„Eine queere Perspektive für den deutsch-israelischen Jugendaustausch“

Fachkräftebegegnung „QueerX“ zwischen dem Jugendnetzwerk Lambda e. V. und dem Jerusalem Open House

(Foto © JJ Maurer)
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Kontakte zwischen unseren Organisationen Open House und Lambda bestehen schon seit vielen Jahren, und auch der ein oder andere Jugendaustausch hat schon stattgefunden. Bei einem Treffen Anfang 2019 in Jerusalem entwickelten Ehren- und Hauptamtliche unserer beiden Organisationen den Plan, die gemeinsame Jugendarbeit noch stärker zu vernetzen. Im Rahmen der Sonderförderung zur Errichtung eines Deutsch-Israelischen Jugendwerkes entstand dann tatsächlich unser erster deutsch-israelischer LGBTIQ*-Fachkräfteaustausch. Innerhalb einer Woche in Israel wollten wir die Kenntnisse über die jeweilige Partnerorganisation vertiefen und unsere zukünftige Zusammenarbeit auf Jugend- und Fachkräfteebene planen.

Eine queere Perspektive

Unsere Sichtweise auf den deutsch-israelischen Jugendaustausch ist eine besondere. Junge LGBTQI* kämpfen mit Identitätskrisen, Diskriminierungserfahrungen im eigenen Umfeld, Problemen mit der eigenen Familie und mit Aspekten der eigenen körperlichen und geistigen Freiheit und Unversehrtheit. Daher ist für uns der deutsch-israelische Jugendaustausch nicht nur eine wichtige Möglichkeit der kulturellen Verständigung, sondern auch eine einzigartige Chance, unsere gemeinsamen Werte von Akzeptanz, Freiheit und Unversehrtheit für junge LGBTQI* zu stärken und in einem binationalen Dialog in unseren Ländern noch tiefer zu verwurzeln. Außerdem teilen wir auch eine einzigartige Perspektive auf unsere gemeinsame Geschichte, die für uns nicht nur Familiengeschichte, nationales Erbe und Verantwortung ist. Sie ist auch eine Geschichte unserer eigenen LGBTQI*-Communitys und eine Mahnung, die Menschen in unseren Communitys zu schützen sowie Vorbild für eine vorurteilsfreie Gesellschaft zu sein.

Komplexe Identitäten im Austausch leben können

Wir wollten nicht nur zusammen arbeiten, sondern voneinander lernen – und gemeinsam wachsen. Dafür mussten wir uns intensiv kennenlernen: Projekte, Menschen, Arbeitsweise. Über biografische Methoden ergründeten wir im ersten Teil der Woche die besonderen Herausforderungen der Arbeit mit jungen LGBTIQ* in Deutschland und Israel. Dabei half uns besonders die Vorarbeit mit Jugendlichen vor Ort dabei, neue Grundlagen für die gemeinsame Jugendarbeit zu schaffen. So deckten wir zum Beispiel folgende spezifische Herausforderung im Zusammenhang mit den Bedarfen junger LGBTIQ* auf: Schon immer war uns zum Beispiel wichtig, dass in den Austauschprogrammen alle Identitäten gleichermaßen gesehen, gehört, respektiert und ihre Bedürfnisse geachtet werden. Wir stellten jedoch fest, dass Fragen kultureller und auch religiöser Identität in der Arbeit des Open House eine viel größere Rolle spielen als bei Lambda. Daraus ergaben sich für zukünftige Austauschprojekte neue Bedarfe wie zum Beispiel eine aktive Aufarbeitung möglicher Konfliktlinien zwischen kulturellen und religiösen Identitäten.

Gemeinsames Erinnern an die LGBTQI*- Community im Holocaust

Gemeinsam arbeiten bedeutet auch, unserer eigenen Vergangenheit gerecht zu werden. Gemeinsames Erinnern und Mahnen ist natürlicher Teil unseres Austauschs gewesen. Bei der Ideenentwicklung für zukünftige Maßnahmen stach eine Idee besonders hervor, die wir in ein größeres, langfristiges Projekt für Ehrenamtliche und unsere Jugendlichen gießen werden: Mit einem Erinnerungsprojekt für LGBTQI* im Holocaust möchten wir Lücken in der Erinnerungskultur schließen, kulturelle Erinnerung an die Wurzeln unserer Communitys bewahren und vor allem auch eine sichtbare, historische Repräsentation für junge LGBTQI* schaffen.

(Thorsten Brück, Jugendnetzwerk Lambda e.V.)


LGBTQI* ist eine englische Abkürzung für verschiedene Menschengruppen, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität und/oder ihrer sexuellen Orientierung von Diskriminierung betroffen sind. LGBTQI steht dabei für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer und Intersexual. Das * zeigt an, dass die Aufzählung nicht abgeschlossen ist.