude, Kommunist!?..“. „Es steht hier das er Kommunist war! „- „Es kann sein, dass es nicht stimmt. Das bedeutet wenig“, sagte die Archivistin. „… Er hatte ein Kind, und war schon verheiratet…“. „… Er war Kutscher und Heizer…“. „Das hat wahrscheinlich sein Leben gerettet. Er war für die Kriegsindustrie nützlich“. „… Wow..“, erwiderte ich. In dem Moment fühlte ich mich nah zu einer Person, die ich nie kennengelernt habe. Ich bedankte mich bei  allen im Raum herzlich und verabschiedete mich.

Durch die Dokumente der Gedenkstätte konnte ich die Geschichte eines Mensch rekonstruieren, der starb,  als ich 4 Jahre alt war. In der folgenden Nacht rief ich meinen Vater an und da konnten wir unser Wissen über Häftling 116856 vergleichen. Dann lag vor uns seine Geschichte:

Mosze (Mosche) Erlich ist in Zwolen, Polen 1905 geboren. Anfang des Krieges wurde er ins Polnische Heer einberufen und ist schnell in deutsche Gefangenschaft geraten. Er wurde zum Lager neben seiner Heimatstadt gebracht, wo er Dienst in der HASAG Munitionsfabrik leisten musste . Für vier Jahren leistete er schwere Zwangsarbeit für die deutsche Kriegsindustrie und überlebte es, dank eines unbekannten Arbeitskommadeurs, dem er anscheinend gefiel. Die Rote Armee im Rücken, wurde er zum Todesmarsch durch die Novemberkälte halbnackt bis Buchenwald geführt, wo er zwei Wochen in einem verkeimten, überfüllten Holzgebäude auf den Transport nach Flößberg wartete, ein Außenlager von Buchenwald, wo er wieder für die HASAG Firma zu arbeiten gezwungen wurde. Flößberg war schlimm. Die meisten Menschen, die mit ihm im Transport waren, starben. Als die Russen näher rückten, wurde das Lager Richtung Mauthausen in Österreich evakuiert. Ende Mai haben zwei kleine Panzer der Amerikanischen Streitkräfte die Mauer des Lager eingefahren und der Krieg war für meinen Opa vorbei. Die Häftlinge haben ihre Rache an den gebliebenen SS Männer genommen. Die Amis gaben den Gefangenen Waffen und sie jagten die übrigen Wachmänner in die Wälder nebenan. Opa verweilte nach seiner Befreiung in Bamberg in einem DP-Camp und fuhr dann zurück nach Zwolen. Er suchte sein Frau und sein Kind. Er erfuhr schließlich, dass sein 10-jähriges Kind und seine Frau bei einem Luftangriff der deutschen Luftwaffe schon 1939 gestorben waren. Ihn blieb nichts anderes übrig und 1946 wanderte er nach Israel ein, wo er meine Oma kennenlernte.

Diese Geschichte zeigte mir meine Bestimmung in Deutschland: Flößberg ist nur eine kurze Autofahrt von Wittenberg entfernt, wo ich zuerst in Deutschland gewohnt habe. Dem Transport meines Opas Richtung Süden folgte ich, als ich nach München zog. Und In Bamberg hatte ich auch einen Stop. Ich sehe, dass es eine Verbindung gibt, zwischen meiner Zeit in Deutschland und die meines Opas 70 Jahre vorher. Wie ich, hatte mein Vater über Opas Alptraum durch Gerüchte erfahren. Und jetzt, 70 Jahren danach, ist ausgerechnet mein Aufenthalt in Deutschland der Anlass, der die  Schatten der Vergangenheit enthüllt.

Diese Geschichte erzähle ich euch, da wir Juden uns jedes Jahr am Yom HaShoah an unsere 6 Millionen Brüder, Schwestern, Mütter, Väter, Kinder und Töchter erinnern, die durch die schrecklichen NS-Verbrechen ermordet wurden. Das wahre Ende dieses Kreises kam letztes Jahr, als mein Vater seine Abneigung vor Deutschland beiseite legte und mich in Deutschland besuchte. Und als dieser Kreis endete, fing ein anderer an. Da habe ich verstanden, dass ich darüber erzählen muss, wie mein Opa es selbst nicht machen konnte.


Asaf Erlich, 29 Jahre
hat 2013/2014 einen Freiwilligendienst in Deutschland geleistet und lebt seit dem in Deutschland, zur Zeit in München. 

Ein deutscher Davidstern Merav, 49 Jahre, Dezember 2017

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Der junge Mann trug an einer Kette einen ziemlich großen silbernen Magen David, einen Davidstern, der auf seiner unbehaarten Brust ruhte.

„Andreas“ sagte er und reichte mir die Hand. „Nett, dich kennenzulernen.“ Er sprach mit mir Englisch und hatte eine angenehme tiefe Bassstimme. Einen schüchternen Händedruck.

Er war mit einer Gruppe von Freiwilligen aus Deutschland gekommen. „Wir wollen mit Autisten arbeiten. Mit den schwierigsten Fällen“, sagte er. „Wir alle haben Erfahrungen in verschiedenen Behandlungsbereichen und möchten in den nächsten drei Monaten gern behilflich sein.“
Und so war es. Die Gruppe von Jugendlichen, die in das Behindertenheim gekommen war, entpuppte sich als qualifizierte Arbeitsgruppe, die keine Art von Arbeit scheute. Auch die schwerste konnte der Entschlossenheit und Erfahrung, die sie im Gepäck hatten, nichts anhaben. Jeden Morgen kamen sie geschlossen aus dem Speiseraum und verstreuten sich dann, begaben sich in die verschiedenen Räume des Behindertenheims, um die ihnen zugeteilten Arbeiten zu übernehmen: vom Ankleiden der Bewohner, dem Waschen, der Begleitung in den Speisesaal und den einzelnen Behandlungen bis zum Putzen der Toiletten und dem Abwischen der Hintern.
Jedes Wochenende traf die Gruppe sich mit der israelischen Begleiterin, die Deutsch konnte, um die Woche, die hinter ihnen lag, zu besprechen und Dampf ablassen zu können. Nicht ein Wort des Vorwurfs war zu hören. Die Begleiterin berichtete mir über die Dinge, die sich in der Gruppe ereigneten und in einem Gespräch fragte sie, ob ich bereit sei, ihnen einen Vortrag über meine Vergangenheit in der Armee, den Dienst in den israelischen Streitkräften als Berufssoldatin zu geben. „Verstehst du, das interessiert sie am meisten“, lachte sie. Ich erklärte mich einverstanden. Vor allem, weil ich wissen wollte, was viele sich fragen.

Wie ist das, als Deutscher zum ersten Mal in Israel zu sein? Wie ist es, Angehöriger des Volkes zu sein, das Leid zugefügt hat und das Volk aufsucht, dem Leid zugefügt wurde? Was ist jedem persönlich darüber bekannt, was die Großeltern während des Zweiten Weltkrieges getan haben …

Am Ende des Vortrags kam Andreas zu mir und fragte mich mit zurückhaltender deutscher Höflichkeit, ob wir uns unterhalten könnten.

Er stellte mir Fragen zum Militärdienst, zur Schwierigkeit, in jungem Alter die Offizierslaufbahn einzuschlagen, den schweren Entscheidungen, die ich in meiner Funktion als Offizierin, die für die Angehörigen der Gefallenen zuständig war, zu treffen hatte. Fragen zu allem. Nachdem geraume Zeit vergangen war, entschuldigte ich mich und erklärte, dass ich noch ein weiteres Treffen habe und nicht zu spät kommen wolle. Ich schlug ihm vor, an seinem freien Tag in mein Büro zu kommen, wo wir unser Gespräch fortsetzen könnten. „Ich halte Israel für den wunderbarsten Ort der Welt“, fügte er rasch hinzu, es war ein regelrechter Worthagel, um mir diese Botschaft noch mit auf den Weg geben zu können.
„Na, dann wandere doch ein“, sagte ich lachend.
„Einwandern?“, fragte er.
Ich schaute ihn an und sagte: „Weißt du denn nicht, dass jeder Jude nach Israel kommen und zügig die Staatsbürgerschaft erhalten kann?“
„Ich bin kein Jude“, sagte er beschämt und schwieg …
Ich spürte, wie ich aus Verlegenheit eine Gänsehaut bekam. „Verzeih mir“, entschuldigte ich mich, „du trägst einen so großen Davidstern, dass ich annahm, du seist Jude …“
„Als ich siebzehn war, bekam ich diesen Magen David“, sagte er, wobei er beide Wörter auf der ersten Silbe betonte, wie es im Jiddischen, in der Diaspora ausgesprochen worden war. „Ich habe geschworen, ihn zeit meines Lebens zu tragen.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also schwieg ich lieber. Er stand da, warf mir einen kalten gequälten Blick zu.
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte er und beließ es dabei. „Danke für das Gespräch. Ich komme nächste Woche vorbei.“ Er verabschiedete sich mit einem formellen Händedruck und ging.

