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„Sichtbar handeln gegen Antisemitismus“

Diskursprojekt zum Umgang mit Antisemitismus wurde digital fortgesetzt

Vom 30. November bis 4. Dezember 2020 wurde der zweite Durchgang des Projekts „Sichtbar handeln“ in digitaler Form durchgeführt. 16 Fachkräfte aus ganz Deutschland versammelten sich auf einer Videoplattform und tauchten fünf Tage lang in das Thema „Handlungsimpulse für den pädagogischen Umgang mit Antisemitismus“ ein. Das Programm wurde auf den Erkenntnissen, die beim ersten Durchgang des Seminars in Weimar gesammelt wurden, aufgebaut und an das digitale Format angepasst.

In den ersten zwei Tagen tauschten sich die Teilnehmenden intensiv zu ihren persönlichen Erfahrungen mit dem Thema aus. Gemeinsam war ihnen, dass sie alle in ihrem Arbeitsumfeld Antisemitismus erleben. Diese Erkenntnis wurde im Austausch miteinander immer deutlicher. Während einige antisemitische Äußerungen in alltäglichen Situationen gleich erkannten, fiel es anderen schwer, den subtilen Antisemitismus zu erfassen. Ein Workshop mit dem Historiker und Judaisten Gunnar Meyer gab weitere Einblicke in die verschiedenen Erscheinungsformen und Ausprägungen des Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart. Während einer Übung zur Bildanalyse erwähnte eine Teilnehmerin: „Je länger man die Bilder betrachtet, desto aufmerksamer wird man und beginnt, gemeinsame Elemente zu erkennen. Man beginnt, Kontinuitäten und Stilmittel zu erkennen sowie rassistische Züge und stereotype Bilder, die immer wieder auftauchen.“ 

Auch in dieser Runde des Projekts wurde auf die Perspektiven von Menschen, die von Antisemitismus betroffen sind, besonderer Wert gelegt. Zu der Frage, ob Betroffene von Antisemitismus in ihrem Arbeitsfeld sichtbar sind und ernst genommen werden, hatte die Mehrheit der Fachkräfte im Vorfeld mit „Ja“ geantwortet. Zur Frage, ob sie selbst mit jüdischem Leben in Deutschland vertraut sind, konnte hingegen nur eine geringe Anzahl der Teilnehmenden bestätigen. Dieser Widerspruch macht die Erkenntnis sichtbar, dass die Stimmen von Juden und Jüdinnen noch keine Selbstverständlichkeit in der Mitte der deutschen Gesellschaft sind. Auch die Fachkräfte der Jugend- und Bildungsarbeit müssen sich dafür einsetzen, diese Stimmen im pädagogischen Raum zu stärken und Betroffenenperspektiven möglichst sichtbar zu thematisieren. In einem Gespräch mit Juna Grossmann, Autorin des Buches „Schonzeit vorbei – Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus“, konnten die Teilnehmenden feststellen, dass Betroffene von Antisemitismus viel mehr Erfahrungen mit Antisemitismus machen, als medial berichtet wird. Gleichzeitig ist die positive Akzentuierung der Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland von entscheidender Bedeutung, damit jüdisches Leben nicht nur als Opferperspektive vermittelt wird. Die Sichtbarkeit dieser Vielfalt kann Empathie, Verständnis und Bündnisse ermöglichen. Was die Autorin den Teilnehmenden als Wunsch und Bitte mit auf den Weg gab, waren „mehr Neugier auf und Interesse an jüdischen Lebensrealitäten“.   

Ein besonderer Teil des Diskursprojekts widmete sich dem Antisemitismus, der sich in Form von Kritik und Feindseligkeit gegenüber Israel und seiner Politik äußert. Die Komplexität des Nahost-Konflikts und die oft geringen Kenntnisse in Bezug auf die Geschichte und Gegenwart Israels entdeckten die Fachkräfte als besonderen blinden Fleck in ihrer Wahrnehmung von israelbezogenem Antisemitismus. Die Begegnungsreise nach Israel, die anknüpfend an das digitale Diskursprojekt im neuen Jahr stattfinden wird, soll den deutschen Fachkräften unter anderem Einblicke in die Vielfalt und Innensichten in israelische Diskurse und Lebensalltag ermöglichen. Ein Input vom israelischen Kollegen Ron Zohar, der einen Gruß mit Blick auf den Har-Carmel an die Teilenehmenden sendete, sorgte für Vorfreude auf die geplante Reise nach Israel. 

Das ConAct-Team bedankt sich bei allen teilnehmenden Fachkräften im Projekt „Sichtbar handeln!“ für ihre engagierte Teilnahme und freut sich darauf, das Projekt mit der geplanten Begegnungsreise nach Israel fortzusetzen! 


Das Modellprojekt „Sichtbar handeln gegen Antisemitismus“ wird von ConAct in Kooperation mit der Israel Youth Exchange Authority realisiert. Es wird im Jahr 2020 aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus gefördert.