Veranstaltungsarchiv

Viertes Treffen des Beratungsgremiums im Projekt „Living Diversity in Germany and Israel“

Mitglieder des bilateralen Beratungsgremiums tauschen sich zu pädagogischen Herausforderungen und Chancen in Migrationsgesellschaften aus

Für das vierte Treffen des Beratungsgremiums im Projekt „Living Diversity in Germany and Israel – Challenges and Perspectives for Education and Youth Exchange“ stand am 30. und 31. Mai in Berlin die Diskussion des neuen thematischen Schwerpunkts „Deutsch-israelischer Jugendaustausch in Migrationsgesellschaften“ im Zentrum. Bereits in den Tagen zuvor ging es im Fachkräfteseminar „Deutsch-israelischer Jugendaustausch – Begegnungen junger Menschen in Migrationsgesellschaften“ um die Frage, wie im Feld des Jugendaustauschs für die große Vielfalt von Migrationsgeschichten junger Menschen in Deutschland und Israel sensibilisiert werden kann.

Das Bewusstsein für den Migrationscharakter der deutschen Gesellschaft ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Es setzt sich damit auch die Einsicht durch, dass es hinsichtlich der Phänomene und Herausforderungen in Deutschland und Israel viel voneinander zu lernen gibt. In der deutschen Gesellschaft werden Zugehörigkeitsdiskurse nicht selten als Bringschuld einer Minderheit („die Muslime“) debattiert, wodurch in Minderheitengruppen oftmals selbstkritische Binnendiskurse zu konservativen Werten und Ansichten unterdrückt oder anderen überlassen werden. Durch die damit einhergehende Ausgrenzungserfahrung entsteht eine kontraproduktive Herkunftsidentifizierung bestimmter Gemeinschaften, anstelle durch Freiräume und Anerkennung positive Zugänge zur kollektiven Identität zu schaffen. Gleichzeitig lässt sich eine Kontinuität tiefsitzender Ängste und Ressentiments gegenüber allen nicht als „deutsch“ gelesenen Menschen einerseits und damit verbundenen Ausschlusserfahrungen eben dieser Menschen andererseits feststellen. Was bedeutet das für junge Menschen mit Migrationsgeschichte in beiden Ländern?

Die Expert*innen im Gremium verwiesen auf mehrere Notwendigkeiten:

1. Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, in denen auch schmerzhafte Erfahrungen und wechselseitige Ressentiments thematisiert werden könnten, ohne sie aber zum primären Thema zu machen. Übergeordnete Themen von geteiltem Interesse können hier eine sichere Brücke schlagen.

2. Eine positive Identifizierung mit der eigenen Herkunft ist wichtig, weil diese eine Grundvoraussetzung dafür bildet, sich für „das Andere“ zu öffnen, ohne dabei das Selbstbild bedroht zu sehen.

3. Die individuellen Verschiedenheiten und Besonderheiten von Identitäten müssten dann anerkannt werden und kollektive Wertschätzung finden.

4. Wir brauchen Lösungen, wie diese Partikularidentitäten anschlussfähig gemacht werden können für eine moderne, liberale Gesellschaft – es muss gewissermaßen der gemeinsame Rahmen und Bezugspunkt ausgehandelt werden.

In der Praxis bedeutet dies zum Beispiel für die israelisch-jüdische Migrationsgesellschaft, die Traumata kultureller Entwurzelung zum Thema zu machen und sich in der Jugendpolitik auch auf die diversen Herkunftsidentitäten zu beziehen. Das kann nicht immer konfliktfrei erfolgen. So gibt es hier beispielsweise sehr unterschiedliche Haltungen zum Umgang mit der Shoah und der Art und Weise des Gedenkens daran.

In den Gesellschaften in Deutschland und Israel muss die Existenz hybrider Identitäten Anerkennung finden, müssen eigene Machtpositionen kritisch reflektiert und gegebenenfalls aufgegeben werden, um gleichberechtigte Teilhabe unabhängig von der Herkunft zu ermöglichen. Das Schaffen solcher Räume kann in der Bildungsarbeit mit Jugendlichen geschehen, darf sich aber nicht darauf begrenzen – hier muss langfristig auch auf den Diskurs in der Gesamtgesellschaft eingewirkt werden.


Möchten Sie mehr zum Projekt „Living Diversity in Germany and Israel“ erfahren? Schauen Sie unter https://living-diversity.org.

Das Projekt „Living Diversity in Germany and Israel“ wird von ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch in Kooperation mit der Israel Youth Exchange Authority realisiert. Es wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gefördert und von 2015 bis 2019 als Begleitprojekt durchgeführt.