In der Woche darauf hatte ich gerade eine anstrengende Sitzung beendet. Als ich den Blick hob, war er da, lehnte am Türsturz meiner Bürotür, schlaksig und mager – meine Aufregung nahm zu. Sein Blick wirkte noch kühler. Lag es vielleicht an der orangefarbenen Bräune, die einen perfekten Hintergrund darstellte? Ich bot ihm einen Platz an und er blieb stumm. Nach einigen Minuten der Verlegenheit und mehreren zögernden Antworten auf meine rein informativen Fragen sagte er: „Könnten wir rausgehen und uns woanders unterhalten?“

Wir verabredeten uns für den frühen Abend in einer ruhigen Kneipe in der Nähe der Tel Aviver Unterkunft, wo die Gruppe wohnte.

„Danke fürs Kommen“, sagte er und begrüßte mich mit dem bekannten formellen Händedruck.
„Bei uns umarmt man sich schon nach zwei Treffen“, sagte ich lachend, damit er ein wenig lockerer würde und verpasste ihm eine echte israelische Umarmung. Wir bestellten. Ein Bier für ihn und ein Glas Weißwein für mich. Ein langer Schluck, der auf seiner Oberlippe Schaum hinterließ und er begann: „Ich habe mich vorbereitet, es ist eine heftige Geschichte“, flüsterte er und ich beugte mich zu ihm, um kein Wort zu versäumen.

„Ich bin von Geburt an Deutscher“, setzte er an. „Meine Mutter stammt aus einer sehr angesehenen österreichischen Familie. Sie hat einen Stammbaum, der mindestens fünfhundert Jahre zurückreicht und von der Verwurzelung der Familie zeugt. Meine Mutter ist sehr nett und ein nachgiebiger Mensch. Sie hat meine Schwester und mich großgezogen und ist kaum einer eigenen Arbeit nachgegangen. Mein Vater ist Geschäftsmann, der gut für sie und uns sorgt. Er stammt aus einer recht einfachen Familie und hat in jungen Jahren ein Vermögen durch schwere Arbeit erwirtschaftet. Natürlich hießen die Eltern meiner Mutter diese Verbindung wegen seiner mangelnden Herkunft nicht gut, es war ihre einzige Tochter, aber sie konnten nichts dagegen machen…“ Er hielt inne und nahm einige lange Schlucke von dem dunklen Bier.

„Die Mutter meiner Mutter, meine Großmutter, gewöhnte sich an die entstandene Situation und lernte meinen Vater lieben. Trotz ihres angeborenen Snobismus wusste sie auszumachen, wenn jemand über ein gutes Herz, Aufrichtigkeit und Talent verfügte. Nicht so mein Großvater. Stets hatte er das Gefühl, dass seine einzige Tochter etwas Besseres verdient habe. Verstehst du? Für ihn fühlte es sich an, als habe er vor sämtlichen Bekannten eine Ohrfeige einstecken müssen, sei auf dem Marktplatz der Stadt öffentlich gedemütigt worden“, sagte Andreas und lachte. Ich konnte die Bitterkeit und den Kummer in diesem verunglückten Lachen hören.

„Mein Großvater ist ein schwieriger Mensch. Das war er immer. Als meine Großmutter starb, obwohl sie zwanzig Jahre jünger als er war, zog er bei uns ein. Ich war zu dem Zeitpunkt dreizehn Jahre alt. Das gute Leben, das ich bis dahin gehabt hatte, verkehrte sich in einen einzigen, nicht enden wollenden Alptraum… Mein Großvater machte mir gegenüber bissige Bemerkungen wegen der Art und Weise, wie ich am Tisch saß, das Besteck benutzte und auch was meine Freunde, den Fußball anging.“ Er holte tief Luft.
„Zu allem. Zu al-lem. Er ließ mich nicht in Ruhe. Auch nicht meine Mutter und erst recht nicht meinen Vater. Ständig machte er verächtliche, heftige, quälende Anspielungen. Wegen ihm zog es mich ins Internat. Meine Mutter flehte mich an, dass ich zu Hause bleiben solle. Ich sagte ihr, dass ich ihn hassen würde… Und es war eine enorme Befreiung, es auszusprechen. Ich hasste ihn.“

Andreas bedeckte sein Gesicht mit den Händen, stand auf und sah mich mit weitgeöffneten hellblauen Augen an.

„Unser Zuhause bekam Risse. Das Verhältnis zwischen Mutter und Vater, zwischen mir und den Eltern, zwischen mir und meiner Schwester – alles fiel seiner furchtbaren Präsenz zum Opfer. Er war verbittert, krank, grantig, er schulmeisterte, beschuldigte und war verletzend – jeden Tag, den ganzen Tag.
Ich floh auf die Straße. Zu weniger guten Freunden. Ich haute oft aus der Schule ab. Begann zu rauchen. Leichte Drogen zu nehmen. Alkohol bis zum Verlust der Sinne. Eines Abends, draußen vor irgendeiner Bar, als ich bereits stockbetrunken war, sah mich ein Freund aus der Kindheit, kam auf mich zu und fing ein Gespräch an. Zwischendurch erkundigte er sich, wie es meiner Schwester und meinen Eltern ginge. Ich erzählte nur die halbe Wahrheit – Hauptsache, er würde mich in Ruhe lassen.
‚Und was ist mit deinem Großvater, diesem Nazi?’, fragte er. Die Frage versetzte mich in Rage.
‚Was sagst du da?’, gab ich zurück.
Er wiederholte es und meinte: ‚Andreas, das weiß jeder – das kann man nicht verbergen. Dein Großvater war ein Nazi…’ Mir blieb die Luft weg. Ich verlor die Gewalt über mich und versetzte ihm einen Fausthieb. Meine Freunde hielten mich zurück und er zog mit seinen fluchend weiter, während seine Wunde blutete …“

„Verstehst du“, sagte er. „In Deutschland wirst du das Wort ‚Nazi’ nicht hören. Nicht mal im Scherz und diesem blöden Freund kam es mit solch einer beängstigenden Leichtigkeit über die Lippen und noch dazu vor all den anderen. Ich entfernte mich von der Clique und setzte mich in den Park. Das Wort ‚Nazi’ ließ mich nicht mehr los. Ich hatte das Gefühl, mein Herz sei zu Eis erstarrt. Ich würde zu Stein. Wenn mein Großvater ein Nazi war, was sagte das über mich aus? Wer war ich? Der Enkelsohn eines Mörders? Der Alkohol machte alles noch schlimmer und meine Beine trugen mich irgendwie nach Hause. Zu dem Nazi, der mir bereits seit Jahren das Leben verbitterte …
Den ganzen Weg über stellte ich mir die Auseinandersetzung mit ihm vor. Ich würde ihn zur Rechenschaft ziehen, meiner Wut über die schweren Jahre Luft machen, die er uns durch seine peinigende Präsenz und seinen Machtanspruch beschert hatte. Ich malte mir aus, wie ich ihn lauthals herausforderte und er einen Herzinfarkt bekäme, er würde vor mir zusammenbrechen und mit einem Ausdruck des Schreckens auf dem Gesicht das Zeitliche segnen …
Ich trug nichts als Hass im Herzen. Hass, der mich nach Hause trieb und den Einfluss des Alkohols und der chemischen Substanzen außer Kraft setzte, die ich meinem Körper eingeflößt hatte. Es war purer, tiefsitzender Hass.“

Andreas atmete durch. Bestellte ein weiteres Bier und nach einer Minute, die eine Ewigkeit lang wirkte, sprach er langsam weiter, suchte auf Englisch nach den passenden Worten.

„Am Eingang zu unserer großen Villa sah ich die Rundumleuchten des Krankenwagens. Viele Leute liefen geschäftig um das Fahrzeug herum, das Ganze glich einer Szene aus einem amerikanischen Film. Meine Mutter stand mit zerzaustem Haar neben der Trage, auf der mein Großvater lag. Er hatte die Augen geschlossen und trug eine Sauerstoffmaske.
‚Andreas, komm her’, rief meine Mutter mir zu. Ich ging zu ihr, legte ihr die Arme um die Schultern, woraufhin sie in Tränen ausbrach. Das entsprach so gar nicht der deutschen Mentalität. Ohne jegliche Selbstkontrolle in Gegenwart dieser Leute, den Nachbarn in Schluchzen auszubrechen … Ich musste mit ihr und meinem Großvater in den Krankenwagen steigen und mit ihnen ins Krankenhaus fahren. Mein Vater und meine Schwester fuhren uns in dem schwarzen Mercedes nach. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass auch diese Szene mit dem ‚Leichenwagen’, wie meine Schwester und ich den Luxusschlitten meines Vaters nannten, aus irgendeinem amerikanischen Kitsch-Film stammte.
Einige Tage hielten wir am Krankenbett meines Großvaters Wache. Dann sprach meine Mutter mit den Ärzten, die eine Verlegung ins Hospiz empfahlen. Ein Neunzigjähriger, der nicht mehr kommunizieren konnte, war kein Kandidat mehr für die Behandlung in einem normalen Krankenhaus. Mein Vater sagte zu meiner Mutter, dass er mit allem, was sie entscheide, einverstanden sei und sie in jedem Fall seine Unterstützung habe. Mein guter Vater, der anderen Gutes tat und an dem nichts von dem Gift haften geblieben war, das mein Großvater versprüht hatte. Meine Mutter bat mich, mit ihr das Hospiz zu besichtigen, bevor sie sich zu einer Entscheidung durchringen würde.

