„Endlich gehört werden!“

Jugendbegegnung „Deaf Youth Exchange“ mit Jugendlichen mit Hörbarriere zwischen Frankfurt und Tel Aviv-Yafo

(Foto © Marlies Denter/Stadt Frankfurt)
(Foto © Marlies Denter/Stadt Frankfurt)
(Foto © Marlies Denter/Stadt Frankfurt)
(Foto © Marlies Denter/Stadt Frankfurt)

Schon viele Jahre besteht die Partnerschaft der Stadt Frankfurt mit der Stadt Tel Aviv-Yafo, aber 2017 setzten wir das erste Mal gemeinsam ein besonderes Austauschprojekt um: Wir wollten Jugendlichen mit Hörbarriere die Möglichkeit geben, an einer internationalen Begegnung teilzunehmen und sich mit Themen wie Shoah, Nahostkonflikt und Judentum auseinanderzusetzen – zwei Dinge, die ihnen in unserer Gesellschaft sonst eher verwehrt bleiben, bei denen sie „behindert“ werden. Gesellschaftliche Teilhabe war hier unser Stichwort: Aufgrund der geringen Berührungspunkte mit diesen Themen und der Idee eines Jugendaustausches wussten viele Jugendliche, die wir für das Projekt gewinnen wollten, überhaupt nicht, worauf sie sich einlassen würden. Eine sensible Eltern- und Teilnehmendenarbeit in der Vorbereitung der Jugendbegegnung erwies sich als immens wichtig.

Herausforderungen

Aber auch in vielen anderen Punkten erforderte die Organisation einer Begegnung von Jugendlichen mit Hörbarriere eine andere Sensibilität und Struktur von Prozessen, als es in Bezug auf unsere bisherigen Austauschprojekte der Fall war. Das fängt schon mit dem Griff zum Telefon an, wenn etwas mit den Kooperationspartnern oder den Teamenden kurzfristig und schnell besprochen werden musste: Direkte Gespräche bedürfen immer einer*s Dolmetscher*in und können meist nicht spontan stattfinden. Und während des Austausches gibt es auch eine Menge zu beachten: Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, dass man sich mit Messer und Gabel in der Hand nicht in Gebärdensprache unterhalten kann – aber informelle Gespräche in den Pausen natürlich trotzdem immens wichtig zur Reflexion des Programms sind? Die Lösung: Längere Pausen müssen schon im Vorhinein eingeplant werden. Oder dass sich ein auseinanderwuselnder Haufen Jugendlicher auf einem Weihnachtsmarkt nicht einfach mit einem lauten „Stehen bleiben!“ zusammenrufen lässt, wenn diese Jugendlichen hörbeeinträchtigt sind? Regelmäßiges gegenseitiges Angucken ist hier essentiell.

Kommunikation

Überhaupt war die Kommunikation einer der Knackpunkte unserer Jugendbegegnung: Wir hatten Dolmetscher*innen für die deutsche und die israelische Gebärdensprache bei allen Programmpunkten dabei. Nun sprechen aber nicht alle Jugendlichen der Gruppe diese Sprachen gleich gut; manche nutzen zum Beispiel stattdessen eine lautsprachbegleitende Gebärdensprache. Und es gibt zwar eine internationale Gebärdensprache, aber nicht alle Jugendlichen sprechen diese. Hörbarriere ist eben ein Sammelbegriff mit vielen Facetten von schwerhörig bis gehörlos. Tatsächlich stellte sich dies aber als Vorteil im Vergleich zu Begegnungen miausschließlich hörenden Jugendlichen heraus: Die Jugendlichen mit Hörbarriere bringen eine große Kompetenz im Lesen von Mimik und Gestik mit, was sie viel freier im Umgang miteinander machte: Sie fanden viel schneller zueinander als Jugendliche, die sich auf gebrochenes Englisch als gemeinsame Sprache verlassen müssen! Dies war genauso bewegend wie die Tatsache, dass die Teilnehmenden alle Programmpunkte und Inhalte aufsogen wie ein Schwamm.

Highlight

Ein besonderes Highlight war der Tag, den wir mit der Gruppe in einer Frankfurter Schule mit dem Schwerpunkt Hören und Kommunikation verbrachten. Es war faszinierend: Unser Besuch zog unglaublich schnell Kreise. Schüler*innen, die gar nicht zur Austauschgruppe gehörten, stellten Fragen an uns und die Lehrkräfte: „Wo ist denn Israel überhaupt? Und was ist dieses Judentum?“. Diese Themen erreichten die Jugendlichen bis dahin oft nur verkürzt – oder gar nicht. Es ist wunderbar, zu sehen, wie hier unser Austauschprojekt ausstrahlte. Auch das kann Jugendaustausch bewirken, wenn man sich bemüht, wirklich ALLE mitzunehmen.

(Marlies Denter, Stadt Frankfurt)