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„Die Unterschiede feiern“ – Austausch „Your Story Moves! III“ beendet

Kooperationsprojekt erweitert Perspektiven

21 junge Erwachsene aus Deutschland und Israel trafen sich zwischen dem 17. und 23. Juni zur Rückbegegnung ihres Austauschprogramms im Rahmen des Projekts „Living Diversity in Germany and Israel – Challenges and Perspectives for Education and Youth Exchange“ in Köln. Es wurde von ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch und der Israeli Youth Exchange Authority in Zusammenarbeit mit dem Bund der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland und der Bar-Ilan-Universität in Israel organisiert und durchgeführt. Der erste Teil des Austauschs fand vom 30. April bis 6. Mai in Israel statt.

Wie können wir uns die Vielfalt von Identitäten, Narrativen und persönlichen Geschichten in unseren von Migration geprägten Gesellschaften in Deutschland und Israel stärker bewusst machen? Wie können wir mehr gegenseitiges Verständnis entwickeln? Das galt es, im Programm „Your Story Moves! Encounters of Young People in Migration Societes” gemeinsam herauszufinden.

Unterschiede feiern – Zusammenleben in Vielfalt: Mit einem Besuch Jerusalems und seiner religiösen Stätten begann die Annäherung an das Thema zunächst aus einer historischen Perspektive. Gleichzeitig wurde hier die Faszination für das nicht immer konfliktfreie, aber doch alltägliche Zusammenleben verschiedenster Bevölkerungsgruppen auf engstem Raum ganz spür- und greifbar. Im weiteren Verlauf der Reise konnte diese Erfahrung auch in anderen jüdisch-arabischen Städten, in Akko und in Haifa gemacht werden. In Köln setzten sich die Teilnehmenden intensiv mit der ethnischen und religiösen Vielfalt innerhalb der Stadt und der Gruppe auseinander. Höhepunkte waren der Besuch der Alevitischen Gemeinde und die Auseinandersetzung mit den Alevit*innentümern sowie der Besuch der Synagogen-Gemeinde Köln und das gemeinsame Abendessen mit der lokalen jüdischen Gemeinde am Schabbat.

Ein Besuch des arabisch-jüdischen Kulturzentrums Beit Hagefen in Haifa machte deutlich, worauf es beim Miteinander ankommt: Wer sich verstehen will, muss erst einmal lernen, sich gegenseitig zuzuhören. Erst dann wird es möglich, die ganze Welt an Vorstellungen, Überzeugungen und Wünschen zu erahnen, die hinter einzelnen Begriffen und Aussagen steckt. Das hilft, andere Perspektiven anzuerkennen oder sogar – wie es selbsterklärtes Ziel im Beit Hagefen ist: Unterschiede zu feiern.

Umgang mit der Geschichte: Ein besonders eindrückliches Erlebnis war der Besuch der Gedenkzeremonie auf dem Campus der Bar-Ilan-Universität am Holocaustgedenktag in Israel. Durch ein Zeitzeugengespräch mit dem Überlebenden Pinchas Golan wurde ein sehr emotionaler, individueller Zugang zur Geschichte geschaffen, nachdem sich die Teilnehmenden bereits am Vortag in der Gedenkstätte Yad Vashem mit der Shoa auseinandergesetzt hatten. Diese Eindrücke wurden in Köln durch einen Stolpersteinrundgang und den Besuch des NS-Dokumentationszentrums ergänzt.

Gerade für die israelischen Teilnehmenden war es sehr erhellend, in Köln auch etwas über weitere Opfergruppen der Nationalsozialist*innen zu erfahren, etwa politische Gegner*innen des NS-Regimes, da diese in Israel weniger thematisiert werden. Der Austausch über die Vielfalt der Erinnerungskulturen und die Bedeutung des Erinnerns wurde als sehr wichtig empfunden, selbst wenn das Sprechen darüber herausfordernd sein kann. Eine Gleichsetzung verschiedener historischer Ereignisse sollte genauso vermieden werden wie eine Opferkonkurrenz. So wurde beispielsweise kontrovers darüber diskutiert, inwieweit es in Israel einen öffentlichen Raum für das Gedenken an die Nakba gibt. Einem deutschen Teilnehmer war es wichtig zu betonen, dass die Erinnerungskultur der Alevit*innen in Deutschland zwangsläufig eine hybride ist: Perspektiven von Täter*in und Opfer sind hier integriert, eine Folge der Verantwortungsübernahme als deutsche*r Staatsbürger*in bei gleichzeitiger Verfolgungsgeschichte der alevitischen Familien in der Türkei.

Persönliche Geschichten: Die persönlichen Geschichten der Teilnehmenden haben Brücken geschlagen. Es wurden Gemeinsamkeiten zwischen den alevitischen und jüdischen Teilnehmenden offensichtlich, was die familiären Erfahrungen von Diskriminierung, Verfolgung und Genozid betrifft. Die Motive waren oft ähnlich, wenn Familienmitglieder auf der Suche nach einem besseren Leben für sich und ihre Kinder migriert sind – ob nun von der Türkei nach Deutschland oder von Europa und den Ländern des Nahen Ostens nach Israel. Durch die Neugier, die individuellen Geschichten der Anderen kennenzulernen, aber auch religiöse Praktiken, familiäre Traditionen und Perspektiven zu verstehen, entstanden Freundschaften über alle Differenzen hinweg.

Einheit in Vielfalt: Unterschiedliche Standpunkte und Meinungen gehören zu vielfältigen Gruppen. Nach einem von BINA – Jewish Movement for Social Change durchgeführten Stadtrundgang im Süden Tel Avivs gab es eine intensive Auseinandersetzung um den richtigen Umgang mit den Herausforderungen globaler Migration. Die Annäherung war schwierig und ein Konsens weit entfernt. Die Diskussion hat gezeigt, dass wir nicht immer einer Meinung sein können und müssen. Wenn wir aber eigene blinde Flecken anerkennen, können wir uns öffnen und vom Anderen lernen. Wenn wir uns um einen Dialog bemühen, um die Beweggründe und Perspektiven des Gegenübers zu verstehen, dann lassen sich Differenzen aushalten. Wenn wir gleichzeitig Gemeinsamkeiten erkennen, die uns verbinden, grundsätzliche menschliche Bedürfnisse – dann wird die Einhalt in Vielfalt möglich.

Eine israelische Teilnehmerin hat diese Motivation zum Abschluss des Projekts in folgende Worte gefasst: „Ich möchte Wege und Methoden finden, um Menschen und Gemeinden zu verbinden – für den Rest meines Lebens.“


Möchten Sie mehr zum Projekt „Living Diversity in Germany and Israel“ erfahren? Schauen Sie unter www.living-diversity.org.

Das Projekt „Living Diversity in Germany and Israel“ wird von ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch in Kooperation mit der Israel Youth Exchange Authority realisiert. Es wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gefördert und von 2015 bis 2019 als Begleitprojekt durchgeführt.