Ich begleitete sie. Wir blickten uns in den großen, hell erleuchteten Räumen um, wo stille geisterhafte Gestalten in riesigen Betten von neuestem technischen Standard lagen, als fixierten sie auf den schneeweißen Laken die Überbleibsel ihres Lebens und versicherten sich so ihres Daseins auf dieser Welt.
‚Ja. Das wird Großvater recht sein’, meinte meine Mutter. Und fügte hinzu: ‚Bis er sich besser fühlen und wieder nach Hause kommen wird.’
Ich sah sie an. Verstand nicht, ob es eine zynische Bemerkung sein sollte, was so gar nicht ihre Art war, oder sie nicht wahrhaben wollte, was glasklar auf der Hand lag.
Erneut machte sich Wut in mir breit. Ohne nachzudenken, schoss es aus mir raus: ‚Dein Vater, dieser Nazi, wird sich hier bestens fühlen.’
Sie erstarrte. Das Blut wich aus ihrem Gesicht, das sonst immer leicht gerötet war und sie wurde bleich. Brachte keinen Ton hervor.
‚Hast du gehört?’, schrie ich sie an. ‚Er ist ein Nazi. Dieser widerliche, schreckliche Mensch, der unser aller Leben verbittert hat, ist ein Nazi. Ein Nazi. Ein Mörder.’
Meine Mutter machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum. Ich hörte ihre niedrigen Absätze über die polierten Fußböden hallen und die Stille rundum durchbrechen, die beinahe eine Totenstille war. Mir brach der Schweiß aus. Ich konnte mich nicht länger auf den Beinen halten, sank auf den Boden und lehnte mich an der weißen rauen Wand an.

Das war’s. Ich hatte es ausgesprochen. Ich hatte fest damit gerechnet, dass ich als Sieger aus der Sache hervorgehen würde. Mit der reinen Wahrheit. Erleichtert. Aber mein Herz war nur von einem Gefühl beherrscht: tiefsitzende Übelkeit. Ich musste mich übergeben. Als ich vor die Tür trat, hielt ich Ausschau nach dem Auto meiner Mutter, es war nicht da. Ich nahm den Zug nach Hause. Im Haus war es still und kalt. Ich machte mich über die gut bestückte Bar meiner Eltern her und betrank mich. Stundenlang schüttete ich literweise Alkohol in mich hinein. Bis zur Bewusstlosigkeit.“

Andreas sah mich an und sagte: „Du hast wohl keinen Hunger.“
„Nein“, sagte ich schnell. „Ich bin eher hungrig, die ganze Geschichte zu erfahren.“ Er lachte, es war ein warmherziges Lachen. Sein erstes echtes Lachen und es klang so angenehm. Ich trank meinen Wein aus und bestellte ein zweites Glas. „Erzähl bitte weiter“, drängte ich ihn.

„Dann wachte ich im Krankenhaus auf. Alkoholvergiftung. Mein Magen wurde ausgepumpt. In meiner Erinnerung war alles verpixelt und durchzogen von Gedächtnislücken, von Dingen, die abrissen. Die tiefe Übelkeit war immer noch da. Ich weigerte mich, etwas zu essen oder zu trinken. Und bekam unzählige Transfusionen. Ich wollte niemanden sehen. Nicht meine Eltern. Nicht meine Schwester und nicht meine Freunde. Ich lag da, die Augen nur einen Spaltbreit geöffnet, unterzog meine leere, tiefe Seele einer Innenschau. Es waren öde Tage.

Die Psychiaterin, die mich in meinem Zimmer aufsuchte – wie es die Krankenschwester am Morgen versprochen hatte – war blond. Dr. Annett Dortmund, stellte sie sich vor. Sie war kräftig, hatte hellblaue Augen und lange Wimpern. Sie wirkte in sich gefestigt. Ruhig. Tiefsinnig. Sie schien keinen auf klug zu machen, war aber klug. Vielleicht kam das Gespräch in Gang, weil mir bereits nach reden zumute war.

‚Was fühlen Sie?’, fragte sie liebenswürdig. Mit abgrundtiefem Ernst, als wäre nicht dies die Eröffnungsfrage eines jeden Seelentherapeuten.
‚Abscheu’, sagte ich. ‚Und davon eine Unmenge …’
‚Sie waren in Lebensgefahr.’ Fuhr sie fort. ‚Wären Ihre Eltern nicht gekommen, hätten sie das unter Umständen nicht überlebt.’
‚Ich will nicht sterben’, sagte ich zu ihr. ‚Ich will, dass er stirbt.’
‚Er?’, fragte sie neugierig.
‚Mein Großvater. Er ist ein Nazi. Er muss sterben.’
Falls es sie erschütterte, ließ sie es sich nicht anmerken. Ich legte es darauf an, dass meine Erschütterung auf ihre träfe. Damit meine nicht so einsam wäre. Ohne Erfolg.
‚Was sollte geschehen, wenn es nach Ihnen ginge?’, fragte sie.
‚Ich möchte ihn an Israel ausliefern. Sollen sie ihn aufhängen. Wie Eichmann.’
‚Sind Sie sicher, dass er ein Nazi war?’, hakte sie nach.
‚Ja’, gab ich ohne Zögern zurück. ‚Allein an der Reaktion meiner Mutter hätten Sie ablesen können, dass es stimmt.’
Dr. Dortmund sah mir in die Augen und fuhr fort: ‚Es gibt eine Liste der Kriegsverbrecher. Das ist dokumentiert. Es gibt ein Archiv. Ob er seinen Namen geändert hat und sich hinter einem anderen verborgen hat?’
‚Nicht, dass ich wüsste. Dafür legt er auf seinen Namen zu viel Wert. Er prahlt mit dem Familienvermögen, das bis auf die Habsburger zurückgeht. Er hat immer meinen Vater gedemütigt, der aus einer Schusterfamilie stammt, woher auch unser Name rührt – Schuster…‘
‚Wie ist es ihm Ihrer Meinung nach dann gelungen, sich der Verfolgung zu entziehen?’, fragte sie und reizte mich damit.
‚Keine Ahnung. Mit Geld. Gefälschter Geburtsurkunde. Er ist korrupt. Er würde alles tun, um zu überleben’, entgegnete ich und konnte mich nicht beherrschen. Frau Dr. Dortmund schwieg.
‚Sehen Sie, Doktor’, sagte ich zu ihr, versuchte, das Schweigen zu brechen. ‚Ich weiß, dass Sie mir helfen wollen, aber ich brauche keine Hilfe. Ich will nicht sterben.’
‚Ah’, erwiderte sie.
‚Glauben Sie mir etwa nicht?’, fragte ich ungehalten.
‚Ich verstehe, dass Sie mit Problemen zu kämpfen haben und ich glaube, dass ich Ihnen helfen kann’, antwortete sie und putzte dabei am Saum ihres Kleides energisch ihre Brille.

Am Tag meiner Entlassung aus dem Krankenhaus kam mein Vater mich abholen. Er stand am Eingang der Station. Wusste nur begrenzt, was er tun sollte. Ich umarmte ihn. Er weinte. ‚Was ist nur passiert, Andreas?’, fragte er, wischte dabei die Tränen weg. ‚Welches Problem hattest du mit deiner Mutter? Warum wolltest du keinen Besuch von uns?’ Ich stieg in den funkelnden Wagen meines Vaters und machte mir Luft: ‚Warum habt ihr mir nicht erzählt, dass Großvater ein Nazi ist?’
‚Wozu hätte das gut sein sollen?’, fragte mein Vater. ‚Was war, das war. Jetzt ist er nur noch ein alter Mann, der im Koma liegt und im Sterben …’
‚Weil er für das büßen muss, was er getan hat’, schrie ich.
Vater bedachte mich mit einem durchdringenden Blick und erwiderte: ‚Andreas, du bist kein Gericht, kein Richter und kein Henker. Du bringst deine Mutter mit diesem Unsinn noch ins Grab!’
Ich verstummte. Ich konnte mich kaum beherrschen, wäre am liebsten mitten auf der Straße aus dem Auto gesprungen. Schweigend setzten wir die Fahrt fort. Mein Vater umgab sich mit dem Kummer, den er empfand, während ich meinen Zorn unterdrückte.

An mir zogen die Jahre vorbei, in denen mein Großvater meinen Vater  tyrannisiert, ihn erniedrigt hatte mit seinen beleidigenden eiskalten Bemerkungen, die er mit Eloquenz und einer ordentlichen Portion Gift gespickt auf ihn losgelassen hatte. Mein Großvater hatte sich über die niedere Herkunft meines Vaters bei jeder Gelegenheit und vor unterschiedlichen Personenkreisen lächerlich gemacht, hatte die auf ihn gerichteten Giftpfeile zunehmend veredelt.

