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„Betzavta ist Zärtlichkeit und Radikalität zugleich!“

Fachkräfte der Jugend- und Bildungsarbeit in Deutschland trafen sich digital zu einem Demokratieseminar

Demokratische Kompetenzen zu vermitteln und zu stärken gehört zu den Kernaufgaben und Prinzipien eines jeden Austauschprogramms. Unter dem Motto „Gemeinsam Demokratie gestalten – Betzavta!“ kamen 12 Fachkräfte der Jugend- und Bildungsarbeit digital zusammen. Mithilfe des „Betzavta“-Ansatzes setzten sie sich mit der Frage auseinander, was es eigentlich bedeutet, Entscheidungen demokratisch zu treffen und Ressourcen gerecht zu verteilen. Nicht zuletzt bot das Seminar einen Raum, um darüber ins Gespräch zu kommen, welche Prozesse es braucht, um auch im Alltag ein demokratisches Miteinander erleben und gestalten zu können.  

Während des viertägigen digitalen Seminars wurden verschiedene Themen diskutiert. Welche Bilder kommen uns in den Sinn, wenn wir an das jeweils andere Land denken? Welche Werte und kulturellen Elemente würden wir möglicherweise aus Israel importieren bzw. nach Israel exportieren? Sind diese Werte repräsentativ für das Land? Wie beeinflusst die Fachkräfteperspektive die Art und Weise, wie das Land wahrgenommen wird?

„Die Welt ist so komplex, dass man es im Alltag gar nicht mehr schafft, nach rechts und links zu schauen. Entscheidungen werden somit schnell und ohne Reflexion getroffen. Bei diesem ersten Kontakt mit Betzavta musste ich lernen, meine persönliche Komfortzone zu verlassen. Die Aktivitäten fordern uns dazu heraus, uns selbst gegenüber ehrlich zu sein. Ich erkannte meine eigenen Grenzen und Gefühle – jeder Schritt des Prozesses stellte mich vor neue Fragen“, sagte eine Teilnehmerin nach ihrer ersten Erfahrung mit dem Betzavta Ansatz, der vom Adam Institut in Jerusalem entwickelt und vom Zentrum für angewandte Politikforschung in München adaptiert wurde.

Die Themen Erinnerung und Gedenken nahmen einen zentralen Platz in den Diskussionen ein. Wie erinnern wir uns an die Vergangenheit? Was sind die Herausforderungen eines inklusiven Bildungsansatzers, der verschiedene Narrative abbilden möchte? Auf die Frage nach möglichen Erinnerungsaktivitäten verwiesen die Teilnehmenden auf wichtige Orte, die sie im Rahmen ihrer Jugendaustauschprogramme besucht hatten. Ein Projekttag in der Bildungsstätte eines ehemaligen Konzentrationslagers, eine Diskussion mit einem Zeitzeugen und Aktivitäten rund um Familienbiografien waren nur einige der genannten Möglichkeiten des Gedenkens.

Auf die Frage, wie die Zukunft eines inklusiven Gedenkens aussehen könnte, kamen zahlreiche weitere Orte, Menschen,Ideen und auch Fragen auf: Könnten eine Studienreise nach Namibia oder eine Gedenkzeremonie in einem von Nazis zerstörten Dorf in Albanien die aktuellen Gedenkdiskurse in Deutschland bereichern? Welchen Platz könnte eine Aktivität dieser Art im Rahmen eines Austausches zwischen jungen Menschen aus Deutschland und Israel einnehmen? Gemeinsam dachten die Teilnehmenden über Zukunftsszenarien nach, die Räume für neue Formen des Gedenkens öffnen und unterschiedliche Narrative junger Menschen mit ganz verschiedenen Biographien einschließen.

Auch die Themen Migration und das Recht auf Freizügigkeit kamen innerhalb der Arbeitsgruppen auf und führten zu kontroversen Debatten. Sind Ausländer*innen dazu verpflichtet, die Sprache des Landes, in das sie einwandern, zu lernen? Wer hat das Recht zu migrieren und welche Aufgaben bringt Migration mit sich – nicht nur für die Neuankömmlinge, sondern auch für die Mehrheitsgesellschaft?

“Bei dieser Aktivität hatte ich das Gefühl, dass wir schnell eine Gruppenidentität geschaffen haben, die wir nur zu gern schützen wollten. Anstatt die Regeln zu ändern, um die Dinge für alle besser zu machen, verhielten wir uns wie ein Stamm, der seine eigenen Werte schützen will. Es ist faszinierend, wie wir meinen, dass wir uns nicht mit nationalen Identitäten identifizieren. Doch wenn es um Privilegien geht und darum, sie mit anderen zu teilen, verhalten wir uns wie ein Stamm.“, sagte eine Teilnehmerin in der Reflexionsrunde dieser Aktivität.

Nur durch kontroverse Debatten und die Auseinandersetzung mit Dilemmata können wir über Demokratie nachdenken und gerechte Entscheidungen über uns selbst und unsere Gesellschaften treffen. Der Betzavta-Ansatz bot den Teilnehmenden die einzigartige Gelegenheit, die Themen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unter dem Aspekt der demokratischen Entscheidungsfindung zu beleuchten und zu vertiefen. 

„Obwohl ich viel Persönliches preisgegeben habe, war der Prozess heilsam und hatte eine gute Wirkung auf mich. Betzavta ist Zärtlichkeit und Radikalität zugleich.“

Ein passendes Schlusswort einer Teilnehmerin, das die vielfältigen Erfahrungsräume und Eindrücke des viertägigen Online-Seminars treffend zusammenfasst.