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Fachkräfte aus Deutschland und Israel gewinnen Einblicke in diversitätsbewusste Bildungsansätze beider Länder

Vom 11. bis 15. September 2017 fand als Teil des fortlaufenden Projekts „Living Diversity in Germany and Israel – Challenges and Perspectives for Education and Youth Exchange“ ein bilaterales Fachseminar in Leipzig statt. ConAct und die Israel Youth Exchange Authority ermöglichten über 40 Fachkräften der außerschulischen Bildungsarbeit aus Deutschland und Israel einen vergleichenden Einblick in etablierte Ansätze der diversitätsbewussten Bildungsarbeit, die sich mit Demokratieerziehung oder Antidiskriminierungsarbeit beschäftigen.

In den drei Haupttagen des Seminars wurden die Konzepte von Social Justice, Betzavta/Mehr als eine Demokratie und Anti Bias, intensiv vorgestellt und ausgewählte Methoden dieser Ansätze erprobt. Mittels jeweils eines/einer Trainer*in aus Israel und Deutschland war es zugleich möglich, die unterschiedlichen Herangehensweisen und Besonderheiten der Ansätze in Israel und Deutschland kennenzulernen und zu diskutieren.

Yaara Mizrachi und Eike Totter verdeutlichten in ihrer Vermittlung des Social-Justice-Ansatzes die Grundlagen von gesellschaftlicher Ausgrenzung (Methode: Tree of Injustice) und wie Beschreibungen als Zuschreibungen diskriminierend wirken können. Dabei lag ein Schwerpunkt darauf, sich der eigenen Haltung bewusst zu werden und die Etikettierung von Mitgliedern einer Gruppe oder von Gesellschaften (labeling of others) zu hinterfragen.

Die intensive methodische Einführung in den Betzavta-Ansatz erfolgte durch Uki Maroshek-Klarman (Adam Institute for Democracy and Peace), die Begründerin des Betzavta-Ansatzes in Israel, und Susanne Ulrich (Centrum für Angewandte Politikforschung), die für die Adaption in Deutschland mitverantwortlich zeichnete. Zentral sind demokratische Aushandlungsprozesse in vielfältigen Gesellschaften. Die Methoden zielen darauf ab, Stereotype zu brechen, auf Wahlmöglichkeiten hinzuweisen und Entscheidungsprozesse nachzuvollziehen. Um zu gerechten Lösungen zu gelangen, bezieht der Ansatz folgendes mit ein: den Einfluss von unterschiedlichen Herrschaftsverhältnissen in Gruppen/Gesellschaften, das Verhältnis von Individuum und Gruppen, die sich daraus ergebende Gleichheit und Ungleichheit sowie das Akzeptieren von Differenzen (entspricht Vielfalt). Das Ziel ist, so Uki Maroshek-Klarman, „[to look] for a solution which is not about either or, but a social solution which leads to social equality.“

Durch viele praktische Übungen wurde der Anti-Bias-Ansatz durch Žaklina Mamutovič und Nele Kontzi vom Anti-Bias-Netzwerk aus Deutschland und Sean Ed Michaely (Derekh Educational Center) aus Israel vorgestellt. Durch die Methode „Talking Chairs“ wurden im Zweiergespräch soziale Fragen in Form eines Speed-Dating verhandelt. Erneut ging es um die Herausforderung von Vorurteilen bzw. der eigenen Betroffenheit von Ausgrenzung und um unterschiedliche gesellschaftliche Machtverhältnisse. Ziel des Ansatzes ist es, die Muster und Strukturen von Diskriminierung auf individueller und institutioneller Ebene offen zu legen und proaktiv deren Veränderung anzustoßen. Mittels eines Assoziierungsreigens um (soziale, religiöse, ethnische etc.) Gruppen, die die israelische und deutsche Gesellschaft formen, diskutierten die Teilnehmenden dann die Notwendigkeit der Vereinigung von verschiedenen (u.a. marginalisierten) Gruppen, um ihren Forderungen nach gesellschaftlicher Teilhabe Gehör zu verschaffen.

Allen Ansätzen ist gemein, dass sie intersektionale Formen von Diskriminierung anerkennen, dass Differenzen und Konflikte notwendig sind, um zu Entscheidungen zu gelangen. Zudem haben die bestehenden Machtverhältnisse sowie soziale und kulturelle Erfahrungen wesentlich auf die vorgenannten Punkte Einfluss. Deutlich wurde während der Seminartage, dass das Erreichen von diversitätsbewusster Bildungsarbeit mit Jugendlichen zum einen an der Haltungsänderung des Individuums liegt, also an uns Fachkräften selbst. Zum anderen, dass auch die Formung von (neuen) Gruppen oder die Veränderung der Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft wesentlich dafür sein können, gemeinsame Ziele zu erreichen und dabei inklusiv anstatt exklusiv zu handeln.

Das Projekt „Living Diversity in Germany and Israel“ arbeitet weiter daran, gemeinsame Belange im Jugendaustausch zwischen Deutschland und Israel zusammenzutragen. Mit der Entwicklung eines eigenen Trainingsprogramms, das im November 2017 in Mainz vorgestellt wird, will unser Projektteam für diversitätsbewusste und antidiskriminierungskritische Bildungsarbeit zwischen beiden Ländern neue methodische Brücken schlagen.