An jenem Wochenende besuchten die Eltern meine Schwester an der Hochschule in Dresden. Ich blieb allein in der Villa, die über die Geheimnisse der Familie wachte und die ich unbedingt ans Licht bringen wollte. Ich durchpflügte regelrecht jede Ecke, wie dunkel sie sein mochte. Knöpfte mir jede verdächtige Kiste vor, die erschütternde Beweise enthalten konnte und leerte deren Inhalt auf dem Fußboden aus. Durch meine grob zupackenden Finger, die schnellstens fündig werden wollten, glitten Hunderte vergilbter Fotos, Dutzende braune, befleckte Blätter, die aus Heften herausgerissen worden waren, und verstaubte, muffig riechende Bücher.“

„Sie haben bestimmt schon Hunger. Wollen wir etwas zu essen bestellen?“ Andreas hatte mitten im Redefluss innegehalten und wandte sich mit dieser banalen Frage an mich. „Ja“, murmelte ich und bestellte zerstreut irgendeinen Salat. Andreas führte mit der Kellnerin ein Gespräch, das eine Ewigkeit zu dauern schien und sich darum drehte, wie er das Steak wünschte und welche Sauce er haben wollte. Als er sich wieder auf sich besann, auf sich als Erzähler, eine Position einnahm, die ich bereits kannte, atmete ich auf. Ich wollte nicht, dass er abbrechen würde.

„Nach ermüdenden Stunden legte ich mich im Wohnzimmer auf das warme Parkett, erschöpft, geschlagen. Nicht die Spur einer Nazi-Vergangenheit. Nicht den geringsten Beweis hatte ich gefunden. Ich hatte Bilder aus der Zeit aufgestöbert, wo Druck und Fotografie aufkamen… mit Tinte ausgestellte Urkunden, ein Tintenfass und eine Schreibfeder. Ein Briefwechsel zwischen der Stadt und einem Rechtsanwalt, der meinen Urgroßvater in seinen Besitzangelegenheiten in Österreich und Deutschland vertreten hatte. Alles war dort versammelt. Außer das, was ich suchte. Außer diesem Beweis, der ihn überführen und mein Bedürfnis stillen würde, meinem Großvater Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Ihm wehzutun, wie er uns wehgetan hatte.
Unmittelbar nachdem meine Mutter nach Hause gekommen war, sah ich ihr im Gesicht an, wie sehr sie in den vergangenen zähen Wochen gealtert war. Ihre Schultern fielen nach vorn, das schöne Kleid, das sie trug, wirkte wie ein Sack, der sich nicht an ihre Formen schmiegte und daher wie ein Ballon um ihren müden Körper hing.
Wortlos blickte sie mich an. Sie ging langsam in ihr Zimmer, schloss die Tür, hinterließ nur diesen blumigen Hauch eines Duftes, der mir in einem Maße vertraut war, dass es schmerzte. Der quälende Druck in meiner Brust nahm immer mehr zu. Kurz nachdem meine Mutter aus ihrem Zimmer gekommen war und fragte: ‚Bist du fündig geworden?’ schüttelte ich den Kopf, ich gab mich geschlagen.
‚Großvater ist gestorben’, sagte sie und ging wieder in ihr Zimmer.

Zur Beerdigung ging ich nicht. Ich blieb zu Hause, in meinem Zimmer. Die Eltern ließen mich gewähren. Meine Schwester versuchte mich zu überreden, gab jedoch auf.

