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„Identität und interkulturelle Begegnungen in einer pluralistischen Gesellschaft”

Fachkräfte aus Deutschland und Israel entdecken die Landschaft der Jugendarbeit in Haifa

Im August 2016 nahmen Pädagog*innen aus Deutschland und Israel im Rahmen des Projekts „Living Diversity in Germany and Israel – Challenges and Perspectives for Education and Youth Exchange“ an einem Fachkräfteaustausch in Berlin teil. Als Folgeveranstaltung dieses Seminars luden ConAct und die Israel Youth Exchange Authority Fachkräfte der Jugendarbeit nach Haifa/Israel ein.

Unter dem Thema „Identität und interkulturelle Begegnungen in einer pluralistischen Gesellschaft” konnten 40 Pädagog*innen beider Länder direkte Erfahrungen mit der reichen Landschaft von Jugendbewegungen und -organisationen in Israel machen. Haifa als eine „gemischte Stadt“ war ein besonderer Ort, um die Dynamik verschiedener Ausdrücke von Identität besser zu verstehen.

Auf Stadtrundgängen entdeckten die Pädagog*innen die Geschichte der Stadt und ihrer Bevölkerung – ein Knotenpunkt von Migration und Leben, der sich beständig transformiert. Die interkulturellen Begegnungen zwischen Menschen verschiedener Hintergründe, Sprachen und sozialer Klassen in Haifa machte die Notwendigkeit deutlich, inklusive Praktiken der Teilhabe zu entwickeln. Während des ersten Tages trafen die Teilnehmenden Moran Ofek, Leiter der bilingualen Hand-in-Hand-Schule, die tausende von Jüd*innen und Araber*innen in sechs Schulen und Gemeinden in ganz Israel zusammenbringt. Die Schule hat einen gemeinsamen, zweisprachigen Lehrplan entwickelt und stellt somit die strukturelle Trennung der Gesellschaft infrage. Der Unterricht wird auf Arabisch und Hebräisch abgehalten; verschiedene Narrative werden gleichermaßen respektiert und religiöse Feiertage werden gemeinsam begangen. Die Schule ist ein außergewöhnliches Beispiel der Koexistenz, aber die Vision wird von vielen Herausforderungen begleitet: „Es ist nicht einfach, Kinder auf eine integrierte Schule zu schicken, wenn die Familien in getrennten Nachbarschaften leben. Wir mussten die Gemeinschaft aufbauen, die Eltern erreichen und eine funktionierende Umgebung schaffen, in der die Schule existieren kann“, erwähnte der Schuldirektor.

Nach dem Besuch der historisch reichen Stadt Akko am zweiten Seminartag trafen sich die Teilnehmenden mit Mitgliedern der Jugendbewegung Hanoar Haoved Vehalomed. Miriam Awad Morad, Leiterin der Bildungsabteilung der Arabischen Sektion, begrüßte die Gruppe zusammen mit einem Team von Jugendleiter*innen. Das Ziel dieser Abteilung der Bewegung ist es, außerschulische Bildung zu den Themen Demokratie, Menschlichkeit und internationaler Werte anzubieten. Dabei sollen vor allem die Hintergründe und Identitäten arabischer Israelis Berücksichtigung finden. Miriam Awad Morad sprach über die Wichtigkeit, die Komplexität dieser Identitäten wahrzunehmen: „Unsere Jugend tut sich oft schwer mit ihrer Rolle in der Gesellschaft. Es hat mich persönlich Jahre gekostet, damit klarzukommen, gleichzeitig eine Israelin, Araberin, Muslima, säkular und eine Frau zu sein. Was wir in unserer Bewegung tun ist, all diese Teile der Identität zu stärken und in den Prozess sowohl die Minderheit als auch die Mehrheitsgesellschaft einzubeziehen.“

Weitere Positivbeispiele während des Seminars waren innovative Projekte wie die „Schule des Friedens – Schule für Geflüchtete auf Lesbos“, die von den israelischen Jugendbewegungen Ajial und Hashomer Hatzair gegründet wurde. Der Tag endete mit einem Workshop, den pädagogische Mitarbeiter der Organisation Moreshet (Mordechai Anielevich Memorial Holocaust Study and Research Center) zum Thema „Holocaustbildung in einer vielfältigen Gesellschaft“ durchführten. „Durch das Treffen von Gruppen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Religion oder Nationalität versuchen wir immer zu fragen, was der Holocaust in Bezug zur Menschheitsgeschichte war und warum es wichtig ist, darüber Bescheid zu wissen. Das ist unsere Kernfrage und die ist wichtig, egal von welcher Perspektive man darauf schaut. Hier beginnt der Dialog“, wie Rotem Bar Israel von Moreshet uns erklärte. Das Bildungsprogramm der Einrichtung möchte das Bewusstsein für die positiven Geschichten rund um den Holocaust schärfen. Dafür werden Beispiele von Ländern oder Gesellschaften genutzt, in denen zahlreiche schutzsuchende jüdische Familien gerettet worden sind, so wie in Albanien. Die Pädagog*innen betonten hier, wie wichtig es ist, nicht nur über Verfolgung, sondern auch über Akte der Anteilnahme und des Mitgefühls zu sprechen.

Ein wichtiges Thema im Rahmen des Seminars war auch die Stärkung und Ermächtigung der Jugendlichen. Sowohl IGY – die Israel Gay Youth – als auch das Nachshonim-Zentrum für gefährdete Jugendliche boten den Teilnehmenden interessante Einblicke in ihre Arbeit, mit der besonders Jugendliche erreicht werden sollen, die Gewalt und schwierigen Lebensbedingungen ausgesetzt sind. Die persönlichen Narrative und der einzigartige Hintergrund eines*r jeden Jugendlichen stehen im Zentrum ihrer pädagogischen Ansätze. Nur durch die Schaffung eines positiven Selbstwertgefühls und die Wertschätzung ihrer Geschichte kann sichergestellt werden, dass die jungen Menschen all ihre Fähigkeiten entfalten. Dann erst können sie auch ein Verantwortungsgefühl für sich und ihre Gemeinschaft entwickeln, wie die Pädagog*innen in der Abschlusssitzung des Seminars bemerkten.

Das Seminar ist eine Kooperationsveranstaltung von ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch mit der Israel Youth Exchange Authority und wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gefördert. Möchten Sie mehr zum Projekt „Living Diversity in Germany and Israel“ erfahren? Schauen Sie unter www.living-diversity.org.