„So viel, von dem ich nichts wusste …“ – Antisemitismus erkennen, verstehen und besprechbar machen
„Du Jude“ als Schimpfwort unter Jugendlichen, Diskussionen über den Nahostkonflikt, die Vermittlung eines differenzierten Zugangs zu Erinnerungskultur – die Herausforderungen von Fachkräften in der Jugendarbeit im Umgang mit Antisemitismus sind vielfältig. Als Auftakt des Fortbildungsprogramms „Sichtbar Handeln! Gegen Antisemitismus.“ bot ConAct im März 2026 zum 10. Mal eine Seminarwoche für Fachkräfte aus Jugend- und Bildungsarbeit an. Wissen zur Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus vermittelten praxisorientierte Workshops, fachlicher Austausch und Gesprächsangebote mit Referent*innen aus Jugend-, Bildungs- und Gedenkstättenarbeit. Das Seminar fand in Lutherstadt Wittenberg in direkter Nachbarschaft zum Standort von ConAct statt.
Akuter Handlungsbedarf. Bereits zu Beginn verdeutlichten die Erfahrungen der Teilnehmenden, dass sie im nächsten Arbeitsumfeld häufig mit diskriminierenden antisemitischen Äußerungen konfrontiert sind. So berichtete ein Teilnehmender zum Beispiel: „Ich höre oft: ‚Ich habe ja nichts gegen Juden‘. Dass Verschwörungsideologien und ähnliche Phänomene aber eine ganze Weltanschauung darstellen, die dahintersteht [hinter Antisemitismus], wird nicht gesehen.“ Durch die Auseinandersetzung mit historischen judenfeindlichen Bildern und Motiven erarbeiteten sich die Teilnehmenden ein fundiertes Verständnis des Phänomens Antisemitismus. Ein anschauliches Beispiel befand sich nur wenige Schritte vom Tagungsort entfernt: die antijüdische Schmähplastik an der Wittenberger Stadtkirche; weitere Beispiele fanden sich in der Methodensammlung für antisemitismussensible Bildungs- und Begegnungsarbeit. Danach fasste ein Teilnehmender zusammen, wie wirkmächtig antijüdische Motive und Vorwürfe bis heute geblieben sind: „Mir ist jetzt klar geworden, wie anpassungsfähig und wandelbar Antisemitismus sein kann.“
Über die Auswirkungen für Betroffene von Antisemitismus sprachen Vertreter*innen der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Sachsen-Anhalt. Anhand konkreter Fallzahlen wurde der Anstieg antisemitischer Vorfälle nach dem 7. Oktober 2023 deutlich. Zudem wurden die Teilnehmenden dazu ermutigt, antisemitische Vorkommnisse und Verdachtsfälle zu melden, um zur Dokumentation und Sichtbarkeit des Problems beizutragen.
Vielfalt jüdischen Lebens. Für die Teilnehmenden war das Highlight der Woche eine Gesprächsrunde mit Gästen, die verschiedene jüdische Perspektiven sichtbar machten und deren persönliche Atmosphäre besonders positiv hervorgehoben wurde. Die zahlreichen interessierten Fragen der Gruppe beantworteten die Vertreter*innen der Jüdischen Gemeinde Halle, des Sportvereins Makkabi Deutschland und der Jüdischen Studierendenunion (JSUD) mit vielen Einblicken in ihren Alltag. Im Anschluss stellte eine Teilnehmerin fest: „Mir war vorher nicht ansatzweise bewusst, wie vielfältig Jüdisches Leben in Deutschland ist.“
Die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Shoah ist wesentlicher Bestandteil der Seminarwoche. Meist werden lokale Erinnerungsorte oder Akteur*innen einbezogen. Diesmal fuhr die Gruppe nach Prettin, um die dortige Gedenkstätte des ehemaligen KZ Lichtenburg zu besuchen und sich mit einer Mitarbeiterin der Gedenkstätte über aktuelle Herausforderungen der Gedenkstättenarbeit, insbesondere mit Jugendlichen, auszutauschen. Ein Workshop vertiefte die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte und dem Phänomen des „Sekundären Antisemitismus“, der sich nach 1945 herausbildete und durch eine Abwehr der Erinnerung gekennzeichnet ist. Zurück in Wittenberg begaben sich die Teilnehmenden auf einem selbstgestalteten Stolperstein-Spaziergang: Auf den Spuren ehemaliger jüdischer Bürger*innen der Stadt gedachten sie der Verfolgten und putzten einige besonders verschmutzte Stolpersteine.
Sprechen über den Nahostkonflikt. Ausgangspunkt waren pädagogische Materialien von ConAct, die sich mit den Auswirkungen des 7. Oktober 2023 auf die israelische Gesellschaft beschäftigen. Anschließend standen die politischen Auseinandersetzungen und gesellschaftlichen Debatten um den Nahostkonflikt im Mittelpunkt. Intensiv setzten sich die Teilnehmenden mit Social-Media-Posts, Debattenbeiträgen oder Graffiti auseinander, um zu verstehen, wo die Grenzen zwischen legitimer sachlicher Kritik, und israelbezogenem Antisemitismus verlaufen. Im anschließenden Workshop „Den Nahostkonflikt besprechbarer machen“ stellte Dr. Rosa Fava verschiedene Bildungsansätze vor, um speziell jüngere Zielgruppen zu erreichen, und teilte Erfahrungen aus ihrer Arbeit. Die Teilnehmenden fühlten sich schließlich für den Umgang mit diesem oft verunsichernden Thema gestärkt: „Ich habe viele Anregungen bekommen, wie ich das Thema für Jugendliche zugänglich machen kann“, und „Mir hat es enorm geholfen, zu hören, dass ich niemanden überzeugen muss. Überhaupt über das Thema sprechen zu können, kann schon ein Erfolg sein.“
Fazit. Zum Abschluss lag der Fokus nochmals auf den Erfahrungen der Teilnehmenden mit antisemitischen Vorkommnissen in ihrem eigenen Arbeitsalltag. Gemeinsam wurden Situationen analysiert und mögliche Handlungsoptionen ausgetauscht. „Ich hatte Angst, dass ich ohne enormes Faktenwissen nicht über das Thema sprechen kann. Mir ist jetzt deutlich geworden, dass es wichtig ist, eine Haltung zu vermitteln“, sagte danach eine Teilnehmerin. Zusammenfassend berichteten alle teilnehmenden Fachkräfte aus Bildungs- und Jugendarbeit, dass sie sich ermutigt fühlten, die pädagogischen Anregungen und Erkenntnisse in Handlungsmöglichkeiten zu übersetzen und in ihre Arbeitspraxis zu integrieren. Da ConAct im Projekt „Sichtbar Handeln! Gegen Antisemitismus.“ die Bildung zu Antisemitismus mit der Begegnung mit Israel verbindet, wurde abschließend das Programm der Begegnungsreise nach Israel vorgestellt – ein erster Vorgeschmack auf den zweiten Teil des Diskursprojekts.
Mehr über das von ConAct realisierte Projekt „Sichtbar Handeln! Umgehen mit Antisemitismus in Jugend- und Bildungsarbeit“ erfahren Sie unter www.Sichtbar-Handeln.org.
Das Projekt „Sichtbar Handeln! Umgehen mit Antisemitismus in Jugend- und Bildungsarbeit“ wird von ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch in Kooperation mit der Israel Youth Exchange Authority und dem Council of Youth Movements seit 2020 realisiert. Es wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.