Die Leere in den Zimmern wurde unerträglich und bedrückte mich. Mir war danach, mich zu betrinken. Mir war nach Tabletten, Drogen, nach allem zumute, was mich zu meinem Körper, zu meiner Seele auf Distanz bringen würde. Ich hatte bereits einiges intus, als der alte Gong an der Haustür läutete. Ich versuchte erst gar nicht, bis dorthin zu gelangen. Wer immer es sein mochte – sollte er Leine ziehen, dachte ich. Hier war keiner zu Hause. Die Person vor der Tür blieb hartnäckig. Ich schleppte mich zum Eingang. Eine runzlige Alte stand davor. Sie mochte um die achtzig sein. Ich nahm sofort Haltung an. Es wäre mir unangenehm gewesen, wenn sie den Alkohol gerochen hätte. Daher atmete ich zur Seite aus und gab mich so nüchtern wie möglich: ‚Kann ich Ihnen helfen, meine Dame?’
Bevor ich sie aufhalten konnte, schlüpfte sie mit ihrem kleinen Körper durch den Spalt zwischen mir und der Tür, fand den Weg zu unserem Sofa im Wohnzimmer, wo sie sich niederließ. Sie hielt eine Tasche in der Hand. Wartete ab. Weshalb? Das wusste ich nicht. Sogleich war ich stocknüchtern.
‚Mein Name ist Henriette’, sagte sie. ‚Ich bin eine Bekannte von Hermann.’ Das war der Name meines Großvaters.
‚Ich habe ihn im Krieg kennengelernt’, sagte sie. Mein Kiefer bebte und ich ließ mich ihr gegenüber in einen Sessel sinken, wagte es nicht, ihre langsame, ruhige, angestrengte Rede zu unterbrechen.
‚Er war jung. Vielleicht sechzehn. Ich war zwölf. Alle anderen taten genau, was man ihnen hieß und die meisten sehr gern. Hermann war anders. Er war gehorsam, aber er führte die Befehle keineswegs gern aus.’ Sie schwieg. Dann schaute sie mich mit einer Neugier an, die für ihr hochbetagtes Alter untypisch war, kratzte sich an dem Kopf mit den weißen dünnen Haaren, die den rosafarbenen Schädel nur spärlich bedeckten und fragte: ‚Bist du der Enkelsohn?‘
‚Ja’, flüsterte ich. ‚Du bist ihm sehr ähnlich’, entschied sie. ‚In jungen Jahren war er so schön wie du. Heute sieht man das kaum noch’, setzte sie hinzu. ‚Wenn man alt ist, sieht man aus wie ein fermentiertes Tabakblatt.’
‚Was hat er im Krieg gemacht?’, fragte ich Henriette und spürte, wie mein Herz zu rasen begann.
‚Was man ihm befahl. Wie alle.‘ Sie erklärte es mir wie einem Schüler, der schwer von Begriff war.
‚Es war ein Ding der Unmöglichkeit, die Befehle nicht auszuführen. Verstehst du, die Strafen waren zu hoch. Gehorsam war alles. Alles. Aber Hermann war anders. Er hasste die Schläge. Die Grausamkeit. Die Uniformen. Die Hunde. Einmal erzählte er mir sogar, dass er gern Musiker wäre. Nicht Soldat. Aber das kam nicht infrage. Seine Familie hätte darunter gelitten, wenn er sich widersetzt hätte. Viel stand auf dem Spiel und lastete auf seinen Schultern: der Familienbesitz, die Herkunft, seine Geschwister und deren Ausbildung, das Leben aller hing von seinem Gehorsam ab und er gehorchte. Nur nicht gern.’
Wieder stieg dieser Zorn in mir auf und brachte mein Blut in Wallung. ‚Was soll das heißen?’, brach es aus mir heraus, nur mit Mühe den aufsteigenden Zorn unterdrückend. ‚Er war ein Nazi, stimmt’s? Er hat Juden getötet, nicht wahr? Er hat Menschen in den Tod geschickt, er hat sich an dem schrecklichsten Massenmord der Menschheit beteiligt! Wen zum Teufel kümmert es denn, ob er es gern getan hat oder nicht?’ Mittlerweile schrie ich beinahe.
Henriette sah mich beinahe amüsiert an. ‚Du und deine Generation könnt nicht nachvollziehen, wie das damals war’, sagte sie mit fester Stimme. ‚Es war nicht allein unser Alptraum – der der Juden, Farbigen, Sinti und Roma und Regimegegner. Es war auch ihr Alptraum – der der normalen Deutschen, die Nazis werden mussten. Wie Hermann.’ Sie schwieg, durchstreifte ihre persönlichen Erinnerungen.
‚Sind Sie Jüdin?’, erkundigte ich mich zögernd.
‚Kommt darauf an, wen du fragst’, sie lachte wie ein junges Mädchen, ihre Augen verschwanden in den Tiefen ihrer Falten. ‚Ich erhielt vom Naziregime zum zwölften Geburtstag ein Geschenk. Am 14. November 1935 wurde Die Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz erlassen und da begriff ich: Obwohl ich bei deutschen Eltern christlichen Glaubens lebte, regelmäßig in die Kirche ging und ein Kreuz um den Hals trug, war ich eigentlich Jüdin … Von da war der Weg ins Ghetto kurz. Die Jugendkompanie von Hermann verstärkte den Wachschutz um das Ghetto. Ich konnte ihn und seine Kameraden durch den Stacheldraht sehen. Er machte einen unglücklichen Eindruck. Seine Kameraden hatten Vergnügen daran zu misshandeln, Schläge auszuteilen und mit den Bewohnern des Ghettos ihren Mutwillen zu treiben. Vor allem mit den Mädchen. Vor allem mit solchen wie mir, die dem Aussehen nach arisch und dem Blut nach jüdisch waren. Sie hielten uns für Hochstapler. Wir waren Ziel von immer wiederkehrenden Attacken. Die in erster Linie grausam waren. Wir waren daher stets paarweise oder mit Erwachsenen unterwegs, um das Risiko eines Angriffs einzudämmen. Einmal ging ich allein an ihnen vorüber.’ Henriette hielt urplötzlich inne und atmete mehrmals tief durch. Ich bot ihr Wasser an. Sie lehnte höflich ab.
‚Es war schon spät. Ich kam aus der Wäscherei, wo ich arbeitete. Ich hörte das spöttische Lachen einer Gruppe der Hitler-Jugend, ihre Stimmen, noch bevor ich sie sah, aber da war es schon zu spät und sie nahmen mich wahr. Wie eine Herde grausamer Hyänen fielen sie über mich her, schubsten, kratzten, begrapschten mich grob am ganzen Körper … ich versuchte wegzurennen, aber der Größte von ihnen zielte mit einem Schlagstock in mein Gesicht und schrie: ‚Du stinkende Jüdin!’ … Ich fiel hin und er stellte seinen Fuß auf meinen Bauch. Ich konnte nicht mehr aufstehen. Aus Zorn und Angst schrie ich ihm entgegen: ‚Ich bin keine Jüdin, du fettes Schwein.’ Der Hieb ließ nicht auf sich warten und ich wurde bewusstlos. Als ich aufwachte, war mein Oberkörper nackt und von Blut überströmt. Ich konnte kein einziges Glied meines Körpers regen, ohne vor Schmerz aufzustöhnen. Es war schon mitten in der Nacht. Und still. Ich wusste, dass ich verletzt, aber zu meinem Glück nicht vergewaltigt worden war.’ Erneut verstummte sie und schaute mich an.
‚Viele der Mädchen, ein Teil von ihnen noch Kinder, waren von den Soldaten und den Jugendkompanien vergewaltigt worden. Ich schloss meine Augen. Ich versuchte all meine Kraft zu bündeln, um auf die Beine zu kommen, als ich eine kühle Hand auf meiner Stirn spürte. Ich schlug die Augen auf – und da war er. Dieser schöne junge Mann, der genau wie du aussah – Hermann. Er half mir aufzustehen, suchte meine Bluse und reichte sie mir, ohne auf meine entblößte Brust zu schauen. Er gab mir aus seiner Wasserflasche zu trinken und ließ mich mein Gesicht waschen. Ich wusste, dass er die brutale Truppe davon abgehalten hatte, mich zu vergewaltigen und anschließend umzubringen … Ich flüsterte ihm ein Danke zu. Und sah, wie sich seine Augen mit Tränen füllten.
‚Es tut mir leid’, sagte er. ‚Sie sind Bestien. Wie ich das hasse. Ich möchte nicht Teil dessen sein’, er weinte vor mir. Und ich weinte auch. Ein Mädchen und ein Junge – in einer Welt, die dem Wahnsinn verfallen war. Eine Szene aus einer anderen, einer fiktiven Wirklichkeit.’ Ein nachdenkliches Lächeln huschte über ihr Gesicht.
‚Ich sah ihn in jenen Monaten häufig’, sprach sie weiter, von dem Lächeln ermutigt, das ich erwidert hatte, während ich sie mir als blondes kämpferisches Mädchen mit dem schönen sensiblen Hermann vorstellte.
‚Wir redeten viel, stiebitzten lange Minuten, in denen wir außer Sichtweite seiner Kameraden und meiner Familie waren. Wir wachten über den Verstand des anderen. Wer hätte geglaubt, selbst wenn wir es erzählt hatten, dass ein jüdisches Mädchen und ein christlicher Junge durch eine Freundschaft verbunden sein konnten. Aber …’, sie seufzte. ‚Ich fühlte mich nicht als Jüdin und er nicht als Nazi. Wir steckten in der Wirklichkeit fest wie Touristen, die aus Versehen an einen Unglücksort gelangt waren. … Und dann wurde er zur Verstärkung an die Front geschickt und ich hörte nie wieder von ihm. Ich kam von einem Lager ins andere. Bis zur Befreiung. Alle Mitglieder meiner Familie waren ermordet wurden. Die Juden waren und die nie Juden gewesen waren.’ Ihre Stimme bebte. Ich gab ihr ein Glas Wasser und sie trank im Stillen.
‚Nach dem Krieg machte ich mich auf die Suche nach Hermann. Ich hoffte, dass er am Leben wäre. Ich wusste seinen Familiennamen und suchte ihn viele langwierige Monate. Als ich ihn schließlich fand, fand ich nicht den Hermann vor, den ich kannte. Ich fand einen Jungen vor, der durch die Nachwirkungen des Krieges extrem gealtert war. Das Jugendliche in seinen Augen war erloschen. Er war alt geworden. Ihm war anzusehen, dass er an der Front die allerschlimmsten Dinge durchgemacht hatte, an denen er zerbrochen war. Er war verbittert und von Groll zerfressen. Unsere Begegnung war quälend. Er hatte Angst, als Soldat enttarnt zu werden. Da er so jung war, ließ sich vertuschen, dass er während des Krieges als Soldat gedient hatte und seine Familie verfügte über ausreichend Geld, um Dokumente verschwinden und neue ausstellen zu lassen. Die Zeit an der Front hatte er als ‚Freiwilliger’ geleistet und so ließ man ihn in Ruhe. Ich versicherte ihm, über sein Geheimnis Stillschweigen zu wahren. Er bat darum, dass wir uns nie wiedersähen. Wir weinten beim Abschied und ich sah ihn in der Tat nie wieder.’
‚Er war ein Nazi’, flüsterte ich.
‚Nein, war er nicht!’, sagte Henriette mit Nachdruck. ‚Er war ein Mensch. Ein Mensch. Und sie haben ihn zugrunde gerichtet. Genauso wie ihre Opfer. Und er war ein Opfer.’
Henriette öffnete ihre Tasche, holte eine Kette hervor, übergab sie mir und sagte: ‚Diesen Davidstern habe ich von meiner Großmutter bekommen. Sie war Jüdin. Als ich aus dem Lager in mein Elternhaus zurückkehrte, das zur Hälfte abgebrannt war, fand ich diese Kette unversehrt in meinem alten Zimmer in meiner Schmuckdose. Sie ist sehr alt und aus reinem Silber. Ich wollte sie Hermann aufs Grab legen, aber nun habe ich eine bessere Idee. Ich möchte sie dir geben …’
Henriette umarmte mich und sagte: ‚Ich habe keine Kinder. Ich habe nie geheiratet. Ich gehe sonntags in die Kirche und am Schabbath in die Synagoge. Ich habe den Rabbiner der Gemeinde darum gebeten, mich nach meinem Tod in Israel zu beerdigen. Du bist hier und all deine Familienangehörigen sind auf dem Friedhof auf Hermanns Beerdigung. Du hegst Groll gegen ihn. Ich hoffe, dass du ihm verzeihen kannst. Er ist Mensch geblieben. Auch er ist ein Opfer.’
Henriette umschlang mich kurz mit ihren dünnen Ärmchen und verließ das Haus. Ich begegnete ihr nie wieder.“

„Seitdem trage ich diesen Davidstern“, sagte Andreas zärtlich, während er mit einem Finger über den schönen Schmuck strich. „Er ist mir ein Kompass. Ich habe die Schule beendet und Krankenpflege studiert. Ich habe einige Jahre in Hospizen gearbeitet und dann entschieden, nach Israel zu gehen. Das ist nun hier mein erster Besuch und ich werde immer wiederkommen. Für Hermann. Für Henriette. Für mich …“

Schweigend saßen wir da.
Eine Frau und ein junger Mann.
Zwischen ihnen ein silberner Davidstern.


Merav Boaz, 49 Jahre
reiste im Jahr 2005 privat für einige Tage nach Deutschland.

Die wunderbare Zusammenkunft von Freunden Monique, 21 Jahre, November 2017

© Rebecca Görmann

In Tel Aviv war ich in einem Café auf der Toilette – da sprach mich eine junge Frau auf Hebräisch an. Ich antwortete ihr auf Englisch, dass ich sie leider nicht verstünde. Daraufhin wechselte auch sie sofort ins Englische und sagte mir, dass sie meinen Hosenanzug so toll fände.

Dieses Erlebnis war interessant für mich: Nicht nur weil alle Israelis nahezu fließend englisch sprechen – sondern weil die junge Frau so offen, so herzlich, so nett war.

Was ich an Tel Aviv auch schön fand, war der Strand. Mir hat dieser Gemeinschaftsgedanke gefallen, den man da spürte: dass er für alle Menschen da ist, dass es Plätze im Schatten und öffentliche Toiletten gibt, ohne dass man bezahlen muss. Ich fand auch die Stadt schön, weil sie so südländisch war, was ich nicht so erwartet hätte. Klar, da stand oft Müll herum, die Autos waren dreckig oder kaputt, aber das war irgendwie auch sympathisch. Die Menschen empfinden das ganz anders als wir. Auch wenn man abends unterwegs war, in den kleinen Bars: Überall ist Leben in der Stadt. Man sieht da dauernd so viele verschiedene Leute und hat die ganze Zeit das Gefühl: Es ist die dauerhafte Zusammenkunft von fremden Freunden. Hebräisch war die erste Sprache, bei der ich die Lust verspürt habe diese zu erlernen. Schreiben werde ich sie wohl nie können, aber die Sprache habe ich als sehr interessant und aufregend empfunden.

Umgekehrt fand ich interessant, wie stark die Trennung ist, die durch das Land verläuft. Nicht nur aufgrund der Mauer, die zwischen Israel und Palästina steht, auch in Jerusalem empfand ich die anwesende Spannung als extrem. Es war gut, dort einmal gewesen zu sein und die Atmosphäre gespürt zu haben, aber die Spaltung empfand ich als so negativ, dass ich mich dort nicht wohl fühlte.

Die Naivität und Hoffnung, die man sich bewahren möchte, schwindet in der andauernden Anspannung, die man übertragen bekommt. Während man sich in Tel Aviv aufhält, kann man sich diese zwei Dinge jedoch bewahren und kann auf bessere Zeiten hoffen. Es war eine wichtige Erfahrung für mich zu sehen, dass von einer Straße auf die andere eine andere Sprache gesprochen wird, eine andere Religion ausgelebt wird und einander Toleranz gewährt wird.

Der beeindruckendste Ort auf der Reise war das Tote Meer – ein Naturerlebnis, das ich in dieser Art noch nie erlebt habe. Wegen der 47 Grad Lufttemperatur war das Wasser so heiß wie in einer Badewanne. Überall liegt Salz auf dem Meeresgrund und das Wasser ist glasklar. Im Wasser zu schweben und lesen zu können, war ein beeindruckendes Erlebnis.

Besonders schön war auch das Abendessen bei Ori und Maya und ihren Kindern. Sie sind eine Familie, die extrem weltoffen lebt. Ich fand es spannend, mit ihnen Diskussionen über die Geschichte des Landes, die Militärtreue und die Religionskonflikte zu führen. Diese Zusammenkunft bei dem schönen Essen und die Art, wie die Menschen einen aufgenommen haben war für mich ein unbeschreibliches Erlebnis – das Gefühl von Familie.

Man kann die Stadt mit Berlin meiner Heimatstadt vergleichen – die Leute sind weltoffen, kommunikativ, tolerant und jeder ist individuell speziell. Von der Architektur her ist die Stadt ganz anders, aber alle leben miteinander, egal woher sie kommen, welcher Religion sie angehören, wen und wie sie lieben und wie sie sich selbst definieren.


Monique Leher, 21 Jahre
geboren in Berlin, studiert in Hamburg im dualen Studium Business Administration. Im August 2017 besuchte sie auf einer 6-tägigen Reise zum ersten Mal Israel.

Sechs Wochen am Rande der Wüste Urs, 23 Jahre, November 2017

© Rebecca Görmann

Eindrücke von der internationalen Sommeruniversität 2016 in Be’er Schewa

Viele Menschen leben in dem Glauben, durch die einschlägigen Medienberichte bestens über die Situation im Nahen Osten und speziell in Israel informiert zu sein: Israel besteht in ihrer Wahrnehmung aus IDF-Soldaten, Ultraorthodoxen und den Palästinensern. Als Teilnehmer der internationalen Sommeruniversität 2016 in Be‘er Schewa möchte ich aufzeigen, dass die Realität im jüdischen und demokratischen Staat jedoch komplexer und vielschichtiger ist, als sie oftmals medial vermittelt zu werden pflegt.

Seit dem Jahr 1998 bietet die Ben-Gurion-Universität ein spezielles Sommerprogramm für Deutsche und Amerikaner an. Mit dem von Professor Mark Gelber ins Leben gerufenen Programm soll eine Plattform für den deutsch-jüdischen und deutsch-israelischen Dialog geschaffen werden. Diese bietet in Be‘er Schewa eine einmalige Gelegenheit, sich dem Land auf besondere Weise anzunähern. Das sechswöchige Sommerprogramm der Ben-Gurion-Universität besteht aus einem intensiven Hebräischkurs (Ulpan), der unter der Woche am Vormittag für jeweils drei Stunden stattfindet. Wer ein Land und seine Bewohner wirklich verstehen möchte, kommt nicht umhin, sich zumindest grundlegende Sprachkenntnisse anzueignen. Nach dem sechswöchigen Ulpan wird man ohne Vorkenntnisse zwar schwer eine Knessetrede verstehen können. Man kann jedoch mühelos eine Falafel bestellen, ein Apartment mieten und etwas mit Israelis plaudern können.

Nach der Mittagspause finden dann meist Vorträge und Veranstaltungen des akademischen Rahmenprogramms statt. Dabei kommen die unterschiedlichsten Perspektiven zu Wort – von überzeugten Zionisten bis zu vehementen Kritikern der israelischen Regierung. Die leider immer noch häufig anzutreffende Sichtweise, Israel sei keine Demokratie, wird hier von der Praxis in das Reich der Legenden verwiesen: Ich kann mich an wenige Lehrveranstaltungen an deutschen Universitäten entsinnen, wo derart lebendig und kontrovers diskutiert wurde wie bei den Vorträgen der Sommeruniversität in Be‘er Schewa. Von einer mangelnden politischen Vielfalt kann definitiv keine Rede sein. Für den gutgläubigen Teilnehmer besteht die Herausforderung vielmehr darin, Aussagen zu hinterfragen und politische Motivationen zu erkennen. Denn auch in Israel gilt selbstverständlich: Nicht alles, was einem vorgetragen wird, muss auch stimmen. Und nicht allem, was man hört, muss man zustimmen.

Einen weiteren Bestandteil des Programms bilden die Exkursionen – beispielsweise zu den Hügeln Judäas, zum Grab des Staatsgründers David Ben Gurion nach Sde Boker oder nach Jerusalem. Da mir ein Tagesausflug in die israelische Hauptstadt zu kurz erschien, unternahm ich mit einigen Freunden einen Wochenendausflug dorthin. Eine praktische und atmosphärisch sehr zu empfehlende Unterkunft fanden wir im österreichischen Hospiz in der Altstadt, nahe des Damaskustores. Dieser Ausflug bot zugleich die Gelegenheit, mit einem weiteren Israel-Klischee aufzuräumen: Der vermeintlich allgegenwärtigen Diskriminierung der arabischen Bevölkerung. Sowohl bei der Verwaltung des Tempelberges, der Nichtmuslimen nur eingeschränkt und zu bestimmten Zeiten zugänglich ist, als auch im Stadtleben des arabischen Altstadtviertels ist davon wenig zu spüren. Zahlreiche arabische Touristenläden bieten offen antisemitische T-Shirts und weitere Souvenirs feil, ohne dass ein israelischer Soldat einschreiten würde.

Eine Demokratie, die selbst ihren Gegnern die Freiheit der Meinung zugesteht, verdient es nicht, als „Apartheidsregime“ diskreditiert zu werden. Mit diesem Begriff, der oft in Bezug auf Israel bemüht wird, findet eine groteske Verzerrung der Realität und zugleich eine Verharmlosung der historischen Erfahrungen Südafrikas statt. Ein weiterer Beleg für die Freiheiten, die Israel seinen Bürgern gewährt, sind die zahlreichen muslimischen Studentinnen mit Hidschab auf dem Campus der Ben-Gurion-Universität. Auch arabische Dozenten lehren und forschen dort.

Die Hauptstadt von Israels Südbezirk im Herzen der Negev-Wüste bietet zudem vielfältige Möglichkeiten, in den israelischen Alltag einzutauchen. Mit seinen ca. 200.000 Einwohnern gehört Be‘er Schewa zu den Städten mittlerer Größe in Israel. Sei es beim Spaziergang durch die Altstadt, beim Verweilen im Schwimmbad oder beim gemeinsamen Schabbat-Essen mit Einheimischen, wozu sich zahlreiche Gelegenheiten bieten: Stets wird man die Gastfreundlichkeit und Offenheit vieler Israelis zu schätzen wissen.

Das erstaunliche und bewundernswerte an diesen Menschen ist, mit welcher Lebensfreude sie in einer Situation der permanenten Bedrohung ihr Land gestalten. Spätestens bei der Sicherheitskontrolle am Eingang des Campus oder am Bahnhof wird man daran erinnert, dass Sicherheit hier ein anderer Stellenwert zukommt, als in Deutschland. Der Armee kommt dabei eine praktische Bedeutung zu: Sie ist der Garant eines sicheren Lebensraumes für das jüdische Volk und zugleich ein Bindeglied in einer Gesellschaft, deren Milieus ansonsten oft nebeneinander als miteinander leben. Viele junge Israelis, mit denen ich im Verlauf meines Aufenthaltes ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut habe, verstehen nicht, wie die europäischen Staaten sich permanent in der Verurteilung Israels ergehen, während sie als Soldaten erfahren haben, was es bedeutet, wenn das eigene Leben einer unsichtbaren und doch allgegenwärtigen Bedrohung ausgesetzt ist.

Ein weiteres eindrucksvolles Erlebnis außerhalb des offiziellen Programms war der Besuch der Beduinenstadt Rahat, die einige Kilometer nördlich von Be‘er Schewa liegt. Hier leben ausschließlich Muslime, Verwaltung und Gemeinderat werden von muslimischen Parteien gestellt und betrieben. Auch hier wurde mir bei Gesprächen über die kulturelle und alltägliche Lage der Stadt eine herzliche Gastfreundschaft zuteil. Juden wird man in Rahat nicht antreffen, dafür eine selbstverwaltete und wachsende muslimische Bevölkerung. Auch hier führt die Realität das Bild vom „rassistischen“ Staat Israel ad absurdum.

Für knapp 2.000 € inklusive Unterkunft im Studentenwohnheim bietet das abwechslungsreiche Programm der Sommeruniversität in Be‘er Schewa eine hervorragende Gelegenheit, sich selbst mit Land und Leuten vertraut zu machen. Damit verbunden ist auch die Chance, selektive Wahrnehmungen und antisemitische Stereotype in Bezug auf den jüdischen Staat zu korrigieren. Israel für sechs Wochen zu erleben bedeutet, sich auf eine Reise zu begeben, die Vereinfachungen einer komplexen Realität in vielen Aspekten durchbricht und den Blick für die Ambivalenzen des realen Alltags schärft. Abschließend wage ich die These: In keinem deutschen Universitätsseminar zum Nahostkonflikt werden derart authentische Einblicke in die Lebensrealität in Israel vermittelt, wie man sie durch eigene Anschauung während der Teilnahme an der Sommeruniversität in Be‘er Schewa erleben kann.


Urs Unkauf, 23 Jahre
hat im Rahmen seines Geschichtsstudiums 2016 an der Internationalen Sommeruniversität in Be’er Sheva teilgenommen. Er lebt in Berlin und engagiert sich unter anderem bei der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Lechaim Salya, 29 Jahre, Oktober 2017

© pixabay.com CC0

We come too far
to give up who we are
So let’s raise the bar
and our cups to the stars

Seitdem ich mich erinnern kann, hat samtenes Rot von Theatersälen auf mich eine schneidende Wirkung, sind das Geräusch von klatschenden Händen und der Geruch des schwarzen Bühnenbodens das Paradies. Irgendwann werde ich auch einmal fünf Stunden auf der Bühne das Publikum anschreien. – Schauspiel Leipzig. Der große Saal und die nicht ganz ausverkauften Reihen. Die Menschen, die dort saßen. Der Abend ging fünf Stunden und es waren Literaten aus Israel in Leipzig. Ich war auch da, aber nicht auf der Bühne. Ich habe zugesehen.

Ich will das mit jedem Funken meines großen Körpers. Mein Körper ist so groß, weil er gesehen werden will, weil auf ihn projiziert werden soll. Ich will tanzen. Ich will mich abarbeiten und zerreiben und verausgaben.

Ich war dort, als Zuhörerin. Amos Oz war da und sprach über seinen neuen Roman Judas. Ich schaute mir das alles an, aus dem Parkett. Ich glaube, ich saß etwas weiter hinten. Aber eigentlich stand ich auch mal auf der Bühne. Viele Jahre meines Lebens, einmal, nein dreimal auch in Israel. Aber nicht an diesem Abend. Ich habe ja auch kein Buch geschrieben, zumindest ist noch nichts veröffentlicht.

Zu Hause in meinen Regalen, da weben sich mehrere Erzählfäden durch und hin zum Land Israel und jüdischer Kultur. Da stehen beisammen und tuscheln nachts, wenn ich schläfst miteinander: Paul Celans Meridian und andere Prosa, Rose Ausländers Regenwörter, Theodor W. Adornos Minima Moralia, David Grossmans Wohin du mich führst, Gershom Scholems Judaica, Sammy Gronemanns Tohuwabohu, Walter Benjamins Kindheit um 1900, Samuel Agnons Buch der Taten, Isaak Babels Mein Taubenschlag, Joseph Roths Hiob, Claude Lanzmanns Der patagonische Hase, Angelika Schrobsdorffs Jerusalem war immer eine schwere Adresse und Maxim Billers Der gebrauchte Jude.

In meinem Regal, da steht aber natürlich auch er, Amos Oz mit seiner Geschichte von Liebe und Finsternis, die auch zu meiner persönlichen wurde, als ich vor nunmehr sechs Jahren meine Bachelorarbeit über Israel als zwingend notwendigen Heimatort in seinen Werken geschrieben habe. Vor zwei Jahren nun also war Israel Gastland auf der Leipziger Buchmesse und vor sechs Jahren war ich Gast auf israelischem Boden mit einem Theaterstück. Nicht mal vier Jahre vor dem Gazakrieg und den hässlichen Ausschreitungen bei pro-palästinensischen Demonstrationen mit antisemitischer Hetze gegen Juden in zahlreichen deutschen Städten. Selbst wenn ich diesen Satz schreibe kann ich ihn bereits nicht mehr lesen, weil ich ihn zu oft ertragen habe in den letzten Jahren. Langeweile schleicht sich in die Bedrohung. Sie macht sie träge. Langeweile bewohnt mein Herz. Das Herz möchte abtreten. Wegtreten in einen anderen Zustand fern dem zermürbenden der Realpolitik und auch fern der außerordentlichen und ordentlichen Hauptversammlungen mit allzu vielen Gespenstern in Krawatten, zugeknöpften Krägen und diesen lächerlichen Israel-Deutschland-Pins am Revers. Nieder mit den Facebook-Gruppenbildern, ich kann sie nicht mehr sehen. Ein schlagendes Herz jenseits der immer wieder kehrenden Barabende voller gediegener, staubiger, selbstgefälliger Langeweile. Wo bleibt denn eigentlich Franz Kafka? Was ist mit Rainald Goetz? Sie wohnen noch in mir und das Rascheln beim Umblättern ihrer Werke rieselt als sanftes Rauschen in meinen warmen und ungeduldigen Verstand. Wenn man sich am Abend endlich entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben, den Hausrock angezogen hat, nach dem Nachtmahl bei beleuchtetem Tische sitzt –

I’m up all night ‘til the sun
He’s up all night to get some
I’m up all night for good fun
He’s up all night to get lucky

Aber ich war bei Israel. Ich bin es schließlich immer. Bei Israel. Das hat aber jetzt nichts mit der oft gerühmten Israelfreundschaft zu tun. Ich bin kein Freund Israels. Diese eklig anbiedernde Formulierung ist unerträglich und gehört verboten. Wo ist denn eigentlich diese Solidarität geblieben? Sitzt sie zusammen mit Franz Kafka in einer dunklen Höhle und traut sich nicht mehr heraus, weil sie von vor Versöhnung und Pazifismus triefenden Texten und Gedichten in Bezug auf deutsche Vergangenheit und dem leeren Gerede von Staatsräson geflohen ist? Verübeln könnte ich es ihr nicht, der bedingungslosen Israelsolidarität. Bei einigen löst dieses Wortpaar ja leider Zuckungen im Gesichtsfeld aus – und nein ich rede hier nicht von den altbekannten Leuten. Ich rede von jenen, die angeblich auf der richtigen Seite stehen. Wie dem auch sei. Wo war ich? Achja, bei der Buchmesse und diesem langen Wochenende. Mit so viel wacher Müdigkeit und ein wenig Goldstaub.

Ich will tanzen. Ich will mich abarbeiten und zerreiben und verausgaben und manchmal will ich zur Elite gehören –

Ich war bei der Bühne, nicht auf ihr. Dieser schwarze, hell angestrahlte Boden, der mich daran erinnert, wie ich zu Israel kam. Durch das Theater flog es auf mich zu, wie ein großer heller Monolith, der mich mit seinen schönen trockenen Landschaften, seinen verschlungenen Straßen und Lichteinfällen überwältigte. Drei Auftritte im Theater von Herzliya. Verschwand mein Herz etwa in Herzliya? Ist es dorthin gewandert, fragte ich mich, als ich da auf dem rot gepolsterten Stuhl im Schauspiel Leipzig saß und Amos Oz beim Vorlesen lauschte. Möglich war es. Wir sehen zu und sind betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen. Betroffen sind ja immer sehr viele, wenn sie sich mit deutscher Geschichte und der Shoah befassen. Das war schon alles ganz unsäglich schlimm damals. Diese armen Juden. Diese vielen armen toten Juden. Wie traurig. Was die alles erleiden mussten. Aber die haben sich ja auch wie Schafe zur Schlachtbank führen lassen, dass muss man ja auch mal sagen. Das muss man ja wohl noch sagen dürfen. Und der Siedlungsbau in Israel, der ist ja nun auch schlimm. Das ist doch legitime Kritik an der Netanyahu-Regierung. Meine Lieblingsschriftsteller sind übrigens Günter Grass, Erich Fried und Martin Walser haha. Wenn also die israelische Regierung immer so viele Menschenrechte verletzt, dann sollen sich doch diese Juden nicht wundern, dass der Antisemitismus zunimmt. Irgendwas müssen die doch schließlich getan haben. Niemand wird seit Jahrtausenden einfach so verfolgt. Da sollen die sich nicht wundern. – Da wundere ich mich. Auch wenn ich mir das auch abgewöhnen könnte, dieses Wundern. Schließlich fällt heutzutage auch das Anzünden von Synagogen nicht mehr unter Antisemitismus und über Israel zerreißen sich alle die Münder. In mir ist auch etwas zerrissen nach meinem ersten Besuch in Eretz Israel und Yad Vashem. Wie kann man da auch ganz bleiben? Noch nie hat mich die Farbe Weiß so…

Ich beugte mich in dem roten Stuhl vor und merkte leichte Rückenschmerzen. Die lange Lesenacht war vorbei. Es folgten weitere Tage und Nächte des Zusammenseins fernab des Schauspiels, die sich nach und nach zerwebten zu Schwere- und Zeitlosigkeit, ein Beisammensitzen im Conne Island und einer gemeinsamen Taxifahrt nach Hause, um drei Uhr morgens. Die Stunde sprang aus der Uhr, stellte sich vor diese, und befahl ihr richtig zu gehen. Auch ich ging damals, weg aus Israel, zurück nach Deutschland und doch blieb ein Teil meiner oberen sanften Hautschicht in diesem Land und seinen Entfernungen, seinen Wüsten und Bauhaus-Alleen, flankiert von hebräischen Schriftzeichen, eckig und zart, zurück. Unser Theaterstück spielten wir auf Deutsch. Draußen vor dem Schauspiel in Leipzig war es ein wenig kalt. Ich (wir?) entfernte mich ein paar Schritte, die im Laufe der Tage zu einer größeren Summe von Momenten verschmelzen würden wie dünner Schnee, der sich behutsam auf mich legt und mich wärmt wie ein sehr guter Freund. Weiß, noch nie hatte mich eine Farbe so… Auf der Bühne stehen, das bedeutet auch immer gesehen zu werden. Auf der Bühne stehen, das bedeutet auch immer gesehen werden zu wollen.

Ich schaue euch an und ich stehe gerade und ich stehe fest auf der Bühne und ich strahle und die Scheinwerfer strahlen und ich springe, nein ich gleite dem Boden entgegen, ich rutsche einfach auf dem Boden, durch das Wasser. Wenn ich schon da bin, dann muss ich auch rutschen, dann muss ich mich auch unterwerfen und dadurch aufbegehren, ich muss mich fallen lassen. Ich muss euch fallen lassen. Auf die Bühne schmeißen und auf alles andere nichts mehr geben. Ich werde nass und ich tanze auf der Bühne, und Israel ist noch da. Es ist nur so groß wie Hessen, aber es ist noch da. Meine Füße bewegen meinen Körper, sie drehen meine Beine und meine Arme vollführen Gesten in den schwarzen Himmel des Theatersaals und ich werde angesehen, die Blicke sie wenden sich nicht ab, sie wenden sich mir zu und ich werde gesehen, ich werde endlich gesehen.

Genau das will ich mit jedem Funken meines großen Körpers. Ich will tanzen. Ich will mich abarbeiten und zerreiben und verausgaben und ich gehöre zur Elite. Ich bin die Spitze. Ich bin ein Genie. Ich bin das Beste. Ich bin das Beste, was euch allen je passieren wird.

Like the legend of the phoenix
our ends with beginnings
What keeps the planet spinning?
The force of love beginning
Oh we come too far
to give up who we are


Salya Föhr, 29 Jahre
hat gemeinsam mit dem Theater der jungen Welt im Jahr 2010 Israel besucht und dort in Herzliya auf der Bühne gestanden und Theater gespielt. Mit dem Stück „Kinder des Holocaust“ waren sie auf Einladung des Goethe-Instituts Tel Aviv in Israel. Sie promoviert in Theaterwissenschaft und engagiert sich gegen Antisemitismus.

Nessia tova – Busfahren Christin, 30 Jahre, Oktober 2017

© Egged History Archive / Chai Slotzky, Dani Goldschmidt

Viel lieber als mit dem städtischen, fahre ich in Israel Überlandbus. Vor allem, weil man oft das Gefühl hat,  in das Wohnzimmer einer altersverrückten und sammelwütigen Oma einzusteigen als in ein Fahrzeug. Manch Fahrerraum ist gefüllt mit schrillem Plastikgestrüpp oder Kuscheltieren. Letztere erinnern mich an Kuscheltiere in Greifautomaten, vor denen man frustriert steht, weil man mit den Jahren Schwindel der nicht richtig greifenden Zange durchschaut. Das ist auch der Grund, weshalb die Wahrscheinlichkeit, ein Kuscheltier zu ergattern, unter 0,5% liegt. Doch einige Busfahrer müssen richtige Experten darin sein, solche Automaten zu bedienen. Meinen Neid besitzen sie jedenfalls. Und auch für weiteren Dekorationsbedarf ist dank ausgewiesener Einkaufsmöglichkeiten gesorgt. Lange habe ich mir eingebildet, dass niemand ernsthaft auf die Idee käme, in den zahlreichen Krimskrams- und Ramschläden des Landes den toxischen Kitsch aus Plastik zu kaufen. Ich war überzeugt, dass diese Geschäfte nur aus Kunstgründen existieren – doch wurde ich eines besseren belehrt: den Klimbim findet man im Bus. Sehe ich einen ganz besonders liebevoll gestalteten Innenraum, jonglieren meine Gedanken in Albernheiten. Eine der immer wiederkehrenden Fragen ist dann, warum es in Israel alle nur vorstellbaren Sicherheitskräfte gibt, man aber für eine Geschmackspolizei keine Veranlassung sieht. Dass ich von solch Fahrerräumen wunderbar fasziniert bin, merke ich daran, dass ich mich in einem hübsch dekoriertem Bus immer besonders gerne vorne hinsetze, sodass ich während der Fahrt genug Zeit habe, mir jedes einzelne Exemplar ganz genau anzuschauen. Manchmal gibt es sogar Lichteffekte, häufig in der Farbe Rot. Dieses intensive Rotlicht verleiht den aufgehängten Stücken einen ganz besonderen Touch. Manchmal reicht statt der Innenausstattung auch nur der Fahrer selbst, um sich wie bei der Verwandtschaft zu fühlen. So kann es passieren, dass er an einer Bushaltestelle hält und eingeschlafene Passagiere weckt, um sie an ihren Ausstieg zu erinnern, man die gesamte Langstreckenfahrt Lieder wie Country Roads vorgeträllert bekommt oder das Radio so laut ist, dass man annimmt, in eine mobile Disko eingestiegen zu sein. Erst neulich spielte einer die gesamte Fahrt das neueste Partylied Ha’Chaim schelanu tutim.
Einmal verlor ich an einer Haltestelle meine umgehängte Jacke, ohne es zu merken. Trotz der Wärme ist es hier besonders klug, eine Jacke dabei zu haben. Die Wahrscheinlichkeit ist einfach zu groß, mit einem Eiszapfen an der Nase auszusteigen. Meine These ist mittlerweile, dass die meisten Israelis am liebsten in Island wohnen möchten, aber das ist ein anderes Thema. Der Fahrer bemerkte jedenfalls meinen Verlust und tuckelte langsam, hupend und gestikulierend neben mir her – ganz so, als ob er nicht gerade die viel zu enge Straße blockieren würde. So nett sind sie hier, die Busfahrer.
Ab und zu muss man aber auch etwas um sein Leben fürchten. So werden andere Autos ausgebremst, wild angehupt oder kleinere Verkehrssignale wie Stoppschilder missachtet.

Neulich war ich vom Nordosten der Stadt auf dem Weg nach Hause. Es war spät, mitten in der Woche und ich die einzige einsteigende Person. Und da saß er, der Bilderbuch-Busfahrer. Die Musik so laut aufgedreht als wäre man auf einem Rummelplatz, lächelte er und schrie mit tausend Kernen im Mund „Erev tov“. Ich musste grinsen und war erstaunt, dass er es tatsächlich schaffte, noch lauter zu sein als die Musik, ohne mich dabei mit halbzerkauten Kernteilen vollzusprudeln. Ich entgegnete mit einem ebenso höflichen „Erev tov“ und setzte mich auch diesmal ganz nach vorn. Der Fahrer griff mit seiner Hand in die Geldschale, welche nun als Vorratsbehäter für die Kerne diente, um während der Fahrt genüsslich knabbern zu können. Das Kleingeld sammelte er dafür in seiner Hosentasche. Die war allerdings so voll, dass in jeder Kurve mindestens drei Schekel auf den Boden rollten. Mit einer Hand am Lenkrad und der anderen voller Kerne drehte er sich um und hielt mir grinsend den kleinen Haufen entgegen.
„Achtung, rot!“, sagte ich geradeaus blickend und etwas panisch. Ich traute mich nicht die Augen abzuwenden, denn wenigstens einer von uns sollte den Blick auf der Straße behalten. Der Fahrer machte eine erstaunliche Vollbremsung und kam noch rechtzeitig zum Stehen. Da kullerten sie wieder, die Schekel aus der Hosentasche. Mir war etwas schummrig. „Nimm schon“, entgegnete er mir noch immer grinsend, als wäre das mit der roten Ampel gar nicht passiert und erzählte mir dabei einen Witz. Ich stand auf und nahm die winzigen, tellerrunden Kerne. So richtig konnte ich mich auf seine Ausführungen nicht konzentrieren, einerseits wegen der lauten Musik, andererseits wollte ich mit meiner Konzentration seine selbst gewählte Ablenkung abfedern. Jedoch verstand ich die Pointe. Ihm fiel noch einer ein. Mittlerweile waren wir schon in der Innenstadt – in nur sieben Minuten. Eine normale Fahrt auf dieser Strecke dauert locker fünfundzwanzig. Zwar versuchte er mit kunststückhaften Bremsmanöver an Bushaltestellen anzuhalten, aber komischerweise wollte niemand anders in diesen letzten Partybus einsteigen – welch Erlebnis sie verpasst haben!


Christin Löchner, 30 Jahre
war im Rahmen ihres Studiums der Jüdischen Studien für insgesamt 2 Jahre in Israel – hauptsächlich in Jerusalem